In den letzten Tagen hat es zwei Updates für Programme zur Prüfung (auch) von Retros bzw. Beweispartien gegeben:
Teddy in der Version 1.9.0, das Frontend für Prüfprogramme, unterstützt nun auch Euclide und damit die wesentlichen Testhilfen für uns Retro-Freunde: neben Euclide nämlich Natch, Jacobi und Popeye.
Von Popeye ist die Version 4.83 erschienen; es ist hauptsächlich ein Bug-Fix-Release, enthält aber auch zwei neu unterstützte Bedingungen.
Am Dienstagabend erhielt ich eine ziemlich überraschenden Mail: Ein Mitarbeiter des Bundeswettbewerb Informatik (getragen von der Gesellschaft für Informatik, Fraunhofer IUK-Technologie und dem Max-Planck-Institut Informatik, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung) machte mich auf die dritte Aufgabe der zweiten Runde des 37. Bundeswettbewerb Informatik 2018/2019 aufmerksam.
In der waren die Endspiele König und drei Springer gegen König zu untersuchen: „Schreibe ein Programm, das für eine gegebene Stellung und ein Zielfeld feststellt, ob Weiß erzwingen kann, dass der schwarze König auf diesem Zielfeld matt gesetzt wird. … Zudem ist folgendes Schachproblem zu lösen: Der schwarze König steht in der obersten Reihe des Spielbretts und die weißen Figuren in der untersten Reihe. Für welche Felder kann Weiß erzwingen, dass der schwarze König dort matt gesetzt wird? Dieses Schachproblem ist noch offen! Es ist nur bekannt, dass es für die Eckfelder des Spielbretts möglich ist.“
Und hier gab es wirklich Neues: Das Matt kann nicht nur auf den Eckfeldern, sondern auf allen Randfeldern erzwungen werden. Hier findet ihr die genaue Aufgabenstellung sowie die Lösungshinweise.
Ein sicher interessantes „akademisches “ Ergebnis; besonders interessant ist aber die generelle „retroanalytische“ Herangehensweise durch Zurückspielen von der Mattstellung. Dieser generelle Ansatz ist natürlich nicht neu; mit dem hatte bereits D. Relp (Pseudonym für Helmut Mertes) sein „Verzeichnis aller Hilfsmatt-Aufgaben mit dem Material KS-KS“ erstellt, das er 1975 bei Peter Kniest in Wegberg veröffentlichte. Das Verfahren ist für direkte Mattforderungen allerdings komplizierter als beim Hilfsmatt, da sich Schwarz ja wehren kann, und so gibt es auch Stellungen (siehe etwa Beispiel 5), in denen der weiße Sieg unmöglich ist, da Schwarz den Schlag eines der weißen Springer erzwingen kann.
Übrigens: Auch die beiden anderen Aufgaben sind sehr interessant und für Informatik-affine Leser höchst empfehlenswert!
Zwei Verifikations-Beispiele aus dem Wettbewerb:
Beispiel 3
Beispiel 5
Nachtrag 11.08.2019:
Hier die von Joost (herzlichen Dank!) im Kommentar angegebene Studie von Herbstmann und Kubbel.
Bleiben wir noch etwas bei dem Schwalbe-Preisbericht 2016 von Preisrichter Henrik Juel: nach der ersten ehrenden Erwähnung in der letzten Woche möchte ich euch heute die direkt dahinter platzierte Aufgabe vorstellen.
Jorge Joaquin Lois & Roberto Osorio Die Schwalbe 2016, 2. ehrende Erwähnung a) letzter Zug? b) Beweispartie in 25 Zügen (14+13)
Das ist schon mal eine recht ungewöhnliche, originelle „Doppelforderung“ -– von „Zwillingsbildung“ will ich in diesem Falle nicht unbedingt sprechen. Wenn die Frage nach dem letzten Zug eindeutig beantwortet werden kann, ist dies natürlich auch der letzte Zug der Beweispartie. Anders herum stimmt diese Überlegung nicht unbedingt: Der letzte Zug einer Beweispartie muss nicht ein eindeutig letzter Zug für die Stellung sein: Ohne den Zeitdruck der Beweispartie kann es meist auch andere letzte Züge geben.
In der letzten Woche hatten wir hier eine Auflöse-Aufgabe von Andrej Frolkin und Joaquim Crusats betrachtet, heute möchte ich euch eine Beweispartie von Andrej zeigen, die im Schwalbe-Informalturnier 2016 von Preisrichter Henrik Juel die erste ehrende Erwähnung erhielt und die mir schon bei der Veröffentlichung sehr gut gefallen hatte.
Andrej Frolkin Die Schwalbe 2016, 1. Ehrende Erwähnung Beweispartie in 23.5 Zügen (12+15)
Sofort fällt bei Weiß der Platzwechsel von Läufer und Turm auf, und auch bei Schwarz ist in dieser Hinsicht offensichtlich etwas passiert: Springer, Dame, Läufer und Turm haben zyklisch „jeweils zwei Felder nach rechts“ (wobei der Turm natürlich „links“ landet) ihre Plätze getauscht. Das ist sehr hübsch und hilft meistens beim Lösen.
Für die Lösungsfindung ist aber auch die Schlagbilanz wieder sehr hilfreich: Schwarz hat drei der vier fehlenden weißen Steine mit den Bauern b6, c6 und d6 geschlagen. Irgendwie müssen aber neben der weißen Dame auch die [Be2], [Bf2] und [Bg2] verschwunden sein.
Heute hatte ich die Juli-Ausgabe des Problemist im Briefkasten, nachdem gestern bereits die elektronische Kopie in meiner Mailbox gelandet war. Neben dem üblichen kleinen Urdruckteil sowie den „Selected Retros“ von Bernd Gräfrath (die ich dieses Mal alle sehr gut kannte; sie stammen aus meinem Preisbericht Phénix 2016-2016) enthält die Ausgabe noch einen interessanten Beitrag von Paul Bissicks über die Märchenbedingung „Growing Men“, mit der man in allen Problemgebieten sicher sehr interessante Aufgaben bauen kann — nämlich Beweispartien von ebenfalls Bernd Gräfrath, wie hier anhand eines Beispiel demonstriert wird.
Wie ist die Bedingung definiert? Sehr einfach: „Ein Stein kann keinen Zug geringerer Länge als in dessen letztem Zug machen. Ein Zug bietet nur dann Schach, wenn es eine Drohung gibt, den gegnerischen König zu schlagen.“ Wer eine etwas mathematischere und knappere Definition haben möchte: „Die Folge der Zuglängen jedes einzelnen Steins ist monoton wachsend.“
Das könnt ihr euch etwa „zwischendurch“ anhand einer Aufgabe aus dem Aufsatz genauer anschauen; die Lösung folgt wieder hier in einer Woche.
Bernd Gräfrath The Problemist 7/2019 Beweispartie in 7.0 Zügen, Growing Men (16+13)
Viel Spaß, allzu schwer sollte diese Aufgabe nicht sein — aber die Lösung ist sehr hübsch!
Lösung
1.c3 Sc6 2.Dc2 Sd4 3.cxd4 c6 4.Dc4 Dc7 5.Dxc6 Df4 6.Dxc8+ — und nun wehrt Schwarz das Schachgebot durch 6.– Kd8! ab, denn Weiß kann nicht DxKd8 spielen, da dieser Zug ja kürzer wäre als sein letzter Damenzug. Weiter
dann natürlich 7.Dc6 Ke8. Zwei Rückkehren zum Schluss.
Das 62. WCCC (World Congress of Chess Composition) wirft seine Schatten voraus: Es findet statt vom 17. bis zum 24. August 2019 in Vilnius, der Hauptstadt Litauens.
Auf der WCCC-Website findet ihr nicht nur das (noch vorläufige) Programm, sondern auch die Ankündigung verschiedener Kompositionsturniere; traditionell sind auch wieder Retro-Turniere darunter. Beachtet aber, dass manche Turniere nur offen für Teilnehmer am Kongress sind!
Im Moment gibt es schon die Ausschreibung für folgende Retro-Turniere:
Champagne Turnier von Michel Caillaud; Thema: Bahnung (nur für Teilnehmer, Koproduktionen mit Nicht-Teilnehmern sind erlaubt)
Murfatlar Turnier; von Paul Rãican; Thema: Duellantenschach-Beweispartien (auch offen für Nicht-Teilnehmer)
Schaut doch in regelmäßigen Abständen auf die Seite; sie wird immer aktuell gehalten.
In den letzten beiden Retros der Woche hatte ich den zweiten Preis der Beweispartien-Abteilung und den ersten Preis der sonstigen Retro-Abteilung vorgestellt. Heute möchte ich aus diesem Jahrgang eine Aufgabe vorstellen, die nicht ausgezeichnet wurde – vielleicht, weil sie ursprünglich inkorrekt erscheinen, dann aber korrigiert wurde. Der Preisrichter benennt diese Aufgabe nämlich nicht in der Übersicht der zu betrachtenden Aufgaben. Darum betrachten wir sie hier… (Bei der Lösungsangabe orientiere ich mich stark an der von Andrej Frolkin.)
Andrej Frolkin & Joaquim Crusats StrateGems 2017 Letzte 7 Einzelzüge? (12+12)
Man sieht sofort, dass der schwarze König im Schach steht. Also hat Weiß zuletzt gezogen, und dieser letzte Zug muss, möglichweise schlagend, Da1-d1+ gewesen sein.
Auffällig sind natürlich sofort die drei weißen Damen – und da Weiß noch über sechs Bauern verfügt, müssen neben der Originaldame die anderen weißen Offiziere auch Originalsteine sein; speziell La7 kommt von c1.
Ich bleibe auch diese Woche beim Retro-Preisbericht für 2017 aus StrateGems: In der letzten Woche hatte ich den 2. Preis der Beweispartie-Abteilung vorgestellt, heute ist der (einzige) Preis der (sonstige) Retros-Abteilung an der Reihe.
Recht typisch für die aktuelle Situation bei Nicht-Beweispartie-Retros ist, dass hier Anticirce-Verteidigungsrückzüger dominant sind: Sie erhielten in diesem Bericht vier der fünf Auszeichnungen.
Wir erinnern uns: Bei Anticirce verschwindet bei einem Schlag das Opfer; der Täter hingegen wird auf seinem Partieanfangsfeld circensisch wiedergeboren. Damit kann hier der weiße König den schwarzen im direkten Kontakt mattsetzen, wenn e1 frei (für die Rücksetzung, damit überhaupt ein Schachgebot vorliegt) und e8 besetzt ist (ansonsten wäre das ein illegales Selbstschach des weißen Königs, der dann ja selbst geschlagen werden könnte) –- und der schwarze König natürlich kein Fluchtfeld hat.