Retro der Woche 15/2026

Ein frohes Osterfest wünsche ich euch allen — verbunden mit der Frage, ob ihr Eier gesucht habt, ob ihr vielleicht im Vorfeld Eier gefärbt habt?

Weil es so schön passt, möchte ich euch heute zur Feier des Feiertags eine Beweispartie vorstellen, in der es um „Färben“, genauer gesagt um „Umfärben“ geht.

Andrij Frolkin und Chris Tylor haben die Bedingung „#colour“ eingeführt: Kommt es (beispielsweise in einer Beweispartie) zu einer Mattstellung, so wird der Stein bzw. die Steine, die Schach geboten haben, umgefärbt, und die Partie geht weiter, als sei nichts geschehen. Führt dieses Umfärben allerdings zu einem Selbstschach, so ist es illegal, darf also nicht stattfinden, und die Partie endet auch wirklich mit dem Matt.

Der junge Österreicher Joachim Hambros hat mit dieser Forderung den zweiten Platz beim letztjährigen FIDE World Cup belegt; diese Beweispartie möchte ich euch heute zeigen.

Joachim Hmbros
FIDE World Cup 2025, 2. Platz
Beweispartie in 16,5 Zügen, #colour (16+16)

 

Die Lösung sollte man nicht „ganz einfach orthodox“ erspielen können? Weiß musste quasi nichts tun, und Schwarz muss ja „nur“ seinen Ta8 nach g8 beamen — das aber kostet bemerkenswert viel Zeit: Von diesem Turm abgesehen sind neun schwarze Züge sichtbar — und der Turm braucht neun weitere Züge, denn wenn alle schwarzen Steine auf der 8. Reihe Platz machen, müssen sie wieder heimkehren. Die Alternative, dass der Turm d8 und e8 „umgeht“, spart aber nichts ein, da er nun statt einem Zug derer fünf benötigt. Und wenn ihr auf die pfiffige Idee kommt, dass der doch über die h-Linie nach h8 gekommen sein könnte, stellt ihr fest, dass dies gar zehn Züge braucht (wieso reichen nicht neun??).

Also brauchen wir „eigentlich“ mindestens 18 Züge, haben aber nur 16 Zeit. Also müssen wir die Bedingung nutzen, Weiß mindestens zwei der schwarze Züge ausführen, ihm Arbeit abnehmen zu lassen.

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Retro der Woche 14/2026

Sicher seid ihr alle in dieser Nacht um kurz vor zwei Uhr aufgestanden, um die Uhren eine Stunde vorzustellen? Ja, eine kurze Nacht war das, mit der wieder die Sommerzeit begonnen hat.

Das hat mich veranlasst, heute ein Aufgabe von Bruno Sommer (20.3.1881 — 19.11.1971) herauszusuchen, der ein sehr vielseitiger Autor speziell im Bereich des direkten Matts, vom Zwei- bis zum Mehrzüger war, gelegentlich Hilfsmatts baute — und auch bemerkenswerte Retrostücke veröffentlicht hat. Schon deshalb bemerkenswert, weil er bereits früh die Ideen von Høeg und Proca zu Verteidigungsrückzügern aufgegriffen hat.

Ein ziemlich einfaches Stück — ihr habt ja alle wenig geschlafen — möchte ich euch heute zeigen: Nein, da möchte ich euch zum Selbstlösen anregen und einladen.

Bruno Sommer
Die Schwalbe 1952, 1. Preis
#1 vor zwei Zügen, Verteidigungsrückzüger (8+13)

 
Kein Hinweis auf Proca oder Høeg? Der fand sich auch beim Urdruck nicht; die Original-Forderung unter dem Diagramm (227-228 Die Schwalbe VII-VIII/1952, Nr. 8560) lautet: „Weiß nimmt 2X so zurück, dass er 1 Zug matt erzwingt“.

Das müssen wir natürlich zuerst einmal anschauen, warum der Autor auf diese Festlegung verzichten konnte? Aber vielleicht wollt ihr das vor dem „weiter“ Klicken selbst untersuchen?

Weiß kann nämlich in seinem zurückzunehmenden ersten Zug nicht entschlagen — warum nicht, sieht man doch nur einen von drei erfolgten Schlägen; es sind also noch zwei frei?

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Retro der Woche 13/2026

Am Freitag hatte ich auf die Ausschreibung des WCCC-70-Turniers hingewiesen — und speziell dort auf die sehr genauen Vorgaben, welche Forderungen verbunden mit welchen Märchenbedingungen zulässig sind. So ist Schach-960 erlaubt, aber nur in Verbindung mit „Letzte Züge?“ oder „Löse auf!“ Forderungen.

Ohne also diesem Turnier in die Quere zu kommen, kann ich hier heute einen Verteidigungsrückzüger im Schach-960 vorstellen.

Joaquim Crusats & Andrij Frolkin
Die Schwalbe 2010, Hans Gruber zum 50. Geburtstag gewidmet
#1 vor 6 Zügen, VRZ Proca, Schach-960 (10+12)

 

Beim Verteidigungsrückzüger kooperieren, wie der Name schon andeutet, Schwarz und Weiß nicht: Weiß will nach der angegebenen Anzahl an Zug-Rücknahmen im Vorwärtsspiel Matt setzen — das versucht Schwarz mit seinen (natürlich legalen) Zugrücknahmen zu verhindern. Im Typ Proca bestimmt jede Seite für die eigenen Rücknahmen, ob und ggf. welcher Schlag in dem Zug vorkam.

Weiß will die a-Linie freispielen, um dann mit seinem Turm auf a8 Matt zu setzen. Um entsprechend umzugruppieren, muss er die Schwarzen beschäftigen.

Also versuchen wir R: 1.Kd6-c5 D∼-g3+/ Tf4-f2+ 2.c5xb6 e. p. b7-b5 -3.Sb6-a4 & vor 1.Txa8#. dies ginge wegen des sLa8 im orthodoxen Schach natürlich nicht. Wie kann sich Schwarz dagegen verteidigen?

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WFCC-70-Jubiläumsturnier

Im Mai 1956, also vor beinahe 70 Jahren, wurde die (Vorläufer-Organisation “PCCC”) WFCC gegründet, und auf Anregung ihres Ehrenpräsidenten Klaus Wenda wird dieses Jubiläum mit einem Kompositionsturnier gefeiert: In den acht bekannten Abteilungen kann jeder Autor maximal eine Aufgabe (Co-Produktionen sind nicht zugelassen) bis zum 16. Juli 2026 an den Turnierdirektor Narayan Shankar Ram (wfcc70jt (at) gmail.com) einsenden; pro Abteilung sind Preise in Höhe von 200, 150 und 100 EURO ausgelobt. Preisrichter der Retro-Abteilung ist Andrij Frolkin.

Bei den Retros ist es ziemlich kompliziert, welche Forderungen bzw. Märchenbedingungen zugelassen sind (Beweispartien sind z.B. nicht zugelassen). Daher solltet ihr euch die Ausschreibungsunterlagen genau anschauen; dort ist auch der ehrgeizige Zeitplan zur Veröffentlichung der Ergebnisse angegeben: Die vorläufigen Preisberichte sollen am 15. Oktober 2026, die endgültigen am 30. November 2026 erscheinen.

Viel Spaß und Erfolg bei eurer Teilnahme an diesem interessanten Turnier!

Erinnerung: Matt mit Schach960

Ihr erinnert euch sicher noch an die Ausschreibung zum spannenden Wettbewerb des Württembergischen Schachverbandes, wo nach um besonders kurze und besonders lange Mattfolgen im Schach960 geht.

Hier zur Erinnerung: Der Einsendeschluss zu diesem Wettbewerb ist der 31. März!

Retro der Woche 12/2026

Im Oktober letzten Jahres konnten wir die Sensation verkünden, dass Reto Aschwanden mit seinem Stelvio Prüfprogramm die Korrektheit der berühmten 57,5 zügigen Beweispartie von Dmitri W. Pronkin und Andriy Frolkin nachweisen konnte. Damit sollten deutlich kürzere Beweispartien doch immer und leicht prüfbar sein?

Dass dies ein Trugschluss wäre und warum das so ist, will ich heute mit einem Beispiel aus dem Urdrúckteil der Schwalbe vom August letzten Jahres diskutieren.

Andriy Frolkin & Serhiy I.Tkatschenko
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 16 Zügen, Michel Caillaud gewidmet (5+8)

 
Die Aufgabe ist ziemlich kurz, die Autoren geben jedoch an, dass das Stück (nur) bis zum 13. Zug mit Stelvio geprüft ist, und auch Silvio Baier weist darauf hin, dass sich diese Beweispartie vollständiger Prüfung widersetze. Woran liegt das?

Ein „Brute Force“ Lösen ist bei nicht extrem kurzen Beweispartien ausgeschlossen: Im Schnitt gibt es in einer legalen Schachstellung etwa 30 Züge — damit etwa 30^32 16-zügige (32 Halbzüge!) Partien, das sind etwa 1,85 * 10^47 Partien. Könnte ein Computer in einer Sekunde eine Million Partien spielen, bräuchte er immer noch 1,85 * 10^41 Sekunden für alle. Ein Jahr hat im Schnitt etwa 31,6 Millionen Sekunden, wir brauchten also 5 * 10^33 Jahre für alle 16-zügigen Schachpartien. Und dann ist es auch egal, wenn davon vielleicht 90% bereits vorher wegen Matt beendet wären …

Daher suchen Prüfprogramme stets am Anfang nach möglichst umfangreichen Möglichkeiten, den „Spielbaum“ zu beschneiden, die durchschnittliche Zügezahl also so weit wie möglich zu reduzieren. So machen wir es hier auch meist, indem wir Überlegungen über die Stellung anstellen und daraus Schlussfolgerungen für den Lösungsablauf ziehen, bevor wir über konkrete Lösungszüge nachdenken.

Neben „impliziten“ Schlüssen (Schwarz hat 15 Steine, daher muss Weiß exakt einmal schlagen) sind das vor allen Dingen Feststellungen über Bauernstrukturen (… , dieser Schlag musste also mittels bxc3 erfolgen) und Abhängigkeiten von Zugreihenfolgen (g6 konnte erst nach Lh7 gespielt werden).

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Interview auf der DSB-Seite

Im Vorlauf zum großen Schachfestival in Dresden (16. bis 26. Juli 2026 — zwei Wochen vor dem WCCC in Magdeburg „um die Ecke“) hat der Dresdener Silvio Baier dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit zu Problemschach allgemein und speziell natürlich Beweispartien Rede und Antwort gestanden. Das höchst lesenswerte Interview findet ihr auf der DSB-Seite.

Viel Spaß beim Lesen!

Hilmar Alquiros 11.4.1950 — 3.3.2026

Als ich heute Morgen in meine Mailbox schaute, sprang mir eine Nachricht wegen ihres Betreffs sofort ins Auge: schlicht „Hilmar Alquiros“. So etwas bedeutet selten Gutes, und so auch hier: Lilian, seine liebe Frau, teilte mir mit, dass Hilmar am 3. März verstorben sei. Ihr, seiner Familie und seinen Freunden gilt meine herzliche Anteilnahme.

2012 sind Hilmar und Lilian auf die Philippinen gezogen, wo er sich offensichtlich trotz seiner angeschlagenen Gesundheit pudelwohl fühlte, wo er weiterhin thematisch vielseitig schreibend aktiv blieb. Wir blieben in engem Mailaustausch, immer geprägt von Hilmars hintergründigem und subtilem Humor, zu einem unglaublich breiten Themenfeld von (natürlich) Schach — Hilmar war auch ein sehr starker Partiespieler — zu Literatur, Naturwissenschaft, Religion, Philosophie, …

Seine unzähligen Veröffentlichungen schachlicher und nicht-schachlicher Art hat er sorgsam dokumentiert und viele direkt im Internet zugänglich gemacht. Ich kann euch nur empfehlen, auf seiner Website zu stöbern — und ich muss euch gleichzeitig davor warnen: Ich kenne nur wenige Seiten, auf denen ich immer wieder in die Gefahr laufe, komplett Zeit, Raum, Essen und Schlafen zu vergessen.

Zu Hilmars problemschachlichen Schwerpunkten verweise ich einfach auf meine Beiträge zu seinem 70. bzw. 75. Geburtstag.

„Über den Zaun“ blickend möchte ich euch einen humorvollen Vierzüger vorstellen, den Hilmar im Alter von 25 Jahren veröffentlicht hat. Wie immer gibt es die Lösung hier in einer Woche.

Hilmar Ebert
Welt am Sonntag 7.12.1975
#4 (2+4)

 

 

 

Sorry für die Verspätung; hier nun die Lösung:

Lösung

Ohne sBd7 ginge es in zwei Zügen: 1.Dc7 ZZ Ke3/e3 2.Dg3#/Dc2#.

Das spielen wir aber trotzdem: 1.Dc7 d6! 2. Dc1! d5 und nun ist der thematische d-Bauer aus dem Spiel, also 3.Dc7 usw.

Witzig!