Retro der Woche 19/2026

Nach längerer Zeit möchte ich hier mal wieder ein klassisches Auflöse-Retro vorstellen von einem Klassiker dieses Genres hauptsächlich zum Ende des 20. Jahrhunderts.

Und anhand der vorliegenden Aufgabe können wir gemeinsam ein immer wieder interessantes Thema studieren, das sich recht häufig findet und sehr flexibel und abwechslungsreich genutzt werden kann.

Alexander Kisljak
The Problemist 1997, Thomas Volet gewidmet, Lob
Löse die Stellung auf (13+13)

 
Rein optisch fallen neben dem Schachgebot durch die schwarze Dame, das zeigt, dass Schwarz mit der Rücknahme beginnen muss, vielleicht die beiden Fesselungen sSb5 und wTd7 auf. Im Vorwärtsspiel sind diese Fesselungen absolut, solange der schwarze König auf c4 und der weiße Läufer auf a6 verbleibt, könnte der Springer niemals ziehen. Das ist bei Rücknahmen anders: Stünde beispielsweise ein weißer Turm auf h5, so könnte Sa7-b5 Tb5-h5+ zurückgenommen werden: Im Vorwärtsspiel entspricht das dem Abfeuern der Batterie durch den Turmzug, das Schach wird durch Selbstfesselung des Springers pariert. Dieses Manöver wird „Retro-Entfesselung“ oder „Ablösung“ genannt.

Zunächst aber zur Schlagbilanz: Alle Schläge durch Weiß erfolgten mit seinen Bauern (a2xb3, d2xc3 und e/gxf); bei Schwarz sind nur zwei Bauernschläge sichtbar, nämlich a4xb3 und h7xg6 — ein Schlag bleibt also noch frei.

Wir hatten schon gesehen, dass Schwarz das Schach aufheben muss, also muss er mit R: 1.— Dd8-e7+ beginnen — ob dabei entschlagen wird, wissen wir noch nicht. (Wer nun selbst lösen möchte, sollte noch nicht weiterklicken!)

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Wereschtschagin-70-Turnier

Igor Wereschtschagin (* 16.8.1956) schreibt anlässlich seines 70. Geburtstags ein Jubiläumsturnier aus: Es geht um die Darstellung von Themen im Retro- und im Vorwärtsspiel.

Einsendeschluss ich der 1. Oktober 2026, Direktor und Richter der Jubilar.

Viel Spaß und Erfolg bei der Bearbeitung dieses interessanten Themenkomplexes!

Retro der Woche 18/2026

Vor einigen Tagen erschien das April-Heft von idee&form, in dem Reto Aschwanden seine Serie über Interna seines Beweispartie-Prüfprogramms Stelvio, das ja hier auf der Site gehostet wird, mit der achten Folge fortsetzt.

Hier beschäftigt er sich mit der zentralen Komponente der Strategie-Analyse, deren Ziel es ist, den riesigen „Baum“ aller Zugfolgen zur Diagrammstellung möglichst stark zu beschneiden, um eine Chance zu haben, die Aufgabe in überschaubarer Zeit prüfen zu können.

Die Aufgabe, anhand derer Reto einige Prinzipien der Strategie-Analyse vorstellt, ist aber nicht nur unter diesem „technischen“ Aspekt interessant, sondern einfach auch eine gute, attraktive Beweispartie.

Die wollen wir uns gemeinsam anschauen — und dabei unsere eigene Strategie-Analyse durchführen.

Unto Heinonen
StrateGems 2006, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 17 Zügen (13+13)

 

Zählen wir die im Diagramm sichtbaren schwarzen Züge, so kommen wir auf 2+1+3+4+3+4=17 Züge — alle schwarzen Züge sind also erklärt. Daraus können wir aber gleich weitere Schlüsse ziehen: So ist klar, dass die fehlenden schwarzen Steine, drei Bauern, auf ihren Ursprungsfeldern auf der 7. Reihe geschlagen wurden.

Auch bei Weiß fehlen drei Bauern, und von denen konnte keiner von einem schwarzen Bauern geschlagen worden sein, da alle schwarzen Bauern entweder überhaupt nicht oder exakt einmal gezogen hatten. Da die vier Bauern auf der fünften Reihe stehen, haben sie jeweils einen Doppelschritt gemacht, also nicht geschlagen.

Wo sind sie dann und von wem geschlagen worden?

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Retro der Woche 17/2026

Selten hat wohl ein unscheinbarer, kurzer Artikel solch große Wirkungen für die Weiterentwicklung der Retroanalyse gezeigt wie Klaus Wendas „Beckmesser versus Stolzing. Reflexionen zur Legalität unter der Anticirce-Bedingung“ (feenschach XI-XII/2001, S.275-277). Am Beispiel der Anticirce-Antinomie „Schwarzer Bauer unter weißem Bauer ist illegal“ wies er darauf hin, dass die traditionell wenig berücksichtigt werde, da Legalitätsfragen im Märchenschach oft nicht gestellt werden. Geht man allerdings zu Retros über, so werden solche Überlegungen natürlich relevant, können gar eine wichtige inhaltlich-thematische Rolle spielen.

Er hatte bereits einige Proca-Verteidigungsrückzüger speziell mit verschiedenen Circe-Arten gebaut, und so bot sich an, seine These mit Anticirce-Procas zu untermauern.

Auch wenn einige Beispiele des Aufsatzes sich im Nachhinein als nebenlösig erwiesen, hat Klaus damit eine nicht zu erwartende Welle losgetreten, die auch 25 Jahre später noch gelegentlich wie ein „Retro-Tsunami“ wirkt, zu vielseitigen, tiefgründigen, teils hoch komplexen Aufgaben geführt haben, die damit allerdings für den Rezipienten eine relativ hohe Einstiegshürde aufbauen. Die zu überwinden, lohnt sich aber!

Zum Gedenken an Klaus, der am 11. April verstorben ist, möchte ich euch heute ein kleines, elegantes und gut nachvollziehbares Stück von ihm aus der „AC-VRZ-Frühzeit“ vorstellen.

Klaus Wenda
idee&form 2003
#1 vor 3 Zügen. VRZ Proca, Anticirce Typ Cheylan (3+4)

 
Wir erinnern uns: Beim Typ Cheylan ist das Schlagen auf das circensische Partieanfangsfeld eines Steins nicht gestattet, da es als besetzt angesehen wird.

Bei Anticirce-Retros sind Steine auf ihren Partieanfangsfeldern besonders stark, da häufig zahllose Entschläge zurückgenommen werden können. Auch dies ist ein Grund für die Komplexität der Bedingung im Retro-Umfeld.

Hier fallen der weiße Bauer und besonders der weiße könig auf, der quasi auf dem ganzen Feld beliebige Entschläge vornehmen kann.

Welches Matt ist denn in dieser Aufgabe überhaupt denkbar? Könnten wir Schwarz zur Rücknahme der Rochade zwingen und irgendwie die 7. Reihe, speziell d7, decken, so wäre R. 1.g7-g8=L & vor: 1.g8=D# zielführend — auch unter Ausnutzung des Cheylan-Typs (1.— Sxg8??)

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Retro der Woche 16/2026

Nachdem wir uns in der letzten Woche mit einer Märchen-Beweispartie beschäftigt haben, die im FIDE World Cup 2025 den zweiten Platz belegt hatte, möchte ich euch heute die in diesem Turnier erstplatzierte orthodoxe Beweispartie vorführen.

Die ist wieder ein gutes Beispiel für Stücke, wo dem ersten Anschein nach nicht viel passiert ist, was sich dann aber als falsch herausstellt.

Kostas Prentos
FIDE World Cup 2025, 1. Platz
Beweispartie in
20,5 Zügen (14+15)

 

Bei Weiß sehen wir nur 0+1+1+0+2+2=6 Züge, bei Schwarz immerhin 2+3+2+0+1+8=16. Die beiden fehlenden weißen Bauern wurden auf der b- und der g-Linie geschlagen. Bei schwarz fehlt nur ein Bauer (a oder c), und der konnte sich nicht umwandeln, also kann weißes fxg nicht geschehen sein. Also müssen beide fehlenden weißen Bauern umgewandelt haben- das relativiert auch die hohe Anzahl freier weißer Züge.

Die Umwandlungen müssen also auf f8 und auf c8 erfolgt sein, womit auch das Fehlen des schwarzen Bauern erklärt ist, womit sBb3 von a7 kommt.

Und damit sind auch „im Prinzip“ alle schwarzen Züge klar, denn wegen der Umwandlungen auf c8 und f8 mussten die dortigen Läufer wegziehen und wieder zurückkehren.

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Retro der Woche 15/2026

Ein frohes Osterfest wünsche ich euch allen — verbunden mit der Frage, ob ihr Eier gesucht habt, ob ihr vielleicht im Vorfeld Eier gefärbt habt?

Weil es so schön passt, möchte ich euch heute zur Feier des Feiertags eine Beweispartie vorstellen, in der es um „Färben“, genauer gesagt um „Umfärben“ geht.

Andrij Frolkin und Chris Tylor haben die Bedingung „#colour“ eingeführt: Kommt es (beispielsweise in einer Beweispartie) zu einer Mattstellung, so wird der Stein bzw. die Steine, die Schach geboten haben, umgefärbt, und die Partie geht weiter, als sei nichts geschehen. Führt dieses Umfärben allerdings zu einem Selbstschach, so ist es illegal, darf also nicht stattfinden, und die Partie endet auch wirklich mit dem Matt.

Der junge Österreicher Joachim Hambros hat mit dieser Forderung den zweiten Platz beim letztjährigen FIDE World Cup belegt; diese Beweispartie möchte ich euch heute zeigen.

Joachim Hambros
FIDE World Cup 2025, 2. Platz
Beweispartie in 16,5 Zügen, #colour (16+16)

 

Die Lösung sollte man nicht „ganz einfach orthodox“ erspielen können? Weiß musste quasi nichts tun, und Schwarz muss ja „nur“ seinen Ta8 nach g8 beamen — das aber kostet bemerkenswert viel Zeit: Von diesem Turm abgesehen sind neun schwarze Züge sichtbar — und der Turm braucht neun weitere Züge, denn wenn alle schwarzen Steine auf der 8. Reihe Platz machen, müssen sie wieder heimkehren. Die Alternative, dass der Turm d8 und e8 „umgeht“, spart aber nichts ein, da er nun statt einem Zug derer fünf benötigt. Und wenn ihr auf die pfiffige Idee kommt, dass der doch über die h-Linie nach h8 gekommen sein könnte, stellt ihr fest, dass dies gar zehn Züge braucht (wieso reichen nicht neun??).

Also brauchen wir „eigentlich“ mindestens 18 Züge, haben aber nur 16 Zeit. Also müssen wir die Bedingung nutzen, Weiß mindestens zwei der schwarze Züge ausführen, ihm Arbeit abnehmen zu lassen.

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Retro der Woche 14/2026

Sicher seid ihr alle in dieser Nacht um kurz vor zwei Uhr aufgestanden, um die Uhren eine Stunde vorzustellen? Ja, eine kurze Nacht war das, mit der wieder die Sommerzeit begonnen hat.

Das hat mich veranlasst, heute ein Aufgabe von Bruno Sommer (20.3.1881 — 19.11.1971) herauszusuchen, der ein sehr vielseitiger Autor speziell im Bereich des direkten Matts, vom Zwei- bis zum Mehrzüger war, gelegentlich Hilfsmatts baute — und auch bemerkenswerte Retrostücke veröffentlicht hat. Schon deshalb bemerkenswert, weil er bereits früh die Ideen von Høeg und Proca zu Verteidigungsrückzügern aufgegriffen hat.

Ein ziemlich einfaches Stück — ihr habt ja alle wenig geschlafen — möchte ich euch heute zeigen: Nein, da möchte ich euch zum Selbstlösen anregen und einladen.

Bruno Sommer
Die Schwalbe 1952, 1. Preis
#1 vor zwei Zügen, Verteidigungsrückzüger (8+13)

 
Kein Hinweis auf Proca oder Høeg? Der fand sich auch beim Urdruck nicht; die Original-Forderung unter dem Diagramm (227-228 Die Schwalbe VII-VIII/1952, Nr. 8560) lautet: „Weiß nimmt 2X so zurück, dass er 1 Zug matt erzwingt“.

Das müssen wir natürlich zuerst einmal anschauen, warum der Autor auf diese Festlegung verzichten konnte? Aber vielleicht wollt ihr das vor dem „weiter“ Klicken selbst untersuchen?

Weiß kann nämlich in seinem zurückzunehmenden ersten Zug nicht entschlagen — warum nicht, sieht man doch nur einen von drei erfolgten Schlägen; es sind also noch zwei frei?

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Retro der Woche 13/2026

Am Freitag hatte ich auf die Ausschreibung des WCCC-70-Turniers hingewiesen — und speziell dort auf die sehr genauen Vorgaben, welche Forderungen verbunden mit welchen Märchenbedingungen zulässig sind. So ist Schach-960 erlaubt, aber nur in Verbindung mit „Letzte Züge?“ oder „Löse auf!“ Forderungen.

Ohne also diesem Turnier in die Quere zu kommen, kann ich hier heute einen Verteidigungsrückzüger im Schach-960 vorstellen.

Joaquim Crusats & Andrij Frolkin
Die Schwalbe 2010, Hans Gruber zum 50. Geburtstag gewidmet
#1 vor 6 Zügen, VRZ Proca, Schach-960 (10+12)

 

Beim Verteidigungsrückzüger kooperieren, wie der Name schon andeutet, Schwarz und Weiß nicht: Weiß will nach der angegebenen Anzahl an Zug-Rücknahmen im Vorwärtsspiel Matt setzen — das versucht Schwarz mit seinen (natürlich legalen) Zugrücknahmen zu verhindern. Im Typ Proca bestimmt jede Seite für die eigenen Rücknahmen, ob und ggf. welcher Schlag in dem Zug vorkam.

Weiß will die a-Linie freispielen, um dann mit seinem Turm auf a8 Matt zu setzen. Um entsprechend umzugruppieren, muss er die Schwarzen beschäftigen.

Also versuchen wir R: 1.Kd6-c5 D∼-g3+/ Tf4-f2+ 2.c5xb6 e. p. b7-b5 -3.Sb6-a4 & vor 1.Txa8#. dies ginge wegen des sLa8 im orthodoxen Schach natürlich nicht. Wie kann sich Schwarz dagegen verteidigen?

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