Retro der Woche 19/2021

Kürzlich habe ich das Preisrichteramt für den Retro-Jahrgang 2020 von Phénix übernommen: etwa gleich viele Beweispartien (29) und sonstige Retros (28) stehen dort zur Beurteilung an. Ich habe mit der Reihung noch nicht begonnen, möchte euch aber aus dem Turnier ein klassisches Retro zeigen, das recht typisch für den Stil des Autors ist. Über eine mögliche Platzierung im Bericht kann ich natürlich noch nichts sagen — und selbst wenn ich es könnte, täte ich das selbstverständlich nicht…

Tom Volet
Phénix 2020
Löse die Stellung auf (14+12)

 

Die beiden fehlenden weißen Steine wurden auf e6 bzw. f6 geschlagen — wegen der Felderfarbe des Läufers geschah gxLf6 und dxSe6. Auch über die weißen Schlagfälle können wir schon eine Menge sagen: exf3, hxg sowie cxbxBa7. Der fehlende [Bc7] konnte mangels Schlagobjekten selbst nicht schlagen, musste also, um verschwinden zu können, schlagfrei auf c1 umwandeln.

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Retro der Woche 18/2021

Heute möchte ich die kleine Serie recht kurzer Beweispartien von Reto Aschwanden (siehe RdW 14/2021 und RdW 16/2021) fortsetzen mit einem Stück, das 2005 von Hans Gruber als Richter den ersten Preis im Jahresturnier von StrateGems erhielt — er konnte also seinen „Titel aus dem Vorjahr“ verteidigen.

Reto Aschwanden
StrateGems 2005, 1. Preis
Beweispartie in 18 Zügen (14+14)

 

Weiß muss offensichtlich in seinen 18 Zügen nichts tun außer [Bb2] und [Bh2] loszuwerden – ansonsten ist zumindest sichtbar nichts passiert. Bevor wir allerdings die schwarzen Züge zählen, überlegen wir uns, wie die Türme am zugsparsamsten ihre Diagrammfelder erreicht haben können?

Unabhängig von deren Wegen sehen wir, dass [Sg8] gezogen haben muss, um [Th8] heraus zu lassen: Der Springer hat also mindestens zwei Züge gemacht. Die Türme sind am sparsamsten mittels langer Rochade und dann beide via g8 und g5, wobei der „erste“ weiter nach e5 zieht, zu platzieren.

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Retro der Woche 17/2021

Vor zwei Wochen hatte ich hier eine der beiden Aufgaben vorgestellt, die sich im Ceriani-Gedenkturnier, dessen Preisbericht vor genau 50 Jahren in Die Schwalbe erschien, die beiden Preise teilte; heute ist nun die andere Aufgabe an der Reihe.

Deren Autor, Josef Haas (28.1.1922—Nov. 2003), war Kriminalbeamter, und seine Retros zeigen immer wieder die Notwendigkeit kriminalistischen Gespürs für das Erschließen der Lösung; die Auswahl seiner Retro-Aufgaben, die er im Jahr 1999 im Eigenverlag veröffentlichte, träge den bezeichnenden Titel „Tatort Schachbrett“ – übrigens eine sehr empfehlenswerte Lektüre!

Josef Haas
Ceriani-Gedenkturnier, Preis ex aequo
Weiß nimmt 1 Zug zurück und setzt in 2 Zügen matt. b) wBb7 > h2 (11+11)

 

Bei Aufgaben dieser Art ist nicht nur das Finden der beiden Lösungen interessant, sondern auch stets die Begründung, weshalb die Lösung des einen Teils nicht im anderen funktioniert — solange dies nicht durch die Zwillingsbildung schon mechanisch ausgeschlossen ist.

Die Aufgabe ist recht komplex, deswegen greife ich hier gern auf die Lösungsangaben von Karl Fabel zurück, die er in „Meisterwerke der Retroanalyse“ (bearbeitet von Werner Keym in sechs immer noch sehr lesenswerten Folgen im Schwalbe-Jahrgang 1981 erschienen) veröffentlicht hat. Dabei bleibt euch immer noch etwas an „Eigenarbeit“ für das komplette Verständnis der Aufgabe. Aber die lohnt, das verspreche ich euch!

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Das gefällt mir!

Das gefällt mir, darüber habe ich mich gefreut! So schrieb heute Walter Lindenthal:

„Übrigens, das `Zwischendurch´ vom 9.4. hat mir gut gefallen. Ich habe daher nach Myllyniemi recherchiert und … ein weiteres Beispiel zu Letzte 5 Züge? gefunden, bei dem es zwar nicht um ein Doppel-e.p. geht, aber dafür um …“

Matt Myllyniemi
Die Schwalbe 1975
Welches waren die letzten 5 Einzelzüge? (3+15)

 

Lösung und Thema findet ihr sicher selbst? Ansonsten hier in etwa einer Woche…

Und wenn ihr auch Vorschläge „für zwischendurch“ oder für ein „Retro der Woche“ habt: Immer her damit!

Lösung

R: 1.0-0-0# Ke5-d6 2.exd3ep d2-d4 3.b2=L usw.

Valladão-Task in nur fünf Halbzügen.

Gerald Ettl 50

Heute gehen herzliche Glückwünsche nach Meitingen im Landkreis Augsburg: Gerald Ettl vollendet die erste Hälfte eines Jahrhunderts!

Gerald ist nicht nur ein sehr vielseitiger Komponist (seine PDB-Einträge umfassen 400 Aufgaben aus quasi allen Genres) und Schachpublizist, worüber seine Website genaueren Aufschluss gibt: Hier seien seine Datenbank und seine Problemschach-Videos besonders hervorgehoben.

Ein wichtiger Schwerpunkt seines Problemschaffens sind klassische Retros (überwiegend mit den Forderungen „letzte n Züge?“ oder „Löse auf“); für heute habe ich ein Stück herausgesucht, das nun genau halb so alt ist wie der Autor:

Gerald Ettl
Die Schwalbe 1996, 2. Preis Abt. I
Löse die Stellung auf! (13+15)

 

Preisrichter Ronald Schäfer schrieb dazu: „Diese Aufgabe zeigt ein weit vorausschauendes Tempogewinnmanöver. Wenn Schwarz mit dem Rückspiel beginnt, dann würde einem der sLäufer nach dem 14. Zug der Rückweg versperrt werden.“ Das wollt ihr doch sicher auch selbst untersuchen und lösen?!

Lösung

1.Tf2-g2 b5xSc4 2.Se3-c4 a5-a4 3.Sf5-e3 Sf3-h4 4.Sh4-f5+ Sd4-f3 5.Tg2-f2 Sf3-d4 6.La7-g1 Sg1-f3+ 7.Lb8-a7 a6-a5 8.b7-b8=L a7-a6 9.a6xDb7 … 12.– De3-g3 13.Tf3-f2 b6-b5 14.Te3-f3 b7-b6 15.Te5-e3. Der wT entwandelt sich auf c8, der wB geht nach c2 zurück, dann: 22.– c3xS,Dd2 usw.

Lieber Gerald, für den heutigen Tag wünsche ich dir auch auf diesem Wege alles Schöne, für dein nächstes halbes Jahrhundert alles denkbar Gute!

Retro der Woche 16/2021

Wenn der Retro-Kompositionsweltmeister von 2004—2006 die folgende Beweispartie als seine beste (bis zum Jahr 2006 …) bezeichnete, wenn sie im FIDE-Album 10,5 Punkte erhielt, dann kann man schon eine Menge erwarten. Wenn man allerdings nur ins Album schaut und die Schlüsselwörter liest, kann man schon ins Grübeln kommen, wieso ein Richter gar 4 Punkte gegeben hat, denn soo ungewöhnlich ist das eigentliche Grundthema sicher nicht.

Aber es kommt gerade bei Beweispartien nicht nur auf das „was?“ an, sondern auch auf das „wie?“ und auf das „warum?“. Und das ist hier schon bemerkenswert.

Reto Aschwanden
StrateGems 2004, 1. Preis
Beweispartie in 20 Zügen (14+13)

 

Bei Schwarz ist nicht viel Sichtbares passiert, bei Weiß zählen wir die sichtbaren Züge (wobei wir die lange Rochade voraussetzen, da sie die erforderlichen weißen Züge minimiert): 2+2+3+3+4+6=20: alle weißen Züge haben wir also schon erklärt. Und damit haben wir schon bewiesen, dass Weiß lang rochiert hat, denn sonst brauchte er mindestens einen weiteren Zug, der ihm aber nicht zur Verfügung steht. Damit wissen wir ferner, dass die fehlenden [Bc2] und [Bg2] nicht gezogen haben können, also auf ihren Anfangsfeldern gestorben sein müssen.

Bei Schwarz hingegen sehen wir nur die beiden Bauernzüge, und aufgrund unseres Zählens ist auch klar, dass [Bb7] auf b6 geschlagen wurde. Wie aber sind die beiden anderen fehlenden schwarzen Bauern [Bd7] und [Bf7] verschwunden? 17 Züge hat Schwarz dafür Zeit …

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Aktueller geht’s kaum

Die Aufgabe, die ich euch heute für „zwischendurch“ am Wochenende zeigen möchte, ist zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen noch keine drei Stunden alt: Andrew hat sie heute Morgen unserer Zeit (in Singapur ist es da schon später…) in der facebook-Gruppe „Chess Endgame Studies and Compositions“ veröffentlicht.

Andrew Buchanan
facebook.com, 17.4.2021
a) Letzte zwei Züge? b) Kürzeste Beweispartie? (11+16)

 

Viel Spaß dabei — die Lösung findet ihr hier in etwa einer Woche!

 

Lösung

b) Beweispartie in 9 Zügen

a) Unabhängig von der Zugbeschränkung der Beweispartie lassen sich für die Diagrammstellung die letzten beiden Halbzüge für jede mögliche, auch beliebig lange, Beweispartie beweisen: Weiß hat keinen letzten Zug, also muss Schwarz zuletzt gezogen haben und dabei Weiß einen dann letzten Zug zur Verfügung stellen. sBh2 hat alle fehlenden weißen Offiziere geschlagen, also auch [Ta1], sodass DxBa3 nicht letzter Zug gewesen sein kann. [Th1] ist der einzige, der den Bauernkäfig nicht verlassen konnte, er muss also auf h2 geschlagen worden sein, und davor konnte er nur schlagfrei von h1 gekommen sein.

Retro der Woche 15/2021

Im Aprilheft der Schwalbe 1971, also vor genau 50 Jahren, erschien der Preisbericht zum Ceriani-Gedenkturnier.

Der Italiener Luigi Ceriani (23.1.1894 — 8.10.1969) war sicherlich der bedeutendste Retro-Spezialist der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sein Schwerpunkt war die klassische Retroanalyse, die er letztendlich als akzeptiert eigenständiges Problemgebiet etablierte, aber auch andere Themen in diesem Umfeld, z.B. die Ortho-Rekonstruktion, wo die Diagrammstellung mit geändertem Anzug erspielt werden soll. Auch mit „Märchenretros“, etwa solchen auf Zylinderbrettern, hat er sich beschäftigt.

Sein Freund Karl Fabel hatte das Turnier im Februar 1970 in der Schwalbe ausgeschrieben, Einsendeschluss beim Turnierdirektor Theodor Steudel war der 31.12.1970. Preisrichter Fabel vergab unter 15 eingereichten Stücken zwei geteilte Preise; eines der Stücke möchte ich heute zeigen.

Werner Keym
Ceriani-Gedenkturnier, Preis ex aequo
Matt in weniger als 1 Zuge (14+13)

 

„Weniger als ein Zug“ bedeutet ja, dass ein Teil eines Zuges bereits geschehen ist, dieser also „nur noch“ komplettiert werden muss.

Theoretisch kann das der Teil eines beliebigen Zugs eines Langschrittlers sein: So könnte man etwa argumentieren, wLe6 komme von f7 oder von g8, und es gehe also Lg8xd5# oder Lf7xd5#. Aber so wird die Forderung nicht verstanden, sondern im Sinne der Vollendung eines der „Spezialzüge“ Rochade oder e.p..-Schlag.

Eine unvollendete Rochade ist hier weit und breit nicht zu entdecken, also können wir davon ausgehen, dass es um e.p.-Schlag geht. Und das tut es reichlich!

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