Vertikalzylinder

Beim Vertikalzylinder gelten alle normalen Schachregeln — nur gibt es keinen rechten und linken Rand des Bretts, sondern h- und a-Linie werden als direkt miteinander verbunden betrachtet. Ein schwarzer Stein auf h3 kann also nicht nur von einem weißen Bauern von g2 aus geschlagen werden, sondern auch von dem auf a2 — oder einem weißen Läufer auf c6, der dann via a4 nach h3 zielt.

Ich lade euch ein, das einmal an einem kleinen Beispiel auszuprobieren, das sicher nicht allzu schwer ist, wenn ihr euch erst einmal überlegt, dass der schwarze König (durch ein Wieviel-Schach?) Matt ist.

Michel Caillaud
St-Germain-au-Mont-d’Or 2016, 2. Preis
Beweispartie in 7,5Zügen, Vertikalzylinder (15+15)

 

Natürlich findet ihr die Lösung wieder in etwa einer Woche hier.

Retro der Woche 08/2021

Nachtrag 21.02.2021: Leichte Anpassungen des Textes bezüglich der Kommentare von Joost.

Die Beweispartie-Abteilung des Champagner-Turnier 2019 (siehe das Retro der Woche 07/2021) ließ auch Märchenbedingungen zu. Die mit dem dritten Preis ausgezeichnete Aufgabe nutze „Andernach-Schach“: Nichtkönigliche Steine wechseln, wenn sie einen gegnerischen Stein schlagen, als Teil des Zuges die Farbe. (aus dem Märchenschach-Lexikon der Schwalbe).

Marco Bonavoglia & Dirk Borst
Champagner Turnier 2019, 3. Preis
Beweispartie in 13 Zügen, Andernach-Schach (14+13)

 

Überlegen wir zunächst einmal, wie sich Andernach-Schach auswirkt: Das Schlagopfer verschwindet wie üblich, der Schlagtäter, solange er nicht König ist, wechselt die Farbe. Lassen wir die Könige außen vor, so „verliert“ rein rechnerisch die schlagende Partei einen Stein, nicht die andere, und dann hat in unserer Aufgabe heute Weiß zweimal, Schwarz hingegen dreimal geschlagen.

Der Farbwechsel erklärt dann auch die vier weißen Türme, die also nicht auf Umwandlungen zurückgeführt werden müssen: Zwei schwarze Turm-Schläge reichen! Und so war auch sicher sLg5 am Anfang der Partie weiß?!

Weiterlesen

Retro der Woche 07/2021

Beim traditionellen Champagne-Turnier anlässlich der WCCC Treffen (dreimal dürft ihr raten, welche Art von Preisen Organisator und Preisrichter Michel Caillaud dabei vergibt) gibt es immer wieder interessante Themen und hochklassige Aufgaben. 2019 hatte Michel das Thema „Bristol“, also Bahnungen, gestellt; den Gewinner der Beweispartien-Abteilung hatte ich als Retro der Woche 37/2019 bereits vorgestellt, heute möchte ich mit euch das zweitplatzierte Stück anschauen. Michels allgemeine Definition der Bahnung für dieses Turnier war

Ein Stein, weiß oder schwarz, verlässt (in einem Retro-Zug) Feld x.
Ein anderer Stein gleicher Farbe spielt (in einem Retro-Zug) in dieselbe Richtung und überquert dabei Feld x.

Ivan Denkovski
Champagne Turnier 2019, 2. Preis
Beweispartie in 27,5 Zügen (14+15)

 

Mit Kenntnis des Themas könnte man beim ersten Blick aufs Diagramm meinen: „Aha, die Türme auf der dritten Reihe bilden das Thema, dazu gibt es noch die Bahnung von Dame und Läufer auf h3 und g4. Ach ja, lange Rochade, und dafür muss die Dame irgendwie nach Osten kommen. Und dafür soll man so viele Züge benötigen?“

Schauen wir uns das einmal genauer an, zunächst wollen wir uns mit der Schlagbilanz beschäftigen.

Bei Weiß fehlen die beiden Läufer, bei Schwarz [Bh7]. Der kann nicht direkt geschlagen werden, da Weiß ja auf f3 geschlagen hat. Also muss er auf g1 umgewandelt haben und auf seinem Weg dorthin [Lf1] geschlagen haben, [Lc1] wurde offensichtlich auf f6 geschlagen. Der Umwandlungsstein steht noch auf dem Brett, denn vor der Umwandlung musste ja gxXf3 geschehen, um den Weg nach g1 frei zu machen.

Weiterlesen

Februar-Schwalbe 2021

Heute hatte ich die neue Ausgabe der Schwalbe (Februar 2021) im Briefkasten. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet der Preisbericht zum Franz-Pachl-70-Turnier — für Märchenschachfreunde ein Muss! Wer sich gern ans Konstruktionsbrett setzt, findet im neuen Konstruktionswettbewerb wieder sehr interessante Herausforderungen; Einsendeschluss ist am 31. Mai 2021.

Beinahe hätte ich geschrieben „ausnahmsweise“ erschien kein Retro-Artikel im Heft. Da bietet es sich vielleicht doppelt an, nicht nur einen Blick auf die Retro-Urdrucke zu werfen, sondern auch Lösungen und Kommentare einzusenden. Übrigens sind von den zehn Aufgaben dort nur zwei orthodox — das spiegelt ziemlich die Einsendungen in den letzten Monaten wider. Der Märchenmix ist allerdings nicht zu exotisch, finde ich, da sollte jeder seine Lieblingsstücke und -bedingungen finden. Ich freue mich auch ganz besonders über eure orthodoxen Urdrucke für Die Schwalbe!

Dem Heft, das das erste des neuen Bandes XXXV ist, liegt übrigens bereits das Inhaltsverzeichnis zu Band XXXIV bei, der ja, ihr erinnert euch, im Dezember letzten Jahres mit einem Doppelheft endete. Da hat Ersteller Bernd Schwarzkopf nicht nur wie immer sehr gründliche und sorgfältige Arbeit geleistet, sondern auch (ebenfalls wie immer) unglaublich schnelle — Bernd, ganz herzlichen Dank dafür!

Retro der Woche 06/2021

Zurzeit bin ich u.a. damit beschäftigt, den Retro-Preisbericht 2018 für feenschach vorzubereiten. Mit der ersten Sichtung bin ich nun fertig, und aus den Aufgaben, die es „in die zweite Runde geschafft haben“, möchte ich heute eine Aufgabe vorstellen. Ob und wie sie ggf. platziert wird, weiß ich noch nicht — und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es hier noch nicht verraten…

Gerald Ettl
feenschach 2018
Letzte 22 Einzelzüge? (15+11)

 

 

 

 

Im Diagramm fallen schnell drei Details auf:

  • Weiß muss mit der Rücknahme beginnen, da der schwarze König im Schach steht.
  • Weiß verfügt über einen Umwandlungsspringer.
  • Der einzige Schlag des Schwarzen war Bh7xXg6.

Nun betrachten wir die weißen Schlagfälle: Drei Schläge durch Bauern sieht man, nämlich axb und gxf und fxe. Hinzu kommt der Schlag des Weißen im letzten Zug – und dann wurde der fehlende [Bc7] durch eine weiße Figur geschlagen.

Weiterlesen

Retro der Woche 05/2021

Preisrichter Hans Gruber war vom Retro-Zweijahresturnier 2015-2016 von Probleemblad begeistert, hier hatte ich Anfang 2018 bereits den 1. Preis dieses Turniers präsentiert, heute stelle ich euch den 4. Preis vor.

Jorge Lois & Roberto Osorio
Probleemblad 2015-2016, 4. Preis
Beweispartie in 20,5 Zügen (12+13)

 

Der schwarze König, das sieht man sofort, steht im Schach durch den wSf8 — der hat allerdings kein Feld, von dem aus er Schach bieten konnte, er hat also im letzten Zug umgewandelt. Dabei kann er nur von f7 gekommen sein, denn die drei fehlenden schwarzen Steine sind bereits durch die Bauernschläge im Südwesten erklärt.

Daher hat sich [Bf2] schlagfrei nach f8 durchgekämpft. Dafür muss dann [Bf7] Platz geschaffen haben, und das erklärt bereits zwei Schläge des Schwarzen: [Bf7] weg von der f-Linie, ein Bauer auf die f-Linie.

Weiterlesen

Sam Loyd 180

Am 30. Januar 1841, heute vor 180 Jahren, wurde Sam Loyd in Philadelphia, Pennsylvania, USA geboren; er starb 70jährig am 10. April 1911 in New York. Schon früh begann er mit dem Komponieren von Schachaufgaben, er zählt auch heute noch zu den populärsten und erfindungsreichsten Komponisten überhaupt.

Auch in unserem Lieblingsgebiet des Problemschachs war er Pionier: mit gerade einmal 19 Jahren komponierte er das allererste Rochade-Retro, gleichzeitig das wahrscheinlich zweite Retro überhaupt, siehe P0002056.

Ich möchte aber heute ein anderes, deutlich tieferes Stück von ihm vorstellen, das allerdings auch sehr bekannt ist: Genießt es einfach zur Feier des Tages noch einmal, wenn ihr es bereits kennt!

Sam Loyd
American Chess Journal 1876
#1 (9+8)

 

Natürlich gilt es hier nicht nur, den Schlüssel zu finden, sondern es geht um die Begründung, warum er geht…

Die Auflösung zu dem Stück, das das Motto Spectrum Analysis trägt, findet ihr wir immer in etwa einer Woche hier.

 

Lösung

Wir sehen sechs schwarze Bauernschläge (sBh3 kommt von d7), zusätzlich starb [Lf1] zuhause; damit sind alle fehlenden weißen Steine erklärt. Weiß schlug ebenfalls sechs Mal mit seinen Bauern.

Schwarz kann in seinem letzten Zug nicht geschlagen haben, denn zuletzt Be7xf6 würde [Lb8] zum Umwandlungsstein machen, [Ba7] oder [Bc7] hätten schlagfrei umwandeln müssen; was zwei zusätzliche Bauernschläge von Weiß erfordern würde, zusätzlich müsste natürlich noch [Lf8] zuhause sterben: Das wäre ein Schlag zu viel.

Wäre der letzte Zug Kb7-c7 oder Kd7-c7 gewesen, hätte [Bc2] zweimal schlagen müssen — und auch [Ba7] müsste noch verschwinden: ein Schlagfall zu viel. Als letzter Zug scheiden Kc8-c7 und Kd8-c7 aus, da Weiß das Schach nicht aufheben kann.

Da zuletzt La7-b8 und Bb6-b5 offensichtlich illegale Retroschachs gegen den weißen König gewesen wären, bleibt als letzter schwarzer Zug nur Bb7-b5; Weiß darf also en Passant schlagen und damit mattsetzen.

Ein 145 Jahre alter Klassiker, ein echtes Pionierstück!

Noch ein Wenigsteiner

Vor etwa zwei Wochen hatte ich hier einen Wenigsteiner von Peter Kniest vorgestellt, in dem nach der Rücknahme eines Zuges und vorwärts nach einem Matt und Hilfsmatt der rücknehmenden Partei gefragt war.

Ein weiters Beispiel möchte ich euch — witzigerweise mit demselben Material — zeigen:

Hansjörg Schiegl
feenschach 1984, Lob
a) Weiß -1, dann #1 & h#1 b) Duplex (2+2)

 

Wiederum wünsche ich euch viel Spaß damit; wie immer findet ihr in etwa einer Woche hier die Lösung.

 

Lösung

a) Weiß zurück Kc7xLc8 & v: (#1) Da8# und (H#1) 1.Kd8 Dd7#
b) Schwarz zurück Kb6xSa6 & v: (#1) De8# und (H#1) 1.Da5 Db7#