Retro der Woche 14/2019

Sorry: hier hatte kurzzeitig ein falsches Diagramm gestanden…
Für den mit Abstand kürzesten Tag des Jahres habe ich eine ziemlich kurze Beweispartie herausgesucht – dass ‚kurz‘ nicht mit ‚inhaltsarm‘ gleich zu setzen ist, werdet ihr spätestens am Ende dieses Beitrags gesehen haben; da bin ich mir sicher.

Michel Caillaud
Probleemblad 2009-2010, 2. Preis
Beweispartie in 17 Zügen (12+15)

 

Mit dem Zählen der sichtbaren Züge kommen wir nicht viel weiter: Bei Weiß sehen wir genau zwei Bauernzüge, und bei Schwarz schaut es mit 0+0+0+3+3+1=7 auch nicht viel besser aus. Also müssen wir uns Gedanken über die Struktur der Diagrammstellung und die fehlenden Steine machen.

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Retro der Woche 13/2019

Im letzten Retro der Woche hatte ich euch den ersten Preis der Beweispartien der Schwalbe 2008 vorgestellt, heute geht es um den dritten Preis der klassischen Retros: Die ersten beiden Preise findet ihr im Retro der Woche 8/2015 bzw. 46/2018. Auch heute orientiere ich mich an den Kommentaren des Preisrichters Nicolas Dupont.

Michel Caillaud (Günter Lauinger gewidmet)
Die Schwalbe 2008, 3. Preis
Matt in 2 Zügen (12+13)

 

Beginnen wir dieses Mal direkt mit der (formalen) Lösung:

1.0-0-0! ([2.Dxd7#] 1.– Td8/Ta7 2.Sg7#/Db8# — 1.Td1? 0-0-0!

Wir haben es hier offensichtlich mit der „RS-Konvention“ (Retro-Strategie) zu tun: Wenn zwei Rochaden sich gegenseitig ausschließen, dann ist es erlaubt, eine auszuführen und damit die andere zu verhindern — oder mit anderen Worten: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Also geht es im „retroanalytischen Teil“ dieser Aufgabe darum zu zeigen, dass die schwarze Rochade nicht mehr zulässig ist, wenn Weiß noch rochieren darf, ansonsten aber zulässig wäre.

Betrachten wir dazu erst einmal die Schlagbilanzen:

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Retro der Woche 51/2018

Die kostenlose Internet-Zeitschrift Quartz deckt ein weites Spektrum des Problemschachs ab, und dabei spielen orthodoxe ebenso wie märchenhafte Retros eine bedeutende Rolle; ich kann euch die Lektüre ans Herz legen.

Heute möchte ich euch das Stück zeigen, das Preisrichter Thirry Le Gleuher aus 44 Urdrucken der drei Jahre 2007 bis 2009 ganz an die Spitze gestellt hatte.

Éric Pichouron
Quartz 2007-2009, 1. Preis
Beweispartie in 19,5 Zügen (14+12)

 

Zwei Dinge fallen beim Blick auf das Diagramm, ohne dass man sich schon Gedanken um die Lösung machen muss, ziemlich schnell auf: Beide Damenläufer mussten zu Hause geschlagen werden; ebenfalls (vielleicht in diesem Zusammenhang?) ist der weiße Turm auf a8 recht auffällig. Und da [Dd8] vor [Ke8] herausmusste, war der schwarze König schon draußen, bevor der weiße Turm ins schwarze Lager eindrang – oder er brauchte einen Schachschutz.

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Retro der Woche 18/2018

Kostas Prentos aus Albuquerque, New Mexico, leitet bei StrateGems schon seit vielen Jahren die Retro- und Beweispartien-Rubriken (die sind dort getrennt) und komponiert sehr schöne und immer interessante Beweispartien. Eine davon, die im letzten StrateGems Heft 2017 erschienen ist, möchte ich euch heute vorstellen.

Kostas Prentos
StrateGems 2017
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+15)

 

Bei Weiß fehlen [Dd1] und [Bf2] oder [Bg2], bei Schwarz ein Turm, über die Orte, wo die fehlenden Steine verschwanden, können wir noch nichts sagen.

Das Zählen der sichtbaren weißen Züge ist schnell mit dem Ergebnis „4“ erledigt, bei Schwarz lohnt es schon eher: 3+2+2+5+5+4=21 – da bleibt also noch ein schwarzer Zug übrig.

Wirklich?

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Retro der Woche 16/2018

(Siehe Hinweis vom 20. April 2018)

Heute habe ich mal wieder ein schon etwas älteres Stück hervorgeholt: In den letzten 15 Jahren hat sich die Gattung der eindeutigen Beweispartien unglaublich weiterentwickelt.

Das heißt aber nicht, dass Aufgaben aus jener Zeit nach heutigem Maßstab „schwach“ sein müssen: Auch damals haben die Könner schon tolle Aufgaben gebaut!

Einer diese Könner ist Gerd Wilts, der leider u.a. wegen seines unglaublichen Engagements für die PDB (richtig: Familie und Beruf hat er auch noch …) viel zu selten zum Komponieren kommt. Aber all seine Aufgaben sind sehenswert, kann ich versichern, so natürlich auch die heutige.

Gerd Wilts
feenschach 2003, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+10)

 

Der letzte Zug der Beweispartie ist schon klar: 23.Txd8# — nur ist noch nicht klar, was auf d8 geschlagen wurde. Wenn wir uns die Stellung ein wenig anschauen, fällt sofort auf, dass nur zwei schwarze Züge im Diagramm zu sehen sind; bei Weiß hingegen lohnt es zu zählen: 3+1+5+2+2+9=22 — ein weißer Zug ist noch übrig. Aber reichen 22 Züge wirklich? Das würde voraussetzen, dass wir Tc1xc8xd8# und Th6-c6 spielen. Dafür müsste [Bc7] durch [Bb2] geschlagen worden sein, [Bc2] irgendwie von Schwarz. Um dann aber die drei Bauernschläge am Königsflügel auf schwarzen Feldern hinzubekommen, muss sehr früh Th6-c6 erfpgen, das aber geht erst, wenn schon der weiße Turm auf c8 und der Bauer auf c7 steht.

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Retro der Woche 14/2018

In dieser Woche erhielt ich den Preisbericht des Gligor Denkovski Gedenkturniers, das von seinem Sohn Igor organisiert worden war. Zu den drei ausgeschriebenen Rubriken gehörten auch Beweispartien, die sowohl typische Retro-Themen als auch solche, die eher für andere Problemgattungen typisch sind, zeigen sollten.

Preisrichter Kostas Prentos zeichnete vier von zwölf eingesandten Aufgaben aus; von der Preis-Aufgabe bin ich ebenso begeistert wie er.

Michel Caillaud
Gligor Denkovski Gedenkturnier 2018, Preis
Beweispartie in 17 Zügen (13+15)

 

Die 1+3 Doppelbauern im Diagramm erklären die 3+1 fehlenden Steine, wobei nicht ersichtlich ist, ob Bf3 nun von e2 oder g2 kommt. Erinnert ihr euch an das letzte Retro der Woche? Da stellte sich am Anfang die selbe Frage! Klar ist aber, dass [Bc2] fehlt und sich auf c8 umwandeln musste, um geschlagen werden zu können oder einen geschlagenen weißen Offizier zu ersetzen. Bei Schwarz fehlt ein Turm (vermutlich [Th8], da am Zug-sparsamsten), der auf f3 geschlagen wurde. Damit zählen wir die schwarzen Züge: 2+3+2+2+2+6=17.

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Retro der Woche 10/2018

Hans Gruber leitete seinen Probleemblad Retro-Preisbericht für 2015-2016 wie folgt ein: „The tournament was very strong, most problems were on a quite high level, many proof games were outstanding. The prizewinners are exceptional, and the only drawback was that they competed against each other.“

Da können wir natürlich in seinem Bericht hervorragende Aufgaben erwarten, und heute möchte ich euch gleich den ersten Preis dieses Turniers vorstellen.

Michel Caillaud
Probleemblad 2015-2016, 1. Preis
Beweispartie in 26 Zügen (14+12)

 

Preisrichter Hans Gruber: „A fascinating proof game, showing an unbelievably complex theme in a wonderful and beautiful setting.“ Von dem Thema ist auf den ersten Blick noch nichts zu erahnen, die Stellung verrät noch nicht allzu viel. Auf beiden Seiten ist genau ein Bauernschlag zu sehen, nämlich hxg3 bzw. hxg6. Das Zählen der sichtbaren schwarzen Züge ist damit auch schon beendet, und auch das bei Weiß bringt uns noch nicht viel weiter: 1+2+4+4+4+4=19 — da bleiben also noch sieben übrig.

Auffällig ist allerdings der fehlende [Lc8], der offensichtlich zu Hause geschlagen werden musste. Dass darüber hinaus auch [Dd8], [Th8] und [Bc7] verschwinden mussten, nehmen wir erst einmal zur Kenntnis, ohne noch zu ahnen, ob uns das weiterhelfen kann.

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Retro der Woche 02/2018

Das Beweispartien-Informalturnier von StrateGems 2015 war ein echtes Silvio-Baier-Festival. Drei der vier Preise (außer dem dritten, den Andrej Frolkin erhielt) gingen an Silvio; ebenso vergab Richter Thierry Le Gleuher die 2. und eine der beiden 4.-5. ehrenden Erwähnungen an ihn.

Heute habe ich davon den 4. Preis ausgesucht, der mir wegen seiner tollen Eleganz besonders gut gefällt. Das heißt nicht, dass ich als Richter eine andere Reihenfolge festgelegt hätte: Seine Aufgaben auf Platz 1 und 2 sind absolute Meisterwerke höchster Komplexität — da war Eleganz auch nicht Hauptziel der Komposition.

Sivio Baier
StrateGems 2015, 4. Preis
Beweispartie in 27,5 Zügen (12+16)

 

Etwas genaues Hinschauen aufs Diagramm kann man schon eine Menge über die Lösung erfahren: Bei Weiß fehlen genau vier Bauern, schwarz ist komplett. Bei Schwarz sind vier Bauernschläge sichtbar — aber weiße Bauern konnten damit nicht geschlagen werden, denn auf den Linien der fehlenden Bauern stehen keine schwarzen Kollegen — und die weißen Bauern konnten ihre Linien nicht verlassen, da sie keine Schlagobjekte hatten.

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