Retro der Woche 33/2019

Von den 83 Retros im neuen FIDE-Album hatten zwei die „Höchstnote“ von 12 Punkten erreicht: Das eine stammt von Dmitrij Bajbikov (Retro der Woche 27/2016) und war schon über das WCCI ins Album gekommen, das zweite von Nicolas Dupont und Silvio Baier. Diese Aufgabe hatte ich, auch welchen Gründen auch immer, euch hier noch nicht vorgestellt. Das soll, muss natürlich nachgeholt werden!

Nicolas Dupont & Silvio Baier
Die Schwalbe 2015 (M. Caillaud gewidmet)
Beweispartie in 34 Zügen (11+12)

 

Sofort fällt der Damenflügel auf: Schwarz verfügt über alle Offiziere der Partieausgangsstellung, aber die weißen Trippelbauern auf der a-Linie können keinen schwarzen Bauern [Ba7]-[Bc7] geschlagen haben. Ähnlich schaut es mit den schwarzen Bauern auf a6 und b6 aus, allerdings fehlt bei Weiß ein Springer. So müssen wir aber auch von mindestens einer weißen Umwandlung ausgehen.

Spannend ist dann natürlich, was mit den sieben fehlenden Bauern auf dem Königsflügel passiert ist: Die müssen ja irgendwie verschwunden sein. Klar ist, dass sich der eine oder andere umgewandelt haben muss.

Zählen wir zunächst einmal die sichtbaren weißen Züge: 3+1+2+3+1+4=14 – 20 Züge sind also noch frei. Bei Schwarz haben wir 2+1+2+2+5+2=14 – auch noch 20 freie Züge.

Nun, das könnte vielleicht darauf hindeuten, dass beide Parteien dreimal umgewandelt haben und sich dann auf dem Damenflügel von diesem Ballast befreit haben: Die beiden Autorennamen machen diesen Gedanken ja nicht völlig unplausibel. Das ist dann aber nicht leicht zu knacken, da es doch eine Menge von Alternativen gibt, die aber alle bis auf eine (das Stück ist Computer-geprüft) scheitern.

Und auch die Löser in der Schwalbe fanden es nicht leicht zu lösen, so kommentierte Torsten Linß: „Schwerstarbeit. Schlüssel ist natürlich das Manöver des sBd7 mit Schlag eines erwandelten wL auf c4, Weitermarsch nach b1, dort Umwandlung in sS und Opfer auf a3. Bei ansonsten klarem Spiel bei Weiß stellt sich die Frage, wer sich auf b3 opfert? f1=T-f3-b3? f1=D-f7-b3? Nein! h1=L-d5-b3. Das hat reichlich Schweiß gekostet.“

Das verrät zumindest schon etwas der Lösung; vielleicht wollt ihr euch aber doch noch Lösegedanken machen, bevor ihr die Aufgabe nachspielt?

Lösung

Dies war zu der Zeit erst die zweite Darstellung einer sechsfachen Ceriani-Frolkin-Umwandlung: Die Erstdarstellung stammt von Michel Caillaud, Europe Echecs 1994 (!!); siehe Retro der Woche 27/2016. Aber dieses Stück ist viel mehr als „nur“ ein fantastischer Task: Ich finde nicht nur die Ausgewogenheit der Umwandlungen bei Weiß und Schwarz, sondern auch deren Reihenfolge — auf beiden Seiten „absteigend“ Turm, Läufer und Springer — sehr beeindruckend. Die Aufgabe hat meiner Meinung nach die zwölf Album-Punkte absolut verdient.

3 thoughts on “Retro der Woche 33/2019

  1. Vielen Dank an Thomas fürs Zeigen. In der Tat waren wir sehr stolz, dass uns das nach über einem Jahr Bauzeit geglückt ist. Wir hatten lange mit Ke2-f3 probiert (f1=L-c4-b3 und h1=T-h4-a4), weil damit die Umwandlungen durch die Stellung des weißen Königs festgelegt ist. Das war aber immer kaputt. Erst die Idee Ke2-d3 brachte Erfolg, wobei noch der Trick Sb8-a6-c7-a8 nötig war; ansonsten wären immer auch Nebenlösungen der Art Lf1-a6, e8=L-b5 und f1=D-f7-b3 (mit Schachschutz auf f7) möglich gewesen. So aber muss Sa6-c7 vor dem Schlag auf a6 geschehen sein und das wiederum nach c:b6.
    Auf a6 und b6 konnten keine weißen Bauern geschlagen werden. Also musste Weiß zweimal umwandeln. Für einen Schlag eines schwarzen Bauern (Bd7:c:b und c:b3/4) müsste Weiß ein weiteres Mal umwandeln und den Sb1 ziehen. Das geht aus Zeitgründen nicht. Also musste auch Schwarz dreimal umwandeln. Bei noch 5 freien Zügen musste mindestens ein schwarzer Stein von der Umwandlungsreihe auf sein Schlagfeld gelangen. Das geht nur von b1 aus (Sa3 oder D/Tb4. Damit sind die 3+3 Umwandlungen klar, wobei auch bei Weiß ein Umwandlungsstein nur einen Zug Zeit hat.
    Die gleiche Umwandlungsreihenfolge ist mir bislang noch gar nicht aufgefallen. Ich halte das auch für nicht so wichtig, finde aber natürlich auch nicht störend, dass es so ist.

    • Silvios Hinweis auf die gleiche Umwandlungsreihenfolge finde ich höchst interessant! Sie ist sicher nicht wichtig für die Frage „Reif fürs Album oder nicht?“, aber für mich als Richter (ich war ja auch beim 2013-2015 Album Retro-Direktor, und da musste/durfte ich diese Aufgabe auch bepunkten, da Mitautor Nicolas Richter war) können dann solche „Kleinigkeiten“ wie hier die perfekte Harmonie des weißen und schwarzen Spiels den Unterschied zwischen 3,5 und 4 Punkten machen — und genau das war für mich der Grund, letztendlich hier 4 Punkte (und nicht „nur“ 3,5) zu geben.

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