Retro der Woche 34/2019

Bleiben wir noch ein wenig beim neuen FIDE-Album: Gerade die Lösungen vieler klassischer Retros sind dort nur relativ knapp gehalten -– auch bei fast 700 Seiten gibt es halt irgendwann einmal Platzprobleme…

Aus dem Schwalbe-2015 Jahrgang haben einige Stücke den Weg ins Album gefunden (zum Beispiel das Retro der Woche 33/2019), und auch das heutige Stück stammt aus diesem Jahrgang.

Michel Caillaud
Die Schwalbe 2015
Löse auf!(13+14)

 

Das Schachgebot gegen den schwarzen König kann nur durch f2xXg3+ entstanden sein. Bei Schwarz fehlen Turm und Dame, daher muss X=Turm sein, denn die schwarze Dame kann nicht auf g3 gestanden haben: Schwarz hat alle drei fehlenden weißen Steine ([Ba2], schwarzfeldriger Läufer und Springer) mit seinen Bauern geschlagen (axbxc und exd), somit wäre ein Schachgebot der schwarzen Dame auf g3 nicht zu erklären.

Neben f2xTg3+ sehen wir dann auch sofort g5xDf6 — das kann erst zurückgenommen werden, wenn sBg2 wieder mindestens auf g6 steht.

Die schwarzen Schlagfälle können einen direkten Schlag des [Ba2] nicht erklären, der muss sich also (schlagfrei) auf a8 umgewandelt haben.

Nun erkennen wir auch, wie der riesige Ost-Käfig nur aufgelöst werden kann:

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Retro der Woche 33/2019

Von den 83 Retros im neuen FIDE-Album hatten zwei die „Höchstnote“ von 12 Punkten erreicht: Das eine stammt von Dmitrij Bajbikov (Retro der Woche 27/2016) und war schon über das WCCI ins Album gekommen, das zweite von Nicolas Dupont und Silvio Baier. Diese Aufgabe hatte ich, auch welchen Gründen auch immer, euch hier noch nicht vorgestellt. Das soll, muss natürlich nachgeholt werden!

Nicolas Dupont & Silvio Baier
Die Schwalbe 2015 (M. Caillaud gewidmet)
Beweispartie in 34 Zügen (11+12)

 

Sofort fällt der Damenflügel auf: Schwarz verfügt über alle Offiziere der Partieausgangsstellung, aber die weißen Trippelbauern auf der a-Linie können keinen schwarzen Bauern [Ba7]-[Bc7] geschlagen haben. Ähnlich schaut es mit den schwarzen Bauern auf a6 und b6 aus, allerdings fehlt bei Weiß ein Springer. So müssen wir aber auch von mindestens einer weißen Umwandlung ausgehen.

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Retro der Woche 32/2019

In der letzten Woche hatte ich kurz das Stichwort „Autoren-Lösen“ angesprochen, und da möchte ich heute anhand eines Beispiels näher drauf eingehen.

Wenn ich eine Aufgabe von Tom Volet aus New York sehe, schaue ich sofort nach Möglichkeiten für Schachschutz: Das ist ein besonders beliebtes Thema von ihm, das er in immer neuen Variationen zu bearbeiten vermag.

Thomas Volet
Phénix 2005
Löse auf! (14+12)

 

Betrachten wir zunächst aber die Schlagbilanz: Die beiden fehlenden weißen Türme wurden auf c6 und h6 von schwarzen Bauern geschlagen.

Bei Weiß sehen wir vier Schlagfälle: cxb, zweimal bxa sowie f5xe6; damit sind auch die fehlenden schwarzen Steine (Dame, zwei Springer sowie [Bf7]) erklärt. Der fehlende schwarze Bauer konnte nicht direkt geschlagen werden, er muss sich also schlagfrei auf f1 umgewandelt haben.

Auffällig ist auch, dass kein König im Schach steht und trotzdem offen gelassen ist, wer mit der Rücknahme beginnen muss.

Allerdings sehen wir bei genauerem Hinschauen, dass Schwarz im Diagramm nur die Rücknahmemöglichkeit g7xTh6 hat, und danach wäre er endgültig retropatt.

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Retro der Woche 31/2019

Bleiben wir noch etwas bei dem Schwalbe-Preisbericht 2016 von Preisrichter Henrik Juel: nach der ersten ehrenden Erwähnung in der letzten Woche möchte ich euch heute die direkt dahinter platzierte Aufgabe vorstellen.

Jorge Joaquin Lois & Roberto Osorio
Die Schwalbe 2016, 2. ehrende Erwähnung
a) letzter Zug? b) Beweispartie in 25 Zügen (14+13)

 

Das ist schon mal eine recht ungewöhnliche, originelle „Doppelforderung“ -– von „Zwillingsbildung“ will ich in diesem Falle nicht unbedingt sprechen. Wenn die Frage nach dem letzten Zug eindeutig beantwortet werden kann, ist dies natürlich auch der letzte Zug der Beweispartie. Anders herum stimmt diese Überlegung nicht unbedingt: Der letzte Zug einer Beweispartie muss nicht ein eindeutig letzter Zug für die Stellung sein: Ohne den Zeitdruck der Beweispartie kann es meist auch andere letzte Züge geben.

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Retro der Woche 30/2019

In der letzten Woche hatten wir hier eine Auflöse-Aufgabe von Andrej Frolkin und Joaquim Crusats betrachtet, heute möchte ich euch eine Beweispartie von Andrej zeigen, die im Schwalbe-Informalturnier 2016 von Preisrichter Henrik Juel die erste ehrende Erwähnung erhielt und die mir schon bei der Veröffentlichung sehr gut gefallen hatte.

Andrej Frolkin
Die Schwalbe 2016, 1. Ehrende Erwähnung
Beweispartie in 23.5 Zügen (12+15)

 

Sofort fällt bei Weiß der Platzwechsel von Läufer und Turm auf, und auch bei Schwarz ist in dieser Hinsicht offensichtlich etwas passiert: Springer, Dame, Läufer und Turm haben zyklisch „jeweils zwei Felder nach rechts“ (wobei der Turm natürlich „links“ landet) ihre Plätze getauscht. Das ist sehr hübsch und hilft meistens beim Lösen.

Für die Lösungsfindung ist aber auch die Schlagbilanz wieder sehr hilfreich: Schwarz hat drei der vier fehlenden weißen Steine mit den Bauern b6, c6 und d6 geschlagen. Irgendwie müssen aber neben der weißen Dame auch die [Be2], [Bf2] und [Bg2] verschwunden sein.

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Retro der Woche 29/2019

In den letzten beiden Retros der Woche hatte ich den zweiten Preis der Beweispartien-Abteilung und den ersten Preis der sonstigen Retro-Abteilung vorgestellt. Heute möchte ich aus diesem Jahrgang eine Aufgabe vorstellen, die nicht ausgezeichnet wurde – vielleicht, weil sie ursprünglich inkorrekt erscheinen, dann aber korrigiert wurde. Der Preisrichter benennt diese Aufgabe nämlich nicht in der Übersicht der zu betrachtenden Aufgaben. Darum betrachten wir sie hier… (Bei der Lösungsangabe orientiere ich mich stark an der von Andrej Frolkin.)

Andrej Frolkin & Joaquim Crusats
StrateGems 2017
Letzte 7 Einzelzüge? (12+12)

 

Man sieht sofort, dass der schwarze König im Schach steht. Also hat Weiß zuletzt gezogen, und dieser letzte Zug muss, möglichweise schlagend, Da1-d1+ gewesen sein.

Auffällig sind natürlich sofort die drei weißen Damen – und da Weiß noch über sechs Bauern verfügt, müssen neben der Originaldame die anderen weißen Offiziere auch Originalsteine sein; speziell La7 kommt von c1.

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Retro der Woche 28/2019

Ich bleibe auch diese Woche beim Retro-Preisbericht für 2017 aus StrateGems: In der letzten Woche hatte ich den 2. Preis der Beweispartie-Abteilung vorgestellt, heute ist der (einzige) Preis der (sonstige) Retros-Abteilung an der Reihe.

Recht typisch für die aktuelle Situation bei Nicht-Beweispartie-Retros ist, dass hier Anticirce-Verteidigungsrückzüger dominant sind: Sie erhielten in diesem Bericht vier der fünf Auszeichnungen.

Dmitrij Baibikov
StrateGems 2017, 1. Preis
-38 & #1, VRZ Proca Anticirce (1+4)

 

Wir erinnern uns: Bei Anticirce verschwindet bei einem Schlag das Opfer; der Täter hingegen wird auf seinem Partieanfangsfeld circensisch wiedergeboren. Damit kann hier der weiße König den schwarzen im direkten Kontakt mattsetzen, wenn e1 frei (für die Rücksetzung, damit überhaupt ein Schachgebot vorliegt) und e8 besetzt ist (ansonsten wäre das ein illegales Selbstschach des weißen Königs, der dann ja selbst geschlagen werden könnte) –- und der schwarze König natürlich kein Fluchtfeld hat.

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Retro der Woche 27/2019

Für diesen wieder als so hochsommerlich angekündigten Sonntag habe ich eine relativ kurze, nicht ganz so schwere, aber sehr elegante Aufgabe herausgesucht: Sie entstammt dem Retro-Preisbericht für 2017 aus StrateGems; auf diesen Bericht hatte ich ja schon hingewiesen.

Nicolas Dupont
StrateGems 2017, 2. Preis
Beweispartie in 18 Zügen (13+14)

 

Bei Weiß sehen wir ob der Homebase-Stellung sofort, welche Steine fehlen: [Ba2], [Be2] und [Lf1]. Bei Schwarz fehlen auch zwei Bauern, wir wissen aber noch nicht, welche das sind.

Allerdings lohnt es sich hier, im Gegensatz zu Weiß, die sichtbaren schwarzen Züge zu zählen: Da sehen wie 1+0+4+2+6+5=18 – alle schwarzen Züge sind im Diagramm bereist erschöpft.

Das hilft uns bei der Lösungsfindung schon deutlich weiter, wir können nämlich gleich zwei wichtige Schlüsse daraus ziehen.

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