Retro der Woche 31/2020

Ein wenig habe ich meine Planung für den heutigen Beitrag über den Haufen geworfen (d.h. etwas verschoben), als in dieser Woche der (vorläufige) Preisbericht des 8. FIDE-Turniers für die Retro-Abteilung erschienen war. Preisrichter Nicolas Dupont war von der Qualität mancher der 21 Einsendungen offenbar enttäuscht; dies gilt aber garantiert nicht für dieses Stück, das er als klaren Sieger des Turniers bezeichnet.

Mark Kirtley
8. FIDE Worldcup 2020, 1. Preis
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+14)

 

Schon rein gefühlsmäßig sehen wir, dass uns das Zählen der sichtbaren Züge nicht allzu sehr weiterbringen wird, da auf beiden Seiten viele Züge nicht erklärt werden können.

Um so spannender ist es dann natürlich, nach anderen, „verräterischen“ Stellungsmerkmalen Ausschau zu halten –- und das können hier die sichtbaren Schläge durch Weiß sein; Schläge durch Schwarz können wir anhand der Bauernstruktur noch überhaupt nicht identifizieren.

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Königin der Hilfsrückzüger

Im Jahr 1907 veröffentlichte Edith Elina Helen Baird (damals als „Mrs. W. J. Baird“ zitiert nach dem Namen ihres Ehemannes) nicht ihr erstes Problemschachbuch (das war „Seven Hundred Chess Problems“ aus dem Jahr 1902), aber das erste Retrobuch überhaupt: „The Twentieth Century Retractor“, ein wunderschön gestaltetes Buch, das beinahe an mittelalterliche Handschriften erinnert. Darin stellte sie überwiegend Hilfsretraktoren vor, wo also Weiß und Schwarz (im Gegensatz zu den erst 15 Jahre später erfundenen Verteidigungsrückzügern) kooperieren, dass Weiß die Vorwärtsforderung erfüllen kann.

Im heutigen Beispiel kann man kaum von schwarzer Hilfe sprechen, da er gar nicht zieht, hier haben wir also ein Beispiel vor uns, in dem allein Weiß aktiv ist.

Edith E. H. Baird
British Chess Magazine 1902
Weiß nimmt zurück, dann #1 (7+6)

Wie üblich bringe ich hier die Lösung in etwa einer Woche!

 

… Und die sollte nicht allzu schwer gewesen sein?!

Lösung

Weiß nimmt Lh4xBg5 zurück, und nun sieht man, dass Schwarz zuletzt g7-g5 gezogen haben muss: Dies ist offensichtlich der einzig mögliche Zug des [Bg7] und alle anderen schwarzen Steine können nicht zurücknehmen; der sK deswegen nicht, da die Schachgebote gegen ihn nicht zurückgenommen werden könnten.

Also kann Weiß vorwärts 1.f5xg6ep# spielen.

Retro der Woche 30/2020

Ursprünglich fälschlich zum zweiten Mal als „RdW 29/2020“ überschrieben.

Vor zwei Wochen hatte ich hier das erstplatzierte „Sonstige Retro“ aus dem StrateGems Jahresturnier 2019 vorgestellt; wie angekündigt soll nun der erste Preis der Beweispartien folgen.

Michel Caillaud
StrateGems 2019, 1. Preis
Beweispartie in 28 Zügen (12+15)

 

Betrachten wir zunächst einmal die Schlagfälle: Bei Weiß fehlen drei Bauern sowie die Dame, bei Schwarz nur ein Bauer. Zweimal (mit [Bb7] und [Bd7]) hat Schwarz auf die c-Linie geschlagen, und zweimal hat auch [Ba7] auf seinem Weg nach a2 geschlagen: Bei Schwarz fehlt ja nur ein Bauer, daher kann Weiß nicht zweimal geschlagen haben (entweder a2xb3xa4 oder ein Kreuzschlag auf a und b), um Ba2 durchzulassen.

Damit sind einerseits alle schwarzen Schläge geklärt, und andererseits wissen wir, dass der fehlende schwarze Bauer nicht geschlagen haben kann, er muss also auf der h-Linie geschlagen worden sein.

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Längstzüger

Die „Längstzüger“ Bedingung stammt schon aus dem Jahr 1913 und wurde von Thomas R. Dawson (wem sonst??) erfunden; sie wird im Schwalbe-Lexikon so definiert: „Von den normal möglichen Zügen unter Beachtung von Schachgeboten und illegalen Selbstschachs muss Schwarz den geometrisch jeweils längsten Zug machen; zwischen gleichlangen Längstzügen kann er frei wählen…“

Diese Bedingung wird häufig zusammen mit Selbstmatts angewendet, führt aber auch bei Retroaufgaben zu interessanten Effekten — hier wird natürlich angenommen, dass die Bedingung auch schon in den letzten Zügen vor Erreichen der Diagrammstellung galt.

Versucht euch heute doch einmal an dem Verteidigungsrückzüger-Wenigsteiner; die Lösung veröffentliche ich hier wie immer in einer Woche.

Robert Lürig
Die Schwalbe 1933
#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca, Längstzüger (3+1)

 

 

 

Lösung

Satz: 1.g7#.

R: 1.Bh5xBg6! erzwingt 1.– Bf7xSg6 (ohne Springer auf g6 wäre f7-f5 länger gewesen!) 2.Se5-g6 (leider auch 2.Se5xSg6) und vor: 1.Sxf7#

Die drei anderen, gleichzeitig vom Autor veröffentlichten Längstzüger-Procas waren nebenlösig, in der Schwalbe hieß es 1934 dazu: „Das neue Gebiet ist mit Wolfsgruben durchsetzt und Fußangeln gespickt!“; die NL-Gefahr ist riesig.

Retro der Woche 29/2020

Am letzten Dienstag haben wir an dieser Stelle Dmitri Pronkin zum 60. Geburtstag gratuliert, und heute möchte ich euch von ihm eine weitere Aufgabe aus der Pionierzeit der Beweispartie vorstellen, die mir auch heute noch mehr als reizvoll erscheint.

Dmitri W. Pronkin
Themes-64 1985-1986, 1. Preis
Beweispartie in 23,5 Zügen (14+16)

 

Schwarz ist noch mit allen Mann an Bord vertreten, bei Weiß fehlen zwei Bauern; da sie nicht geschlagen haben können, sind dies [Bb2] und [Bg2]. Die aber können nicht direkt geschlagen worden sein, sondern müssen umgewandelt haben, um sich entweder auf der sechsten Reihe geopfert zu haben oder den Originalstein zu ersetzen, der dort geschlagen wurde.

Mindestens ein Originalstein musste geschlagen werden, denn anders kann ja zumindest der erste Bauer nicht zur Umwandlung gekommen sein.

Zählen wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge, wobei wir die schwarze lange Rochade voraussetzen, da sie das Herausspielen signifikant beschleunigt: Das sind 4+3+3+6+1+3=20 — drei Züge sind also frei?!

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R.I.F.A.C.E 2020 Retroturnier

Gestern hatte ich angekündigt, dass ihr her die Ausschreibung zum diesjährigen R.I.F.A.C.E Retroturnier hier findet: Gefordert sind „klassische“ Retros mit der Kamikaze Rex inclusive Bedingung.

„Externe“ dürfen dazu bis Montag (13. Juli 2020, 15:00 Uhr) eine Aufgabe einsenden an abrobecker(at)yahoo.com.

Viel Spaß und Erfolg beim Komponieren; den Preisbericht werdet ihr sicher auch hier finden!

Nachtrag 11.7.2020 12:57:
Alain Brobecker teile gerade mit, dass seine Beispielaufgabe gekocht worden sei; ich habe die Ausschreibung nun ausgetauscht.

R.I.F.A.C.E. 2020

Das Treffen der französischen Problemisten musste wegen Corona vom traditionellen Pfingstwochenende auf dieses verschoben werden.

Traditionell ist auch immer ein Retro-Kompositionsturnier, das auch für Nicht-Teilnehmer offen ist; es startet am morgigen Samstag (11.7.2020) um 10:00 Uhr.

Dann werdet ihr auch hier die Ausschreibung finden!

Dmitri Pronkin 60

Heute feiert einer der Pioniere der Beweispartien einen runden Geburtstag: Der Ukrainier Dmitri Pronkin vollendet heute sein 60. Lebensjahr; herzlichen Glückwunsch dazu!

Schon lange habe ich keine neue Aufgabe mehr von Dmitri gesehen, und über sein Leben – er hat zumindest eine Zeitlang auch in Deutschland gelebt – ist mir quasi nichts bekannt.

Dafür sind seine Aufgaben allesamt auch heute noch anschauens- und lösenswert: Wer verbindet mit seinem Namen nicht ein sehr fruchtbares Beweispartien-Thema – und wer kennt nicht seinen gemeinsam mit Andrej Frolkin gebauten Längenrekord aus dem Jahr 1989 P0000136?

Den solltet ihr zur Feier das Tages sowieso genießen, und bei einem Gläschen Bier/Wein/Whisky/Mineralwasser je nach Präferenz die folgende Aufgabe lösen: ein granidioser Zwilling!

Dmitri W. Pronkin
Die Schwalbe 1985, 1. Preis
Beweispartie in 12,5 Zügen, zwei Lösungen (15+14)

 

Viel Spaß beim Lösen; wie immer findet ihr die Lösung hier in etwa einer Woche.

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Lösung

Großartig : 2x Pronkin-Thema, Homebase, einmal mit, einmal ohne Rochade. Was würde Franz Beckenbauer sagen? „It‘ a classic!“