Längstzüger

Die „Längstzüger“ Bedingung stammt schon aus dem Jahr 1913 und wurde von Thomas R. Dawson (wem sonst??) erfunden; sie wird im Schwalbe-Lexikon so definiert: „Von den normal möglichen Zügen unter Beachtung von Schachgeboten und illegalen Selbstschachs muss Schwarz den geometrisch jeweils längsten Zug machen; zwischen gleichlangen Längstzügen kann er frei wählen…“

Diese Bedingung wird häufig zusammen mit Selbstmatts angewendet, führt aber auch bei Retroaufgaben zu interessanten Effekten — hier wird natürlich angenommen, dass die Bedingung auch schon in den letzten Zügen vor Erreichen der Diagrammstellung galt.

Versucht euch heute doch einmal an dem Verteidigungsrückzüger-Wenigsteiner; die Lösung veröffentliche ich hier wie immer in einer Woche.

Robert Lürig
Die Schwalbe 1933
#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca, Längstzüger (3+1)

 

 

 

Lösung

Satz: 1.g7#.

R: 1.Bh5xBg6! erzwingt 1.– Bf7xSg6 (ohne Springer auf g6 wäre f7-f5 länger gewesen!) 2.Se5-g6 (leider auch 2.Se5xSg6) und vor: 1.Sxf7#

Die drei anderen, gleichzeitig vom Autor veröffentlichten Längstzüger-Procas waren nebenlösig, in der Schwalbe hieß es 1934 dazu: „Das neue Gebiet ist mit Wolfsgruben durchsetzt und Fußangeln gespickt!“; die NL-Gefahr ist riesig.

Zufälle

Manchmal gibt es schon verrückte Zufälle! Das letzte Retro der Woche hatte ich wegen Andernach schon eine Woche vorher geschrieben. Und am Mittwoch vor der Veröffentlichung flatterte mir das Mai-Heft von The Problemist ins Haus – mit gleich drei monochromen Retros!

Eines davon, das im Heft gründlich besprochen wurde, möchte ich kurz vorstellen:

Andrew Buchanan
The Problemist 2017, Yoav Ben-Zwi gewidmet
Letzter Zug? monochromes Schach (2+1)

 

Hier gilt implizit die „Dead Reckoning“ Regel, die auf Artikel 5.2b der FIDE-Schachregeln basiert: Kann ein Remis nicht mehr verhindert werden, endet die Partie automatisch und sofort; weitere Züge sind nicht mehr legal.

Mit dem vorhandenen Material kann Weiß nicht mattsetzen, die Stellung ist also remis. Also muss im letzten Zug entschlagen worden sein – und zwar so, dass die „andere Seite“ zumindest noch theoretische Gewinnmöglichkeiten hatte.

KxS, egal welcher Seite, scheidet aus, da die Stellung schon vorher remis war. KxL scheidet aus, da der Umwandlungszug unmöglich war: Kb7xLa8 geht nicht, da der letzte weiße Zug Bb7xXa8+ gewesen sein müsste – der scheidet aber aus, da b7 besetzt war. Dieses Argument zieht eigentlich auch für wKb2xLa1, aber diese Stellung wäre remis gewesen.

Ebenso scheidet beispielsweise Kb2xDa1 aus: Weiß hätte gar keine andere Zugmöglichkeit gehabt als die Dame zu schlagen und damit eine Remisstellung (nämlich die Diagrammstellung) herbeizuführen. Nach der Dead Reckoning Regel wäre die Stellung also schon VOR dem Schlag remis gewesen, der Schlag also gar nicht zulässig.

Bleibt also nur der Entschlag eines Turms übrig: K+T gegen K ist im monochromen Schach remis, da der König seinem Gegenüber kein Fluchtfeld nehmen kann. Also scheidet wKb2xTa1 als letzter Zug wegen Dead Reckonig aus, also hat Schwarz entschlagen: R Kb7xTa8.

[Th1] konnte niemals nach a8 gelangen, also wurde auf a8 ein Umwandlungsturm entschlagen. Eine extrem sparsame Darstellung des Ceriani-Frolkin-Themas – genauer gesagt gar des Prentos-Themas, da der Umwandlungsstein nicht von einem Bauern geschlagen wurde.

Wer hätte das bei nur drei Steinen auf dem Brett vermutet?

Urlaubsgruß

Langsam beginnt die Zeit der Sommerferien, und hier trudelte bereits der erste Urlaubsgruß von der dänschen Insel Fanø ein: Andreas Thoma genießt mit seiner Frau dort die Ferien und grüßt alle Leser des Blogs mit einer Aufgabe, mit der er gleichzeitig an Wolfgang Dittmann erinnern will, der morgen seinen 82. Geburtstag hätte feiern können (14.6.1933–5.2.2014).

Andreas Thoma
Urdruck — Wolfgang Dittmann zum Gedenken
-2 & #1, VRZ Klan, Anticirce Cheylan (3+1)

 

Ihr erinnert euch: Beim Verteidigungsrückzüger Typ Klan, der ja hier im Blog das Licht der Welt erblickte, bestimmt immer Weiß, ob und wenn ja welcher Entschlag zurückgenommen wird. Und bei Anticirce wird nach dem Schlag der Schläger auf seinem circensischen Ursprungsfeld wiedergeboren; ist das besetzt, ist der Schlag nicht möglich. Beim Typ Cheylan ist ein Schlag auf das eigene Ursprungsfeld nicht erlaubt, hier wird das Ursprungsfeld als besetzt angesehen.

Klar ist, dass Weiß, um mattsetzen zu können, das Feld e8 unter Kontrolle bekommen muss, sonst könnte sich Schwarz immer z.B. mittels KxBb3[Ke8] verteidigen — gleichzeitig benötigt Weiß noch einen Mattstein. Beides erreicht er mittels R 1.Kc6xBb7[Ke1] Schwarz muss nun irgendwie das Schachgebot gegen den weißen König aufheben, das geht nur durch einen Entschlag durch den Bauern, der dann auf b7 wiedergeboren wurde, also z.B. 1.– Ba7xXb6[Bb7]+. Weiß setzt eine Dame ein, deckt nun mit seiner Rücknahme das Ursprungsfeld des schwarzen Königs und schlägt im Vorwärtsspiel nun mit der Dame den schwarzen Bauern; die Dame wird auf d1 wiedergeboren und setzt matt, also 2.Kd7-e6 & vor: 1.DxB[Dd1]#.

Ein hübscher Kindergarten-Wenigsteiner! Und nun überlegt einmal, warum nur der Entschlag auf b7 funktioniert — woran scheitert etwa R 1.Ke6xBf7[Ke1]??