Für zwischendurch (7)

Beweispartien mit mehr als einer Lösung finde ich immer sehr spannend: Da ja hier nicht die Möglicheit besteht, wie etwa im Hilfsmatt einen „Cookstopper“ aufzustellen, sondern alle 32 Steine ja in allen Lösungen erklärt sein müssen, sind solche Aufgaben auch nicht leicht zu bauen.

Eine besonders kurze Beweispartie, die trotzdem nicht den inhaltlichen Zusammenhalt der Lösungen missen lässt, möchte ich euch heute vorstellen.

François Labelle
4 Retro Championnat de France RIFACE 2012
Beweispartie in 4,5 Zügen, zwei Lösungen (15+14)

 

Der Preisrichter bezeichnete François‘ Aufgabe als partiell vorweggenommen durch PDB P1001143 — seht ihr das auch so?

Retro der Woche 44/2015

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahre habe ich den Retro-Preisbericht für den 2008er Jahrgang des niederländischen Probleemblad fertiggestellt, nachdem mich die Redaktion keine zwei Monate vorher gebeten hatte, die Richter-Vakanz für die Jahre 2007 und 2008 zu beenden.

Das war aus meiner Sicht ein bemerkenswertes Turnier: Quantitativ nicht gerade berauschend (nur 18 Aufgaben), aber von so hoher Qualität, dass ich sieben Stücke, also beinahe 40 Prozent, auszeichnen „musste“. Das mittig platzierte Stück möchte ich euch heute zeigen.

Michel Caillaud
Probleemblad 2008, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 23 Zügen (13+13)

 

Bei Schwarz fehlen offensichtlich ein Turm, [Lf8] sowie [Bh7], bei Weiß [Lc1], [Ba2] und [Bh2]. Die drei offensichtlichen Bauernschläge waren dxc6, gxf6 und gxf3.

Das übliche Zählen offensichtlicher Züge hilft uns hier nicht allzu sehr weiter: 4+3+0+3+2=12 bei Weiß, gar nur 0+1+0+2+1+2=6 bei Schwarz. Drum schauen wir nun nach markanten Stellungsmerkmalen.

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Oktober-Schwalbe

Das Oktober-Heft der Schwalbe ist erschienen, und es bietet uns Retro-Freunden eine ganze Menge: (Leider nur) sechs Urdrucke laden euch zum Lösen und Kommentieren ein.

Darüber hinaus gibt es gleich zwei interessante Retro-Artikel: Bernd Gräfrath hat seinen Vortrag beim Schwalbe-Treffen in Aalen „verschriftlicht“, und Günther Weeth stellt interessante Betrachtungen zu Märchenretros (nicht wirklich überraschend mit Schwerpunkt auf Anticirce) an: Viel Spaß bei der anregenden Lektüre!

Glückwunsch!

Herzliche Glückwünsche gehen nach Mülheim an der Ruhr zu Bernd Gräfrath, der heute Geburtstag feiert: Alles Gute für dein neues Lebensjahr und einen schönen Feier-Tag wünsche ich dir im Namen aller Blog-Leser!

Bernd ist ja nicht nur Vorsitzender der Schwalbe, sondern gerade im Retro-Bereich sehr aktiv: Preisrichter, Komponist, Blog-Kommentator, Präsentator der Selected Retros and Proof Games im Problemist — und noch eine ganze Menge mehr.

Aus dem Problemist habe ich eine hübsche Aufgabe von Bernd ausgesucht:

Bernd Gräfrath
The Problemist 2010
Beweispartie in 16 Zügen (16+11)

 

Ok, da muss Weiß ja nur den [Lf8] herausoperieren, und schon kann Schwarz rochieren und dann das überflüssige Holz sicher noch elegant loswerden?!

Das versucht einmal — und dann werdet ihr feststellen, dass es natürlich ganz anders geht:

1.f4 b6 2.f5 La6 3.f6 Ld3 4.exd3 Sa6 5.Dh5 Db8 6.Dxh7 Kd8 7.Dxg8 Kc8 8.Dxf8+ Kb7 9.Dxb8+ Kc6 10.Db7+ Kd6 11.De4 Thf8 12.Dd4+ Ke6 13.Ke2 Kf5 14.g4+ Kg6 15.Lg2 Kh7 16.Le4+ Kg8.

Lustig!

Retro der Woche 43/2015

Das Ceriani-Frolkin-Thema, also der Schlag einer Umwandlungsfigur, ist zur Zeit eines der beliebtesten Themen in Beweispartien. Aber schon der erste Name in der Themenbezeichnung lässt vermuten, dass dies ursprünglich ein Thema der „klassischen Retroanalyse“ ist.

Und richtig, schon Luigi Ceriani hat sich in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts intensiv mit Doppelsetzungen von geschlagenen Umwandlungssteinen beschäftigt — meist einer Farbe.

Um das Ende des letzten Jahrtausends herum hat sich Alexander Kisljak intensiv mit gemischtfarbigen Ceriani-Frolkin-Umwandlungen beschäftigt und in einem Aufsatz in Die Schwalbe 199, Februar 2003, S. 22-24, eine Übersicht über sämtliche Kombinationsmöglichkeiten (wenn man dabei nicht nach Farben unterscheidet, was ich aber bei Auflöse-Aufgaben für nicht so sinnvoll hielte) gegeben; ein Stück aus dieser Serie, das mit besonders gut gefällt, möchte ich daraus vorstellen.

Alexander Kisljak
Phénix 2000
Letzte 32 Einzelzüge? (14+12)

Beginnen wir wie üblich mit der Inventur der Stellung: Bei Schwarz fehlen vier Steine; drei davon wurden durch weiße Bauern geschlagen (g:f3, d:e und c:d), darüber hinaus kann das Schachgebot gegen den schwarzen König nur durch einen Schlag im letzten Zug erklärt werden, und damit sind alle fehlenden schwarzen Steine erklärt.

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Rückkehren

Vor einigen Tagen erschienen auf Julia Vysotskas Märchenschachseite gleich zwei orthodoxe (!) Beweispartien, die Rückkehren von Steinen auf ihr Ursprungsfeld thematisieren.

Mit diesem Hinweis sollten die Aufgaben nicht allzu schwer zu lösen sein; ansonsten findet ihr die Lösungen bei Julia — aber selbst lösen macht viel mehr Spaß!

Joost de Heer
918 juliasfairies.com 8.10.2015, Gligor Denkowski zum Gedenken
Beweispartie in 12,5 Zügen (14+16)

 

 

 

Daniel Novomesky
929 juliasfairies.com 13.10.2015
Beweispartie in 14,0 Zügen (12+14)

 

 

 

 

Welche der Aufgaben gefällt euch besser — und warum?
 

 

Retro der Woche 42/2015

„Proof Games of the Future“, also Beweispartien, in denen mindestens zwei Themen mindestens doppelt gesetzt sind, sind in den letzten Jahren der große Renner, solche Aufgaben landen sehr oft auf den führenden Rängen der Preisberichte renommierter Retrospalten.

Aber vielleicht gerade deshalb freue ich mich über Abwechslung, über hervorragende Beweispartien, die nicht in dieses Grundschema fallen, die aber trotzdem exquisiten Inhalt zeigen.

Ein solches Stück ist die Aufgabe, die ich heute ausgesucht habe.

Eric Pichouron
StrateGems 2011, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 20,0 Zügen (13+12)

 

Bei Schwarz sind wir sehr schnell mit dem Zählen der sichtbaren Züge fertig; bei Weiß lohnt sich die Mühe eher.

Dort kommen wir auf 4+0+4+2+4+7=21 — doch das kann nicht sein, da die Stellung in 20 Zügen erspielt werden muss.

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VRZ Proca und Høeg

Auf der Website von Julia Vysotska hat Andreas Thoma in einem Aufsatz vier Verteidigungsrückzüger-Zwillinge mit dem „Typenwechsel“ Proca und Høeg unter der Bedingung „Anticirce“ vorgestellt. Eine der Aufgaben möchte ich hier zeigen:

Andreas Thoma
Julia’s Fairies, 2.10.2015
#1 vor 2 Zügen, VRZ a) Proca, b) Høeg. Anticirce Typ Cheylan (2+4)

 

Verteidigungsrückzüger und deren Typen wurden z.B. im Retro der Woche 41/2015 erklärt, Bei Anticirce wird der schlagende Stein auf sein (circensisches) Ausgangsfeld versetzt, das Schlagopfer verschwindet. Ist das Partieausgangsfeld des Schlägers besetzt, so ist der Schlag nicht möglich. Dabei wird unterschieden zwischen Typ Cheylan (Ein Stein darf nicht auf sein Ausgangsfeld schlagen, da es ja besetzt ist) und Typ Calvet (Ein Stein darf auf sein Ausgangsfeld schlagen, da es ja nach dem Schlag frei ist).

In unserem Beispiel lautet die Lösung:

a) R 1.1.Kg8xLf7[Ke1] Le8-f7+ 2.Tf5-f8 & vor 1.Kg7#;
b) R 1.Ke2-e1 Bg4xDh3[Bh7] 2.De3-h3 & vor 1.Dh6#

Spannend ist dann immer die Frage, warum die Lösungen nicht „anders herum“ gehen: Beim Typ Høeg würde Schwarz in der a) Lösung einen anderen schwarzen Stein auf f7 einsetzen, der anschließend nicht gezwungen wäre, e8 zu blocken, was erst das Matt durch den weißen König ermöglicht, da der schwarze ja nicht schlagen kann. Und in der b)-Lösung als Proca würde Schwarz iirgendeinen anderen weißen Stein entschlagen, und Weiß hätte kein Matt.

Häufig verwenden die Komponisten den Typ Cheylan einfach deshalb, weil dieser Typ bei Procas etwa vom Programm „Pacemaker“ (Thomas Kolkmeyer) geprüft werden kann. Hier ist der Typ Cheylan aber auch unabhängig davon wichtig, da b) gemäß Typ Calvet unlösbar wäre: Schwarz könnte nach R 1.Ke2-e1 auf e1 einen schwarzen Springer einsetzen und dann 1.– Sf3-e1+ zurücknehmen, ohne dass Weiß etwas entschlagen könnte, somit fehlte ihm der mattgebende Stein.