Retro der Woche 42/2015

„Proof Games of the Future“, also Beweispartien, in denen mindestens zwei Themen mindestens doppelt gesetzt sind, sind in den letzten Jahren der große Renner, solche Aufgaben landen sehr oft auf den führenden Rängen der Preisberichte renommierter Retrospalten.

Aber vielleicht gerade deshalb freue ich mich über Abwechslung, über hervorragende Beweispartien, die nicht in dieses Grundschema fallen, die aber trotzdem exquisiten Inhalt zeigen.

Ein solches Stück ist die Aufgabe, die ich heute ausgesucht habe.

Eric Pichouron
StrateGems 2011, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 20,0 Zügen (13+12)

 

Bei Schwarz sind wir sehr schnell mit dem Zählen der sichtbaren Züge fertig; bei Weiß lohnt sich die Mühe eher.

Dort kommen wir auf 4+0+4+2+4+7=21 — doch das kann nicht sein, da die Stellung in 20 Zügen erspielt werden muss.

Und wirklich, einen Zug können wir einsparen, indem wir die lange Rochade bei Weiß spielen: Egal ob direkt von e1 oder nach langer Rochade über c1 benötigt der weiße König vier Züge nach a4, aber bei langer Rochade landet [Ta1] bereits „kostenlos“ auf d1, sodass die weißen Türme mit nur drei (aktiven) Zügen ihre Position im Diagramm erreichen können.

Aus der weißen Zugknappheit können wir noch weitere Schlüsse ziehen, so etwa, dass die fehlenden weißen Steine (die Dame und zwei Bauern) nicht gezogen haben können, da für sie keine Züge mehr übrig bleiben — sie sind also zu Hause geschlagen worden.

Ferner wissen wir bereits, dass die wD geschlagen worden sein (und der Schläger die Kontrolle über d1 aufgegeben haben) muss, bevor Weiß lang rochieren konnte.

Bisher haben wir uns nur mit den fehlenden weißen Steinen beschäftigt; wir können aber auch schon Rückschlüsse über fehlende schwarze Bauern machen:

So stellen wir fest, dass der [Bb7] vom [Ba2] geschlagen worden ist — warum? Er selbst kann nicht geschlagen haben (welchen der fehlenden weißen Steine hätte er auf deren Heimatfeld schlagen können?), also muss er auf der b-Linie gestorben sein. [Ke1] konnte ihn auf seinem Weg via b2 und b3 nicht schlagen, da hierfür bereits [Bb2] gezogen haben müsste. Wieso kann denn nicht b4xa/c5xb7 erfolgt sein? Nun, dann käme Weiß in Zugnot, weil seine Offiziere ja möglichst schnell ins Spiel kommen müssen.

Ferner sehen wir, dass [Bh7] umgewandelt haben muss; er kann anders nicht verschwunden sein, ebenso [Be7]. [Bf7] kann theoretisch auf f3 geschlagen worden sein, aber wer hat dann auf e2 und d1 geschlagen?

Also muss [Bf7] seinem Kollegen [Be7], aber auch der weißen Majestät den Weg frei gemacht haben, um lang rochieren zu können.

Nun gilt es „nur noch“ zu finden, welche Umwandlungen vorgekommen sind und wo dann die schwarzen Umwandlungssteine verschwunden sind.

Das ist nun nicht mehr allzu schwer, aber auch besonders hübsch, wie ich finde:

1.a4 f5 2.a5 f4 3.a6 f3 4.axb7 fxe2 5.Sf3 exd1=L 6.La6 h5 7.d3 h4 8.Lg5 h3 9.Sbd2 hxg2 10.h4 g1=L 11.Th3 Lh2 12.Sxh2 Lf3 13.Txf3 e5 14.OOO La3 15.bxa3 e4 16.Kb2 e3 17.Kb3 e2 18.Ka4 e1=L 19.Sb3 Lb4 20.Td2 Lf8.

Neben der schwarzen Homebase und den weißen Betrügerbauern auf b7 und a3 sehen wir noch, dass die schwarzen Bauern einheitlich in Läufer umgewandelt haben, dass zwei davon geschlagen worden sind (Ceriani-Frolkin-Thema) mit der sehr hübschen Besonderheit, dass die Schläge nicht durch Bauern, sondern durch Offiziere erfolgt sind. Das wird dann als „Prentos-Thema“ bezeichnet. Und der dritte Umwandlungsläufer ersetzt als spezieller „Phönix“ einen geschlagenen Originalstein auf dessen Feld der Partieausgangsstellung, also Pronkin-Thema.

Sehr elegant!

4 thoughts on “Retro der Woche 42/2015

  1. An enjoyable proof game, where the two Prentos captures impress me the most.
    The techniques have developed enormously during the last three decades, so this fine problem only received a 10th place in the award, preceded by eight prizes and the 1st HM.

    • Well, the proof games tourney of StrateGems 2011 was especially strong: Judge Reto Aschwanden wrote that it was the strongest tourney he had ever judged!

  2. Auch mir ist Eric Pichouron schon mehrmals als Komponist besonders eleganter Probleme aufgefallen. Ebenso im vorliegenden Fall: Hier gibt es viel Inhalt in einer Diagrammstellung, die weder offensichtliche Umwandlungsfiguren noch Doppelbauern enthält.

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