Retro der Woche 03/2021

In meinem kleinen Nachruf auf Yoav Ben-Zvi hatte ich bereits erwähnt, dass seine thematische Vorliebe auch bei seinen Retros allen Arten von Linienspiel galt. Dies zeigte er sowohl in seinen klassischen Auflöse-Retros als auch in den relativ wenigen Beweispartien, die er komponiert hat.

Eine davon möchte ich heute zeigen, die dies, wie ich finde, sehr hübsch, aber auch recht versteckt zeigt.

Yoav Ben-Zvi
StrateGems 2013, nach K. Soltsien & H. H. Schmitz
Beweispartie in 26 Zügen (16+16)

 

An verschiedenen Stellen des Diagramms schimmert Symmetrie durch, besonders auf dem Damenflügel und auf der g-Linie, die aber auch dort durchbrochen ist. Ferner fällt sicherlich der sTa1 auf, der, das sieht man schnell, mindestens sieben Züge nach dort benötigte, auch wenn wir noch nicht wissen, ob es sich um [Ta8] oder [Th8] handelt: Tc8-c6-d6-d3-c3-c1-a1 ist eindeutig.

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Retro der Woche 53/2020

Im letzten Retro der Woche 52/2020 hatte ich eine hoch platzierte Aufgabe aus der Abteilung „Beweispartien“ des Schwalbe 2015 Retro-Preisberichts vorgestellt, heute nun ein solches Stück aus der Abteilung „Klassische Retros“.

Die drei Preise zeigen höchst unterschiedliche, aber allesamt sehr komplexe Verteidigungsrückzüger; ich möchte euch die darauf folgende Auszeichnung vorstellen, die schon mit ihrer höchst originellen Aufgabenstellung hoffentlich zum Lösen reizt.

Jens Guballa
Die Schwalbe 2015, 1. ehrende Erwähnung
Ergänze den wK und nimm den letzten weißen Zug so zurück, dass Schwarz nie mehr rochieren darf. (13+11)

 

wLh2 ist offensichtlich ein Umwandlungsstein, der aus [Ba2], dem einzig fehlenden weißen Bauern, entstanden sein muss. Einer der zwei schwarzen Schläge war bxc, der andere ist nicht durch Bauernschlag geschehen. (Achtung, nicht von der Steinkontrolle verwirren lassen: Weiß muss ja noch den König einfügen, hat also „eigentlich“ 14 Steine auf dem Brett. Sich jetzt hier auf die Angabe „13“ zu verlassen ist ebenso fahrlässig, wie beim „Partyschach“ die Klötze neben dem Brett zu zählen, nicht die auf dem Brett…)

Daher könnte man auf den Gedanken kommen, den [Th8] auszusperren, etwa indem Weiß die Rücknahme von g6-g7 erzwingt: Ein Kreuzschlag der [Bg7] und [Bh7] ist ja nicht möglich; es hätte der schwarze König Platz für den Turm machen müssen, und damit wäre das Rochaderecht verwirkt. (Das „Platz machen“ hätte er ja auch durch die Rochade tun können, aber auch damit wäre je eine zukünftige Rochade ausgeschlossen…) Doch scheitert etwa +wKe5, dann zurück Kf4xTe5? an illegalem Doppelselbstschach.

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Retro der Woche 51/2020

Auf das gerade erschienene Schwalbe-Doppelheft hatte ich schon hingewiesen. Nun möchte ich ein Beispiel aus dem dort erschienenen Artikel Passagiertürme – neue „erster Zug?“ Ökonomierekorde von Andrej Frolkin und Andrew Buchanan vorstellen.

Man sollte meinen, „erster Zug?“ Darstellungen für Türme seien unmöglich, da man ja jede Partie etwa mit dem „Tänzchen“ 1.Sa3 Sa6 2.Tb1 Tb8 3.Ta1 Ta8 4.Sb1 Sb8 einleiten kann, ohne dass sich dies beweisen oder widerlegen lässt. Da kam Andrej Frolkin auf den Gedanken, dass man doch die Rochade als Königszug anzusehen habe, und wenn die durchgeführt ist, ist gezeigt, dass der mit-rochierende Turm noch nicht gezogen hat.

Wenn man also nachweisen kann, dass beispielsweise der letzte Zug eines Turms von seinem Rochade-Zielfeld ausging, dann die Rochade zurückgenommen werden musste, dann war der letzte Zug dieses Turms gleichzeitig sein erster: In der Rochade zieht der Turm nicht selbst, sondern ist quasi ein Passagier des Königs – daher der Titel des Artikels.

Andrej Frolkin & Andrew Buchanan
Die Schwalbe 2020
Erster Zug des wTf8? (14+9)

 

Betrachten wir zunächst die Stellung, bevor wir die Rücknahmen in Angriff nehmen: Schwarz schlug c7xb6 und fxe; bei Weiß fehlen ein Turm und der schwarzfeldrige Läufer. Die weißen Umwandlungen: c8=L, fxg8/e8=L. Weiß schlug fünfmal mit Bauern (axbxa, bxc > c8=L, f7xg8/e8=L sowie g2xBh3 ([Bh7] kann seine Linie ja nicht verlassen haben); die schwarzen Original-Läufer wurden zuhause geschlagen.

Um den kleinen Käfig im Nordwesten zu öffnen, ist die Rücknahme von b7-c8=L und c6-c7 nötig, gefolgt von c7xb6. Ein Versuch, Lc6 oder Lg2 zu entwandeln, scheitert:

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Retro der Woche 48/2020

Ende August 2010 hatte mich die Problemblad-Redaktion gebeten, die beiden Retro-Jahrgänge 2007 und 2008 zu richten; bis dahin war noch kein Richter benannt. Beide Jahrgänge waren quantitativ recht dünn besetzt (nur 11 bzw. 18 Urdrucke), speziell der 2008-Jahrgang enthielt allerdings überdurchschnittlich viele hervorragende Aufgaben, von den ich heute und in den nächsten zwei Wochen die drei erstplatzierten vorstellen möchte.

Unto Heinonen
Probleemblad 2008, 2. Preis
Beweispartie in 21,5 Zügen (15+13)

 

Beim Blick aufs Diagramm fällt sicherlich sofort der sTc1 auf: die erste Idee dazu ist vielleicht „Ta1-c1 d2xc1=T“, aber dann sehen wir, dass Weiß noch 15 Steine hat und der fehlende – gerade ein Turm – auf f6 geschlagen werden musste. Also kann sTc1 nur via d1 gekommen sein, und dafür müssen wDd1 und wKe1 Platz geschaffen haben, gleichzeitig muss wohl der fehlende Turm über d1 sein Nest verlassen haben.

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Retro der Woche 36/2020

In den letzten Wochen habe ich, auch in „Geburtstags-Beiträgen“, gelegentlich Hilfsrückzüger vorgestellt: Hier gilt es, Züge zurückzunehmen, sodass eine Vorwärtsforderung erfüllt werden kann, dabei kooperieren bei der Rücknahme Schwarz und Weiß, auch wenn sich im Vorwärtsspiel Schwarz verteidigen will.

Gelegentlich wird nur die Rücknahme eines weißen Zuges gefordert; hierbei kommt der „Hilfe“-Aspekt durch Schwarz natürlich nicht zum Tragen, dennoch verwendet man auch hier diesen Begriff, da Weiß hier aus retroanalytischer Sicht mehrere Rücknahmen zur Verfügung stehen, aber nur eine die Realisierung der Vorwärtsforderung erlaubt.

Walentin M. Filippow
Problem 1972, 1. Lob
-w, dann #2 (8+10)

 

Solch ein Stück wollen wir uns heute anschauen. Wäre Weiß nun in dieser Stellung am Zuge, könnte er 1.Lxa7 ~ 2.b8=D# versuchen – das aber scheitert an 1.— 0-0! Das bringt uns auf den Gedanken zu überlegen, wie wir die schwarze Rochade retroanalytisch verhindern können?

Da könnte wLb8 ein Ideengeber sein: Wenn wir nachweisen könnten, dass er Umwandlungsläufer ist, können wir vielleicht zeigen, dass er dann auf h8 entstanden ist – das würde erfordern, dass [Th8] bereits gezogen und damit das Rochaderecht verwirkt hätte. Also sollten wir zeigen können, dass vor kurzer Zeit auf d2 noch ein weißer Bauer gestanden hat.

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Retro der Woche 34/2020

Am letzten Donnerstag habe ich hier Günther Weeth zum Geburtstag gratuliert, und heute möchte ich noch eine Aufgabe von ihm vorstellen. Dazu habe ich eine schon etwas ältere herausgesucht, die zeigt, dass Günther sich schon lange auch mit klassischen Retros beschäftigt.

Günther Weeth
Die Schwalbe 1993
-(s+w) +#1, Hilfsrückzüger (14+7)

 

Erst Schwarz, dann Weiß nehmen also einen Zug zurück, sodass Weiß in seinem Vorwärtszug mattsetzen kann – natürlich unter Berücksichtigung der Legalität der Züge.

Begeben wir uns also, wie wir das auch beim Lösen eines Hilfsmatts tun würden, auf die Suche nach dem möglichen Mattbild: Könnte c2 gedeckt werden, könnte Txe3# erfolgen – aber dafür brauchte es zwei weiße Rücknahmen – das funktioniert also nicht.

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Retro der Woche 29/2020

Am letzten Dienstag haben wir an dieser Stelle Dmitri Pronkin zum 60. Geburtstag gratuliert, und heute möchte ich euch von ihm eine weitere Aufgabe aus der Pionierzeit der Beweispartie vorstellen, die mir auch heute noch mehr als reizvoll erscheint.

Dmitri W. Pronkin
Themes-64 1985-1986, 1. Preis
Beweispartie in 23,5 Zügen (14+16)

 

Schwarz ist noch mit allen Mann an Bord vertreten, bei Weiß fehlen zwei Bauern; da sie nicht geschlagen haben können, sind dies [Bb2] und [Bg2]. Die aber können nicht direkt geschlagen worden sein, sondern müssen umgewandelt haben, um sich entweder auf der sechsten Reihe geopfert zu haben oder den Originalstein zu ersetzen, der dort geschlagen wurde.

Mindestens ein Originalstein musste geschlagen werden, denn anders kann ja zumindest der erste Bauer nicht zur Umwandlung gekommen sein.

Zählen wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge, wobei wir die schwarze lange Rochade voraussetzen, da sie das Herausspielen signifikant beschleunigt: Das sind 4+3+3+6+1+3=20 — drei Züge sind also frei?!

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Retro der Woche 28/2020

In der gerade erschienenen Ausgabe Juli-September 2020 von StrateGems ist bereits der Retro- und der Beweispartien-Preisbericht für das Jahr 2019 veröffentlicht. Wenn das so schnell geht, kann man beinahe sicher den Richter raten: Hans Gruber. Er wird in diesem Heft speziell als Preisrichter vorgestellt –mit mehr als 300 Berichten in mehr als 30 Ländern!

Von den 15 Aufgaben in der Nicht-Beweispartien-Abteilung waren 13 Anticirce-Verteidigungsrückzüger; alle vier Auszeichnungen gingen an diese Gruppe. Ich möchte euch den Preis (noch eine ehrende Erwähnung für Weeth / Wenda sowie zwei Lobe für Aufgaben von Andreas Thoma) vorstellen:

Günther Weeth & Klaus Wenda
StrateGems 2019, Preis
s#1 vor 10 Zügen, Verteidigungsrückzüger Typ Klan, Anticirce Calvet (6+10)

 

Weiß will also ein einzügiges Selbstmatt vor zehn Zügen erzwingen; Schwarz versucht sich zu verteidigen, indem er legale Züge zurückspielt, die diese Vorwärtsforderung möglichst verhindern. Beim Typ Klan (KLaus Wenda & ANdreas Thoma) bestimmt Weiß jeweils ob und was legal entschlagen wird, bei den älteren Typen Proca und Høeg bestimmt die die Partei am Zug bzw. die Gegenpartei.

Soweit der „ganz normale“ Verteidigungsrückzüger, hier kommt nun Anticirce hinzu: Dabei wird nicht wie beim „normalen“ Circe das Schlagopfer wiedergeboren, sondern der „Schläger erscheint auf seinem circensischen Feld der Partieanfangsstellung (PAS) wieder; ist dieses besetzt, ist der Schlag illegal und damit nicht möglich.

Hier gilt es, zwei mögliche Interpretationen der letzten Regel zu berücksichtigen: Man könnte sagen, dass das Schlagen auf das eigene PAS-Feld verboten sei, da das Feld ja (vor dem Schlag) besetzt sei. Genauso gut kann man argumentieren, dass der Schlag aufs eigene PAS-Feld zulässig sei, da das Feld ja nach Schlag und vor der circensischen Wiedererstehung ja frei sei. Die erste Alternative trägt den Namen „Cheylan“, die zweite den Namen „Calvet“.

Hier bestimmt also Weiß jeweils bei möglichen Schlägen, ob und was entschlagen wurde, und der Schlag aufs PAS-Feld des Schlägers ist zulässig.

Bei Anticirce-Verteidigungsrückzügern sind einerseits die Entschlagmöglichkeiten drastisch reduziert, weil ja nur Steine auf ihrem PAS-Feld entschlagen können -– das aber drastisch die Möglichkeiten erweiternd quasi überall auf dem Brett!

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