Retro der Woche 36/2015

Heute möchte ich euch eine Alice-Schach Beweispartie aus René J. Millours neuem Buch „Subtleties on 64 Squares“ vorstellen.

Kennt ihr Alice-Schach? Wenn nicht, hier die Definition aus dem immer wieder empfehlenswerten Schwalbe-Lexikon:

„Es wird auf zwei 8×8-Brettern gespielt: Bretter A und B. Nach jedem Zug (wahlweise auf einem der beiden Bretter) wird der gezogene Stein als unmittelbare Zugfolge auf das analoge leere Feld des anderen Brettes versetzt. Ist das zugehörige Feld nicht leer, wäre der entsprechende Zug illegal. Ein Schlagfall ist also nur auf demjenigen Brett möglich, auf dem der Zug auch startete. Geschlagene Steine verschwinden vom Brett. Der König darf durch einen Zug seiner Partei weder vor dem Brettwechsel des Zugsteines noch danach einem Schachgebot auf seinem Brett im herkömmlichen Sinne ausgesetzt sein. In der Partieanfangsstellung stehen alle 32 Steine auf Brett A.“

Es hat sich eingebürgert, die Alice-Stellungen auf nur einem Brett darzustellen und dabei die Klötze, die auf Brett B stehen, auf den Kopf zu stellen: Laut Definition kann ja nie das gleiche Feld auf Brett A und Brett B besetzt sein.

Interessante Möglichkeiten gibt es mit Alice-Schach: Zum Warmwerden versucht doch einmal, einen weißen und einen schwarzen Bauern auf der gleichen Linie schlagfrei aneinander vorbei zu bringen.

René J. Millour
StrateGems 2007, 3. Preis
Beweispartie in 21,0 Zügen, Alice-Schach A(8+11) B(6+3)

 

Auch wenn das im ersten Moment kompliziert ausschaut, so kann man gerade bei Alice-Schach sehr gut Züge zählen: Man sieht sofort, ob ein Stein eine gerade (aufrecht stehend) oder ungerade (auf dem Kopf stehend) Anzahl von Zügen gemacht hat. Übrigens verschwinden bei der Rochade König UND Turm auf Brett B.

Beim Züge-Zählen habe ich mich an René’s Beschreibung im Buch orientiert.

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Ein Klan-Urdruck

Andreas Thoma hat mir für den Blog wieder einen Urdruckt zur Verfügung gestellt — ganz herzlichen Dank ihm dafür, und euch viel Spaß bei der Beschäftigung damit! Es geht wieder um einen Verteidigungsrückzüger vom Typ KLAN, bei dem also immer Weiß entscheidet, ob und wenn ja was entschlagen wird — natürlich immer unter Berücksichtigung der Legalität.

Andreas Thoma
Urdruck 25.8.2015
#1 vor 3 Zügen, VRZ KLAN, Antirce Typ Cheylan (1+6)

 

Wir erinnern uns: Bei der Bedingung Anticirce wird der schlagende Stein auf seinem circensischen Ursprungsfeld wiedergeboren, der geschlagene Stein verschwindet. Ist das Ursprungsfeld besetzt, ist ein Schlag nicht möglich.

Mit dem Schlüssel R 1.Kd1xBd2[Ke1] setzt sich Weiß retropatt; Schwarz muss ihm nun der Legalität willen einen weiteren Rücknahmezug ermöglichen. Dies geht auf zwei verschiedene Weisen: Einmal mit 1.– Ta8-a2, denn nun kann er von c7 aus entschlagen, so dass der weiße König nach c2 zurücknehmen kann: 2.Kc2-d1 Tc7xDc6(c4)[Ta8]++ 3.Kb3-c2 & vor 1.Dxc7[Dd1]#.

In der ersten Variante hat Weiß eine Dame eingesetzt, in der zweiten ist ein Springer besser geeignet: Mit 1.– Sb8-d7 ermöglicht Schwarz nach 2.Kc2-d1 Sa8xSc7[Sb8]++ wiederum die Aufhebung des Doppelschachs, und Weiß spielt nun 3.Se8-c7 & vor 1.Kb1#.

Die Lenkung der schwarzen Figuren zum Entschlag aus dem einzigen Grunde, das Retropatt zu vermeiden, gefällt mir sehr gut!

f-Geburtstag und für zwischendurch (4)

Nein, nicht feenschach feiert heute Geburtstag, sondern die beiden feenschach-Protagonisten: Herausgeber und Drucker bernd ellinghoven sowie Chefredakteur Hans Gruber feiern heute Geburtstag, wobei beide natürlich u.A. auch in der Schwalbe sehr aktiv sind: Ganz herzlichen Glückwunsch an beide!

Da Hans heute „rundet“ (welche Geburtstage gefeiert werden, könnt ihr mit ein wenig Rechnerei dem Beitrag vor zwei Jahren hier im Blog entnehmen!), von ihm auch ein kleiner „Zwischendurch-Beitrag“:

Hans Gruber
Die Schwalbe 1984, 2.-3. Lob
Ergänze sS, sBB zu einem illegalen Cluster, Längstzüger (1+1)

 

Beim Längstzüger muss Schwarz immer den geometrisch längsten Zug ausführen; dies gilt auch für das Retrospiel. Und beim Illegal Cluster werden die angegebenen Steine ergänzt, so dass eine illegal Stellung entsteht, die durch Entfernung eines beliebigen Steins außer der Könige legal wird. Weshalb geht in Hans‘ Aufgabe die spiegelsymmetrische Lösung nicht?

Retro der Woche 35/2015

Vor einigen Tagen erhielt ich ein Büchlein „My Retro Problems“ von Gligor Denkovski (20.08.1946 — 15.01.2015), das er selbst im Jahre 2013 zusammen gestellt hatte, das nun von seinem Sohn Ivan, mit dem er einige Aufgaben gemeinsam gebaut hatte, publiziert worden ist.

Beinahe alle der dort veröffentlichten 57 Aufgaben sind orthodoxe Beweispartien ab dem Jahr 2001. Überwiegend hat sich Gligor mit kürzeren, pointenreichen Beweispartien beschäftigt; Umwandlungsthemen, Platzwechsel und auch Rückkehren waren neben Bahnungen seine überwiegend bearbeiteten Themen.

Eine vielleicht nicht ganz typische Aufgabe möchte ich hier vorstellen:

Gligor Denkovski
Probleemblad 2006
Beweispartie in 22,0 Zügen (15+15)

 

Auffällig ist natürlich die Homebase bei Schwarz, in der nur ein Springer fehlt, der auf c3 oder c4 (Doppelbauer bei Weiß) geschlagen werden musste. Bei Weiß fehlt nur [Be2], der offensichtlich von einem Springer geschlagen worden ist.

Eben hatten wir gesagt, dass der fehlende schwarze Springer auf c3 oder c4 geschlagen worden sei: Können wir das genauer bestimmen?

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Erich Bartel 85 — für zwischendurch (3)

Heute gehen ganz besonders herzliche Glückwünsche nach Augsburg: Dort feiert Erich Bartel seinen 85. Geburtstag! Erich ist ein immer noch sehr aktiver Komponisst mit Schwerpunkt Märchenschach, ein fleißiger Artikel-Schreiber und bekannt durch viele „größere“ Veröffentlichungen: Da sei nur an die „Krummen Hunde“ (zusamen mit Hansjörg Schiegl) erinnert, an „Umwandlungen in Märchenfiguren“ (zusammen mit Hans Gruber und Sohn Elmar) oder die Jahrzehnte lange Herausgabe der „Problemkiste“.

Gelegentlich hat sich Erich auch ins Gebiet der Retroanalyse gewagt — meist, aber nicht immer, kleine, hübsche Hilfsrückzüger. Davon möchte ich einen vorstellen: Zum Genießen und Lösen zwischendurch!

Erich Bartel
Diagramme und Figuren 1964
-1(w+s), dann h#1 (1+1)

 

Weiß und Schwarz nehmen einen Zug zurück, und dann folgt ein Hilfsmatt in einem Zug. Und hier merkt man auch wieder den Märchenschächer: Ein puristischer Rotro-Mensch hätte sicher einen weißen König beispielsweise auf e1 nachtwächtern lassen — Erich aber kümmert sich nicht um den: Frei nach Artikel 6 des Rheinischen Grundgesetzes: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.

Lieber Erich, für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir im Namen aller Retroblog-Freunde alles Gute, alles Schöne, weiterhin viel Schaffensfreude am Schachbrett und am Computer, Gesundheit, Glück — einfach alles, was du dir selbst wünscht. Und heute lass dich ganz doll feiern!

Retro der Woche 34/2015

Im jüngst erschienenen FIDE-Album 2007-2009 haben zwei Retros die maximale Punktzahl vom zwölf (alle drei Richter gaben also vier Punkte) erhalten: Die Beweispartie von Nicolas Dupont und Gerd Wilts hatte ich hier bereits im Retro der Woche 28/2014 vorgestellt, das zweite Stück möchte ich euch heute zeigen.

Dmitry Baibikov
StrateGems 2008, Preis
Letzte 54 Einzelzüge? (13+11)

 

Relativ schnell sieht man, dass die Stellung nur aufgelöst werden kann, wenn Weiß e2xXf3 zurücknehmen konnte, um erst den schwarzen, dann den weißen König beweglich zu machen, was die Voraussetzung dafür ist, dass der Knoten im Nordosten geöffnet werden kann, was das Freispielen des wKf6 als Voraussetzung hat.

Hierfür muss aber [Lf1] wieder zu Hause sein, um ihn nicht auszusperren. Falls zu diesem Zeitpunkt [Th1] noch nicht zu Hause ist, darf Weiß auch h3-h4 nicht zurücknehmen, um ihn nun nicht auszusperren.

Besonders auffällig sind (neben drei offensichtlichen Umwandlungs-Damen, die vielleicht die einzige kleine Schwäche dieses Problems darstellen) die Fesselungen: Beide weißen Damen sind ebenso wie ihre schwarze Kollegin auf g3 gefesselt; Eine weitere Fesselung entsteht nach dem ersten Rücknahmezug, denn das Schach gegen den weißen König kann ja nur durch Ld8xXe7+ entstanden sein; das Schlagopfer auf e7 ist dann ebenfalls gefesselt — und der ganze Norden endgültig plombiert, da auch beide weißen Türme nun im Käfig gefangen sind.

Betrachten wir nun aber die Stellung ein wenig genauer:

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Günther Weeth 80

Heute gehen besonders herzliche Glückwünsche nach Stuttgart: Dort feiert Günther Weeth seinen 80. Geburtstag.

In den letzten Jahren wurde Günther wieder sehr aktiv im Bereich der Retros, wo er sich auf Verteidigungsrückzüger mit der Märchenbedingung Anticirce konzentriert: Nicht nur in Form von hochklassigen Aufgaben (jüngster Erfolg: sein zweiter Preis im Dittmann-Gedenkturnier, siehe Die Schwalbe Juni 2015, S.130ff.), sondern auch von Vorträgen und Aufsätzen: Bald werden in Die Schwalbe und in feenschach wieder interessate Beiträge von ihm erscheinen.

Aber eigentlich ist Günther schon ein „alter Retro-Hase“ (oder sollte ich zu Ehren seines geschätzten Lehrmeisters Josef Haas von einem „Retro-Haasen“ sprechen??), und daran will ich mit der ausgewählten, nicht allzu komplizierten Aufgabe von ihm erinnern:

Günther Weeth
8199 Die Schwalbe 1993
Schwarz und Weiß nehmen 1 Zug zurück, dann #1
Hilfsrückzüger (14+7)

 

Die Lösung ist R: 1.– Lh2xSg1 2.Ta1xLa2, dann 1. 0-0-0#. Fast noch interessanter sind die Verführungen: Bh2xSg1=L? impliziert, dass der auf a2 zu entschlagende L eine auf d1 entstandene UW-Figur ist: Damit wäre die Rochade unzulässig (Schachgebot des sB auf d2)! R: 2.Ta1-a2 und R: 2.Ta1xD,T,Ba2 gehen ebenfalls nicht wegen Retropatt bzw. nicht R: 2.Ta1xSa2 wegen Verhinderung der Vorwärts-Rochade.

Lieber Günther, ich wünsche dir im Namen aller Retrofreunde alles Gute für das nächste Lebens-Jahrzehnt, einfach alles, was du dir selbst wünscht! Und heute lass dich toll feiern!