Retro der Woche 03/2022

Viele von euch wissen sicherlich, dass ich bei den orthodoxen Verteidigungsrückzüger besonders gern solche mit logischer, möglichst auch noch zweckökonomischer (also „neudeutscher“) Vorplanstaffelung mag. Und wenn dabei dann auch noch retroanalytische Überlegungen und Strategien eine wichtige Rolle spielen, bin ich recht schnell begeistert.

Ein solches Stück möchte ich euch heute vorstellen und zum gründlichen Studium ans Herz legen.

Joaquím Crusats & Andrej Frolkin
StrateGems 2010
#1 vor 13 Zügen, VRZ Proca (13+11)

 

Wir erinnern uns: Beim Verteidigungsrückzüger des Typs Proca entscheidet die am Zug befindliche Partei, ob (und wenn ja was) mit der Rücknahme entschlagen wurde; die Stellung muss natürlich legal bleiben.

Weiß muss in der heutigen Aufgabe nicht nur auf die Erreichung seines Vorwärtsziels achten, sondern dabei auch ein schwarzes Retropatt vermeiden: In der Diagrammstellung hätte Schwarz am Zug keine Rücknahmemöglichkeit. Die drei fehlenden weißen Steine wurden mittels gxf6 sowie hxgxf2 geschlagen; keiner dieser Schläge kann im Moment zurückgenommen werden, und alle anderen schwarzen Steine sind retro-unbeweglich.

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FIDE-Album 2019-2021

Gestern erschien auf der WFCC-Seite die Ausschreibung für das FIDE-Album 2019-2021 für hochklassige Aufgaben, die in diesem Zeitraum urgedruckt wurden. Einsendeschluss ist der 1. Juni 2022.

An den Regelungen und Bedingungen hat sich im Vergleich zum letzten Album nicht viel geändert, so bleibt die generelle “30-Aufgaben” weiterhin gültig, ebenso die halbautomatische Übernahme von mit mindestens 8 Punkten bewerteten Einsendungen zum WCCI; Aufgaben des 11.WCCT gehören erst in das Folgealbum 2022-2024.

Wie immer gibt es acht Abteilungen; Direktor der Abteilung H (Retros) — an den erfolgen die Einsendungen — ist Vlaicu Crișan (Mail: vlaicu_crisan(at)yahoo.com), die Richter sind Dmitrij Baibikov, Silvio Baier und Henrik Juel.

Übrigens sind wieder viele deutsche Problemisten aktiv bei den Vorbereitungen des Albums: Udo Degener und Martin Minski als Direktoren für Zweizüger bzw. Studien sowie als Richter Ralf Krätschmer (n#), Torsten Linß (h#>3), Franz Pachl (Märchen) und der schon erwähnte Silvio Baier bei “unseren” Retros.

Retro der Woche 02/2022

Als Preisrichter für die Retro-Urdrucke der Schwalbe im Jahr 2022 konnte ich Richard Dunn, meinen Sachbearbeiter-Kollegen von The Problemist, gewinnen. Aus seiner Rubrik, konkret vom Januar 2021, habe ich für heute eine Beweispartie eines Autors ausgesucht, an dessen Werken ich immer Freude habe.

Rustam Ubaidullajew
The Problemist 2021
Beweispartie in 15,5 Zügen (14+12)

 

Rustam ist kein wahnsinnig produktiver Komponist: Die PDB enthält 77 Aufgaben von ihm – und davon sind 74 Beweispartien! Ohne sich auf spezielle Modethemen zu konzentrieren sind seine Aufgaben stets originell und attraktiv zu lösen. Ich glaube, das gilt auch für das heutige Beispiel. Und so ist es nicht überraschend, dass ich in dieser Rubrik bereits mehrere seiner Aufgaben vorgestellt habe. Wenn ihr Lust und Zeit habt, nutzt einfach die Suchfunktion, um die Aufgaben zu finden, zu lösen oder durchzuspielen!

Das heutige Beispiel ist relativ kurz, sodass ich nur wenige Hinweis zur Lösung geben möchte. Bei Weiß fällt natürlich sofort die Homebase auf; da gibt es also keine Züge zu zählen. Die schwarzen zu zählen ist schon deutlich interessanter:

4+1+1+3+0+4=13 – zwei Züge sind also frei? Nein, nicht wirklich, denn woher sTd8 auch kommen mag, dem muss einer der beiden Springer Platz gemacht haben: der muss also einschließlich seiner Rückkehr zwei Mal gezogen haben, und damit sind alle schwarzen Züge erklärt.

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Beweispartien-Thematurnier

Dies russische Problemschachseite superproblem.ru hat in ihrem 266. Thematurnier erstmals Retroanalyse aufgegriffen — es geschehen noch Zeichen und Wunder!

Die ausführliche Ausschreibung für die geforderten Beweispartien enthält thematische und nicht-thematische Beispiele; ein paar sprachliche Klarstellungen wurden heute bereits in der Retro Mailing List vorgenommen: “pieces” umfassen auch Bauern, und Umwandlungssteine sind erlaubt, solange sie aus einem Figurenkasten stammen (auch zwei gleichfeldrige Läufer werden als unzulässig angesehen).

Einsendungen bis zum 28. Februar 2022 schickt bitte per Mail an Alexej Oganesjan (alexeioganesyan(at)gmail.com); Preisrichter ist Michel Caillaud.

Viel Spaß und Erfolg!

Freitagnachmittags

So wie manche hier regelmäßig am Sonntagmorgen nach dem Retro der Woche schauen, so lohnt es auch, am Freitagnachmittag nach dem neuen YouTube-Beitrag von Mustermatt, dem Schwalbe-Kanal zu schauen.

Dort stellt Johannes Quack immer interessant und mit vielen Hintergrundinformationen — dabei bleibt er trotzdem stets gut verständlich — ein oder zwei Schachprobleme vor, erklärt daran wesentliche Aspekte des Problemschachs.

Am letzten Freitag, also an Silvester 2021, hat er dort Beweispartien vorgestellt. Eine prima Einführung ist das, und ich kann euch nur empfehlen, den Beitrag anzuschauen! Und kopiert euch den Link, wenn ihr mal in eurem Schachclub Beweispartien vorstellen wollt…

Retro der Woche 01/2022

Im Retro der Woche 42/2021 hatte ich den ersten Preis in der Beweispartie-Abteilung des Retro-Turniers 2019 in der Schwalbe vorgestellt. Heute will ich den zweiten Preis folgen lassen, der mir auch sehr gut gefällt, da er eine sehr originelle Idee höchst elegant präsentiert.

Reto Aschwanden
Die Schwalbe 2019, 2. Preis Gruppe A
Beweispartie in 18,5 Zügen (14+14)

 

Kein einziger Bauernschlag ist im Diagramm auszumachen, bei Schwarz ist nur ein einziger Zug zu sehen — also beginnen wir mit dem Zählen der weißen Züge: Sicherlich können wir daraus erste Schlüsse ziehen.

Also: 3+1+3+4+1+5=17 — zwei Züge sind noch frei. Aber waren wir da nicht zu optimistisch? Was passierte beispielsweise auf der h-Linie?

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2022

Allen Retrofreunden wünsche ich
ein gutes neues Jahr 2022!

Wie in den letzten Jahren möchte ich heute mit euch zusammen einen Blick in die Geschichte der Retroanalyse 100 Jahre zurück werfen.

In diesem Jahr ging der Stern eines Jung-Twens auf: Hans Klüver aus Hamburg (*4.3.1901). Große Aufmerksamkeit brachte sein monumentaler Aufsatz (20 Seiten, 40 Aufgaben) “Schnittpunktphänomene in der retrograden Analyse“ im ebenso monumentalen Kongressbuch des Turniers in Teplitz-Schönau im Oktober 1922 (664 Seiten, davon mehr als 200 (!) über Problemschach). Dies war der bis dahin bedeutendste deutschsprachige Beitrag zur Retroanalyse, und Klüver wandte sich besonders an die „Neudeutschen“, um deren Interesse für das rückläufige Spiel zu wecken — dazu waren natürlich Schnittpunkt-Themen besonders geeignet.

Aus dem Artikel möchte ich den Klüver’schen Originalbeitrag vorstellen und euch zum Lösen einladen — so schwer ist die Aufgabe nicht!

Hans Klüver
Schachkongress Teplitz-Schönau 1922
Weiß nimmt seinen letzten Zug zurück und setzt in zwei Zügen matt. (13+14)

 

In einer Woche werde ich hier die Lösungsangabe aus dem Kongressbuch zitieren.

Lösung

Aus dem Kongressbuch S. 483-484, zu Nr. 30:
Nr. 30 zeigt ein antikritisches Manöver im weiß-schwarzen Schnittpunktgefüge. Schwarz könnte zuletzt nicht gezogen haben, da g7-g6 den zu entschlagenden schwarzen Königsläufer aussperren und c7-c5 den Ld8 einsperren würde. Weiß muß also einen Zug zurücknehmen, der einen legalen schwarzen Retrozug ermöglicht. Ein Entschlag auf g4 (h3:Dg4) ist nicht angängig, da der Bg4 auf g3 den schwarzfeldrigen Läufer zu entschlagen hat, um nach dessen Bewegung nach f8 und der eines Turmes nach h8 g7-g6 nebst f6:Dh7 zu ermöglichen. Einzige Möglichkeit: 1.Lb6-d8! (antikritisch) c7-c5; 2.Kd4-d5! e6-e5+ 3.Sa2-b4 (Kc6-b7) oder 3.Lc5-b6 (Sb6-a8). Nach Rücknahme von Lb6-d8 kann Weiß dennoch mittels bc: ep+ dc:+ 2.Lc6# matt setzen.