Retro der Woche 40/2026

Ich komme noch einmal auf den Retro-Preisbericht von Phénix für das Jahr 2024 zurück: Nachdem wir in den Retros der Woche 36 und 37 bereits zwei Preisträger, ein klassisches Retro und eine Beweispartie, gesehen hatten, soll nun ein orthodoxer Verteidigungsrückzüger folgen. Wir erinnern uns: Schwarz versucht mit seiner (natürlich nur legaler) Rücknahme zu verhindern, dass Weiß nach der angegebenen Retro-Zügezahl sein Vorwärts-Ziel erreichen kann. Beim Typ Proca bestimmt jede Partei selbst, ob ihr Rücknahmezug einen Schlagfall darstellt und bestimmt auch den entschlafenen Stein — natürlich gilt auch hierfür die Legalität als Voraussetzung.

Joaquím Crusats
Phénix 2024, Spezialpreis
-9 & #1 VRZ Proca (12+8)

 

Sieben der acht fehlenden schwarzen Steine können im Diagramm direkt nachvollzogen werden: Es fehlt [Lf8], der offensichtlich zu Hause geschlagen wurde, und die weißen Bauern haben sechs Mal geschlagen — wie genau, können wir nicht erkennen. Aber z.B. könnte einer der Bauern auf der c-Linie von a2 kommen, und wBd6 von h2: Insgesamt sind für die weiße Bauernstruktur mindestens sechs Schläge erforderlich.

Müsste Schwarz nach einem Warte-Rückzug, z.B. R: 1.e2-e3 mit 1.– h7-h6 antworten, wären wir schon am Ende: R: 2.Sh6xTg8 & vor 1.Sf7# — aber Schwarz nimmt natürlich schlauer 1.– Kh7-h8 zurück.

Nun gilt es einen Weg zu finden, Schwarz genau zu der „schlechten“ Rücknahme zu zwingen.

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Retro der Woche 39/2026

Silvio Baier hat nicht nur die vor einigen Tagen hier veröffentlichte Übersicht von Beweispartien mit der Themenverbindung „Ceriani-Frolkin und Pronkin“ zusammengestellt, sondern wesentlich selbst be- und erarbeitet.

Das wird schon an ein wenig Statistik deutlich: Von den 94 dort wiedergegebenen Aufgaben stammen 77 (!) aus seiner Dresdner Werkstatt, hinzu kommt eine Aufgabe, an der er als Co-Autor beteiligt war: Das ist ein „Eigenanteil“ von 83%!

Eines der neuesten Stücke aus dieser Veröffentlichung möchte ich heute mit euch zusammen anschauen:

Silvio Baier
The Hopper Magazine 2026
Beweispartie in 29,5 Zügen (14+11)

 

Zunächst fällt beim Blick aufs Diagramm der schwarze Umwandlungsläufer auf: Der muss aus dem [Ba7] entstanden sein, der dann mittels a2xXb1=L umwandelte: Der neu entstandene Läufer kann ja den Südwest-Käfig nie verlassen haben. Und zusammen mit dxYc6 sind beide schwarze Schlagfälle geklärt.

Bei Weiß fehlen nur zwei Bauern auf dem Königsflügel — die müssen sich also beide umgewandelt haben, um sich selbst in Westen schlagen zu lassen oder ein originales Schlagopfer zu ersetzen.

Rechnet man für die Schlagbilanz den sLa2 als a-Bauer, so stellt man fest, dass neben der Dame bei Schwarz genau die vier Bauern des Königsflügels fehlen. Drei Schlagfälle durch Weiß sehen wir auf b3, c3 und d3; die beiden anderen sind noch verborgen — wir hegen aber schon einmal den Verdacht, dass es sich hier um das Schlagen von Originalbauern handelt, die damit den Weg zur doppelten Umwandlung des Weißen freigeben.

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Ceriani-Frolkin und Pronkin

Silvio Baier beschäftigt sich schon lange intensiv mit „Beweispartien der Zukunft“ (FPG, Future Proof Games), speziell mit der Verbindung von Ceriani-Frolkin-Thema und Pronkin-Thema, wie einige Artikel von ihm aus der letzten Zeit belegen.

Nun hat er alle ihm bekannten dargestellten Kombinationen von CF/PR mit FPG-artigen Verteilungen (4+0 oder 2+2 und paarweisen Figurentypen bzw. AUW) zusammengestellt, die er dankenswerter Weise hier im Blog veröffentlicht. Eine hochinteressante Sammlung von 94 (bei dieser Themenverbindung quasi automatisch) hochklassigen Aufgaben — viel Vergnügen beim Studium und Nachspielen!

Retro der Woche 37/2026

Bei den Beweispartien scheint die Steigerung bei der mehrfachen Darstellung von Themen immer schwieriger zu werden. Im Retro der Woche 33/2026 hatten wir uns mit der Vierfach-Darstellung des Prentos-Themas beschäftigt — der Sprung von der Drei- auf die Vierfachsetzung ist schon so etwas wie Bob Beamons Weitsprung bei den olympischen Spielen 1968 in Mexico City …

Daher werden immer neue Möglichkeiten der Darstellung gesucht, etwa kombiniert mit anderen Themen. Heute wollen wir uns anschauen, was die beiden argentinischen Beweispartie-Spezialisten sich ausgedacht haben, dessen Ergebnis den zweiten Preis im Phénix-Retroturnier 2024, auf das wir letzte Woche bereits eingegangen waren, erreichte.

Jorge Lois & Roberto Osorio
Phénix 2024, 2. Preis
Beweispartie in 34 Zügen (13+11)

 

Die Inventur zeigt uns, dass bei Schwarz neben dem offensichtlich zu Hause geschlagenen [Lc8] noch die vier Königsflügel-Bauern fehlen. Ähnlich schaut es bei Weiß aus: [Lf1] fehlt zusammen mit zwei Bauern das Königsflügels.

Besonders auffällig aber ist der weiße Bauer auf a7: Der hat auf seinem Weg dorthin, von e2 kommend, vier Steine geschlagen: die vier fehlenden schwarzen Bauern können es nicht gewesen sein, also können wir hier eine Häufung von Umwandlungen und Opfer entweder der Original- oder der Umwandlungssteine erwarten, da ja nur Material auf dem Brett steht, das auch im Figurenkasten vorhanden ist.

Zählen wir die weißen sichtbaren Züge, so kommen wir auf 3+1+4+3+5+8=24, bei Schwarz nur auf 1+0+2+0+3+2=8. Das aber sollte uns nicht zu sehr erschrecken, denn wir hatten ja schon vier Umwandlungen mit 20 zusätzlichen Zügen einkalkuliert. Somit bleiben Schwarz nur sechs Züge, um vier Steine loszuwerden — mit anderen Worten: Schwarz muss sich sputen.

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Retro der Woche 29/2026

Vor fünf Jahren erschien der Preisbericht zum 17. Thematurnier von Phénix; das hatte sich der neuen Märchenbedingung „Breton“ (Bretonisches Schach) gewidmet und war für alle Problemgattungen offen. Es zeigte sich, dass man mit dieser Bedingung, eigentlich eher einer Bedingungsfamilie, auch klasse Retros bauen kann.

Aber zuerst die Definition für Breton, entnommen dem Märchenschachlexikon der Schwalbe: „Als Teil eines Schlagzuges wird neben dem Schlagopfer ein Stein derselben Art der Partei des Schlagtäters vom Brett entfernt, sofern einer vorhanden ist. Stehen hierfür mehrere Steine zur Auswahl, entscheidet die Partei des Schlagtäters, welcher Stein entfernt wird.“

Bei unserer heutigen Aufgabe haben wir es mit Breton adverse zu tun: Hier verschwindet, wie man vermuten kann, zusätzlich ein Stein derselben Art der Partei des Schlagopfers.

Michel Caillaud (wer sonst?) steuerte für dieses Turnier das bestplatzierte Retro bei.

Michel Caillaud
Phénix 17. Thematurnier 2021, 4. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 26 Zügen, Breton advers (11+16)

 

Trotz der ganz neuen Märchenbedingung nicht allzu schwer zu lösen, finde ich — und das wollen wir uns nun anschauen, wie wir da vorgehen können.

Wie üblich schauen wir danach, was fehlt? Das sind bei Weiß vier Bauern sowie die Dame — und sichtbare weiße Züge; wir haben also eine weiße Homebase.

Bei Schwarz sind noch alle Mann an Bord, auffällig ist natürlich die Bauernstruktur, die zeigt, dass die schwarzen a- bis e-Bauern jeweils „nach Osten“ geschlagen haben.

Und damit haben wir eigentlich das Problem schon ideenmäßig gelöst!

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Retro der Woche 25/2026

Immer wieder finde ich es interessant, auf welche verschiedene Arten Autoren in ihren Beweispartien verschiedene Themen verbinden oder ein Thema mit mehreren Steinen darstellen.

Da gibt es die Möglichkeit der einfarbigen Darstellung oder Verteilung des Themas auf Weiß und Schwarz. Da können Themen mit einer Steinart oder mit mehreren unterschiedlichen gezeigt werden, da können auch verschiedene Themen miteinander verbunden werden — auch da wieder über eine oder über zwei Farben, über gleiche oder verschiedene Steinarten.

Ein wahrer Meister darin, immer wieder interessante Kombinationen zu erfinden und aufs Brett zu zaubern, ist Silvio Baier. Von ihm möchte ich euch heute eine Beweispartie von ihm aus dem vierten Heft des 2025-er Jahrgangs von Probleemblad vorstellen.

Silvio Baier
Probleemblad 2025
Beweispartie in 26.5 Zügen (14+13)

 

Bei Silvio ist es nicht allzu schwer, darauf zu tippen, dass thematische Umwandlungen zentrale Bedeutung in der Aufgabe haben.

Daher will ich euch heute einladen, selbst erste Überlegungen zu möglichen Themen dieser Aufgabe anzustellen, bevor ihr weiterlest. Versucht dies so, wie wir es hier auf der Seite meist machen, also indem ihr sichtbare Züge zählt, vielleicht Reihenfolge-Abhängigkeiten identifiziert (etwa „X muss schon da stehen, bevor Y ziehen kann“) — besonders aber überlegt, welche fehlenden Steine wo geschlagen wurden. Dabei helfen natürlich Doppelbauern im Diagramm besonders, ebenso die Frage, was speziell mit fehlenden Bauern passiert sein kann: Geschlagen, umgewandelt? Was passiert dann nach der Umwandlung?

Und wenn ihr einige Fragen für euch beantwortet habt, könnt ihr euch auch an den ersten Löseversuch machen: Eine Menge wisst ihr schon, bevor ihr auch nur einen einzigen Zug gemacht habt!

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Retro der Woche 20/2026

Ich finde es immer wieder interessant, ein wenig in die Vergangenheit zu schauen, um einerseits zu sehen, wie sich etwa die Retroanalyse weiterentwickelt hat und welche auch technisch hervorragende Aufgaben andererseits schon entstanden sind. Besonders spannend finde ich das bei Beweispartien, da sich diese Gattung ja eigentlich erst innerhalb der letzten vierzig Jahre zu der entwickelt hat, die sie heute ist.

Schauen wir also heute 15 Jahre zurück. Bemerkenswert erscheint mir dort, dass sich die Tendenz zu „Märchen-Retros“ damals schon deutlich zeigte, wobei feenschach dabei natürlich eine Vorreiterrolle einnahm: Die beiden Preisträger sind orthodox, die fünf weiteren ausgezeichneten Aufgaben nutzen allesamt Märchenbedingungen.

Roberto Osorio & Jorge J. Lois
feenschach 2011, 2. Preis
Beweispartie in 22 Zügen (13+13)

 

Das Zählen der sichtbaren schwarzen Züge ist schnell erledigt, das der weißen lohnt eher: 2+2+5+3+1+5=18. Aber auch damit sind noch vier weiße Züge frei. Und auch die Bauernstellung verrät nur einen Schlag.

Andererseits: Es fehlen auf beiden Seiten jeweils drei Bauern, und die müssen ja irgendwieverschwunden sein? Und bei „drei Bauern fehlen bei 21 freien Zügen“ kommt man sicher schnell auf den Gedanken, dass es um Umwandlungen gehen könnte?

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Retro der Woche 16/2026

Nachdem wir uns in der letzten Woche mit einer Märchen-Beweispartie beschäftigt haben, die im FIDE World Cup 2025 den zweiten Platz belegt hatte, möchte ich euch heute die in diesem Turnier erstplatzierte orthodoxe Beweispartie vorführen.

Die ist wieder ein gutes Beispiel für Stücke, wo dem ersten Anschein nach nicht viel passiert ist, was sich dann aber als falsch herausstellt.

Kostas Prentos
FIDE World Cup 2025, 1. Platz
Beweispartie in
20,5 Zügen (14+15)

 

Bei Weiß sehen wir nur 0+1+1+0+2+2=6 Züge, bei Schwarz immerhin 2+3+2+0+1+8=16. Die beiden fehlenden weißen Bauern wurden auf der b- und der g-Linie geschlagen. Bei schwarz fehlt nur ein Bauer (a oder c), und der konnte sich nicht umwandeln, also kann weißes fxg nicht geschehen sein. Also müssen beide fehlenden weißen Bauern umgewandelt haben- das relativiert auch die hohe Anzahl freier weißer Züge.

Die Umwandlungen müssen also auf f8 und auf c8 erfolgt sein, womit auch das Fehlen des schwarzen Bauern erklärt ist, womit sBb3 von a7 kommt.

Und damit sind auch „im Prinzip“ alle schwarzen Züge klar, denn wegen der Umwandlungen auf c8 und f8 mussten die dortigen Läufer wegziehen und wieder zurückkehren.

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