Retro der Woche 41/2026

Heute geht in Görlitz das Jahrestreffen der Schwalbe zu Ende, und da will ich noch einmal auf das diesjährige Andernach-Treffen, das vor genau 20 Wochen endete, zurückkommen. Direkt anschließend konnte ich noch nicht vom Retro-Märchen-Thematurnier berichten, da der Preisbericht noch nicht ganz fertiggestellt war — und anschließend ist es mir durchgerutscht, davon zu berichten. Das soll nun heute nachgeholt werden.

Zur Einstimmung empfehle ich euch, noch einmal den Bericht im Retro der Woche 21/2026 nachzulesen; dort wird auch die Bedingung des Thematurniers erläutert:

Beim #C-Schach (C=Color) wechseln nach einem Mattzug alle Steine, die den König bedrohen, die Farbe und das Spiel wird fortgesetzt, es sei denn, dieser Wechsel führt zu einem Selbstschach.

Beinahe traditionell entstanden auch beim diesjährigen Andernach-Thematurnier besonders bei den Retros bemerkenswert gute Probleme; das Siegerstück möchte ich euch heute vorstellen.

Joost Michielsen
Thematurnier Andernach 2026, Abt. 2, 1. Preis
Beweispartie in 18 Zügen, #C-Schach (14+14)

 

Zählen wir ganz „orthodox“ die sichtbaren Züge bei Schwarz: 2+2+2+4+3+5=18: Damit sind alle schwarzen Züge erklärt — speziell schließen wir daraus, dass die fehlenden schwarzen [Be7] und [Lf8] zuhause geschlagen werden mussten: Für sie steht ja kein Zug mehr zur Verfügung.

Bei Weiß fehlt [Ba2], der durch den schwarzen Läufer auf seinem Weg nach b1 geschlagen worden sein kann. Spannender aber ist die Geschichte des [Bd2]: Er muss zumindest auf e7 geschlagen haben, da er auf der d-Linie durch Schwarz nicht beseitigt werden konnte.

Zählen wir auch die sichtbaren weißen Züge (und lassen wir dabei erst einmal wTa5 außen vor), so sehen wir 3+3+0+0+2+1=9. Wir wissen, dass [Bd2] mindestens vier Züge gemacht haben muss, ferner muss wTa5 irgendwie hinter die schwarze Bauernphalanx gekommen sein, und dafür benötigt er mindestens vier weitere Züge, sodass wir 17 weiße Züge sehen — und nun noch exakt einen Zug übrig haben, um sLf8 verschwinden zu lassen.

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Retro der Woche 32/2026

In der gerade erschienen Ausgabe 3/2026 von Probleemblad ist die Ausschreibung zum Dirk-Borst-64 Geburtstagsturnier veröffentlicht: Gefordert sind NICHT-eindeutige Beweispartien mit der Forderung „Stellung nach dem n. Zug von Weiß (oder Schwarz)“ Zusätzliche Forderungen und/oder Bedingungen sind zulässig, nicht aber Märchenfiguren. Eine Beispiellösung soll angegeben werden, in der aber weder Zugfolge noch Züge eindeutig sein müssen.

Maximal 4 Aufgaben bis zum 24. Mai 2027 an Hans Uitenbroek (jc.uitenbroek(at)gmail.com). Preisrichter sind Dirk Borst und Hans Gruber, die 400,– € an Preisgeldern verteilen werden.

Die Ausschreibung enthält drei Beispiele, von denen ich eines heute vorstellen möchte:

Wolfgang Dittmann
feenschach 1987, 2. Preis
Stellung nach dem 38. Zug von Weiß. Wie oft zog der schwarze König? Schlagschach (16+14)

 

Nein, das ist kein Druckfehler im Südosten … In der Ausschreibung ist nur eine nackte Beispiel-Lösung ohne die Verführung angegeben, die Aufgabe ist aber, glaube ich, ohne Erläuterungen nur schwer verständlich. Und wer könnte die Lösung besser erläutern als der Autor selbst? Daher zitiere ich hier seine Besprechung aus „Der Blick zurück“ (S. 263-264) fast unverändert:

Hier hängen sowohl das Thema (Tempoverlustmanöver des sK) als auch die thematische Verführung von der Festlegung der Zügezahl ab. Ihretwegen muss Weiß sich beeilen: Die vollen 38 Züge benötigt er, weil (bei wBb5 und sBc7-c5) die Schlagalternative für Weiß, die den e. p.-Schlag vermeidet, nur lauten kann: wKb4xSa4! Der zweite sS wird im letzten Zug auf c6 geschlagen. Weiß muss viel rangieren, um seinen K nach b4 zu bringen, und entsprechend viel muss für die Rückkehr der weißen Figuren geschehen (man beachte, dass das Diagramm wTg1 und wSh1 enthält!). Die Pointe der Aufgabe liegt in der Frage, was Schwarz, der fast beliebig viele Wartezüge hat, eigentlich in der Zwischenzeit tut. Es sieht so einfach aus: Der eine S opfert sich auf a4 (von b6 kommend), der andere später auf c6 (von e5 kommend); im Übrigen führt Schwarz nur Wartezüge aus.

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Retro der Woche 31/2026

George P. Sphicas ist vielleicht der heute bedeutendste Komponist von Serienzügern, wo prinzipiell nur eine Partei zieht, die andere meist nur einen einzigen Zug hat, nämlich den zur Erfüllung der Problemforderung.

Klassisches Märchenschach also — retroanalytisch interessant wird es durch die zusätzliche „konsequent“ Bedingung: Danach werden die legalen Zugmöglichkeiten für jede neue Stellung neu bewertet — ohne „Gedächtnis“ für die Vergangenheit.

Damit kann es also sein, dass beispielsweise die Rochade in der Diagrammstellung nicht zulässig ist — das wäre in jedem anderen Problem das Todesurteil für die Rochademöglichkeit im Laufe der Lösung. Nicht aber bei der „konsequent“ Zusatzforderung, die kein Gedächtnis („in der Diagrammstellung war die Rochade aber unzulässig“) hat: Da wäre es auch möglich, den schwarzen König nach e8 zu ziehen, sodass er dann rochieren dürfte: Wir wissen ja nicht, dass er schon gezogen hat…

Schauen wir uns das Diagramm der heutigen Aufgabe genauer an.

George P. Sphicas
Problemkiste 1998, 18. Thematurnier, 1. Preis
shc#33 (8+8)

 

In diesem Serienzug-Hilfsmatt (das „c“ in der Forderung steht für „konsequent“) zieht Schwarz 33 mal am Stück, bis Weiß dann sofort mattsetzen kann. Versuchen wir also zunächst einmal ohne retroanalytische Hintergedanken, mögliche Mattfelder für den schwarzen König ausfindig zu machen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass sich bis zum Mattzug die weiße Stellung nur durch „Ausdünnen“, also Schläge durch Schwarz, verändern lässt.

Damit scheiden offenbar Bauernmatt-Züge im Osten des Bretts fast komplett aus, da ja ein Bauer mattsetzen muss; dazu muss er selbstverständlich gedeckt sein. Das ist nur denkbar nach gxf5 oder exf5 mit dem schwarzen König auf d6 oder f6. Es ist aber nicht zu sehen, wie der König dorthin gelangen könnte, ohne weitere weiße Deckungsbauern wegzuschlagen — vor allen Dingen wird es schwierig, das Feld h7 zu blocken, da [Bh7] ziehen muss, um den König nach g6 zu lassen.

Also sollten wir uns im Westen umsehen?

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Bernd Schwarzkopf 80

Bernd Schwarzkopf aus Neuss ist ein unglaublich vielseitiger und aktiver Problemist: So ist er nicht nur mit weit über 1.300 Aufgaben in der PDB vertreten, davon beinahe 400 Retros, sondern auch durch seine Artikel und immer wieder spannenden Konstruktionsturniere in der Schwalbe und bei verschiedenen Treffen: Er ist Stammgast bei den Schwalbe-Tagungen, in Andernach und Sachsen.

Sehe Aktivitäten „im Hintergrund“ finde ich beinahe noch beeindruckender: Seit Jahrzehnten ist er „Mister Inhaltsverzeichnis“ in Deutschland, war er einer der Mitstreiter beim Dschungelbuch, dem geplanten Märchen-Lexikon, das später in dem der Schwalbe aufgegangen ist. Er hat schon Peter Kniest wertvoll unterstützt bei dessen Aufarbeitungen der Projekte seines Bruders Albert, mit Hans Gruber ist er zum Beispiel immer noch aktiv dabei, die Nachlässe der Kniest-Brüder teilweise erstmals der breiten Problemöffentlichkeit zugänglich zu machen. Und stets hat er weitere Projektideen im Kopf.

Nicht umsonst hat die Schwalbe Bernd wegen seiner so vielseitigen, Jahrzehnte langen Arbeiten zur Förderung des Problemschachs auf den Jubiläumskongress 2024 in Essen die Ehrenmitgliedschaft verliehen.

Unglaublich: Heute feierst du, lieber Bernd, deinen 80. Geburtstag! Persönlich und im Namen aller Blog-Leser schicke ich dir dazu herzliche Glückwünsche, wünsche ich dir erst einmal für die nächsten zehn Jahre alles denkbar Gute, vor allen Dingen natürlich Gesundheit und weiterhin viel Energie, Erfolge und Freude an unserem gemeinsamen Lieblings-Hobby.

Eines meiner Lieblingsstücke von dir möchte ich hier zum Lösen anbieten; wie immer bringe ich die Lösung in einer Woche.

Bernd Schwarzkopf
feenschach 1978
Letzter Zug? 3+4 Grashüpfer (8+8)

 

 

 

Lösung

R: 1.gxf6ep, davor f7-f5+ 2.Kf5xSf4+ Sd5(x)f4+

pacemaker 2

Vor etlichen Jahren hatte Thomas Kolkmeyer sein Anticirce-Proca-Prüfprogramm „pacemaker“ geschrieben, das unter neuen Windows-Versionen nicht mehr lauffähig ist. Er hat nun die Neu-Implementierung, die zugleich eine deutlich funktionale Erweiterung verspricht, begonnen; Details hierzu können seiner History entnommen werden.

An einer Stelle benötigt Thomas allerdings Unterstützung: Bei der Implementierung des „User Interface“. Das soll unter Nutzung der GUI-Library wxWidgets geschehen; hier allerdings kennt er sich nicht aus.

Wer ihn also dabei unterstützen kann, wer jemanden kennt, der jemanden kennt (Schachkenntnisse sind nicht erforderlich!), möge sich bitte direkt an Thomas (thomas.kolkmeyer(at)berlin.de) wenden; die Retrowelt wird es ihm danken!

Retro der Woche 29/2026

Vor fünf Jahren erschien der Preisbericht zum 17. Thematurnier von Phénix; das hatte sich der neuen Märchenbedingung „Breton“ (Bretonisches Schach) gewidmet und war für alle Problemgattungen offen. Es zeigte sich, dass man mit dieser Bedingung, eigentlich eher einer Bedingungsfamilie, auch klasse Retros bauen kann.

Aber zuerst die Definition für Breton, entnommen dem Märchenschachlexikon der Schwalbe: „Als Teil eines Schlagzuges wird neben dem Schlagopfer ein Stein derselben Art der Partei des Schlagtäters vom Brett entfernt, sofern einer vorhanden ist. Stehen hierfür mehrere Steine zur Auswahl, entscheidet die Partei des Schlagtäters, welcher Stein entfernt wird.“

Bei unserer heutigen Aufgabe haben wir es mit Breton adverse zu tun: Hier verschwindet, wie man vermuten kann, zusätzlich ein Stein derselben Art der Partei des Schlagopfers.

Michel Caillaud (wer sonst?) steuerte für dieses Turnier das bestplatzierte Retro bei.

Michel Caillaud
Phénix 17. Thematurnier 2021, 4. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 26 Zügen, Breton advers (11+16)

 

Trotz der ganz neuen Märchenbedingung nicht allzu schwer zu lösen, finde ich — und das wollen wir uns nun anschauen, wie wir da vorgehen können.

Wie üblich schauen wir danach, was fehlt? Das sind bei Weiß vier Bauern sowie die Dame — und sichtbare weiße Züge; wir haben also eine weiße Homebase.

Bei Schwarz sind noch alle Mann an Bord, auffällig ist natürlich die Bauernstruktur, die zeigt, dass die schwarzen a- bis e-Bauern jeweils „nach Osten“ geschlagen haben.

Und damit haben wir eigentlich das Problem schon ideenmäßig gelöst!

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Retro der Woche 26/2026

Im Jahr 2023 feierte die französische Zeitschrift „Rex Multiplex“ ihr 40-jähriges Bestehen; zu diesem Anlass schrieb sie ihr 18. Thematurnier in mehreren Gruppen, darunter auch Retros aus. Thema war, nicht gerade fernliegend, die Bedingung „Rex Multiplex“, die im Schwalbe-Märchenlexikon so definiert wird:

„Beide Parteien können mehrere Könige und/oder königliche Steine besitzen und auch in einen König umwandeln. Ein Schachgebot ist nur zulässig, wenn es entweder für alle Könige zugleich parierbar ist oder alle Könige gleichzeitig mattsetzt.“

Man kann es auch anders formulieren: Umwandlung in Könige ist erlaubt, auch diese Könige haben königliche Eigenschaften; „Teilmatts“ sind nicht zulässig: Alle oder keiner.

Preisrichter Thierry le Gleuher erhielt 23 Einsendungen, von denen er 14 auszeichnete — dennoch gab es nur einen Preis; dieses Stück aber überragt laut Richter die anderen deutlich.

Und das wollen wir uns heute gemeinsam anschauen.

Dirk Borst
18. TT Rex Multiplex 2023
Beweispartie in 28.5 Zügen, Rex multiplex (14+14)

 

Bei Weiß fehlen [Lf1], der zu Hause geschlagen werden musste, sowie [Lc1], der offensichtlich auf der h-Linie geschlagen wurde; der [Bb2] hat sich offensichtlich in den zweiten König umgewandelt. Bei Schwarz fehlen ein Turm sowie [Bc7], der selbst nicht geschlagen haben kann, da für ihn kein weißen Schlagopfer zur Verfügung steht. Also wurde er auf seiner Linie vom [Bb2] geschlagen, der damit auf c8 umwandelte; der schwarze Turm starb auf e3.

Nun stellen sich einige Fragen: Durch wen starb [Lf1], und wie lässt sich vor allen Dingen der Nordwesten des Bretts aufbauen ohne dass der weiße König im Weg steht?

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Hartmut Laue 75

Korrektur 7.6.2026: Fehler bei Daten korrigiert: Typo 1998 > 1968; beim Erscheinen (April 1968) war Hartmut erst 15.

Meine herzlichen Glückwünsche gehen in den hohen Norden, nach Kronshagen bei Kiel, zu Hartmut Laue, der heute seinen 75. Geburtstag feiern kann.

Schon als Schüler problemschachlich aktiv, hat er sich nicht nur zu einem hervorragenden Komponisten entwickelt, dessen Schwerpunkte “orthodox” sind: Direkte Zwei- und Dreizüger, heute überwiegend kurze Selbstmatts, wobei er besonders großen Wert auf die Nutzung S#-typischer Ideen und Motive bei Schwarz und Weiß legt. Entsprechend ist er vielseitig publizistisch tätig, etwa als “Indexer” bei FIDE Alben, als S#-Sachbearbeiter der Schwalbe seit Oktober 2005, lange Zeit als Redakteur “Selected Selfmates” im Problemist, gesuchter Preisrichter und Artikel-Schreiber. Hier empfehle ich besonders seine “Dies# file mir auf” Serie in der Schwalbe. Und auch seine immense Unterstützung beim Aufbau der Maßmann-Sammlung bei der Kieler Landesbibliothek sollte man nicht vergessen.

Auch im Bereich des Märchenschachs ist er gelegentlich aktiv: Gerade in seiner Anfangszeit mit Längstzügern, dann als Erfinder von “take&make” und “make&take”, Zug-Kombinationen für den Schlagfall: Schlag (“take”), und anschließend bzw. vorher ein Zug in der Gangart des Schlagopfers (make”). Das führt meist zu äußerst komplexen Aufgaben; dazu kann ich euch das Studium seiner make&take Beweispartie P1372758 ans Herz legen.

Für Zwischendurch serviere ich euch leichtere Kost, einen Längstzüger des 15-jährigen Hartmut; die Lösung findet ihr hier wie immer in einer Woche.

Hartmut Laue
Schach-Echo 1968
s#2, Längstzüger (7+9)

 

 

 

Lösung

1.Ta1!
1… bxa1=D 2.e4 Dg1#
1… bxa1=T 2.Lb1 Ta5#
1… bxa1=L 2.e4 Ld4#
1… bxa1=S 2.Lb1 Sxb3#

(Natürlich) Allumwandlung; hübsch finde ich, dass auch der Schlüssel der längsmögliche Zug bei Weiß ist.