Letzter Zug?

In den letzten Retros der Woche habe ich einige ausgezeichnete Aufgaben aus dem Retro-Preisbericht der Schwalbe für das Jahr 2003 vorgestellt (diese Reihe werde ich am kommenden Sonntag beenden), und daraus möchte ich euch heute eine kurze und sehr hübsche Beweispartie vorstellen, mit der ich gleichzeitig eine Frage an euch verbinden möchte: Hättet ihr als Komponisten dieser Aufgabe den letzten Halbzug angefügt oder das Stück als Beweispartie in 6,5 Zügen veröffentlicht?

Und noch mehr interessiert mich natürlich eure Begründung, eure Argumente für eure Entscheidung “pro” oder “contra”.

Klaus Kiesow
die Schwalbe 2003, 4. Lob
Beweispartie in 7,0 Zügen (14+11)

 

Lasst einfach eure Meinung als Kommentar hier — in etwa einer Woche gibt es wie immer hier die Lösung.

Lösung


Die erste Antwort kam (per Mail, um hier nicht zu “spoilern”) von Arnold Beine direkt nach der Veröffentlichung, später auch von anderen mit gleichem Tenor: Ohne die abschließende Rochade ist die Aufgabe kaputt; die Rochade verhindert (quasi “a posteriori”) etwa den Dual 1.e4 d5 2.exd5 Sc6 3.dxc6 Dd4 4.cxb7 Dxb2 5.bxc8~ Txc8 6.Lxb2 Ta8 7.Lc1, da hier [Ta8] bereits gezogen hat.

Bedrich Formánek

Bereits im November letzten Jahres ist Bedrich Formánek (6.6.1933 – 19.11.2023) im Alter von 90 Jahren verstorben. Er hat Problemschach in allen Facetten gelebt: Er war Präsident und Ehrenpräsident der WFCC, war die “Über-Person im slowakischen Problemschach, hat viele Artikel und Bücher verfasst, war angesehener Preisrichter und hat natürlich komponiert, darunter auch einige Retros. Die zeichnen sich alle durch Witz und Charme aus, sind alle Werbung fürs Problemschach und speziell die Retroanalyse.

Ein hübsches Stück, die wohl erste “Duplex-Beweispartie” (Duplex: Die Problemforderung muss sowohl mit weißem wie mit schwarzem Anzug erfüllt werden), möchte ich euch für zwischendurch zum Lösen anbieten:

Bedrich Formánek
Die Schwalbe 1984, 5. Lob
Beweispartie in 3 Zügen, Duplex, Circe (16+16)

 

Wie immer findet ihr hier die Lösung in etwa einer Woche.

 

Lösung

Weiß zieht an: 1. e4 a6 2. Lxa6[Ba7] Sxa6[Lf1] 3. Sf3 Sb8
Schwarz zieht an 1. f5 e3 2. f4 e4 3. f3 Sxf3[Bf7]

Der Hinweis von Joost ist natürlich berechtigt, die Forderung muss “Beweispartie in exakt 3 Zügen, Duplex” lauten, denn in zwei Zügen löst jeweils Sf3 und e4 und eine schwarze Springerrückkehr völlig ohne Circe, Witz und Eindeutigkeit.

2024

Allen Retrofreunden wünsche ich
ein gutes und friedliches neues Jahr 2024!

Traditionell möchte ich auch an diesem Neujahrstag mit euch zusammen in der Geschichte der Retroanalyse 100 Jahre zurück blicken.

Dabei ist das neue Jahr speziell für die deutschen Retrofreunde ein ganz besonderes: Vor 100 Jahren, am 10. Februar 1924, wurde in Essen die Schwalbe gegründet; sie feiert in diesem Jahr also ihren hundertsten Geburtstag. Dazu sind bereits einige spezielle Veranstaltungen und Aktionen geplant, über die ich auch hier berichten werde; zentraler Anlaufpunkt ist allerdings die Schwalbe-Seite.

Im August 1924 erschien die erste Ausgabe der Schwalbe-Zeitschrift. Schon früher im Jahr hatte Franz Palatz (18.7.1896–1945), der in den folgenden Jahren die Schwalbe in unterschiedlichen Funktionen unterstützte ein hübsches Retro-Rätsel publiziert, das ich euch “für zwischendurch” ans Herz legen möchte.

Franz Palatz
Deutsches Wochenschach 15.1.1924
Schwarz nimmt seinen letzten Zug zurück und zieht so, daß Weiß s#2 erzwingen kann. (5+3)

 

In etwa einer Woche werde ich hier wie üblich die Lösung nachreichen.

 

Lösung

Zurück: h2xLg1=T; stattdessen h1=L Dann 1.Kh5 Kh3 2.Df3+ Lxf3#.

Sehr hübsch, wie ich finde!

Silvio Baier 45

Schon lange habe ich keinem so jungen Retrofreund zum runden Geburtstag gratulieren können wie Silvio Baier, der heute seinen 45. Geburtstag feiert. Und in den jungen Jahren hat er schon viele bedeutende Erfolge gefeiert: Amtierender Kompositions-Doppelweltmeister, 1., 3.-4. und 6.-8. Platz beim letzten WCCT, womit er allein Deutschland auf Platz 1 der Retro-Länderwertung katapultiert. In Anerkennung dieser Erfolge hat ihm der Deutsche Schachbund die goldene Ehrenplakette verliehen. Und vergessen wir nicht: Lange Jahre hat er der Schwalbe auch als höchst kundiger Sachbearbeiter für Hilfsmatts zur Verfügung gestanden.

Lieber Silvio, zum runden Geburtstag meine herzlichen Glückwünsche; alles Gute für dein neues Lebensjahr, weiterhin so viel Erfolg mit deinen großartigen Beweispartien!

Hoch komplex, entsprechend lang sind sie meist; für zwischendurch zum Mitfeiern habe ich für euch eine recht kurze herausgesucht; Silvio hat sie in einer Themen-Serie komponiert, als er noch keine 30 Jahre alt war.

Silvio Baier
Die Schwalbe 2008
Beweispartie in 10,5 Zügen (15+16)

 

Die Lösung gibt es wie immer in etwa einer Woche hier!

 

 

Und hier ist sie nun, nach dem Tipp von Henrik Juel im Kommentar auch sicher nicht mehr schwer zu finden?!

Lösung


Uli Ring 80

Herzliche Glückwünsche gehen nach Roßdorf bei Darmstadt zu Uli Ring, der heute sein achtes Lebensjahrzehnt vollendet.

Bereits mit zwanzig Jahren übernahm er von Hermann Albrecht die Zweizüger-Abteilung der Schwalbe, machte sich später auch als bedeutender Hilfsmatt- und Retro-Spezialist einen Namen; besonders bei der frühen Entwicklung der Beweispartien war er sehr aktiv und erfolgreich. Einige Beispiele findet ihr mithilfe der Suchfunktion hier im Blog. Vielen von euch ist Uli ja auch von seiner regelmäßigen Teilnahe an den Andernach-Treffen persönlich bekannt; dort oder wo auch sonst immer genieße ich das Zusammensein, die Gespräche mit ihm.

Lieber Uli, ich wünsche dir von Herzen alles Gute für dein neues Lebensjahrzehnt: Gesundheit, Glück, Zufriedenheit — alles, was du dir selbst wünschst. Und heute lass dich toll feiern!

Gelegentlich hat Uli auch Märchen-Retros gebaut; ich lade euch ein, mit dieser Kleinigkeit “zwischendurch” seinen Geburtstag mitzufeiern — die Lösung findet ihr wie immer in etwa einer Woche hier.

Ulrich Ring
Diagramme und Figuren 1969
-(w+s) & h#1, Circe (1+1)

 

Soo schwer war das sicherlich nicht?!

 

Lösung

R: 1.Kd1xTc1 Tc8xDc1, dann 1.Tg8 Dh6#

Peter van den Heuvel 28.09.1968 – 29.08.2023

Auf seiner Vor-WCCC-Urlaubstour in Georgien ist Peter van den Heuvel am 29. August ganz plötzlich verstorben. Noch am 29. hatte er morgens ein Foto des Kazbek-Berges auf Facebook gepostet, von seinem Ausflug nach Stepanzminda, Mzcheta-Mtianeti. An dem Tag wollte er weiterreisen …

Ich kannte Peter hauptsächlich von seinen diversen Andernach-Besuchen, auch beim WCCC in Dresden 2017 war er, wurde Dritter beim Retro-Löseturnier. Peter wurde nicht einmal 55 Jahre alt.

Peter war bei Probleemblad viele Jahre lang Sachbearbeiter für Märchenschach und Retros, vor allen Dingen war er aber ein hervorragender Löser (Internationaler Meister seit 2002): Er war neun Mal niederländischer Lösemeister (Gewinner der ersten Lösemeisterschaft 1995, also noch als Twen, er ist auch amtierender Meister). Als Komponist hat er sich überwiegend mit Retros und dort mit (auch märchenhaften) Beweispartien beschäftigt; “für Zwischendurch” und zu seinem Gedenken lade ich euch ein, diesen hübschen Zweispänner zu lösen:

Peter van den Heuvel
Champagne-Turnier 1998, 1.-2. Preis
Beweispartie in 9 Zügen, zwei Lösungen (14+15)

 

Wie immer findet ihr hier in der kommenden Woche die Lösung.

 

Lösung


Schöner Funktionswechsel von [Lf1] und [Sg1].

Günter Lauinger 75

Herzliche Glückwünsche gehen heute nach Ravensburg, wo Günter Lauinger heute sein drittes Lebensvierteljahrhundert vollendet.

Beruflich war er in der Luft- und Raumfahrt tätig, pflegt(e) sehr viele interessante Hobbys, von denen Problemschach, speziell die Retroanalyse einen ganz besonderen Platz einnehmen: Nicht einmal durch so viele Aufgaben, die er komponiert hat (die PDB zählt 68, davon 60 Retros, davon viele Märchen-Lastmover), sondern durch seine herausragende Leistung als Retro-Sachbearbeiter der Schwalbe von Heft 43 (II/1977) bis Heft 230 (IV/2008), also über weit mehr als 30 Jahre, in denen er die Retro-Rubrik der Schwalbe sicherlich zur Nummer eins in der Welt machte.

Erinnert sei auch an die beiden Schwalbe-Treffen, die er zu Beginn (1977) und zum Ende (2009) seiner Sachbearbeiter-Tätigkeit in Ravensburg organisiert hatte. Bei der ersten war ich noch nicht dabei, die zweite habe ich in bester Erinnerung, wenn ich mal von der schrecklichen Stau-Anreise absehe …

Lieber Günter, für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir von Herzen alles Gute — und heute lass dich toll feiern!

„Für zwischendurch“ zeige ich euch einen hübschen Høeg-Retraktor (die Gegenseite bestimmt, ob und was entschlagen wurde) von Günter, der sicherlich gar nicht so schwer zu lösen ist: Irgendwie muss ja der weiße König nach e1 geführt werden! Aber gerade beim Typ Høeg ist es immer spannend, weshalb andere Schläge nicht funktionieren …

Günter Lauinger
feenschach 1979
Rochade vor 3 Zügen, VRZ Høeg (9+8)

 

Die Lösung findet ihr wie immer in etwa einer Woche hier!

 

Lösung

R: 1.Kf2xSf1 (Schwarz muss einen Springer ergänzen, um das Läuferschach erklären zu können) 1.– Sg3-f1+ (Weiß ergänzt nichts, da er die Linie e1-h1 freihalten will) 2.Kf1 (Schwarz kann nun keinen Läufer einsetzen, da bereits Lh4 ein Umwandlungsläufer ist: Zwei Umwandlungsläufer lassen sich nicht erklären) 2.– Se4xBg3+ 3.Ke1-f1 (wegen der Bauern-Ergänzung zuvor kann nun Schwarz wegen der Schlagbilanz keinen Stein auf f1 einsetzen) & vor 1.O-O!

Wolfgang Dittmann 14.6.1933–5.2.2014

Heute möchte ich an den 90. Geburtstag von Wolfgang Dittmann erinnern: Er war nicht nur ein großartiger Retrokomponist, sondern hat die Retroanalyse auch durch sein „Der Blick zurück“ (EDITIONS feenschach–phénix 2006) unglaublich bereichert: Für mich einer der Klassiker der Retro-Literatur neben „Retrograde Analysis“ von Dawson & Hundsdorfer 1915 sowie den beiden Ceriani-Büchern „32 Personaggi e 1 Autore“ 1955 und „La Genesi della Posizioni“ 1961.

Acht Jahre lang hat er sehr erfolgreich die Schwalbe geführt, sein Abschiedsgeschenk an die Mitglieder, “Der Flug der Schwalbe”, der Geschichte der ersten gut 60 Jahre der Vereinigung, haben Hans Gruber und ich vor einiger Zeit in einer zweiten Auflage aktualisiert.

Natürlich ist er als Komponist besonders bekannt geworden durch seine Verteidigungsrückzüger — klassische Procas und später intensiv mit der Anticirce Bedingung. Großartige und komplexe Aufgaben hat er damit gebaut; ein paar wenige findet ihr auch hier im Blog.

„Für zwischendurch“ habe ich jedoch eine kurze Beweispartie mit der Schlagschach-Bedingung herausgesucht, die er auch intensiv bearbeitet hat.

Wolfgang Dittmann
Die schwalbe 1986, 4. ehr. Erw.
Beweispartie in 10,5 Zügen, Schlagschach (16+14)

 

Natürlich war der letzte Zug Be5xSd6 — aber wie kam der an sBd5 vorbei? Das erfordert genaues Manövrieren. Versucht es selbst; in einer Woche findet ihr hier die Lösung.

Lösung

1.e4 Sc6 2.Ke2 Sa5 3.Kf3 Sf6 4.e5 Sh5 5.Kg4 d5! 6.Kxh5 e6 7.Kg4 b6! 8.Kf3 Sb7 9.Ke2 b5 10. Ke1 Sd6 11.exd6

Schwarz kann [Bd7] zum e.p.-Schlag anbieten, wenn Weiß eine andere Schlagmöglichkeit und damit „freie Auswahl“ hat.

Ich schätze mich glücklich, mit Wolfgang befreundet gewesen zu sein, dass ich mit ihm speziell im Zusammenhang mit seinem Buch eng zusammenarbeiten durfte.