Retro der Woche 30/2021

Harry Goldsteen hat relativ wenig komponiert, aber fast all seiner Stücke sind von herausragender Qualität (Beispiele findet ihr als Retro der Woche 11/2015 oder 49/2020) — und das zählt ja viel mehr als pure Quantität. Gelegentlich tat er sich zum Komponieren mit Guus Rol (*26.8.1949) zusammen, und dabei sind einige echte Meisterwerke entstanden.

Guus Rol & Harry Goldsteen
Probleemblad 1998, 1. Preis
Schwarz gewinnt (13+13)

 

Die Aufgabe, die ich für heute herausgesucht habe, ist solch ein Meisterwerk. Und schwer ist sie auch: Der starke Löser Joost de Heer schrieb in der PDB dazu: „Marvellous composition, one of the most difficult retros ever, I think.“ Dennoch wollen wir einmal versuchen, die prinzipielle Auflösung zu erarbeiten.

Bevor wir es vergessen, erledigen wir zunächs fix die offensichtliche (und eigentlich überflüssige) Vorwärtsforderung: 1.Txe3 Dxd2#, und nun betrachten wir die Schlagbilanz: Schwarz schlug offensichtlich in seinem letzten Zug Ld3xXc2+, offensichtlich ist auch der Schlag e3xYf2. Damit ist klar, dass sBa3 und sBb2 maximal einmal geschlagen haben können. Also ist sBa3 der [Ba7] — und damit mussten alle drei weißen Schläge durch die drei weißen Bauern auf der a- und b-Linie erfolgen!

Daraus können wir ableiten, dass Schwarz den [Bg2] verschwinden lassen musste (hxBg), und damit sind alle Schläge erklärt. Die zwei fehlenden schwarzen Bauern konnten nicht direkt geschlagen werden; sie müssen also auf c1 bzw. g1 umgewandelt haben.

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Retro der Woche 28/2021

In der letzten Woche hatte ich einen „Zwitter“ aus dem StrateGems Retro-Preisbericht 2018 vorgestellt; heute soll eines der klassischen Retrostücke, die auf den ersten beiden Plätzen landete, vorgestellt werden

Joaquim Crusats & Andrej Frolkin
StrateGems 2018, 1.-2. Preis (klassische) Retros
Letzte drei Einzelzüge? (12+13)

 

Den allerletzten Zug sehen wir sofort: R 1.– g7-g6+. Den Käfig von Südwesten bis Nordosten können wir offensichtlich nur durch die Rücknahme von e7xXf6 auflösen; vorher müssen aber [Th8] und [Lf8] nach Hause gebracht worden sein.

Die Schläge durch Schwarz sind leicht zu sehen: das bereits erwähnte e7xf6; zusätzlich ist sBg2 der [Bd7], benötigte also die restlichen drei Schläge. Der fehlende schwarze Bauer [Bb7] schließlich musste schlagfrei auf b1 in die zweite schwarze Dame umwandeln.

Dies hilft uns dann auch, die weißen Schläge zu identifizieren: einmal gxh, dann mussten [Ba2] und [Bb2] umwandeln, damit Schwarz die fehlenden weißen Steine schlagen konnte. Offensichtlich brauchten wir axb (NICHT [Bb7], da der umwandeln musste) und bxc, um [Bb7] den Weg frei zu machen.

Wir sehen aber schon, dass etwa g4xTh5 nicht erfolgreich sein kann, da der schwarze Turm den Käfig nicht vorab verlassen kann, also nicht nach h8 gespielt werden kann. Deswegen muss aus dem Käfig die Umwandlungsdame freigespielt werden.

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Retro der Woche 26/2021

Gern möchte ich die Vorstellung einiger ausgezeichneter Aufgaben aus dem Retro-Preisbericht 2017-2018 in Probleemblad fortsetzen. Und da steht heute der erste Preis auf dem Programm.

Die Forderung ist ähnlich wie „Letzte n Züge?“, bei der deren Eindeutigkeit gefordert ist. Hier müssen die Züge nicht unbedingt eindeutig sein, jedoch ist, egal, wie man legal zurücknimmt, die Stellung vor 68 Einzelzügen eindeutig. Das ist ein neuer Längenrekord, der den alten von Hugo August aus dem Jahre 1942 (!!), siehe P0001712 mit völlig anderem Schema, um drei Halbzüge übertrifft.

Dmitrij Baibikov
Probleemblad 2018, 1. Preis 2017–2018
Stellung 68 Einzelzüge zuvor? (13+12)

 

Bei Weiß fehlen vier Bauern vom Königsflügel, einer davon hat sich in den dritten weißen Springer umgewandelt. Bei Schwarz fehlen drei Bauern, ein Springer und der schwarzfeldrige Läufer; einer der fehlenden Bauern hat sich in den zweiten weißfeldrigen Läufer umgewandelt. Damit sind alle Schlagfälle erklärt.

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Retro der Woche 23/2021

Vor vier Wochen habe ich hier eine aktuelle Aufgabe von Tom Volet vorgestellt – und dabei fiel mir auf, dass ich sein vielleicht bekanntestes Problem, einer meiner Lieblings-Retros überhaupt, hier noch gar nicht vorgestellt hatte. Das will ich heute nachholen!

Tom Volet
Die Schwalbe 1980, J. G. Mauldon gewidmet, 1. Preis
Auf welchen Feldern erfolgten Schlagfälle? In welcher Reihenfolge? (8+16)

 

Bei Schwarz sind alle Mann an Bord, bei Weiß fehlen acht Bauern. Dabei müssen wir mit irgendwelchen Schlussfolgerungen zunächst vorsichtig sein: Wir können nämlich nicht von Vornherein ausschließen, dass ein weißer Bauer umgewandelt hat: Das wäre zum Beispiel möglich mit c7xBd6, Bc2-c8=T, Tc6, d7xc6.

Wie kann sich nun Weiß aus seiner „babylonischen Gefangenschaft“ im Nordosten befreien?

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Retro der Woche 13/2021

Im letzten Retro der Woche hatte ich den ersten Preis der Beweispartie-Abteilung des letztjährigen Champagne-Turniers vorgestellt; gefordert war das Thema: Ein Original-Offizier (also nicht umgewandelt) wird von einem anderen Offizier geschlagen, der geschlagene hat mindestens einmal gezogen und selbst nicht geschlagen. Zum Zeitpunkt des Schlags gibt das Schlagopfer kein Schach, ist auch nicht gefesselt.

Die „sonstige“ Abteilung war mit nur sechs eingereichten Aufgaben deutlich dünner besetzt als die der Beweispartien. Den Preis vergab Richter Michel Caillaud an einen ziemlich vogelwilden Verteidigungsrückzüger (Frankfurter Schach, weiße disparate Steine, weißer Längstzüger); ich bespreche hier lieber die erste ehrende Erwähnung:

Andrej Frolkin
Champagne-Turnier 2020, 1. ehrende Erwähnung Gruppe B
a) letzte drei Schläge? B) minimale Zuganzahl seit dem letzten Bauernzug? (15+10)

 

Wir sehen schnell, dass bei Weiß nur ein Stein fehlt, der durch cxb des nun auf b2 stehenden schwarzen Bauern geschlagen wurde. Ferner erkennen wir, dass Schwarz direkt vor dem Retropatt steht, denn die einzig „optisch mögliche“ Rücknahme b7-b6 verbietet sich, da der Zug [Lc8] aussperren würde.

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Retro der Woche 06/2021

Zurzeit bin ich u.a. damit beschäftigt, den Retro-Preisbericht 2018 für feenschach vorzubereiten. Mit der ersten Sichtung bin ich nun fertig, und aus den Aufgaben, die es „in die zweite Runde geschafft haben“, möchte ich heute eine Aufgabe vorstellen. Ob und wie sie ggf. platziert wird, weiß ich noch nicht — und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es hier noch nicht verraten…

Gerald Ettl
feenschach 2018
Letzte 22 Einzelzüge? (15+11)

 

 

 

 

Im Diagramm fallen schnell drei Details auf:

  • Weiß muss mit der Rücknahme beginnen, da der schwarze König im Schach steht.
  • Weiß verfügt über einen Umwandlungsspringer.
  • Der einzige Schlag des Schwarzen war Bh7xXg6.

Nun betrachten wir die weißen Schlagfälle: Drei Schläge durch Bauern sieht man, nämlich axb und gxf und fxe. Hinzu kommt der Schlag des Weißen im letzten Zug – und dann wurde der fehlende [Bc7] durch eine weiße Figur geschlagen.

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Retro der Woche 47/2020

Manchmal benötigt die Angabe der reinen Forderung einer Aufgabe noch zusätzliche Informationen, um sie besser in ihren Kontext einordnen zu können; so ist es mit dem nun schon über 70 Jahre alten Stück, das ich heute vorstellen möchte, auch.

Hugo August & Karl Fabel
Revista Română de Şah 1949
Letzte 16 Einzelzüge? (16+12)

 

Aber untersuchen wir zunächst die Stellung, um die letzten Einzelzüge zu identifizieren:

Schwarz hat offensichtlich keinen letzten Zug, Weiß muss daher mit der Rücknahme beginnen. Wir sehen bei Weiß auch schnell die vier Schläge: hxg sowie dxcxbxa, damit [Bd2] auf a8 in die zweite auf dem Brett stehende Dame umwandeln konnte.

Hierbei müssen wir berücksichtigen, dass Schwarz ständig vom Retropatt bedroht ist, dass ihm die Züge auszugehen drohen.

Also müssen wir dafür sorgen, dass der offensichtliche Umwandlungsläufer auf h1 möglichst rasch entwandeln kann.

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Retro der Woche 45/2020

Heute möchte ich euch wiederum ein klassisches Retro vorstellen — im Gegensatz zum Retro der Woche 42/2020 allerdings aus schon beinahe klassischer Zeit. Ein bedeutender Komponist solcher klassischer Auflöseaufgaben war der Ukrainer Alexander Kisljak (27.12.1938—5.5.2010), von dem ich hier schon verschiedene Aufgaben vorgestellt habe: Die Suchfunktion ist dein Freund!

Das folgende Stück erhielt beim Informalturnier der sehr angesehenen Zeitschrift Schachmati w SSSR vor 35 Jahren den ersten Preis und kam dann auch mit 10 Punkten ins FIDE-Album.

Alexander Kisljak
Schachmati w SSSR 1985, 1. Preis
Matt? (14+11)

 

Beginnen wir gleich mit den Standard-Betrachtungen einer solchen Stellung, bei der natürlich nicht erwartet wird, dass man einfach mit „ja!“ oder „nein!“ löst: Natürlich geht es um die Auflösung der Stellung — und heute würde man vielleicht einfach nach den, wie wir sehen werden, letzten 35 Einzelzügen fragen.

Zwei weiße Bauernschläge sind sichtbar: axb sowie d2xc3 — dieser Zug muss zurückgenommen werden, um den Knoten im Norden auflösen zu können, denn dafür muss sKc4 wegziehen können, um im Endeffekt den wK einen Zug zurücknehmen lassen zu können. Ferner wurde offensichtlich [Lc8] zuhause geschlagen; damit sind noch zwei Schläge durch Weiß offen.

Bei Schwarz ist nur cxb sichtbar — andererseits fehlen bei Weiß [Bg2] und [Bh2], sodass mindestens einer dieser Bauern umgewandelt hat, der dabei auch mindestens einmal geschlagen haben muss – nur noch ein Schlag ist frei.

Nun wollen wir uns anschauen, welche Steine denn eigentlich nach dem offensichtlichen R 1.Sb5-a3# (mit oder ohne Schlag?) Züge zurücknehmen können?

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