Retro der Woche 49/2015

An den letztwöchigen Beitrag anknüpfend möchte ich nun den zweiten Preis dieses Informalturniers vorstellen, ein ganz „klassisches“ Retro von Alexander Kisljak. Wie so oft in dieser Gattung sind nicht alle Züge eindeutig bestimmt; wenn allerdings die erforderlichen Manöver eindeutig sind, wird dies nicht als Mangel angesehen.

Alexander Kisljak
The Problemist 1990, 2. Preis (1998-1990)
Löse auf! (14+12)

 

Betrachten wir zunächst einmal die Schagfälle: Bei Weiß sieht man drei (a2xb3xc4 sowie f(h)xg), bei Schwarz keinen. Somit besteht also noch die Möglichkeit, dass [Bg7] umgewandelt wurde.

Die entscheidende Frage ist allerdings, wie der Retrokäfig im Westen geöffnet werden kann. Das klappt nur, wenn Schwarz Ka6-b6 zurücknehmen kann — dafür allerdings muss ihm irgendjemand auf a5 Schachschutz geben, denn die wD kann nicht wegziehen. Wie können wir diesen Schachschutz realisieren?

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Geburtstage

Der 28. November ist ein bedeutender Geburts-Tag für das Problemschach: Nicht nur feiert heute Hans Peter Rehm, einer der bedeutendsten Problemkomponisten und -autoren der letzten 50 Jahre, seinen Jubeltag — von hier aus ganz herzliche Glückwünsche ins Badische, lieber Pit — sondern heute jährt sich auch der Geburtstag von Thomas Rayner Dawson (28.11.1889–16.12.1951).

Er war nicht nur ein extrem produktiver Märchenschächer und vielseitiger Publizist, sondern auch einer derjenigen, die die Retroanalyse zum Beginn des vorigen Jahrhunderts vorangebracht haben, sie in der Problemschachwelt etabliert haben.

Von ihm möchte ich heute eine recht einfache Aufgabe vorstellen, die mir aber immer im Gedächtnis bleiben wird, da sie wohl die erste Retro-Aufgabe war, die ich 1981 selbst gelöst hatte: Ich könnt euch kaum vorstellen, wie stolz ich damals war! 🙂

Thomas Rayner Dawson
Falkirk Herald 1914
Matt in 2 Zügen (11+6)

 

Dass Schwarz zuletzt einen Bauerndoppelschritt gespielt haben muss, habe auch ich damals fix gesehen, nachdem ich erst überhaupt keine Lösung gefunden hatte. Also kann man einen e.p.-Schlag versuchen — aber haben wir dann nicht zwei Lösungen? Das hat dann eine Weile gedauert, bis bei mir der Groschen fiel, warum nur einer der beiden scheinbar möglichen e.p.-Schläge löst.

Übrigens gehe ich auf TRD in einem Aufsatz, der im Dezemberheft der Schwalbe erscheinen wird, noch näher ein.

feenschach erschienen!

Vier Tage hat die feenschach-Lieferung per Post von Aachen nach Bornheim gebraucht — das entspricht ziemlich genau einem Schnitt von einem Kilometer pro Stunde. Aber nun ist sie angekommen — ein toller Start in den Advent.

Entschädigt werdet ihr für die lange Wartezeit (nicht nur wegen der Post) durch drei tolle Hefte sowie das beiliegende Inhaltsverzeichnis für Band XXXIII (2013-2014), das wie immer Bernd Schwarzkopf sorgfältig erstellt hat.

Die 148 Seiten der Hefte 212 bis 214 bieten jede Menge tollen Lese- und Lösestoff; für uns Retro-Freunde möchte ich unter vielen Beiträgen nur „New Fairy Types Based on a Twinning Form“ von Chris Tylor und Andrej Frolkin (f-212, S.54-77 — in Andernach war ich schon kurz auf diesen Artikel eingegangen) und sofort anschließend „Tea, biscuits, and help retractors. Mrs W. J. Baird is having company“ von Adrian Storisteanu hervorheben. Darüber hinaus gibt es noch jede Menge kurze und längere Beiträge, Preisberichte, Urdrucke, Fotos zu genießen: Viel Spaß dabei!

Nachtrag 28.11.15:

Zwischenzeitlich wurde der Einsendeschluss für die Lösungen zu Heft f-213 auf den 29. Februar 2016 festgelegt!

Für zwischendurch (9)

Aus gewöhnlich sehr gut unterrichteten Kreisen habe ich gehört, dass drei feenschach-Hefte auf dem Weg zu ihren Lesern sind, dass die Dezember-Schwalbe gerade gedruckt wird: Das wird eine schöne Advents-Zeit!

Um euch das Warten ein wenig zu verkürzen, eine wie ich finde sehr nette Kleinigkeit, bei dem die Zwillinge schon etwas miteinander zu tun haben…

MMartin Hoffmann
Schweizerische Schachzeitung 1989
Beweispartie in 4,0 Zügen; b) -sDd8 (15+16)

 

Viel Spaß beim Lösen!

Retro der Woche 48/2015

Heute möchte ich etwa 25 Jahre zurück gehen und eine Aufgabe vorstellen, die mir als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, sofort sehr gut gefallen hatte. Ich könnte mir vorstellen, dass es euch ähnlich geht.

Im heutigen Diagramm scheint ein wenig schwarze Farbe zu fehlen — da müssen wir also selbst nachhelfen und zunächst 15 oder 16 Steine (es fehlt a insgesamt nur ein Klotz) schwarz färben, um dann in der „korrigierten“ Stellung die Beweispartie zu lösen.

Andrej Frolkin
The Problemist 1989, 3. Preis (1998-1990)
Färbe für eine Beweispartie in 17,5 Zügen (31+0)

 

Schauen wir uns die Bauernstruktur an, so sehen wir nur auf der e-Linie drei Bauern und auf der f-Linie einen. Damit ist klar, dass die fehlende Dame mittels fxe geschlagen wurde, dass Bf2 von anderer Farbe als der Schläger sein muss.

Wir haben also ganz sicher auf der e-Linie entweder zwei weiße Bauern — dann ist Bf2 schwarz — oder zwei schwarze Bauern, und dann ist Bf2 weiß. Nun betrachten wir die beiden Alternativen genauer.

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Verspätete Glückwünsche

Reichlich verspätet, aber besonders herzlich gehen Geburtstags-Glückwünsche nach Buenos Aires zu Jorge Joaquin Lois, der am 6. November sein 60. Lebensjahr vollendet hat. Bekannt ist er besonders als großartiger Komponist von Beweispartien; nach ihm ist das Lois-Thema (Platzwechsel „hin und zurück“) benannt.

Ich möchte heute von ihm eine schon etwas ältere, vielleicht nicht so bekannte Augabe vorstellen, die einen lustigen Klapptür-Mechanismus zeigt:

Jorge Joaquin Lois
Gianni-Donati-50-Turnier 2003, ehr. Erw.
Beweispartie in 15,5 Zügen (15+13)

 

Hier die witzige Lösung:

1.e3 g6 2.Lb5 Lg7 3.Lc6 dxc6 4.e4 Lf5 5.e5 Sd7 6.e6 Se5 7.exf7+ Kd7 8.fxg8=L Sf7 9.Lxh7 Ke6 10.Lg8 Th4 11.Lh7 Dh8 12.Lg8 Dh5 13.Lh7 Th8 14.Lg8 Th6 15.Lh7 Sh8 16.Lg8+.

Retro der Woche 47/2015

Vor zwölf Jahren, im November 2003, starb der Stuttgarter Retrokomponist Josef Haas (*28. Januar 1922), der etwa 250 Retros komponiert hat, mit Karl Fabel, Luigi Ceriani und auch Werner Keym in engem Kontakt gestanden hatte. Beruflich war er Kriminalist beim LKA in Stuttgart, ein Spezialist für die kriminialtechnische Erfassung und Identifizierung von Schreibmaschinentypen und -schriften — also ziemlich nahe an der Retroanalyse!

Seine Spezialität waren Rücknahme-Retros mit folgendem Vorwärtsspiel, die häufig sehr verführungsreich und auch retroanalytisch sehr tief waren. Das Stück, das ein prominenter Möchte-gern-Löser mit „Ich sehe nur Verführungen, aber keine Lösung“ kommentierte, das der Autor als seine wahrscheinlich beste Rücknahmeaufgabe ansah, wollen wir uns nun anschauen und systematisch versuchen zu lösen.

Josef Haas
Die Schwalbe 1996, 4. ehrende Erwähnung
Weiß nimmt einen Zug zurück, dann #2 (15+9)

 

Leicht ist zu sehen, dass sBg5 den einzig fehlenden weißen Stein, einen Springer, geschlagen haben muss. Bei Weiß meint man im ersten Moment, dass er vier Mal geschlagen haben muss (bxcxd, gxf3, hxg3), aber das kann nicht stimmen, denn dann hätte Lg1 niemals auf dieses Feld ziehen können.

Also kommt Bg3 von g2, und die weißen Schläge waren etwas komplizierter, nämlich bxcxd, exf3 und hxgxfxe, also sechs weiße Bauernschläge.

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