Retro der Woche 49/2015

An den letztwöchigen Beitrag anknüpfend möchte ich nun den zweiten Preis dieses Informalturniers vorstellen, ein ganz „klassisches“ Retro von Alexander Kisljak. Wie so oft in dieser Gattung sind nicht alle Züge eindeutig bestimmt; wenn allerdings die erforderlichen Manöver eindeutig sind, wird dies nicht als Mangel angesehen.

Alexander Kisljak
The Problemist 1990, 2. Preis (1998-1990)
Löse auf! (14+12)

 

Betrachten wir zunächst einmal die Schagfälle: Bei Weiß sieht man drei (a2xb3xc4 sowie f(h)xg), bei Schwarz keinen. Somit besteht also noch die Möglichkeit, dass [Bg7] umgewandelt wurde.

Die entscheidende Frage ist allerdings, wie der Retrokäfig im Westen geöffnet werden kann. Das klappt nur, wenn Schwarz Ka6-b6 zurücknehmen kann — dafür allerdings muss ihm irgendjemand auf a5 Schachschutz geben, denn die wD kann nicht wegziehen. Wie können wir diesen Schachschutz realisieren?

Dies kann nur eine schwarze Dame oder ein schwarzer Turm erreichen, da Weiß auf a5 keinen Stein direkt entschlagen kann. Dies aber bringt die Schwierigkeit mit sich, dass Dame bzw. Turm andererseits gegen den wKa8 abgeschirmt werden muss.

Hierfür bietet sich sLc7 an, aber das funktioniert nur, wenn dann wiederum sKb6 gegen wLd8 abgeschirmt werden kann. Dies alles funktioniert nur, wenn ein weißer Springer sich im Westen einnisten kann.

Wie kann er in den Käfig hinein kommen? nur via d7 — dort allerdings bietet er Schach, kann also nicht direkt im Retrospiel dort hingezogen haben. Also muss er dort geschlagen worden sein. Durch wen? Durch einen schwarzen Stein, der zunächst entschlagen werden muss.

Dieser Stein kann nur eine schwarze Dame sein, da sie im Gegensatz zu einem Springer ein Tempo verlieren kann, und dies ist erforderlich, wie man nachher in der Lösung sehen kann.

Diese Dame muss ich dann entwandelt, denn im Käfig wird ja ein Stein entschlagen: Das muss nun eine Dame sein, und die Dame „außerhalb des Käfigs“ muss sich also auf h1 entwandeln — und damit sind dann auch alle Schäge erklärt.

Wenn Weiß im ersten Rücknahmezug nun auf g7 entschlägt: Geschieht dies mir dem h- oer dem f-Bauern? Sehr schnell erkennt man, dass dies mit dem f-Bauern geschehen muss, denn der h-Bauer kann nur bis h4 zurückgezogen werden, da ja [Th2] noch heimkehren muss. Mit dem f-Bauern stehen uns also mehr Rücknahme-Züge zur Verfügung.

R 1.f6xDg7 (fxSg7?, hxXg7?) Dg4-g7 2. f5-f6 Dh3-g4! 3. f4-f5 Dd7-h3 4.f3-f4 Dh3xSd7 5.Sb8-d7+ Dh2-h3! Dieses Tempo ist erforderlich, um anschließend im Westen die Züge synchronisieren zu können, da ja der wS kein Tempo verlieren kann. Die wD muss also in ungerader Zügezahl von d7 aus ihr Umwandlungsfeld erreichen, und dies kann einem sS nicht gelingen, daher durfte der im 1. Zug nicht entschlagen werden — oder Weiß müsste ein weiteres Tempo verlieren, schon f2-f3 zurücknehmen. Dieses Tempo brauchen wir allerdings später noch6.Sa6-b8 Dh1-h2 7.Sb8-a6 h2-h1=D 8.Sa6-b8 h3-h2 9.Sb8-a6 h4-h3 10.Sa6-b8 h5-h4 11.Sb8-a6 g6xBh5 12.Sa6-b8 Lb8-c7 13.Sc7xDa6+ La7-b8+ 14.f2-f3! Da5-a6 15.h4-h5! Dieses Tempo hätte Weiß nicht mehr, hätte er im ersten Zug einen Springer entschlagen, denn dann stünde, wie wir gesehen haben, [Bf2] bereits schon zu Hause, so dass hier 15.h3-h4 erforderlich wäre, aber hierhin darf der h-Bauer erst zurückziehen, wenn [Th1] wieder zu Hause ist, also nach Öffnung des Retrokäfigs. 15.– Ka6-b6 16.Se6-c7+ usw.

Komplizierte Auflösung mit tollen Retroentfesselungen und komplexem, gut koordiniertem Tempospiel — ein klasse klassisches Retro, wie ich meine!

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