Retro der Woche 16/2026

Nachdem wir uns in der letzten Woche mit einer Märchen-Beweispartie beschäftigt haben, die im FIDE World Cup 2025 den zweiten Platz belegt hatte, möchte ich euch heute die in diesem Turnier erstplatzierte orthodoxe Beweispartie vorführen.

Die ist wieder ein gutes Beispiel für Stücke, wo dem ersten Anschein nach nicht viel passiert ist, was sich dann aber als falsch herausstellt.

Kostas Prentos
FIDE World Cup 2025, 1. Platz
Beweispartie in
20,5 Zügen (14+15)

 

Bei Weiß sehen wir nur 0+1+1+0+2+2=6 Züge, bei Schwarz immerhin 2+3+2+0+1+8=16. Die beiden fehlenden weißen Bauern wurden auf der b- und der g-Linie geschlagen. Bei schwarz fehlt nur ein Bauer (a oder c), und der konnte sich nicht umwandeln, also kann weißes fxg nicht geschehen sein. Also müssen beide fehlenden weißen Bauern umgewandelt haben- das relativiert auch die hohe Anzahl freier weißer Züge.

Die Umwandlungen müssen also auf f8 und auf c8 erfolgt sein, womit auch das Fehlen des schwarzen Bauern erklärt ist, womit sBb3 von a7 kommt.

Und damit sind auch „im Prinzip“ alle schwarzen Züge klar, denn wegen der Umwandlungen auf c8 und f8 mussten die dortigen Läufer wegziehen und wieder zurückkehren.

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Retro der Woche 15/2026

Ein frohes Osterfest wünsche ich euch allen — verbunden mit der Frage, ob ihr Eier gesucht habt, ob ihr vielleicht im Vorfeld Eier gefärbt habt?

Weil es so schön passt, möchte ich euch heute zur Feier des Feiertags eine Beweispartie vorstellen, in der es um „Färben“, genauer gesagt um „Umfärben“ geht.

Andrij Frolkin und Chris Tylor haben die Bedingung „#colour“ eingeführt: Kommt es (beispielsweise in einer Beweispartie) zu einer Mattstellung, so wird der Stein bzw. die Steine, die Schach geboten haben, umgefärbt, und die Partie geht weiter, als sei nichts geschehen. Führt dieses Umfärben allerdings zu einem Selbstschach, so ist es illegal, darf also nicht stattfinden, und die Partie endet auch wirklich mit dem Matt.

Der junge Österreicher Joachim Hambros hat mit dieser Forderung den zweiten Platz beim letztjährigen FIDE World Cup belegt; diese Beweispartie möchte ich euch heute zeigen.

Joachim Hmbros
FIDE World Cup 2025, 2. Platz
Beweispartie in 16,5 Zügen, #colour (16+16)

 

Die Lösung sollte man nicht „ganz einfach orthodox“ erspielen können? Weiß musste quasi nichts tun, und Schwarz muss ja „nur“ seinen Ta8 nach g8 beamen — das aber kostet bemerkenswert viel Zeit: Von diesem Turm abgesehen sind neun schwarze Züge sichtbar — und der Turm braucht neun weitere Züge, denn wenn alle schwarzen Steine auf der 8. Reihe Platz machen, müssen sie wieder heimkehren. Die Alternative, dass der Turm d8 und e8 „umgeht“, spart aber nichts ein, da er nun statt einem Zug derer fünf benötigt. Und wenn ihr auf die pfiffige Idee kommt, dass der doch über die h-Linie nach h8 gekommen sein könnte, stellt ihr fest, dass dies gar zehn Züge braucht (wieso reichen nicht neun??).

Also brauchen wir „eigentlich“ mindestens 18 Züge, haben aber nur 16 Zeit. Also müssen wir die Bedingung nutzen, Weiß mindestens zwei der schwarze Züge ausführen, ihm Arbeit abnehmen zu lassen.

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Retro der Woche 05/2026

Kürzlich bemerkte ich zufällig, dass seit 1978 jedes Jahr (ok, 2026 lassen wir noch außen vor) mit mindestens einer Aufgabe hier im Blog vertreten ist. Da habe ich natürlich nach einem Retro aus 1977 gesucht — und bin auch sehr gut fündig geworden: Mit einem Stück, das gleichzeitig eine meiner Lieblings-Märchenschachbedingungen nutzt, nämlich Gitterschach. Damit haben wir uns hier im Blog schon beschäftigt, und aus dem einschlägigen Artikel übernehme ich gleich die Definition:

„Das Brett ist in 16 2×2 Zonen aufgeteilt, und jeder Zug muss die Zone wechseln (mindestens eine Gitterlinie überqueren), Start- und Zielfeld eines jeden Zuges liegen also in unterschiedlichen Zonen.“

Alexandr A. Klibanski & Nikita M. Plaksin
feenschach 1977, 2. Preis
Gitterschach a) Wo wurden die fehlenden Steine geschlagen? Welches war der erste Zug des b) sK / c) wK? (13+10)

 
Beginnen wir zum Warmwerden mit Frage c). Im Normalschach könnte der weiße König über f1, d1 bzw. 0-0-0 oder durch 0-0 nach g1 gekommen sein. Da zwischen e1 und f1 keine Gitterlinie liegt, ist dieser Weg hier ausgeschlossen. Und auch der große Marsch „außen herum“ via b2 klappt nicht, denn von h2 hätte der weiße König nie nach g1 kommen können. Also beantwortet sich die Frage c), die nachträglich durch Preisrichter bernd ellinghoven aufgrund eines Kommentars von Löser Bernd Schwarzkopf in die Forderungen aufgenommen worden war, mit 1.0-0. Letzter Zug war Db1xXd1+.

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Retro der Woche 52/2025

Buchstäblich ein Kind des 21. Jahrhunderts (Jahrgang 2003) ist der Österreicher Joachim Hambros, dennoch bereits ein profilierter Retro-Spezialist. Das zeigt schon sein fünfter Platz beim WCCI 2022-2024 — und ich muss ehrlich gestehen, dass ich als Preisrichter nach der De-Anonymisierung ziemlich überrascht war, wer der Komponist des ersten Preisträgers beim FIDE World Cup 2023 war. Die Aufgabe habe ich hier als Retro der Woche 36/2023 vorgestellt.

Und auch als Retro-Löser hat sich Joachim schon deutlich hervor getan: So gewann er das diesjährige Retro-Löseturnier beim WCCC in Abla Iulia.

Quasi zum Jahresabschluss (das nächste RdW zählt bereits zum Jahrgang 2026) eine Beweispartie von ihm aus der Schwalbe:

Joachim Hambros
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 19,5 Zügen (15+12)

 
Das übliche Zählen der sichtbaren Züge ist bei Schwarz schnell und nicht besonders ergiebig beendet; bei Weiß schaut das allerdings deutlich anders aus: Da erkennen wir, die lange Rochade als „Verkürzung“ schon eingerechnet, 1+1+6+4+3+5=20 Züge — alle stehen also quasi fest. Hilft uns das weiter? Ja — wenn wir überlegen, was wir damit nicht erklären können: Das ist das Verschwinden des schwarzen b-Bauern: Der konnte offenbar nicht geschlagen werden.

Also muss der auf a2 den weißen a-Bauern geschlagen und sich dann umgewandelt haben. Wann? In was? Und was passierte dann?

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Retro der Woche 37/2025

In dieser Woche sind die beiden feenschach -Hefte 261 und 262 erschienen, die aus verschiedenen nachvollziehbaren Gründen ungewöhnlich lange beim Drucker gelegen hatten. sie enthalten auch die Andernach-2025 Berichterstattung; aus dem dortigen Kompositionsturnier mit dem Thema „Alice-Schach“ zum Gedenken an René J. Millour möchte ich euch hier den ersten Preis vorstellen.

Das Schwalbe-Lexikon definiert Alice-Schach: „Es wird auf zwei 8×8-Brettern gespielt: Bretter A und B. Nach jedem Zug (wahlweise auf einem der beiden Bretter) wird der gezogene Stein als unmittelbare Zugfolge auf das analoge leere Feld des anderen Brettes versetzt. Ist das zugehörige Feld nicht leer, wäre der entsprechende Zug illegal. Ein Schlagfall ist also nur auf demjenigen Brett möglich, auf dem der Zug auch startete. Geschlagene Steine verschwinden vom Brett. Der König darf durch einen Zug seiner Partei weder vor dem Brettwechsel des Zugsteines noch danach einem Schachgebot auf seinem Brett im herkömmlichen Sinne ausgesetzt sein. In der Partieanfangsstellung stehen alle 32 Steine auf Brett A.“

Für die Darstellung des „Doppelbretts“ reicht eins aus: Da ja jeder Stein auf ein freies Feld auf dem anderen Brett gestellt wird, kann man etwa die Steine auf Brett B durch umgedrehte Symbole darstellen; so machen wir es hier auch, und so hat es auch René J. Millour stets gemacht.

Dirk Borst & Joost Michielsen
Andernach 2025, Millour-Gedenkturnier
Beweispartie in 22,5 Zügen, Alice-Schach (15+14)

 

Bei Weiß fehlt nur der [Lf1], der nie gezogen haben kann. Trotzdem stehen alle weißen Steine auf dem A-Brett, obgleich Weiß eine ungerade Zahl von Zügen gemacht hat. Das ist nur in zwei Fällen möglich: Wenn ein weißer Stein auf dem B-Brett geschlagen wurde, was hier ausscheidet — oder wenn Weiß rochiert hat, denn dabei werden König und Turm auf das B-Brett gebracht.

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Retro der Woche 23/2025

Nach klassischem Retro und Anticirce-Proca geht es bei unserem Blick in den Preisbericht des 2002-er Jahrgangs der Schwalbe mit einer orthodoxen Beweispartie weiter. Und bei deren Analyse werden wir vielleicht noch auf die eine oder andere Überraschung stoßen — oder wer wird am Schluss sagen: “Na, das Thema habe ich doch sofort gesehen!”?

Olli Heimo & Uno Heinonen
Die Schwalbe 2002, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 24,5 Zügen (13+14)

 

Zunächst einmal bekommen wir beim Blick aufs Diagramm vielleicht einen Schrecken: So häufig können wir schon eine Menge von der Lösung entdecken, wenn wir uns die sichtbaren Bauernschläge anschauen — hier aber ist keiner zu entdecken. Und ausschließlich Bauern (drei bei Weiß, zwei bei Schwarz) fehlen, nämlich die vier Eckbauern und [Bb2]. Damit ist klar, dass höchstens einer der fünf fehlenden Bauern durch einen Bauernschlag verschwinden konnte. Aber zumindest stehen ja einige Steine “verdächtig”.

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Retro der Woche 17/2025

20.04.2025: Kleine Textkorrekturen

Für den heutigen Ostersonntag hat Silvio Baier ein schönes Osternest vorbereitet, das ich euch natürlich nicht vorenthalten will: Wo hat er hier wohl die Eier versteckt — was vermutet ihr beim ersten Blick aufs Diagramm, was könnten die Themasteine sein? Viel Spaß beim Suchen!

Silvio Baier
Die Schwalbe 2024 (Version), nach Nicolas Dupont, Reto Aschwanden gewidmet
Beweispartie in 32 Zügen (13+13)

 

Wie üblich schauen wir hier erst einmal nach sichtbaren Schlagfällen: Auf beiden Seiten fehlen drei Bauern; alle Offiziere sind an Bord. Und auf beiden Seiten sehen wir zwei Bauernschläge: Bei Weiß entstand der Doppelbauer auf der d-Linie durch zwei Schläge fxe und exd.– oder Weiß hatte drei Bauernschläge a2xb3xc4xd5?!

Bei Schwarz können wir die beiden sichtbaren Schlagfelder angeben dxe6 und gxf6.

Mit den sichtbaren Schlägen können “kaum” Bauern geschlagen worden sein: Bei der [Ba2]-Alternative kann Weiß den [Bb7] und schwarz auf f6 den [Bf2] geschlagen haben. Dann müsste Schwarz [Ba7] auf a1 sowie [Bh7] auf g1 (den [Bg2] schlagend) umgewandelt haben, Weiß schlagfrei seinen [Bh2]. Vielleicht ist überraschend, dass dieser Ansatz nicht funktioniert, weil Schwarz dafür zu viele Züge benötigt!

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Retro der Woche 16/2025

In diesem Jahr habe ich es endlich geschafft, das “Sachsentreffen”an diesem Wochenende zu besuchen, das nun schon zum 33. Male stattfindet. Annaberg-Buchholz ist Große Kreisstadt im sächsischen Erzgebirgskreis, bevölkerungsreichste Stadt des Landkreises und dessen Verwaltungssitz. Hättet ihr gewusst, dass die Altstadt Annabergs sowie einige der umgebenden historischen Bergbaulandschaften seit 2019 zum UNESCO-Welterbe gehören?

Am Samstag habe ich einen kleinen Vortrag über “orthodoxe Märchenschach-Retros” gehalten: Ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich? Ich glaube nicht!

Darum will ich an einer Aufgabe, die ich in Annaberg nicht gezeigt habe, erklären, was ich damit meine.

Günter Büsing
feenschach 1992, 1. Lob
Beweispartie in 20 Zügen, Duellantenschach (14+16)

 

Im Duellantenschach müssen beide Parteien mit dem jeweils zuletzt gezogenen Stein weiterspielen, solange das mit legalen Zügen möglich ist. Und mit “legal” sind “orthodox-legale” Züge gemeint, die also in jeder normalen Schachpartie auch zulässig sind.

Für einen Partiespieler ist natürlich kurios, dass man im Duellantenschach nicht einmal Sizilianisch eröffnen kann, auch nicht Nimzoindisch — aber jeder “Duellantenzug” ist gemäß den orthodoxen Regeln legal und führt immer auch zu einer legalen Stellung, wobei mit “legale Stellung” natürlich gemeint ist, dass es zu dieser Stellung eine Beweispartie gibt, dass sie also aus der Partiestellung heraus erspielbar ist.

Hier ist es nun spannend herauszufinden, wie Schwarz die weißen “Duellantenwechsel” erzwingt. Wir haben schon die Vermutung, dass dies alles der [Sg8] bewerkstelligt. Welche Arten gibt es, einen Duellantenwechsel zu erzwingen?

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