Wolfgang Dittmann † 5.2.2014

Heute vor fünf Jahren, 5. Februar 2014, ist Wolfgang Dittmann verstorben (hier ein Link auf meinen Nachruf im Blog). Über ihn als großartigen Menschen und Problemisten muss ich an dieser Stelle wahrlich nichts mehr berichten; statt dessen möchte ich mit einer nicht so sehr bekannten Aufgabe von ihm seiner gedenken und dazu seine Lösungsangaben und auch die Erklärung der Duellanten-Bedingung aus Der Blick zurück zitieren.

Der einmal gewählte Stein eines Startzuges (= Duellant) muss auch alle folgenden Züge seiner Partei ausführen; wenn er nicht mehr ziehen kann, darf seine Partei einen anderen Stein als Duellanten wählen. Wie sich der Löser einer Duellanten-Retroaufgabe schnell ausrechnen kann, ist der Wechsel eines Duellanten, also die Ablösung eines Zugsteines, durch folgende Techniken möglich: a) Der Duellant wird blockiert (besonders beim Bauern möglich); b) der Duellant wird geschlagen; c) der Duellant wird gefesselt; d) ein Schachgebot kann nicht durch den Duellanten abgewehrt werden, sondern nur durch einen anderen Stein; e) der Duellant wird pattgesetzt (beim König möglich).

Wolfgang Dittmann
Die Schwalbe 1989, 3. Lob
Stellung nach 26,5 Zügen. Wo wurde der wS geschlagen? Duellantenschach (15+15)

 

Hier finden wir eine Stellung, die der Partieanfangsstellung sehr ähnlich sieht. Warum sollte das Feld, auf dem der wS geschlagen worden ist, eindeutig bestimmbar sein?

Das kritische Merkmal der Stellung ist der wBh3; er muss nach seinem Schlagfall (Bg2xSh3) offenbar blockiert worden sein, weil er sonst ja als Duellant hätte weiterziehen müssen; eine Ablösung durch Schachgebot ist nicht möglich, da der wK eingesperrt ist. Ein sS darf sich also erst dann auf h3 opfern, wenn Schwarz unmittelbar danach das Feld h4 besetzen kann. Hierfür eignet sich am besten, d.h. am schnellsten zur Einhaltung der geforderten Zügezahl, die schwarze Dame. Diese schlägt den wS — wegen der nötigen Ablösungen von Duellanten — auf dem Feld b4! Weil die Belegpartie mehrere verschiedene Ablösungsmethoden benutzt, werden diese in der folgenden Notation durch einen Klammerzusatz kurz markiert. \tmsol{1.Sc3 d6 2.Sd5} (Blockade) Dd7 3.Sc3 Dc6 4.Sd5 Db5 5.Sf6+ (Schachgebot) Kd8 6.Sh5 Kd7 7.Sg3 Kc6 8.Sf5 Kb6 9.Se3 Ka6 10.Sc4 (Pattsetzung des sK) Sc6 11.Sa5 Se5 12.Sc6 Sg6 13.Sd4 Sf4 14.Sc6 Sh3 15.Sb4+ (Schachgebot) D:Sb4! (Schlagen des Duellanten) 16.g:Sh3 Dh4 (Blockade) 17.Sf3 Dg4 18.Se5 Dd7 19.Sd3 Dd8 20.Sb4+ (Schachgebot) Kb6 21.Sd3 Kc6 22.Sf4 Kd7 23.Sd3 Ke8 24.Sc5 (Pattsetzung des sK) Sf6 25.Sa4 Sd7 26.Sc3 Sb8 27.Sb1. Ornamentale Zugabe: Die Springer auf b1 und b8 kommen von g1 bzw. g8!

Retro der Woche 07/2016

Seit Ende 2013 gibt es auf Julia’s Fairies auch ein Retro-Informalturnier: Hans Gruber war Preisrichter für die Jahre 2013-2014; nun habe ich das Vergnügen und die Ehre, die Jahrgänge 2015 und 2016 richten zu dürfen.

Den ersten 1. Preis in der nun hoffentlich lang andauernden Tradition von Märchen-Retroinformaturnieren auf der Website möchte ich euch heute vorstellen. Die Bedingung „Disparate“ (deutsch: „ungleichartig“) ist recht einfach zu erklären: Es müssen nacheinander ungleichartige Steine ziehen. Damit ist eine „offene Partie“ (1.e4 e5) unter dieser Bedingung nicht möglich: Nach dem weißen Bauer darf nicht sofort ein schwarzer Bauer ziehen.

Nicolas Dupont
Julia’s Fairies 2014, 1. Preis
Beweispartie in 16,0 Zügen, Disparate (14+14)

 

Auf den ersten Blick scheint dies, ähnlich wie etwa das Duellantenschach (Jede Seite muss so lange mit dem einmal gewählten Stein ziehen, bis es (orthodox-)legal nicht mehr möglich ist, dann wird ein anderer Duellant bestimmt), eine sehr einfache Bedingung zu sein, die nicht allzu viele Möglichkeiten bietet — aber das täuscht bei beiden Bedingungen, wie ich meine.

Zählen wir zunächst ganz „orthodox“ die weißen und schwarzen Züge, die im Diagramm sichtbar sind: Das sind bei Weiß 2+1+2+4+2+0=11, bei Schwarz kommen wir auf 2+2+3+1+3+3=14 Züge.

Im ersten Moment scheinen viele Züge übrig zu sein, aber wir müssen auch betrachten, dass die fehlenen Steine [Bd2], [Be2], [Bc7], [Lc8] irgendwie verschwinden müssen. Würde Weiß etwa seine fehlenden Bauern auf d5 und e5 aktiv opfern, kostete das vier Züge für Weiß und zwei für Schwarz. Dann müsste Weiß in einem Zug die beiden fehlenden Steine verschwinden lassen — das kann nicht klappen!

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Retro der Woche 13/2013

Gelegentlich nutzen Komponisten „Spezialregeln“, um ihre Aufgaben korrekt zu bekommen; speziell in den Frühzeiten des Problemschachs waren Forderungen wie „Matt in 26 Zügen, ohne einen Bauern zu ziehen“ gar nicht so selten. Wenn dies nicht einfach nur dazu diente, Nebenlösungen auszuschalten, sondern wesentlich zum Inhalt der Aufgabe beitrug, war dies natürlich von ganz anderer Qualität.

So ist auch heute die Einschätzung der Verwendung von Märchenbedingungen nicht nur in der Retroanalyse, sondern auch in Vorwärtsproblemen: Die Bedingungen müssen inhaltlich gerechtfertigt sein.

Die sehr einfach zu verstehende Bedingung „Duellantenschach“ (Definition aus dem Schwalbe MärchenlexikonDer einmal gewählte Stein des Startzuges einer Partei muss auch alle folgenden Züge seiner Partei bestreiten. Ist dies nicht mehr möglich, bringt ein neuer Startzug einen neuen Duellanten ins Spiel. Die Schachwirkung aller Steine bleibt normal erhalten.) kann natürlich dazu „missbraucht“ werden, einfach Duale zu vermeiden. Sie kann aber natürlich auch thematisch genutzt werden, beispielsweise um Ablösungen zu thematisieren.

Dies habe ich vor einiger Zeit in einer Beweispartie versucht; allzu schwer sollte sie nicht zu lösen sein.

Thomas Brand
8706 feenschach 2002, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 9,5 Zügen, Duellantenschach (15+16)

Bei Schwarz haben, das sieht man schnell, neun verschiedene Steine gezogen — also hat es nach jedem schwarzen Zug einen Duellantenwechsel gegeben, und damit ist auch das Thema der Aufgabe schon klar. Nun gilt es also „nur“ noch, einerseits die Reihenfolge der Duellantenwechsel zu finden und dafür die Begründungen zu entdecken.
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