Retro der Woche 07/2016

Seit Ende 2013 gibt es auf Julia’s Fairies auch ein Retro-Informalturnier: Hans Gruber war Preisrichter für die Jahre 2013-2014; nun habe ich das Vergnügen und die Ehre, die Jahrgänge 2015 und 2016 richten zu dürfen.

Den ersten 1. Preis in der nun hoffentlich lang andauernden Tradition von Märchen-Retroinformaturnieren auf der Website möchte ich euch heute vorstellen. Die Bedingung „Disparate“ (deutsch: „ungleichartig“) ist recht einfach zu erklären: Es müssen nacheinander ungleichartige Steine ziehen. Damit ist eine „offene Partie“ (1.e4 e5) unter dieser Bedingung nicht möglich: Nach dem weißen Bauer darf nicht sofort ein schwarzer Bauer ziehen.

Nicolas Dupont
Julia’s Fairies 2014, 1. Preis
Beweispartie in 16,0 Zügen, Disparate (14+14)

 

Auf den ersten Blick scheint dies, ähnlich wie etwa das Duellantenschach (Jede Seite muss so lange mit dem einmal gewählten Stein ziehen, bis es (orthodox-)legal nicht mehr möglich ist, dann wird ein anderer Duellant bestimmt), eine sehr einfache Bedingung zu sein, die nicht allzu viele Möglichkeiten bietet — aber das täuscht bei beiden Bedingungen, wie ich meine.

Zählen wir zunächst ganz „orthodox“ die weißen und schwarzen Züge, die im Diagramm sichtbar sind: Das sind bei Weiß 2+1+2+4+2+0=11, bei Schwarz kommen wir auf 2+2+3+1+3+3=14 Züge.

Im ersten Moment scheinen viele Züge übrig zu sein, aber wir müssen auch betrachten, dass die fehlenen Steine [Bd2], [Be2], [Bc7], [Lc8] irgendwie verschwinden müssen. Würde Weiß etwa seine fehlenden Bauern auf d5 und e5 aktiv opfern, kostete das vier Züge für Weiß und zwei für Schwarz. Dann müsste Weiß in einem Zug die beiden fehlenden Steine verschwinden lassen — das kann nicht klappen!

Aber folgende Alternative ginge gerade auf: Lc8xBe2, Kxe2 (2 schwarze Züge), d2xBc7-c8=X (5 weiße Züge) — und dann könnte der weiße Umwandlungsstein nicht mehr ziehen, sondern würde auf c8 geschlagen — Schnoebelen-Umwandlung. Könnte Weiß auch nach dxBc7 dort verharren und sich schlagen lassen? Nein, das geht nicht, da Schwarz hierfür keinen Zug übrig hat.

Betrachten wir nun die Lösung, so stellen wir fest, dass es ziemlich unorthodoxe Schachgebote und Entfesselungen gibt, die auf den ersten Moment verblüffen, sich aber ausschließlich aus dem Gleich-Zug-Verbot ergeben. Das ist übrigens anders als beim Duellantenschach: Das sind immer orthodox erspielbare Stellungen.

1.d4 Sf6 2.d5 Sh5 3.Dd4 a5 4.Sf3 Ta6 5.d6 Tb6 6.dxc7 Sa6 7.Ld2 d5 8.Sh4 Lg4 9.c8=D! Lxe2 10.Kxe2 e5 11.Kf3 Dd7 KEIN Selbstschach, da 12.Dxe8 illegal wäre 12.Lb5+ Schachgebot durch Dc8! 12.– Ke7 13.La4 Ke6 14.Te1 Le7 15.Te2 Db5 Ebenfalls KEIN Selbstschach, da 16.Dxe6 illegal wäre 16.Le1+ Jetzt Schachgebot durch Dc8! Txc8.

Interessant ist nun natürlich die Frage, warum nur die Damen-Umwandlung, möglich ist? 11.– Dd7 beweist, dass auf c8 kein weißer Turm stehen kann, eine Dame ist wegen der Märchenbedingung allerdings möglich. Wegen 12.– Ke7 kann auf c8 kein Springer stehen, wegen 15.– Db5 kann auf c8 kein Läufer stehen — also muss dort eine Dame stehen.

Hans schloss als Richter die Beschreibung dieser Aufgabe: “It is admirable that the author managed to compose a move sequence obeying all mentioned constraints concerning the move order. A rich demonstration of the fairy condition, exciting to solve.“

Ich kann mir vorstellen, dass mit dieser Bedingung noch gute Retros gebaut werden können!

2 Gedanken zu „Retro der Woche 07/2016

  1. Nice that the theme is one that is impossible to show in orthodox chess.
    Typos:
    not Diaparate, but Disparate
    Ebenfalls keine Selbstschach should follow 15… Db5, I believe
    16.Le1+ gives check by Dc8

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