Retro der Woche 36/2019

Nachtrag vom 2. September 2019 am Ende des Beitrags!

Vor ein paar Tagen hatte ich bereits auf das Ergebnis des Murfatlar-Turniers in Vilnius hingewiesen und angekündigt, dass ich darauf noch zurückkommen würde. Gefordert waren Beweispartien mit der Bedingung „Duellantenschach“. Das Turnier kann ich nur als Riesenerfolg ansehen, und gleich 16 Aufgaben wurden, meiner Meinung nach völlig zurecht, ausgezeichnet.

Dirk Borst
Murfatlar Turnier 2019, 1.-2. Preis
Beweispartie in 20 Zügen, Duellantenschach (8+10)

 

Kurz zur Erinnerung hier die Definition der Bedingung, entnommen dem Schwalbe-Lexikon: „Der einmal gewählte Stein des Startzuges einer Partei muss auch alle folgenden Züge seiner Partei bestreiten. Ist dies nicht mehr möglich, bringt ein neuer Startzug einen neuen Duellanten ins Spiel. Die Schachwirkung aller Steine bleibt normal erhalten.“

Alle Züge sind also auch unter den orthodoxen Schachregeln legal, und der Reiz liegt in der „Ablösung“ des gerade aktiven Duellanten. Darauf solltet ihr auch in der heutigen Beweispartie ein besonderes Augenmerk richten.

Nun, einige Ablösungen sind offensichtlich durch Schläge erfolgt (immer, wenn ein Stein nicht gerade auf seinem Ausgangsfeld geschlagen wurde). Welche Möglichkeiten fallen uns sonst noch direkt ein? Blockaden zum Beispiel, Fesselung des Duellanten, Schachgebot, das der Duellant nicht abwehren kann. Eine spezielle „Blockade“ ist das Pattsetzen des Duellanten-Königs.

Hier, ich verrate es sofort, zeigt uns der Autor ein Thema, das orthodox nicht darstellbar ist: Eine Schnoebelen-Allumwandlung. Alle umgewandelten Steine ziehen also nicht mehr (besonders paradox im Duellantenschach!) und werden auf ihrem Umwandlungsfeld geschlagen.

Beim Nachspielen (oder natürlich den eigenen Löseversuchen!!) achtet doch besonders auf die Motivation der Duellanten-Ablösungen, speziell bei den Umwandlungen auch auf die Motivation für genau diese Umwandlung.

Lösung

Besonders bemerkenswert ist hier natürlich die Schnoebelen-Dame, die ja in orthodoxen Beweispartien nicht darstellbar ist: Schwarz wandelt in die Dame um, da sie als einzige den weißen König patt setzen kann – Duellantenwechsel bei Weiß, der nun die gerade entstandene Dame schlagen kann. Genau „anders herum“ ist die schwarze Springer-Umwandlung begründet: nur der Springer bietet Schach; das kann durch den bisherigen weißen Duellanten nicht pariert werden, erzwingt also einen Duellantenwechsel und ermöglicht damit den Schlag des gerade umgewandelten Springers.

Die beiden anderen Umwandlungen erfolgen unter dem Gesichtspunkt „nur nicht stören“, da beide längere Zeit stehen bleiben müssen und in der Zeit zum Beispiel nicht den gegnerischen König behindern dürfen. Dass sie nach ihren Umwandlungen nicht ziehen müssen, erreicht die andere Partei. Dabei ist die Motivation der Wahl des Umwandlungssteins unterschiedlich: Der Läufer ist ziemlich „orthodox“ motiviert, während die Turmumwandlung sehr bedingungsspezifisch ist: In einer orthodoxen Beweispartie könnte auch eine Umwandlung in Läufer oder Dame erfolgen; hier funktionieren die nicht, da nur ein Turm NICHT in der Lage ist, das Duellanten-ablösende Schachgebot abzuwehren.

Es lohnt sich, den Feinheiten dieser Aufgabe nachzuspüren; sie gefällt mir sehr gut, sie hat mit Sicherheit die hohe Auszeichnung verdient!

Nachtrag vom 2. September 2019
Michel Caillaud hat mir eben mitgeteilt, dass Jacobi die Aufgabe von Dirk gekocht hat:

„1.e4 e5 2.h4 h5 3.Dxh5 Se7 4.Dxe5 d5 5.Dxg7 dxe4 6.Df6 e3 7.Df3 exd2+ 8.Ke2 dxc1=D 9.g4 Dg5 10.Sd2 Dxg4 11.Sb3 Dxg1 12.Sc1 Dxf2+ 13.Dxf2 Lh6 14.Dxa7 Le3 15.Dxe3 Dd6 16.Dh6 Dxh6 17.Lh3 Df8 18.Ld7+ Kd8 19.Le8 Kxe8 20.Tg1 Kd7
Only(?) Jacobi can find such a cook (or solve the problem?).“

2 thoughts on “Retro der Woche 36/2019

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