Retro der Woche 06/2020

NACHTRAG SIEHE UNTEN!

Bernd Gräfrath hatte darauf hingewiesen, dass der Fünffach-Pendler von Michel Caillaud den 2. Preis im feenschach-Retro-Informalturnier 2015 belegt hatte. Ins FIDE-Album kam es übrigens mit („nur“?) 10,5 Punkten.

Daher möchte ich euch heute den ersten Preis dieses Turniers zeigen (den dritten Preis erschien im Retro der Woche 5/2018), eine Beweispartie mit einer interessanten Märchenbedingung: Im „#R Schach“ wird nach einem Mattzug als Teil des Zuges der mattgebende Stein entfernt (beim Doppelschach beide), und es wird „ganz normal“ weiter gespielt, als sei nichts passiert. Hierzu und zu weiteren, ähnlichen Bedingungen erschien in f-212, S. 54—77 der sehr interessante Artikel „New Fairy Types Based on a Twinning Form“ von Chris Tylor und Andrej Frolkin; hier wurde auch unsere heutige Aufgabe urgedruckt.

Andrej Frolkin
feenschach 2015, 1. Preis
Beweispartie in 18,5 Zügen, #R Schach (11+13)

 

Bei Weiß sind nur je zwei Dame- und Turmzüge sichtbar, bei Schwarz sehen wir 0+1+3+0-9+5= 18 Züge, dabei habe ich für sSb5 sieben Züge angesetzt: fünf für die Umwandlung, zwei für den Weg nach b5; das ist das Minimum an schwarzen Springer-Zügen und daher auch genau deren Wert, da ja alle schwarzen Züge erklärt sind.

Schwarz kann auf seinen Wegen [Bc2] und [Sb1] schlagen ([Bd7]-d3xBc2xSb1=S), sich aber nicht mehr zusätzlich um die Beseitigung der fehlenden drei weißen Bauern [Bf2], [Bg2] und [Bh2] kümmern – das muss Weiß schon selbst erledigen.

Dabei muss Weiß auch noch die fehlenden drei schwarzen Steine [Be7], [Bg7] und [Lf8] entsorgen -– und zwar auf deren Ausgangsfeldern, da sie ja keine Zeit mehr haben zu ziehen.

Damit muss Weiß zum Beispiel auf f8 schlagen –- und dabei matt setzen, da anders der Stein nicht mehr verschwinden kann, denn man sieht sehr leicht, dass zumindest eine zweite Umwandlung erfolgen muss, während der dritte weiße Bauer, in diesem Fall [Bf2], theoretisch auch auf e7 geschlagen werden kann, womit Weiß einen freien Zug hätte.

Dieser mögliche freie Zug ist technisch raffiniert und märchenschach-spezifisch ausgeschaltet, wir sehen also drei Umwandlungen bei Weiß, wobei die Umwandlungssteine sofort verschwinden.

Nun ist es sicher nicht mehr allzu schwierig, die Lösung zu finden?!

Lösung

1.h4 a5 2.h5 a4 3.h6 a3 4.hxg7 h5 5.f4 Th6 6.f5 Tb6 7.f6 Ta4 8.fxe7 f5 9.exf8=D# [-Df8] Se7 10.Th3 Sec6 11.Te3+ De7 12.g8=D# [-Dg8] d5 13.g4 d4 14.g5 d3 15.g6 dxc2 16.g7 cxb1=S 17.Dc2 Sc3 18.Dd3 Sb5 19.g8=D# [-Dg8]

Das Verschwinden der Umwandlungssteine erinnert natürlich an das Schnoebelen-Thema, wo ein Umwandlungsstein auf seinem Umwandlungsfeld geschlagen wird. Das geht hier noch schneller: Durch die #R-Bedingung lösen sich die Umwandlungssteine direkt in Wohlgefallen auf, da sie ja mit ihrem Umwandlungszug den schwarzen König mattsetzen. Die Autoren des Artikels nennen das „disappearing Schnoebelen“.

Also, wenn man so will: dreimal Schnoebelen-Damen, die in orthodoxen Aufgaben nicht darstellbar sind. Hier beim #R-Schach ist es allerdings umgekehrt; der disappearing Schnoebelen lässt sich nur mit Springen und Dame darstellen, hier geht es nicht mit Turm und Läufer. Warum nicht? Weil bei einem Matt durch den Umwandlungsturm, den Umwandlungsläufer jeweils auch eine Dame mattsetzen würde: Das wäre also inhärent dualistisch und damit inkorrekt!

NACHTRAG:

Leider hatte ich den von Bernd Gräfrath zitierten Dual sowie die Korrektur von Andrej Frolkin in f-231 (Juli-Sptember 2018) übersehen; all dies will ich hier nachtragen.

Paul Rãican hatte mithilfe von Jacobi folgenden Dual gefunden:
8.Th2 d5 9.g4 d4 10.Th3 d3 11.g5 dxc2 12.g6 cxb1=S 13.Dc2 Sc3 14.Dd3 Sb5 15.fxe7 f5 16.gxf8=D# [-wDf8] Sxe7 17.g7 Sec6 18.Te3+ De7 19.g8=D# [-wDg8].

Andrej verbesserte

Andrej Frolkin
feenschach 2015 (V), 1. Preis
Beweispartie in 18,5 Zügen, #R Schach (11+13)

 

mit folgender Lösung:


1.h4 a5 2.h5 a4 3.h6 a3 4.hxg7 h5 5.f4 Th6 6.f5 Tc6 7.f6 Txc2 8.fxe7 f5 9.exf8=D# [-wDf8] Df6 10.e3 Se7 11.La6 Dxa6 12.Th4 d6 13.Te4 Ld7 14.g8=D# [-wDg8] La4 15.g4 Sbc6 16.g5 Td8 17.g6 Td7 18.g7 Sd8 19.g8=D# [-wDg8]

Es ist sicherlich interessant, die Technik der Korrektur genauer zu untersuchen!

4 thoughts on “Retro der Woche 06/2020

  1. A minor inconsistency:
    The early text announces that the 1st prize problem will come, but the diagram texts say 2nd prize.
    I suspect that the diagram texts are wrong.

  2. Leider wurde dieser 1. Preis später gekocht (mit Hilfe von Jacobi), aber auch repariert: siehe f-231 (Juli-September 2018), S. 451. Diese Korrekturversion (die noch nicht C+ ist) behält den 1. Preis.

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