Retro der Woche 29/2020

Am letzten Dienstag haben wir an dieser Stelle Dmitri Pronkin zum 60. Geburtstag gratuliert, und heute möchte ich euch von ihm eine weitere Aufgabe aus der Pionierzeit der Beweispartie vorstellen, die mir auch heute noch mehr als reizvoll erscheint.

Dmitri W. Pronkin
Themes-64 1985-1986, 1. Preis
Beweispartie in 23,5 Zügen (14+16)

 

Schwarz ist noch mit allen Mann an Bord vertreten, bei Weiß fehlen zwei Bauern; da sie nicht geschlagen haben können, sind dies [Bb2] und [Bg2]. Die aber können nicht direkt geschlagen worden sein, sondern müssen umgewandelt haben, um sich entweder auf der sechsten Reihe geopfert zu haben oder den Originalstein zu ersetzen, der dort geschlagen wurde.

Mindestens ein Originalstein musste geschlagen werden, denn anders kann ja zumindest der erste Bauer nicht zur Umwandlung gekommen sein.

Zählen wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge, wobei wir die schwarze lange Rochade voraussetzen, da sie das Herausspielen signifikant beschleunigt: Das sind 4+3+3+6+1+3=20 — drei Züge sind also frei?!

Nicht ganz: Wir haben drei Züge für die Türme angesetzt, das kann nur klappen nach Th8-h7 sowie O-O-O und dann Td8-g8-g2. Dafür muss aber [Sg8] gezogen und wieder zurückgekehrt sein. Also bleibt „nur“ ein schwarzer Zug noch frei.

Bei Weiß sieht das natürlich dramatischer aus: Wir sehen nur zwei Züge, wissen von zehn anderen (2x Excelsior) — und haben damit noch 12 Züge frei. In denen müssen wir zwei Steine auf c6 und f6 opfern und dafür sorgen, dass möglicherweise zwei Umwandlungssteine ihr Diagramm-Zielfeld erreichen. Das sollte doch fast beliebig möglich sein?

Wenn wir uns in die Stellung ein wenig vertiefen, stellen wir aber rasch fest, dass Schwarz sehr schnell seine „Löcher“ auf g7 und b7 benötigt, um überhaupt ziehen zu können! Das spricht für zwei Umwandlungssteine auf dem Brett, da das Opfer des ersten Umwandlungsstein einfach zu lange dauert.

Aufgrund dieses Zeitdrucks können wir uns überlegen, dass die schnellstmöglichen weißen Opfer sind: Lf1-g2-c6 und Th1-h3-f3-f6, in welcher Reihenfolge ist erst noch nicht ganz klar; weil „schneller“, fällt aber der Verdacht auf die von mir angegebene Reihenfolge. Nur: Was soll Schwarz so lange ziehen?

Mit den weißen Opferzügen haben wir zusätzliche fünf erhalten; für das Zurückspielen der umgewandelten weißen Steine (Lg8>f1 und Tb8>h1) benötigen wir dann 4+3=7 Züge — genau so viele, wie wir noch übrig hatten!

Dass wir also zwei Pronkin-Umwandlungen sehen, ist sicher nicht allzu überraschend bei dem Autor, dennoch wartet die Lösung noch mit einer netten Überraschung auf, die ihr sicher schnell findet?!

Lösung

Toller Tempozug 1.– h7-h6! 2.– h6-h5!

Ich meine, auch nach heutigem Maßstab, wenn man die rasante Entwicklung der Beweispartie seit Mitte der 1980er Jahre berücksichtigt, ist das noch eine klasse und sehenswerte Aufgabe!

3 thoughts on “Retro der Woche 29/2020

  1. „Zählen wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge, […] Das sind 3+1+6+3+3+4=20“
    Diese Addition versteh ich überhaupt nicht. Ist die Reihenfolge der Summanden nicht das absteigende Gewicht der Steine, also K-D-T-L-S-B? Aber dann nur EINEN Zug für die Dame? Und allein der [Lf8] braucht doch vier Züge bis a5, oder?
    Liegt da vielleicht ein „Copy-and-Paste-Bug“ vor?

    • Danke für den Hinweis — ich hab es korrigiert! Ausnahmsweise mal kein Copy-and-Past Fehler, sondern einer, der mich an meine Tanzschule erinnert: „Die Dame bitte den anderen rechten Fuß!“ — ich hatte die Zählerei schlichtweg „von rechts nach links“ notiert, also auf- statt absteigend. 😉

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