Retro der Woche 31/2020

Ein wenig habe ich meine Planung für den heutigen Beitrag über den Haufen geworfen (d.h. etwas verschoben), als in dieser Woche der (vorläufige) Preisbericht des 8. FIDE-Turniers für die Retro-Abteilung erschienen war. Preisrichter Nicolas Dupont war von der Qualität mancher der 21 Einsendungen offenbar enttäuscht; dies gilt aber garantiert nicht für dieses Stück, das er als klaren Sieger des Turniers bezeichnet.

Mark Kirtley
8. FIDE Worldcup 2020, 1. Preis
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+14)

 

Schon rein gefühlsmäßig sehen wir, dass uns das Zählen der sichtbaren Züge nicht allzu sehr weiterbringen wird, da auf beiden Seiten viele Züge nicht erklärt werden können.

Um so spannender ist es dann natürlich, nach anderen, „verräterischen“ Stellungsmerkmalen Ausschau zu halten –- und das können hier die sichtbaren Schläge durch Weiß sein; Schläge durch Schwarz können wir anhand der Bauernstruktur noch überhaupt nicht identifizieren.

Wir sehen weiße Bauernschläge auf c3 sowie auf die h-Linie, sodass die beiden fehlenden schwarzen Steine damit erklärt sind: [Lc8] muss wegen der Felderfarbe auf h3 geschlagen worden sein, [Bg7] kann offensichtlich nicht direkt auf c3 geschlagen worden sein; er muss sich also umgewandelt haben, um sich entweder dort selbst schlagen zu lassen oder um das Schlagopfer dort zu ersetzen.

Auffällig ist besonders der sLa1: Der kann ja nicht direkt via g7 sein Zielfeld erreicht haben, da dieser Weg mit dem wBb2 bzw. c3 kollidieren würde; er muss also „außen herum“ via a3 und b2 nach a1 gelangt sein. Schnell, in zwei Zügen, hingegen kann [Lf8] auf c3 geschlagen werden, und wir stellen fest, dass ein möglicher Umwandlungsläufer von g1 nach a1 vier Züge braucht -– also zusammen mit dem Schlag auf c3 genauso viele, nämlich sechs, wie [Lf8] nach a1 brauchen würde. Und das passt dann auch mit den von Schwarz verbrauchten Zügen: 2+2+3+x+0+3=10+x; hierbei haben wir die Läuferzüge noch offen gelassen. Mit Lc8-h3, Lf8-g7-c3, Bg7-g1=L-c5-a3-b2-a1 kämen wir auf zwölf Läuferzüge -– und das passte genau.

Dabei muss der [Bg7] auf seinem Weg nach g1 den fehlenden [Bf2] und [Sg1] geschlagen haben, denn der schwarze Turm auf f2 wäre zu der Zeit noch im Weg. Ebenso muss Dg3 erfolgt sein, bevor g2xLh3 gespielt werden konnte.

Das spricht also für Schachgebote auf f2 und g3 -– wie hat sich Weiß davor schützen können? Und damit sind wir genau beim Thema der Aufgabe!

Lösung

Höchst originelle doppelte schlagfreie Rückkehr von LDK auf identischen Wegen: Das dürfte eine Erstdarstellung sein und ist ein tolles, beeindruckendes Thema.

Nicolas weist auf seine eigene 17216 Die Schwalbe Oktober 2017 (Beweispartie in 26 Zügen) mit völlig anderem Inhalt hin, aber die Strategie ist ähnlich: Schachgebot, Aktion auf der „anderen Seite“, erneutes Schachgebot, Rückkehr zur Diagrammstellung. Wer sich für Konstruktionstechnik interessiert, findet hier ein interessantes Studienfeld:

2 thoughts on “Retro der Woche 31/2020

  1. Ich finde es schön, dass die Lösungen durch einfaches durchclicken nachgespielt werden können.
    So kann man sich auch mit wenig Zeit den Ideen der Aufgaben nähern und einen Einblick in diesen Bereich des Problemschachs gewinnen.
    Die hier mehrfach gezeigte Verschiebung von LDK realisiert durch Schachgebote und deren Aufhebung ist eindrucksvoll konstruiert und eine tolle Werbung für Beweispartien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.