Retro der Woche 23/2021

Vor vier Wochen habe ich hier eine aktuelle Aufgabe von Tom Volet vorgestellt – und dabei fiel mir auf, dass ich sein vielleicht bekanntestes Problem, einer meiner Lieblings-Retros überhaupt, hier noch gar nicht vorgestellt hatte. Das will ich heute nachholen!

Tom Volet
Die Schwalbe 1980, J. G. Mauldon gewidmet, 1. Preis
Auf welchen Feldern erfolgten Schlagfälle? In welcher Reihenfolge? (8+16)

 

Bei Schwarz sind alle Mann an Bord, bei Weiß fehlen acht Bauern. Dabei müssen wir mit irgendwelchen Schlussfolgerungen zunächst vorsichtig sein: Wir können nämlich nicht von Vornherein ausschließen, dass ein weißer Bauer umgewandelt hat: Das wäre zum Beispiel möglich mit c7xBd6, Bc2-c8=T, Tc6, d7xc6.

Wie kann sich nun Weiß aus seiner „babylonischen Gefangenschaft“ im Nordosten befreien?

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Retro der Woche 22/2021

„Du kriegst die Motten!“ begann Hans Gruber als Löser seinen Kommentar zu dieser Aufgabe: Das deutet schon darauf hin, dass wir hier etwas Besonderes erleben. Und damit sind nicht etwa die sieben Türme im Diagramm gemeint …

Nicolas Dupont
Die Schwalbe 2017, Jorge Lois gewidmet, 1. Preis
Beweispartie in 26 Zügen (15+14)

 

Schauen wir zunächst, was fehlt: Bei Weiß haben sich zwei Bauern in Türme umgewandelt, ein dritter Bauer ([Bb2]?) fehlt. Dann nämlich könnten [Bc2] und [Bf2] schlagfrei umgewandelt haben. Dazu müssen irgendwie [Bf7] und vor allen Dingen [Lf8] – der zu Hause – geschlagen worden sein.

Bei Schwarz scheint (außer der Umwandlung eines Bauern in einen Turm) nicht viel passiert zu sein – zumindest ist kaum etwas zu sehen. Bei Weiß hingegen lohnt sich das Zählen schon eher.

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Retro der Woche 21/2021

Nach dem klassischen Retro und der Märchenbeweispartie aus dem 2020er Jahrgang von Phénix (Retro der Woche 19/2021 und Retro der Woche 20/2021) habe ich von dort nun eine orthodoxe Beweispartie herausgesucht – meine generellen Anmerkungen aus der 19. Woche gelten auch hier wieder.

Thierry Le Gleuher
Phénix 2020
Beweispartie in 26 Zügen (12+16)

 

Das eigentliche Thema sieht man hier bereits beim Blick aufs Diagramm: die achte Reihe wird auf die vierte verschoben – ein hübscher optischer Effekt. Wir werden aber gleich sehen, dass zum Erreichen der Stellung auch noch ein paar versteckte Manöver erforderlich sind.

Zählen wir zunächst die sichtbaren Züge: Bei Weiß sind das 0+2+0+1+1+1=5 – gleich 21 Züge sind noch offen! Bei Schwarz kommen wir schon deutlich weiter:

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Retro der Woche 20/2021

Ohne die leidige Corona-Pandemie wären neben mir sicherlich einige der Leser heute noch in Andernach zum traditionellen Problemschach-Treffen am Himmelfahrt-Wochenende, das seit 1975 jedes Jahr dort stattfindet, wenn nicht gerade Corona einen Strich durch die Rechnung macht.

„Zur Feier des Tages“ habe ich daher heute eine Märchen-Beweispartie herausgesucht, wie schon in der letzten Woche aus den Phénix-Urdrucken des Jahres 2020. Die Hinweise aus der letzten Woche sind auch heute gültig.

Éric Pichouron
Phénix 2020
Beweispartie in 20,5 Zügen, Knightmate (15+16)

 

So sehr märchenhaft ist „Knightmate“ gar nicht; hier die Definition aus dem Schwalbe-Märchenlexikon: In der Partieanfangsstellung werden die Könige durch königliche Springer und die Springer durch nichtkönigliche Könige ersetzt. Könige dürfen geschlagen werden und durch Umwandlung entstehen.

Mit anderen Worten: Könige und Springer tauschen vollständig ihre Rollen.

Und so haben wir bei Weiß, wenn man von den Bauernzügen absieht, eine Homebase-Stellung für diese Märchenbedingung.

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Retro der Woche 19/2021

Kürzlich habe ich das Preisrichteramt für den Retro-Jahrgang 2020 von Phénix übernommen: etwa gleich viele Beweispartien (29) und sonstige Retros (28) stehen dort zur Beurteilung an. Ich habe mit der Reihung noch nicht begonnen, möchte euch aber aus dem Turnier ein klassisches Retro zeigen, das recht typisch für den Stil des Autors ist. Über eine mögliche Platzierung im Bericht kann ich natürlich noch nichts sagen — und selbst wenn ich es könnte, täte ich das selbstverständlich nicht…

Tom Volet
Phénix 2020
Löse die Stellung auf (14+12)

 

Die beiden fehlenden weißen Steine wurden auf e6 bzw. f6 geschlagen — wegen der Felderfarbe des Läufers geschah gxLf6 und dxSe6. Auch über die weißen Schlagfälle können wir schon eine Menge sagen: exf3, hxg sowie cxbxBa7. Der fehlende [Bc7] konnte mangels Schlagobjekten selbst nicht schlagen, musste also, um verschwinden zu können, schlagfrei auf c1 umwandeln.

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Retro der Woche 18/2021

Heute möchte ich die kleine Serie recht kurzer Beweispartien von Reto Aschwanden (siehe RdW 14/2021 und RdW 16/2021) fortsetzen mit einem Stück, das 2005 von Hans Gruber als Richter den ersten Preis im Jahresturnier von StrateGems erhielt — er konnte also seinen „Titel aus dem Vorjahr“ verteidigen.

Reto Aschwanden
StrateGems 2005, 1. Preis
Beweispartie in 18 Zügen (14+14)

 

Weiß muss offensichtlich in seinen 18 Zügen nichts tun außer [Bb2] und [Bh2] loszuwerden – ansonsten ist zumindest sichtbar nichts passiert. Bevor wir allerdings die schwarzen Züge zählen, überlegen wir uns, wie die Türme am zugsparsamsten ihre Diagrammfelder erreicht haben können?

Unabhängig von deren Wegen sehen wir, dass [Sg8] gezogen haben muss, um [Th8] heraus zu lassen: Der Springer hat also mindestens zwei Züge gemacht. Die Türme sind am sparsamsten mittels langer Rochade und dann beide via g8 und g5, wobei der „erste“ weiter nach e5 zieht, zu platzieren.

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Retro der Woche 17/2021

Vor zwei Wochen hatte ich hier eine der beiden Aufgaben vorgestellt, die sich im Ceriani-Gedenkturnier, dessen Preisbericht vor genau 50 Jahren in Die Schwalbe erschien, die beiden Preise teilte; heute ist nun die andere Aufgabe an der Reihe.

Deren Autor, Josef Haas (28.1.1922—Nov. 2003), war Kriminalbeamter, und seine Retros zeigen immer wieder die Notwendigkeit kriminalistischen Gespürs für das Erschließen der Lösung; die Auswahl seiner Retro-Aufgaben, die er im Jahr 1999 im Eigenverlag veröffentlichte, träge den bezeichnenden Titel „Tatort Schachbrett“ – übrigens eine sehr empfehlenswerte Lektüre!

Josef Haas
Ceriani-Gedenkturnier, Preis ex aequo
Weiß nimmt 1 Zug zurück und setzt in 2 Zügen matt. b) wBb7 > h2 (11+11)

 

Bei Aufgaben dieser Art ist nicht nur das Finden der beiden Lösungen interessant, sondern auch stets die Begründung, weshalb die Lösung des einen Teils nicht im anderen funktioniert — solange dies nicht durch die Zwillingsbildung schon mechanisch ausgeschlossen ist.

Die Aufgabe ist recht komplex, deswegen greife ich hier gern auf die Lösungsangaben von Karl Fabel zurück, die er in „Meisterwerke der Retroanalyse“ (bearbeitet von Werner Keym in sechs immer noch sehr lesenswerten Folgen im Schwalbe-Jahrgang 1981 erschienen) veröffentlicht hat. Dabei bleibt euch immer noch etwas an „Eigenarbeit“ für das komplette Verständnis der Aufgabe. Aber die lohnt, das verspreche ich euch!

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Retro der Woche 16/2021

Wenn der Retro-Kompositionsweltmeister von 2004—2006 die folgende Beweispartie als seine beste (bis zum Jahr 2006 …) bezeichnete, wenn sie im FIDE-Album 10,5 Punkte erhielt, dann kann man schon eine Menge erwarten. Wenn man allerdings nur ins Album schaut und die Schlüsselwörter liest, kann man schon ins Grübeln kommen, wieso ein Richter gar 4 Punkte gegeben hat, denn soo ungewöhnlich ist das eigentliche Grundthema sicher nicht.

Aber es kommt gerade bei Beweispartien nicht nur auf das „was?“ an, sondern auch auf das „wie?“ und auf das „warum?“. Und das ist hier schon bemerkenswert.

Reto Aschwanden
StrateGems 2004, 1. Preis
Beweispartie in 20 Zügen (14+13)

 

Bei Schwarz ist nicht viel Sichtbares passiert, bei Weiß zählen wir die sichtbaren Züge (wobei wir die lange Rochade voraussetzen, da sie die erforderlichen weißen Züge minimiert): 2+2+3+3+4+6=20: alle weißen Züge haben wir also schon erklärt. Und damit haben wir schon bewiesen, dass Weiß lang rochiert hat, denn sonst brauchte er mindestens einen weiteren Zug, der ihm aber nicht zur Verfügung steht. Damit wissen wir ferner, dass die fehlenden [Bc2] und [Bg2] nicht gezogen haben können, also auf ihren Anfangsfeldern gestorben sein müssen.

Bei Schwarz hingegen sehen wir nur die beiden Bauernzüge, und aufgrund unseres Zählens ist auch klar, dass [Bb7] auf b6 geschlagen wurde. Wie aber sind die beiden anderen fehlenden schwarzen Bauern [Bd7] und [Bf7] verschwunden? 17 Züge hat Schwarz dafür Zeit …

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