Retro der Woche 31/2020

Ein wenig habe ich meine Planung für den heutigen Beitrag über den Haufen geworfen (d.h. etwas verschoben), als in dieser Woche der (vorläufige) Preisbericht des 8. FIDE-Turniers für die Retro-Abteilung erschienen war. Preisrichter Nicolas Dupont war von der Qualität mancher der 21 Einsendungen offenbar enttäuscht; dies gilt aber garantiert nicht für dieses Stück, das er als klaren Sieger des Turniers bezeichnet.

Mark Kirtley
8. FIDE Worldcup 2020, 1. Preis
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+14)

 

Schon rein gefühlsmäßig sehen wir, dass uns das Zählen der sichtbaren Züge nicht allzu sehr weiterbringen wird, da auf beiden Seiten viele Züge nicht erklärt werden können.

Um so spannender ist es dann natürlich, nach anderen, „verräterischen“ Stellungsmerkmalen Ausschau zu halten –- und das können hier die sichtbaren Schläge durch Weiß sein; Schläge durch Schwarz können wir anhand der Bauernstruktur noch überhaupt nicht identifizieren.

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Retro der Woche 30/2020

Ursprünglich fälschlich zum zweiten Mal als „RdW 29/2020“ überschrieben.

Vor zwei Wochen hatte ich hier das erstplatzierte „Sonstige Retro“ aus dem StrateGems Jahresturnier 2019 vorgestellt; wie angekündigt soll nun der erste Preis der Beweispartien folgen.

Michel Caillaud
StrateGems 2019, 1. Preis
Beweispartie in 28 Zügen (12+15)

 

Betrachten wir zunächst einmal die Schlagfälle: Bei Weiß fehlen drei Bauern sowie die Dame, bei Schwarz nur ein Bauer. Zweimal (mit [Bb7] und [Bd7]) hat Schwarz auf die c-Linie geschlagen, und zweimal hat auch [Ba7] auf seinem Weg nach a2 geschlagen: Bei Schwarz fehlt ja nur ein Bauer, daher kann Weiß nicht zweimal geschlagen haben (entweder a2xb3xa4 oder ein Kreuzschlag auf a und b), um Ba2 durchzulassen.

Damit sind einerseits alle schwarzen Schläge geklärt, und andererseits wissen wir, dass der fehlende schwarze Bauer nicht geschlagen haben kann, er muss also auf der h-Linie geschlagen worden sein.

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Retro der Woche 29/2020

Am letzten Dienstag haben wir an dieser Stelle Dmitri Pronkin zum 60. Geburtstag gratuliert, und heute möchte ich euch von ihm eine weitere Aufgabe aus der Pionierzeit der Beweispartie vorstellen, die mir auch heute noch mehr als reizvoll erscheint.

Dmitri W. Pronkin
Themes-64 1985-1986, 1. Preis
Beweispartie in 23,5 Zügen (14+16)

 

Schwarz ist noch mit allen Mann an Bord vertreten, bei Weiß fehlen zwei Bauern; da sie nicht geschlagen haben können, sind dies [Bb2] und [Bg2]. Die aber können nicht direkt geschlagen worden sein, sondern müssen umgewandelt haben, um sich entweder auf der sechsten Reihe geopfert zu haben oder den Originalstein zu ersetzen, der dort geschlagen wurde.

Mindestens ein Originalstein musste geschlagen werden, denn anders kann ja zumindest der erste Bauer nicht zur Umwandlung gekommen sein.

Zählen wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge, wobei wir die schwarze lange Rochade voraussetzen, da sie das Herausspielen signifikant beschleunigt: Das sind 4+3+3+6+1+3=20 — drei Züge sind also frei?!

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Retro der Woche 27/2020

Vor zwei Wochen hatte ich es bereits im Retro der Woche 25/2020 angekündigt, dass ich heute eine Beweispartie wiederum aus Phénix 2019 vorstellen möchte, die mit der dort gezeigten interessant zu vergleichen ist.

Michel Caillaud
Phénix 2019, Pascal Wassong gewidmet
Beweispartie in 20,5 Zügen (13+15)

 

Hier haben wir wiederum eine sehr „übersichtliche“ Menge an sichtbaren weißen Zügen: Genau zwei, mit denen der einzige fehlende schwarze Stein, [Ba7], geschlagen wurde. Bei Weiß fehlen [Lf1], [Bh2] sowie ein Springer. Besonders interessant ist natürlich der fehlende [Lf1], der ja nur zu Hause geschlagen worden sein kann.

Als Schläger bietet sich erst einmal der Se5 an – zählen wir die dann erforderlichen schwarzen Züge.

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Retro der Woche 26/2020

Bei Schach-960 (wir erinnern uns: Die Anfangsstellung wird ausgelost und spiegelsymmetrisch für Schwarz und Weiß aufgebaut, dabei stehen der König immer zwischen den Türmen und die Läufer auf ungleichfarbigen Feldern; die Rochaden sind im Endeffekt „wie im Normalschach“) ist das Lösen von Beweispartien normalerweise komplexer als sonst, da aus der Stellung neben der Zugfolge auch die initiale Partiestellung abgeleitet werden muss.

Bei der heutigen Aufgabe des finnischen Schach-960-Spezialisten Per Olin ist die Situation noch komplizierter, da wir nicht einmal die Zielstellung der Beweispartie kennen!

Per Olin
feenschach 2011, Hanno Harkola gewidmet
Eine Schach-960 Partie endete nach dem 62. Zug von Schwarz remis gemäß der 50-Züge-Regel. Wie war die Partieanfangsstellung und wie verlief die Partie bis zum 12. Zug von Schwarz? (12+13)

 

Aus dem Hinweis auf die 50-Züge-Regel wissen wir allerdings, dass sich die Bauernstruktur zwischen dem 12. Zug und dem Erreichen der Diagrammstellung nicht mehr verändert hat. Also müssen wir die als Basis für unsere Stellungsanalyse nehmen, die uns dann zur Lösung führen soll. Auch müssen alle Schlagfälle bis zum 12. Zug erfolgt sein.

Wir zählen sieben weiße Bauernzüge, also haben die vier fehlenden weißen Steine maximal fünf Züge gemacht; nur ein weißer Stein kann zweimal gezogen haben. Bei Schwarz sehen wir sechs Bauernzüge, zusätzliche zwei Züge für den schwarzen Turm im Käfig auf der h-Linie. Weiter stellen wir fest, dass der fehlende schwarze Springer zwei Züge gemacht haben muss, um sich schlagen zu lassen. Damit bleiben für die beiden anderen fehlenden schwarzen Steine, Dame und Turm, nur jeweils ein Zug übrig. Deswegen müssen der schwarze Turm auf a8 oder b8 gestanden haben, die schwarze Dame auf a8, b8 oder g8.

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Retro der Woche 25/2020

Heute und in zwei Wochen möchte ich euch jeweils eine interessante Beweispartie aus dem letzten Jahr vorstellen, die in Phénix veröffentlicht wurde. Beide sind hoch originell und haben thematische Ähnlichkeiten, die das Vergleichen doppelt interessant machen.

Pascal Wassong
Phénix 2019
Beweispartie in 19,5 Zügen (16+15)

 

Das Brett ist ziemlich voll: Es fehlt nur [Bd7], der offensichtlich auf d3 geschlagen wurde. Und dieser Schlagzug ist neben h3 der einzige sichtbare weiße Zug.

Aber das sollte uns jetzt im Löse-Sinne nicht beunruhigen, dass 18 weiße Züge noch frei sind: Umwandlungen können wir zwar auf beiden Seiten ausschließen, aber irgendwie muss ja sTh2 in den weißen Königsflügel gelangt sein…

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Retro der Woche 24/2020

Rekordkonstruktionen zur Darstellung besonders sparsamer Stellungen mit eindeutigem letzten oder auch ersten Zug eines bestimmten Steines sind häufig technisch beeindruckende Aufgaben, die aber kaum Anreiz zum Lösen verbreiten, da sie aus Lösersicht schnell zu durchschauen sind.

Besonders reizvoll finde ich solche Aufgaben, die technische Brillanz und Lösespaß miteinander verbinden; eine solche Aufgabe möchte ich euch heute vorstellen.

Johannes M. Ott
feenschach 1982
Erster Zug des wTc8? (5+11)

 

Rasch erkennt man, dass der weiße König nur über g6-f7-e8 ins schwarze Lager gelangen konnte. Das schließt die Rücknahme von h6-h7 und von f7xXe6 erst einmal vollständig aus.

Der schwarze König kann im letzten Zug nicht einfach von d8 (illegales Doppelschach) oder von e8 (davor ging nicht d7xc8=T wegen illegalen Schachs durch den d7-Bauern) kommen. Weiß hat also zuletzt gezogen, R: 1.Te8*c8. Um Schwarz einen vorigen Zug zu geben, muss dieser Zug ein Schlag, und der muss dann Te8xD/Tc8 gewesen sein.

Nun gilt es festzustellen, ob Dame oder Turm das Schlagopfer war?!

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Retro der Woche 23/2020

Noch einmal möchte ich auf den Problemist Retro-Preisbericht für die Jahre 2017 und 2018 von Cedric Lytton zurückkommen, euch heute die erste ehrende Erwähnung der Abteilung „Beweispartien“ vorstellen.

Marek Kolčák & Michel Caillaud
The Problemist 2017-2018, 1. Ehrende Erwähnung
Beweispartie in 17,5 Zügen (14+15)

 

Da scheint nicht viel passiert zu sein: Von Weiß sind nur drei Bauernzüge sichtbar, bei Schwarz ein wenig mehr: dort sehen wir 1+0+3+3+2+2=11 Züge: Damit sind bei Schwarz sechs Züge offen, bei Weiß gar 15. Das hilft uns also erst einmal nicht allzu viel weiter – schauen wir also nach anderen Merkmalen, die uns vielleicht voran bringen beim Verständnis dieser Aufgabe:

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