Retro der Woche 31/2019

Bleiben wir noch etwas bei dem Schwalbe-Preisbericht 2016 von Preisrichter Henrik Juel: nach der ersten ehrenden Erwähnung in der letzten Woche möchte ich euch heute die direkt dahinter platzierte Aufgabe vorstellen.

Jorge Joaquin Lois & Roberto Osorio
Die Schwalbe 2016, 2. ehrende Erwähnung
a) letzter Zug? b) Beweispartie in 25 Zügen (14+13)

 

Das ist schon mal eine recht ungewöhnliche, originelle „Doppelforderung“ -– von „Zwillingsbildung“ will ich in diesem Falle nicht unbedingt sprechen. Wenn die Frage nach dem letzten Zug eindeutig beantwortet werden kann, ist dies natürlich auch der letzte Zug der Beweispartie. Anders herum stimmt diese Überlegung nicht unbedingt: Der letzte Zug einer Beweispartie muss nicht ein eindeutig letzter Zug für die Stellung sein: Ohne den Zeitdruck der Beweispartie kann es meist auch andere letzte Züge geben.

Kümmern wir uns zunächst um den letzten Zug: Der muss wegen des Schachgebots d6+ oder exXd6+ gewesen sein. Und davon abhängig ist entweder sLa2 oder sLc7 Umwandlungsläufer, da das Original sein Startfeld nicht verlassen konnte. Wegen der beiden schwarzen Doppelbauern musste der Umwandlungsbauer schlagfrei auf die erste Reihe gelangen, das konnte nur [Bc7]. Und da der fehlende [Lc1] nicht auf dem weißen Feld g6 geschlagen werden konnte, muss er auf d6 geschlagen worden sein. Letzter Zug also 25.– exLd6+.

Damit haben wir schon einige Informationen für die Beweispartie gesammelt. Auch ist klar, dass sich ebenfalls ein weißer Bauer umwandeln musste, um sich entweder auf g6 zu opfern oder das dortige Opfer zu ersetzen.

Dies kann nur der [Bc2] gewesen sein, der dafür überkreuz schlagen musste, um [Bc7] durchzulassen. Wenn wir dann noch bemerken, dass [Lf8] zu Hause geschlagen werden musste, dann sind alle fehlenden Steine erklärt.

Was könnte denn auf g6 geschlagen worden sein? Das muss relativ früh passiert sein, denn anders kann [Ke8] ja nicht in vier Zügen nach h6 gelangen, außerdem muss ja [Lf8] geschlagen werden können. Wir können also davon ausgehen, dass wir hier einen weißen Phönix-Stein auf dem Brett haben. Und das kann eigentlich nur Dd1 oder Tc2 sein: [Dd1] konnte sich in zwei Zügen auf g6 opfern, und braucht von c8 zwei Züge nach Hause. Ein Turm kann sich auf g6 in drei Zügen opfern, kann aber von c8 aus sofort c2 erreichen.

Aber vielleicht kann man es, wenn es aus der Stellung sonst keine Indizien gibt, mit „thematischem Lösen“ versuchen? Wenn einem auffällt, dass sLc7 der ursprüngliche [Bc7] war, könnte man ja vielleicht auf einen Gedanken kommen?!

Und vielleicht verfallt ihr ja auch noch auf den Gedanken, auch „Autoren-Lösen“ zu machen, also aus dem (hier den) Autoren auf mögliche Inhalte rückzuschließen?

Lösung

Sicher kamt ihr schnell darauf, dass aus Analogiegründen nur Tc2 als Umwandlungsstein in Frage kommt. Und beim Autor Lois ist euch vielleicht auch aufgefallen, dass das nicht einfach „nur“ eine Rückkehr der Umwandlungssteine auf ihr Ursprungs-Bauernfeld ist, sondern dass die beiden Themabauern (nach dem 18. Weißen Zug) schon ihre Plätze getauscht hatten und das dann quasi wieder zurücknehmen: Ein „Bauern-Lois“ also!

Ronald Schäfer hatte in seinem Löser-Kommentar noch einen kleinen Wunsch an die Autoren geäußert: „Ein kleiner (sicher schwer zu realisierender) Schritt zu einem Weltklasseproblem fehlt noch: Tc8-c1-c2.“ Damit spielt er auf das sehr hübsche Tempomanöver Lf5-b8!-c7 an, das im weißen Spiel leider fehlt.

Trotzdem aber sicher eine sehenswerte Aufgabe!

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