Retro der Woche 47/2015

Vor zwölf Jahren, im November 2003, starb der Stuttgarter Retrokomponist Josef Haas (*28. Januar 1922), der etwa 250 Retros komponiert hat, mit Karl Fabel, Luigi Ceriani und auch Werner Keym in engem Kontakt gestanden hatte. Beruflich war er Kriminalist beim LKA in Stuttgart, ein Spezialist für die kriminialtechnische Erfassung und Identifizierung von Schreibmaschinentypen und -schriften — also ziemlich nahe an der Retroanalyse!

Seine Spezialität waren Rücknahme-Retros mit folgendem Vorwärtsspiel, die häufig sehr verführungsreich und auch retroanalytisch sehr tief waren. Das Stück, das ein prominenter Möchte-gern-Löser mit „Ich sehe nur Verführungen, aber keine Lösung“ kommentierte, das der Autor als seine wahrscheinlich beste Rücknahmeaufgabe ansah, wollen wir uns nun anschauen und systematisch versuchen zu lösen.

Josef Haas
Die Schwalbe 1996, 4. ehrende Erwähnung
Weiß nimmt einen Zug zurück, dann #2 (15+9)

 

Leicht ist zu sehen, dass sBg5 den einzig fehlenden weißen Stein, einen Springer, geschlagen haben muss. Bei Weiß meint man im ersten Moment, dass er vier Mal geschlagen haben muss (bxcxd, gxf3, hxg3), aber das kann nicht stimmen, denn dann hätte Lg1 niemals auf dieses Feld ziehen können.

Also kommt Bg3 von g2, und die weißen Schläge waren etwas komplizierter, nämlich bxcxd, exf3 und hxgxfxe, also sechs weiße Bauernschläge.

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Retro der Woche 46/2015

Heute möchte ich mit euch zurück in die „Jungsteinzeit“ der Beweispartien — in eine Zeit, als sich die Beweispartien als eigenständige Retro-Form etablierten, als man nämlich entdeckte, welche Reize in deren Eindeutigkeit stecken konnten.

Schauen wir uns die heutige Aufgabe also einmal genauer an.

Nikita Plaksin & Michel Caillaud
feenschach 1982, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 25,5 Zügen (12+13)

 

Betrachtet man die Stellung ein wenig genauer, merkt man sofort, dass sTa2 ein Umwandlungsstein ist, denn über die erste Reihe konnte er wegen [Lc1] niemals nach a2 gelangt sein. Wegen des schwarzen Doppelbauern auf der a-Linie muss sich also [Bd7] auf a1 umgewandelt und dazu auf a2 [Ta1] geschlagen haben — und damit sind auch alle schwarzen Schlagfälle erklärt.

Bei Weiß fehlen neben [Ta1] noch [Bf2], [Bg2] und [Bh2], die allesamt nicht direkt geschlagen worden sein können; sie müssen sich also alle drei umgewandelt haben. Neben exXd3 stehen Weiß noch zwei Schläge zur Verfügung, und damit ist klar, dass sich die drei Bauern alle auf g8 umgewandelt haben.

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Glückwünsche nach Dresden

Herzliche Glückwünsche gehen heute nach Dresden, wo Silvio Baier Geburtstag feiert. Silvio ist einer der erfolgreichsten Komponisten von Beweispartien, einer der Protagonisten der „Proof Game of the Future“ (kurz formuliert: Jeweilige Doppelsetzung zweier Themen).

Heute möchte ich allerdings eines seiner „Frühwerke“ vorstellen, als es sich intensiv mit dem Pronkin-Thema beschäftigt hat. Die Darstellung mit einem weißen und einem schwarzen Springer, die ja besonders sperrig für dieses Thema sind, gefällt mir sehr gut.

Silvio Baier
Quartz 07-12/2007
Beweispartie in 23,0 Zügen (15+15)

 

Die Springerumwandlungen sind gut verborgen, und die Aufgabe kommt mit den beiden thematischen Schlägen aus.

1.d4 a5 2.Sd2 a4 3.Sb3 axb3 4.a4 e6 5.a5 Ke7 6.a6 Kf6 7.a7 Sa6 8.d5 Tb8 9.a8=S Kg6 10.Sb6 Df6 11.Sa4 Lb4+ 12.Sc3 Se7 13.d6 Tf8 14.dxe7 d5 15.e3 d4 16.Lb5 d3 17.Ld7 d2+ 18.Ke2 c6 19.Df1 d1=S 20.f3 Sf2 21.Ld2 Sg4 22.Tc1 Sh6 23.Sb1 Sg8.

Retros mit neutralen Steinen

Andreas Thoma und Wolfgang Will haben mit neutralen Steinen im Verteidigungsrückzüger experimentiert und präsentieren in einem kleinen Aufsatz exklusiv für diesen Blog gleich sechs Aufgaben, die ich euch zur genauen Analyse und Prüfung empfehle — viel Spaß dabei und herzlichen Dank den beiden Verfassern!

Retro der Woche 45/2015

Das waren noch Zeiten, als es bei der Schwalbe reguläre „Ortsgruppen“ gab, die gar regelmäßig ihre eigene Zeitschrift mit Informal- und Thematurnieren, mit festen Rubriken herausbrachten.

Die „Hamburger Problem-Nachrichten“ als Mitteilungblatt der Ortsgruppe Groß-Hamburg erschienen in 28 Ausgaben von April 1947 bis Mai-Juni 1951 und mussten dann aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden.

Für uns ist besonders interessant, dass in den HPN eine fünfteilige „Einführung in die Retroanalyse“ erschien, die von Hans Stempel (19.05.1902 — 04.06.1974) aus Neuss bei Düsseldorf — ein sehr weit gefasster Begriff von Groß-Hamburg — beigetragen wurde.

Hieraus möchte ich euch eine Aufgabe vorstellen mit der Anregung, euch selbst damit zu beschäftigen, bevor ihr gleich weiter lest: Soo schwer ist sie nicht, auch wenn man eine Menge bedenken muss!

Hans Stempel
VII Hamburger Problem-Nachrichten 05-06/1950, Dr. K. Fabel gewidmet
Welches war der letzte Zug? (15+12)

 

Hier reicht es natürlich nicht, den letzten Zug anzugeben, sondern es muss selbstverständlich die Auflösung der Stellung beschrieben werden, auch wenn dabei die Züge nicht eindeutig sind: Die prinzipielle Auflösungs-Strategie ist es schon!

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Für zwischendurch (7)

Beweispartien mit mehr als einer Lösung finde ich immer sehr spannend: Da ja hier nicht die Möglicheit besteht, wie etwa im Hilfsmatt einen „Cookstopper“ aufzustellen, sondern alle 32 Steine ja in allen Lösungen erklärt sein müssen, sind solche Aufgaben auch nicht leicht zu bauen.

Eine besonders kurze Beweispartie, die trotzdem nicht den inhaltlichen Zusammenhalt der Lösungen missen lässt, möchte ich euch heute vorstellen.

François Labelle
4 Retro Championnat de France RIFACE 2012
Beweispartie in 4,5 Zügen, zwei Lösungen (15+14)

 

Der Preisrichter bezeichnete François‘ Aufgabe als partiell vorweggenommen durch PDB P1001143 — seht ihr das auch so?

Retro der Woche 44/2015

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahre habe ich den Retro-Preisbericht für den 2008er Jahrgang des niederländischen Probleemblad fertiggestellt, nachdem mich die Redaktion keine zwei Monate vorher gebeten hatte, die Richter-Vakanz für die Jahre 2007 und 2008 zu beenden.

Das war aus meiner Sicht ein bemerkenswertes Turnier: Quantitativ nicht gerade berauschend (nur 18 Aufgaben), aber von so hoher Qualität, dass ich sieben Stücke, also beinahe 40 Prozent, auszeichnen „musste“. Das mittig platzierte Stück möchte ich euch heute zeigen.

Michel Caillaud
Probleemblad 2008, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 23 Zügen (13+13)

 

Bei Schwarz fehlen offensichtlich ein Turm, [Lf8] sowie [Bh7], bei Weiß [Lc1], [Ba2] und [Bh2]. Die drei offensichtlichen Bauernschläge waren dxc6, gxf6 und gxf3.

Das übliche Zählen offensichtlicher Züge hilft uns hier nicht allzu sehr weiter: 4+3+0+3+2=12 bei Weiß, gar nur 0+1+0+2+1+2=6 bei Schwarz. Drum schauen wir nun nach markanten Stellungsmerkmalen.

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Glückwunsch!

Herzliche Glückwünsche gehen nach Mülheim an der Ruhr zu Bernd Gräfrath, der heute Geburtstag feiert: Alles Gute für dein neues Lebensjahr und einen schönen Feier-Tag wünsche ich dir im Namen aller Blog-Leser!

Bernd ist ja nicht nur Vorsitzender der Schwalbe, sondern gerade im Retro-Bereich sehr aktiv: Preisrichter, Komponist, Blog-Kommentator, Präsentator der Selected Retros and Proof Games im Problemist — und noch eine ganze Menge mehr.

Aus dem Problemist habe ich eine hübsche Aufgabe von Bernd ausgesucht:

Bernd Gräfrath
The Problemist 2010
Beweispartie in 16 Zügen (16+11)

 

Ok, da muss Weiß ja nur den [Lf8] herausoperieren, und schon kann Schwarz rochieren und dann das überflüssige Holz sicher noch elegant loswerden?!

Das versucht einmal — und dann werdet ihr feststellen, dass es natürlich ganz anders geht:

1.f4 b6 2.f5 La6 3.f6 Ld3 4.exd3 Sa6 5.Dh5 Db8 6.Dxh7 Kd8 7.Dxg8 Kc8 8.Dxf8+ Kb7 9.Dxb8+ Kc6 10.Db7+ Kd6 11.De4 Thf8 12.Dd4+ Ke6 13.Ke2 Kf5 14.g4+ Kg6 15.Lg2 Kh7 16.Le4+ Kg8.

Lustig!