Retro der Woche 07/2017

Sehr schnell konnte Kostas Prentos seinen Preisbericht zur Retro-Abteilung des 5. FIDE World Cups erstellen: Es gab nur zwölf Einsendungen, von denen auch noch zwei defekt waren. Trotz der dünnen Beteiligung gibt es im Turnier zumindest drei ganz hervorragende Aufgaben.

Den ersten Platz – Tusch und herzliche Glückwünsche nach Dresden – belegte Silvio Baier mit seiner Beweispartie, die ich heute vorstellen möchte; dabei orientiere ich mich an den Anmerkungen von Kostas.

Silvio Baier
5. FIDE World Cup in Composing 2017, 1. Platz
Beweispartie in 30,5 Zügen (13+10)

 

Die drei fehlenden weißen Steine wurden von [Bd7] auf seinem Weg nach a2 geschlagen. Zählt man die weißen sichtbaren Züge 5+1+2+3+3+5=19, so stellt man fest, dass Weiß noch zwölf Züge frei hat. In denen kann er aber nicht [Bf2], [Bg2] und [Bh2] zur Umwandlung bringen, damit drei Umwandlungssteine geschlagen oder das originale Schlagopfer ersetzen können.

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Neuer Längenrekord!

Das heute erschienene Schwalbe-Februarheft wartet mit einer Sensation auf:

Andrej Frolkin und Werner Keym haben den Längenrekord eindeutiger Beweispartien verbessert!!

Sie haben dabei das Schema des bisherigen Rekords, der bei 57,5 Zügen stand (siehe PDB P0000136), genommen, und den beiden ist es in etwa achtmonatiger intensiver Arbeit gelungen, zwei weitere Halbzüge herauszukitzeln, womit sie den Rekord auf 58,5 Züge erhöhen!

Um mit Oliver Kahn zu sprechen: „Hier ist das Ding!“

Dmitri Pronkin, Andrej Frolkin, Werner Keym
Die Schwalbe 2017
Beweispartie in 58,5 Zügen (14+14)

 

In dem Schwalbe-Artikel erläutert Werner Keym die Lösung ausführlich; hier will ich sie unkommentiert wiedergeben in der Hoffnung, dass ihr euch ein wenig damit beschäftigt, um die Motivation einzelner Manöver herauszufinden. Die Autoren bitten übrigens darum, die Aufgabe intensiv zu prüfen!

1.a4 h5 2.a5 h4 3.a6 h3 4.axb7 hxg2 5.h4 d5 6.h5 d4 7.h6 d3 8.h7 dxc2 9.d4 a5 10.Lh6 c1=T 11.e4 Tc5 12.Se2 Th5 13.e5 c5 14.e6 Sc6 15.b8=T a4 16.Tb4 a3 17.Ta4 c4 18.b4 c3 19.b5 c2 20.b6 c1=T 21.b7 Tc4 22.b8=T Da5+ 23.T8b4 Lb7 24.Sbc3 O-O-O 25.exf7 e5 26.Tc1 Lc5 27.f8=T a2 28.Tf3 a1=T 29.Sa2 g1=D 30.Tfa3 Dg6 31.f4 De8 32.f5 g5 33.f6 g4 34.f7 g3 35.f8=T g2 36.Tf5 g1=T 37.Lf8 Tg7 38.Sg3 e4 39.Ld3 e3 40.O-O e2 41.T1c3 e1=T 42.Lc2 Te3 43.d5 T8d7 44.d6 Tdf7 45.d7+ Kb8 46.Dd6+ Ka8 47.Dc7 Sge7 48.d8=T+ Sc8 49.Td7 Thg8 50.h8=T Tae1 51.Th6 T1e2 52.T1f2 Tce4 53.Kf1 Ld4 54.Tfc5 Se5 55.Thb6 Sd6 56.Sf5 Sdc4 57.Sd6 Sb2 58.T3c4 Sf3 59.Db8+.

Wer nun die Geschichte der Beweispartie-Längenrekorde ein wenig nachverfolgen möchte, den lade ich zu einer Tour durch die PDB ein:

Es begann 1913 mit Thomas R. Dawson und 15,0 Zügen (P0002274), wobei er anmerkte „I expect this task to go much further.“ — er sollte Recht behalten!

Nach dem 2. Weltkrieg beschäftigte sich Karl Fabel intensiv mit dem Längenrekord, und er fand ein sehr ergiebiges Schema und damit 1947 einen neuen Rekord von 41,5 Zügen (P0001427); dieses Schema haben dann Michel Caillaud 1982 auf 47,0 Züge (P0002337) und fünf Jahre später Karl-Heinz Bachmann auf 48,0 Züge (P0002277) gesteigert. Dann folgte 1989 der schon erwähnte Riesensprung auf 57,5 Züge, der nun 28 Jahre später um einen weiteren Zug überboten wurde.

Meine Frage nicht nur an Andrej und Werner: Haltet ihr 60 Züge für möglich? (Man wird doch noch träumen dürfen…)

Nachtrag 11.02.2017: Der vollständige Artikel zu dieser Aufgabe ist nun im Internet auf der Schwalbe-Seite (unter „Leseproben aus der Schwalbe“) aufrufbar.

Für zwischendurch 29

Mal wieder eine Kleinigkeit für zwischendurch, für die Frühstückspause?

Ich mag ja sehr gern „Einfüge-Aufgaben“, wo also Steine zu einer legalen Stellung zu ergänzen sind. Hier ein kleines Beispiel, bei dem sicher sehr schnell (na ja, wahrscheinlich sofort…) klar ist, welche beiden Steine zu ergänzen sind — aber nicht sofort wo?

Alain Brobecker & Computer
Economy Records in 'Add Unit(s)' Problems 4.4.2011
Ergänze zwei Steine (9+0)

 

Viel Spaß beim Knobeln!

Retro der Woche 06/2017

Heute vor drei Jahren ist Wolfgang Dittmann verstorben. Als Komponist ist er besonders durch seine Verteidigungsrückzüger berühmt gewesen, aber seine heimliche Liebe galt auch den Illegal Clustern: Bei denen müssen bekanntlich die angegebenen Steine ins Diagramm eingefügt werden, sodass die Stellung illegal ist, durch Entfernung eines beliebigen Steins (außer den Königen natürlich!) aber eine legale Stellung entsteht.

Wolfgang Dittmann
Karl-Fabel-Gedenkturnier 1976, Lob
Ergänze kdllbb zu einem Illegal Cluster (4+4)

 

Wolfgang hatte sich bei seinen Illegal Clustern immer bemüht, nicht so sehr den Rätselcharakter dieses Aufgabentyps zu betonen, sondern auch problemschachlichen, retroanalytischen Inhalt zu zeigen – so wie in dem Stück, das ich im Retro der Woche 07/2014 vorgestellt hatte, so wie auch im heutigen Stück.

Eine häufige Idee bei Illegal Clustern ist, eine Retropatt-Stellung aufzubauen, in der eine Seite keine Züge mehr hat, aber durch Entfernung irgendeines Steines solch ein letzter Zug zur Verfügung steht.

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Retro der Woche 05/2017

Ich hatte ja beim letzten Retro der Woche versprochen, die zweitplatzierte Aufgabe des phénix-Retroturniers 2005 noch vorzustellen. Dieses Versprechen hatte ich schon längst, wie mir erst diese Woche auffiel, eingelöst: Schaut euch das Retro der Woche 22/2013 an…

Eine wie ich finde sehr elegante Beweispartie aus dem Jahre 1998 habe ich für heute ausgewählt, mir gefällt sie sehr gut, da sie das Thema im Diagramm klasse versteckt, man es dann aber mit einigen Überlegungen herausfindet, um mit diesem Wissen dann die Lösung erarbeiten zu können.

Thierry Le Gleuher
StrateGems 1999 (Version), Lob
Beweispartie in 25,5 Zügen (15+15)

 

Die beiden einzigen Schläge waren axb durch Weiß und gxf6 durch Schwarz, damit sind die fehlenden Steine erklärt. Nur: Was konnte geschlagen werden? Es fehlen [Ba7] und [Bg2]. Die können, da sie selbst nicht geschlagen haben können, jedoch nicht geschlagen worden sein.

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Retro der Woche 04/2017

Traditionell veranstalten die französischen Problemfreunde im Rahmen ihres Pfingst-Treffens auch ein Retro-Lösungsturnier; die Urdrucke nehmen am phénix Informalturnier teil. Im Jahr 2005 belegten zwei dieser Urdrucke die ersten beiden Plätze des Informalturniers! Heute stelle ich das Preisproblem vor, in einer der kommenden Wochen auch die erste ehrende Erwähnung.

Michel Caillaud
Messigny 2005 Preis phénix 2005
Hilfsmatt in 2 Zügen (11+12)

 

Die möglichen Lösungen des Hilfsmatts (Schwarz zieht an und hilft dem Weißen beim Matt des schwarzen Königs in der geforderten Zügezahl) sind schnell gefunden; in beiden rochiert Schwarz. Also 1.OOO Sc5 2.Lb8 Sxe7# und 1.OO Sg5 2.Sh8 Se7#.

In einem Retro-Lösungsturnier ist das natürlich nicht alles; da ist schon klar, dass es um die (Il-) Legalität der Rochaden geht. Dass nicht beide Rochaden zulässig sein können, sieht man nach den ersten Schritten der Stellungsanalyse.

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Lösungen StZ und Schachbundesliga

Als Ersatz für den traditionellen Lösewettbewerb der Stuttgarter Zeitung waren dort am Heiligen Abend und Silvester 2016 zwei Retro-Originale erschienen, die ich hier bereits „nachgedruckt“ hatte.

Nun sind am letzen Sonnabend die Lösungen erschienen, die ich wie versprochen nun nachtrage (Dank an Werner Keym für die Zusendung!).

Sergej Tkachenko & Andrej Frolkin
Stuttgarter Zeitung 24.12.2016
Matt in 2 Zügen; b) nach dem Schlüsselzug von a) (13+11)

 

a) 1.e7:d8=S! (1.e7:d8=L!?) Zugzwang K:d3 2.0-0-0#
b) Nach dem Zug 1.e7:d8=S! folgt 1.S:b7! Zugzwang K:d3 2.0-0-0#. Zuletzt geschah 1.– Kc1:Lc2! 2.Lb1-c2+ Kc2-c1 3.La2-b1+ Kc1-c2 4.Lb1:Ba2 a3-a2. Der wUW-L wird zur Stellungsauflösung bei Erhalt des Rochaderechtes benötigt. Deswegen kann der Schlüsselzug zu a) nicht 1.e7:d8=L? sein. Die Lösungen zu a) und b) hängen voneinander ab. Sehr originell!

 

Werner Keym
Stuttgarter Zeitung 31.12.2016
Ergänze möglichst viele Steine (6+8)

 

Die Läufer von f1, c8 und f8 wurden auf ihren Ursprungsfeldern geschlagen. Der La4 entstand auf b1 oder d1 nach 6 Schlägen des Bh7; hinzu kamen 3 Schläge des Ba7 bis d4. Der La2 und der La6 entstanden auf g8 nach 4 Schlägen der Bauern f2 und h2. Also können höchstens vier schwarze Steine ergänzt werden, nämlich Ke8, Dd8, Lc8 und Lf8.

Ich hoffe, dass die Tradition der Stuttgarter Zeitung, in der Weihnachtszeit weiterhin einen Retro-Lösewettbewerb anzubieten, fortgesetzt werden kann.

Vielleicht hilft dabei ja auch die positive Erfahrung mit dem Wettbewerb von schachbundesliga.de, der aus zwölf Problemen (Retros, Studien, direkte Matts, Hilfs- und Selbstmatts) bestand, die für reine Partiespieler teilweise sicher nicht so leicht waren. Dennoch gab es 98 richtige Einsendungen! Es lohnt sich, sich den Wettbewerb noch einmal genau anzusehen, vielleicht könnt ihr daraus auch Anregungen für Problemschach-Werbung in eurem Schachverein finden?