Retro der Woche 12/2017

Das gerade beendete Troizki-Retro-Gedenkturnier war zwar nur mit acht Aufgaben beschickt worden, die zeigten allerdings teilweise sehr hohe Qualität, sodass sich das Turnier auf alle Fälle gelohnt hat.

Heute stelle ich den ersten, in der kommenden den zweiten Preis vor, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr meiner Einschätzung des Turniers zustimmen werdet.

Dmitri Baibikow
Troizki-Gedenkturnier 2017, 1. Preis
Letzte 41 Halbzüge (13+12)

 

Wie üblich schauen wir erst einmal nach den Schlagfällen: Alle fehlenden schwarzen Steine sind durch weiße Bauernschläge erklärt: Bf3 kommt offensichtlich von e2, Bf5 von h2 und einer der b-Doppelbauern kommt von a2.

Bei Schwarz sieht man zunächst nur einen Schlagfall: einer der g-Doppelbauern kommt von h7. Andererseits wissen wir aber schon, dass beispielsweise die Bauern auf c7 und d7 nicht geschlagen haben können.

Die können nur schlagfrei dorthin gelangt sein, wenn sBc6 von d7 kommt und der [Bc7] einmal geschlagen hat, um den Weg frei zu machen für Bc2 auf seinem schlagfreien Weg nach c7. Und damit sind dann auch alle schwarzen Schläge erklärt.

[Bc7] hat sich möglicherweise umgewandelt (dann auf b1 oder d1) oder auf die b-Linie geschlagen, um dort dann selbst geschlagen zu werden. [Ba7] hingegen muss sich umgewandelt haben, um verschwinden zu können. Daher ist die Rücknahme von wBaxb erst möglich, nachdem diese Umwandlung zurückgenommen worden ist.

Wegen des Schachgebots gegen den schwarzen König ist klar, dass Weiß mit der Rücknahme beginnt, und dieser Zug ist T 1.Tg7-g8+, denn er muss ja, wie wir schon gesehen haben, schlagfrei sein.

Nun sollten wir einmal den Käfig im Osten des Diagramms betrachten und uns überlegen, wie der geöffnet werden könnte?

Das kann offensichtlich nur geschehen durch die Rücknahme von Df3-h5; das ermöglicht dann Th5-h6 und z.B. Bh6xg5 etc. Hierfür müssen wir aber zunächst [Lf1] nach Hause bringen, um dann Bexf3 zurücknehmen zu können. Außerdem brauchen wir dazu noch ein Schild auf g3, um den wK vor einem Schachgebot der schwarzen Dame zu schützen.

Die naheliegende Idee (die auch meine erste Koch-Idee war. Als ich die Aufgabe sah), nämlich frühzeitig Bg4xLf5 und dann g3-g4 zurückzunehmen, um damit bereits den Schild für Df3-h5 zu bilden, scheitert daran, dass dann Lg1 nicht mehr nach Hause geführt werden kann.

Wie aber kann [Lf1] wieder aufs Brett kommen, damit der Öffnungs-Mechanismus im Osten starten kann? Der kann nur auf c6 entschlagen werden (Bd7xLc6). Dafür aber muss zunächst Lc8] nach Hause, da er sonst ausgesperrt wäre. Der kann aber nur auf b3 entschlagen werden (Ba2xLb3).

Dafür aber muss zunächst der schwarze a-Bauer entwandeln. Dafür steht nur der sSh7 zur Verfügung, der allerdings zunächst befreit werden muss. Und dafür steht nur der wSb8 zur Verfügung.

Damit haben wir unsere Auflöse-Strategie allerdings bereits komplettiert, sodass nun die eigentliche Auflösung nicht mehr allzu schwer ist.

R 1.Tg7-g8+ e3-e2 2.Sa6-b8 e4-e3 3.Sc5-a6 e5-e4 4.Se4-c5 e7-e5 Uberraschend, da bei fehlenden Tempi der Doppelschritt meist aufgespalten wird; hier aber wird gleich das Feld e6 benötigt. 5.Sf6-e4 Sf8-h7 6.Sh7-f6+ Se6-f8 Die erste Phase ist abgeschlossen, nun muss der schwarze Springer auf schnellstem Wege (deswegen 4.—e7-e5!) nach a1. 7.d6-d7 Sd4-e6 8.d5-d6 Sc2-d4 9.d4-d5 Sa1-c2 10.d3-d4 a2-a1=S 11.d2-d3 a3-a2 12.a2xLb3 Nun haben wir [Lc8] auf dem Brett, der nun nach Hause muss, damit [Lf1] entschlagen werden kann. 12.– Le6-b3 13.b3-b4 Lc8-e6 14.f4-f5 Jetzt kann [Lf1] entschlagen werden, der dann auf schnellstem wege nach Hause zurückkehren muss. 14.– d7xLc6+15.Lb5-c6 a4-a3 16.Lf1-b5 a5-a4 Zu Hause angekommen, kann er nun eingeklemmt werden, um für die schwarze Dame den Weg frei zu machen. Dabei muss ein Stein entschlagen werden, der auf g3 als Schild dienen kann. 17.e2xSf3 Sd4-f1 18.c6-c7 Sf5-d4 19.c5-c6 Sg3-f5 20.c4-c5 Df3-h5 21.Th5-h6 etc.

Mit diesen „Phasentransformationen“ hatte sich Alexei Troizki (14.3.1866 – 14.8.1942) schon beschäftigt. Ich finde diese Strukturierung der Lösung schon deshalb so interessant, weil man sie ein wenig mit gestaffelten Vorplänen in neudeutschen Direktmatts vergleichen kann, auch wenn hier natürlich keine „Verteidigungen“ durch Schwarz vorkommen: Beide Seiten kooperieren hier (ob sie wollen oder nicht) bei der Auflösung der Stellung, weil beide an die Schachregeln gebunden sind und durch Rücknahmen keine illegalen Stellungen entstehen dürfen.

2 thoughts on “Retro der Woche 12/2017

  1. tiny typo: 17… Sd4-f3, not -f1 (abbreviated notation is so much easier, both to write and to read, but for some reason very few use it consistently; I do).
    Dmitri is certainly a master of long unique retroplays in classical resolution problems. And he is not too shabby in other retro areas, either…

  2. Lange eindeutige Folgen von Rückzügen empfinde ich in aller Regel als deutlich beeindruckender als normale Auflösefolgen. Diese Aufgabe besticht m.E. insbesondere durch die eindeutigen Springerwanderungen. Diese scheinen mir ähnlich kompliziert wie Routen von Springerpronkins in orthodoxen Beweispartien. Großartig ist, dass der auf f3 entschlagene Springer auch noch eindeutig nach g3 gelangt. Diese Aufgabe ist ganz sicher den ersten Preis wert

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