Retro der Woche 32/2026

In der gerade erschienen Ausgabe 3/2026 von Probleemblad ist die Ausschreibung zum Dirk-Borst-64 Geburtstagsturnier veröffentlicht: Gefordert sind NICHT-eindeutige Beweispartien mit der Forderung “Stellung nach dem n. Zug von Weiß (oder Schwarz)” Zusätzliche Forderungen und/oder Bedingungen sind zulässig, nicht aber Märchenfiguren. Eine Beispiellösung soll angegeben werden, in der aber weder Zugfolge noch Züge eindeutig sein müssen.

Maximal 4 Aufgaben bis zum 24. Mai 2027 an Hans Uitenbroek (jc.uitenbroek(at)gmail.com). Preisrichter sind Dirk Borst und Hans Gruber, die 400,– € an Preisgeldern verteilen werden.

Die Ausschreibung enthält drei Beispiele, von denen ich eines heute vorstellen möchte:

Wolfgang Dittmann
feenschach 1987, 2. Preis
Stellung nach dem 38. Zug von Weiß. Wie oft schlug der schwarze König? Schlagschach (16+14)

 

Nein, das ist kein Druckfehler im Südosten … In der Ausschreibung ist nur eine nackte Beispiel-Lösung ohne die Verführung angegeben, die Aufgabe ist aber, glaube ich, ohne Erläuterungen nur schwer verständlich. Und wer könnte die Lösung besser erläutern als der Autor selbst? Daher zitiere ich hier seine Besprechung aus “Der Blick zurück” (S. 263-264) fast unverändert:

Hier hängen sowohl das Thema (Tempoverlustmanöver des sK) als auch die thematische Verführung von der Festlegung der Zügezahl ab. Ihretwegen muss Weiß sich beeilen: Die vollen 38 Züge benötigt er, weil (bei wBb5 und sBc7-c5) die Schlagalternative für Weiß, die den e. p.-Schlag vermeidet, nur lauten kann: wKb4xSa4! Der zweite sS wird im letzten Zug auf c6 geschlagen. Weiß muss viel rangieren, um seinen K nach b4 zu bringen, und entsprechend viel muss für die Rückkehr der weißen Figuren geschehen (man beachte, dass das Diagramm wTg1 und wSh1 enthält!). Die Pointe der Aufgabe liegt in der Frage, was Schwarz, der fast beliebig viele Wartezüge hat, eigentlich in der Zwischenzeit tut. Es sieht so einfach aus: Der eine S opfert sich auf a4 (von b6 kommend), der andere später auf c6 (von e5 kommend); im Übrigen führt Schwarz nur Wartezüge aus.

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Retros beim WFCC-70 Turnier

Gerade erst war der Einsendeschluss zum Jubiläumsturnier anlässlich des 70. Geburtstages der Welt-Problemschach-Organisation (früher PCCC, heute WFCC), da hat Preisrichter Andrij Frolkin bereits seinen vorläufigen Bericht zur Retro-Abteilung vorgelegt.

“Vorläufig”, da er noch anonymisiert den Retrofreunden zum Mitprüfen vorgelegt wird: Die geforderten klassischen Retros können halt (noch) nicht richtig mit dem Computer geprüft werden — von möglichen Antizipationen ganz zu schweigen.

Viel Spaß beim Analysieren und Prüfen — mein allererster, vorläufiger Eindruck sagt mir, dass das Niveau sehr hoch ist. Eure “Funde” schickt bitte bis zum 15. November 2026 an den Turnierdirektor Narayan Shankar Ram (wfcc70jt(at)gmail.com).

Bald geht es los!

In einer guten Woche, am 8. August, beginnt das Weltproblemschachtreffen in Magdeburg. Wer es bis dahin kaum abwarten kann, für den habe ich hier ein paar Internet-Tipps mit etwas ungewöhnlichen, aber um so interessanteren Inhalten:

In der englisch-sprachigen Ausgabe von ChessBase ist der Artikel Shifts and mirrors in a chess problem über einen Schwalbe-Urdruck von Werner Keym erschienen: über eine Studie ohne Diagramm, bei der natürlich auch Retro-Überlegungen eine Rolle spielen. Da lohnt es sich hineinzuschauen.

Der erst 14-jährige Christian Glöckler hat in Biel nicht nur seine erste Großmeister-Norm im Partieschach erfüllt, sondern auch das dortige Löseturnier erfolgreich auf Platz drei, mit nur einem Punkt Rückstand auf Platz eins, beendet. In einem Interview, das auf YouTube veröffentlicht wurde, erklärt er sein Interesse am Problemschach: höchst interessant! Übrigens spielt Christian nun das Dortmunder Sparkassen-Open, um dann zum Lösen nach Magdeburg zu kommen!

Wer jeden Tag eine problemschachliche Herausforderung, Unterhaltung sucht, den verweise ich auf Mustermatt, dem von Johannes Quack so großartig geführten YouTube-Kanal der Schwalbe. Jede Woche bringt er dort sehr abwechslungsreich einen Beitrag aus allen Bereichen des Problemschachs. Jetzt zur Ferienzeit gibt es mehr: Die Serie “30 Tage – 30 Rätsel”, von der heute Tag 5 ist. Jeden Tag kann eine Aufgabe gelöst werden, die sich eher an noch nicht so erfahrene Problemisten wendet, für die Experten aber sicher auch spannend und interessant ist. Lösung noch am gleichen Tag einsenden, und das mindestens fünf Mal, dann winken attraktive Preise. Viel Spaß und Erfolg!

Retro der Woche 31/2026

George P. Sphicas ist vielleicht der heute bedeutendste Komponist von Serienzügern, wo prinzipiell nur eine Partei zieht, die andere meist nur einen einzigen Zug hat, nämlich den zur Erfüllung der Problemforderung.

Klassisches Märchenschach also — retroanalytisch interessant wird es durch die zusätzliche “konsequent” Bedingung: Danach werden die legalen Zugmöglichkeiten für jede neue Stellung neu bewertet — ohne “Gedächtnis” für die Vergangenheit.

Damit kann es also sein, dass beispielsweise die Rochade in der Diagrammstellung nicht zulässig ist — das wäre in jedem anderen Problem das Todesurteil für die Rochademöglichkeit im Laufe der Lösung. Nicht aber bei der “konsequent” Zusatzforderung, die kein Gedächtnis (“in der Diagrammstellung war die Rochade aber unzulässig”) hat: Da wäre es auch möglich, den schwarzen König nach e8 zu ziehen, sodass er dann rochieren dürfte: Wir wissen ja nicht, dass er schon gezogen hat…

Schauen wir uns das Diagramm der heutigen Aufgabe genauer an.

George P. Sphicas
Problemkiste 1998, 18. Thematurnier, 1. Preis
shc#33 (8+8)

 

In diesem Serienzug-Hilfsmatt (das “c” in der Forderung steht für “konsequent”) zieht Schwarz 33 mal am Stück, bis Weiß dann sofort mattsetzen kann. Versuchen wir also zunächst einmal ohne retroanalytische Hintergedanken, mögliche Mattfelder für den schwarzen König ausfindig zu machen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass sich bis zum Mattzug die weiße Stellung nur durch “Ausdünnen”, also Schläge durch Schwarz, verändern lässt.

Damit scheiden offenbar Bauernmatt-Züge im Osten des Bretts fast komplett aus, da ja ein Bauer mattsetzen muss; dazu muss er selbstverständlich gedeckt sein. Das ist nur denkbar nach gxf5 oder exf5 mit dem schwarzen König auf d6 oder f6. Es ist aber nicht zu sehen, wie der König dorthin gelangen könnte, ohne weitere weiße Deckungsbauern wegzuschlagen — vor allen Dingen wird es schwierig, das Feld h7 zu blocken, da [Bh7] ziehen muss, um den König nach g6 zu lassen.

Also sollten wir uns im Westen umsehen?

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Bernd Schwarzkopf 80

Bernd Schwarzkopf aus Neuss ist ein unglaublich vielseitiger und aktiver Problemist: So ist er nicht nur mit weit über 1.300 Aufgaben in der PDB vertreten, davon beinahe 400 Retros, sondern auch durch seine Artikel und immer wieder spannenden Konstruktionsturniere in der Schwalbe und bei verschiedenen Treffen: Er ist Stammgast bei den Schwalbe-Tagungen, in Andernach und Sachsen.

Sehe Aktivitäten “im Hintergrund” finde ich beinahe noch beeindruckender: Seit Jahrzehnten ist er “Mister Inhaltsverzeichnis” in Deutschland, war er einer der Mitstreiter beim Dschungelbuch, dem geplanten Märchen-Lexikon, das später in dem der Schwalbe aufgegangen ist. Er hat schon Peter Kniest wertvoll unterstützt bei dessen Aufarbeitungen der Projekte seines Bruders Albert, mit Hans Gruber ist er zum Beispiel immer noch aktiv dabei, die Nachlässe der Kniest-Brüder teilweise erstmals der breiten Problemöffentlichkeit zugänglich zu machen. Und stets hat er weitere Projektideen im Kopf.

Nicht umsonst hat die Schwalbe Bernd wegen seiner so vielseitigen, Jahrzehnte langen Arbeiten zur Förderung des Problemschachs auf den Jubiläumskongress 2024 in Essen die Ehrenmitgliedschaft verliehen.

Unglaublich: Heute feierst du, lieber Bernd, deinen 80. Geburtstag! Persönlich und im Namen aller Blog-Leser schicke ich dir dazu herzliche Glückwünsche, wünsche ich dir erst einmal für die nächsten zehn Jahre alles denkbar Gute, vor allen Dingen natürlich Gesundheit und weiterhin viel Energie, Erfolge und Freude an unserem gemeinsamen Lieblings-Hobby.

Eines meiner Lieblingsstücke von dir möchte ich hier zum Lösen anbieten; wie immer bringe ich die Lösung in einer Woche.

Bernd Schwarzkopf
feenschach 1978
Letzter Zug? 3+4 Grashüpfer (8+8)

 

 

 

Lösung

R: 1.gxf6ep, davor f7-f5+ 2.Kf5xSf4+ Sd5(x)f4+

Retro der Woche 30/2026

In seinem Abschlussvortrag beim Jubiläumskongress zum 100. Geburtstag der Schwalbe ihn Essen 2024 stellte Silvio Baier Beweispartien mit Dreifachsetzung des Prentos-Themas vor, bei der alle Umwandlungssteine von einem einzigen Offizier geschlagen werden; der Vortrag kann im Kongressbuch “100 Jahre Schwalbe” nachgelesen werden.

Der allgemeine Rekord an Prentos-Umwandlungen lag schon lange bei drei, umso bemerkenswerter, dass auch diese Einschränkung in vielfältiger Weise dreifach gesetzt werden kann.

Wie bei vielen Themen ist es auch hier der Fall, dass manche Darstellungen des Themas deutlich schwerer zu realisieren sind als andere.

Hiermit wollen wir uns heute beschäftigen.

Reto Aschwanden
The Problemist 2026
Beweispartie in 21 Zügen (12+14)

 

In der sehr eleganten Homebase-Stellung des Weissen sind keine Züge direkt zu erkennen, die sichtbaren des Schwarzen wollen wir rasch zählen: 2+2+4+5+3+5=21 — Schwarz hat also keine Züge mehr frei. Daraus können wir auch schließen, dass die schwarzen Bauern auf der 4. und 5. Reihe jeweils einen Doppelschritt gemacht haben, also nicht geschlagen haben können. Und damit wissen wir auch, dass [Bb7] und [Bh7] zuhause geschlagen wurden.

Die fehlenden weißen Bauern von der a-, der g- und der h-Linie können wegen der Stellung der schwarzen Offiziere nicht direkt geschlagen worden sein; sie müssen sich also umgewandelt haben

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pacemaker 2

Vor etlichen Jahren hatte Thomas Kolkmeyer sein Anticirce-Proca-Prüfprogramm “pacemaker” geschrieben, das unter neuen Windows-Versionen nicht mehr lauffähig ist. Er hat nun die Neu-Implementierung, die zugleich eine deutlich funktionale Erweiterung verspricht, begonnen; Details hierzu können seiner History entnommen werden.

An einer Stelle benötigt Thomas allerdings Unterstützung: Bei der Implementierung des “User Interface”. Das soll unter Nutzung der GUI-Library wxWidgets geschehen; hier allerdings kennt er sich nicht aus.

Wer ihn also dabei unterstützen kann, wer jemanden kennt, der jemanden kennt (Schachkenntnisse sind nicht erforderlich!), möge sich bitte direkt an Thomas (thomas.kolkmeyer(at)berlin.de) wenden; die Retrowelt wird es ihm danken!

Siebenstellig

Seit heute gibt es ein neues Update der (kommerziellen) Problemschach-Datenbank WinChloe des Franzosen Christian Poisson; das Programm enthält auch eine mächtige Prüfkomponente; wie der Name schon andeutet, gibt es WinChloe allerdings nur unter einem einzigen Betriebssystem …

Die Datenbank enthält nun 1.000.028 Probleme — das ist eine bemerkenswerte Zahl. Davon sind etwa 285.000 orthodoxe Zweizüger, und sie enthält auch 26.092 Retros. Da gibt es also viel zu entdecken!