Retro der Woche 41/2017

Zum Feiertag in der letzten Woche hatte ich eine Zwischendurch-Beweispartie des Australiers Peter Wong vorgestellt; heute möchte ich ein deutlich komplexeres Stück von ihm demonstrieren.

Peter beschäftigt sich besonders gern mit Tempospiel – und zumindest ich empfinde solche Aufgaben häufig als recht schwer zu lösen. Das liegt auch daran, dass man meist mit dem Üblichen Züge-Zählen nicht allzu weit kommt, dass auch die Tempomanöver gelegentlich nicht ganz einfach aus der Stellung abgeleitet werden können.

Peter Wong
The Problemist 1988, 3.-5. ehr. Erwähnung
Beweispartie in 21 Zügen (15+13)

 

Hier kommen wir offensichtlich mit reinem Züge zählen nicht allzu weit: Bei Weiß „sehen“ wir nun 3+0+0+0+3+1=7 Züge – genau ein Drittel der zu erwartenden Züge. Bei Schwarz schaut es schon etwas besser aus: 1+1+2+4+4+2=14 – genau doppelt so viele Züge wie bei Weiß, aber auch nur zwei Drittel aller geschehenen schwarzen Züge.

Da müssen wir also nach anderen Indizien schauen, und das ist ja häufig die Überlegung, welche Steine denn auf dem Brett fehlen.

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Retro der Woche 36/2017

Nachdem ich in der letzten Woche eine Beweispartie aus dem FIDE-Album 2010-2012 quasi als „Appetithäppchen“ für das Album vorgestellt hatte, soll heute nun ein klassisches Retro folgen.

Nikolai Beluchow ist mit 15 (!) klassischen Retros (davon vier Koproduktionen) im Album vertreten, und bei seinen Aufgaben kann man immer von hoher Qualität ausgehen. So auch bei dem Stück, das ich für heute ausgewählt habe.

Nikolai Beluchow
StrateGems 2011
Letzte 40 Einzelzüge? (14+12)

 

Ein paar Fragen lassen sich aus dem Diagramm rasch klären: So hat Schwarz offensichtlich zweimal mit seinen Bauern geschlagen (fxe und hxg); damit sind die fehlenden weißen Steine erklärt.

Die weißen Schläge ergeben sich nicht ganz so offensichtlich durch Doppelbauern: Damit sBc3 und sBd2 ihre Position schlagfrei erreichen konnten, müssen [Bc2] und [Bd2] überkreuz geschlagen haben. Irgendwie muss auch [Ba7] verschwunden sein. Er kann nicht selbst geschlagen haben, muss also auf der a-Linie selbst geschlagen worden sein.

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Marco Bonavoglia 64

Einen sehr „eckigen“ Geburtstag, der aber für jenen Schachfan eigentlich der rundeste ist, feiert heute Marco Bonavoglia: Viele kennen ihn sicher beispielsweise aus Andernach und schätzen ihn auch als Retro-Freund, der schon lange in unserem Lieblingsbereich schöne Aufgabe, häufig verbunden mit Märchenbedingungen baut.

Ein schon etwas älteres Stück, das mir aber immer wieder hervorragend gefällt, habe ich zur Feier des Tages herausgesucht:

Marco Bonavoglia
feenschach 1986
Beweispartie in 11,5 Zügen, Schlagschach (16+15)

 

Die Frage ist natürlich, wie und wo der einzig fehlende Stein, der schwarze König, „herausoperiert“ werden konnte, ohne dabei in andere Schlagfallen tappen zu müssen.

1.d3 Sf6 2.Kd2 g5 3.Ke3 Lh6 4.Ld2 0-0 5.Le1! Kh8 6.Lc3 Sg8 7.Lxh8 a5 8.Lc3 a4 9.Ld2 Sf6 10.Lc1 Th8 11.Kd2 Lf8 12.Ke1.

Da gibt es in so wenigen Zügen viel zu bestaunen: Jede Menge Rückkehren, Rochade, ein verblüffender Tempozug — immer wieder schön!

Lieber Marco, alles Gute wünsche ich dir zu deinem Geburtstag — und wir sehen uns in Andernach?!

Retro der Woche 05/2017

Ich hatte ja beim letzten Retro der Woche versprochen, die zweitplatzierte Aufgabe des phénix-Retroturniers 2005 noch vorzustellen. Dieses Versprechen hatte ich schon längst, wie mir erst diese Woche auffiel, eingelöst: Schaut euch das Retro der Woche 22/2013 an…

Eine wie ich finde sehr elegante Beweispartie aus dem Jahre 1998 habe ich für heute ausgewählt, mir gefällt sie sehr gut, da sie das Thema im Diagramm klasse versteckt, man es dann aber mit einigen Überlegungen herausfindet, um mit diesem Wissen dann die Lösung erarbeiten zu können.

Thierry Le Gleuher
StrateGems 1999 (Version), Lob
Beweispartie in 25,5 Zügen (15+15)

 

Die beiden einzigen Schläge waren axb durch Weiß und gxf6 durch Schwarz, damit sind die fehlenden Steine erklärt. Nur: Was konnte geschlagen werden? Es fehlen [Ba7] und [Bg2]. Die können, da sie selbst nicht geschlagen haben können, jedoch nicht geschlagen worden sein.

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Retro der Woche 01/2017

Euch allen wünsche ich alles Gute für das neue Jahr 2017, und ich hoffe, ihr bleibt dem Blog gewogen!

Vor 50 Jahren, im Januar 1967 erschien das Stück, das ich für den heutigen Neujahrstag ausgesucht habe. Verfasser ist Luigi Ceriani, einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Retrokomponist des vorigen Jahrhunderts. In seinem Stück sind nicht alle Züge ganz eindeutig, wohl aber die genaue Struktur der Lösung.

Luigi Ceriani
Europe Echecs 1967 Lob
Löse die Stellung auf (12+13)

 

Beginnen wir wie üblich mit der Analyse der Schlagfälle: wBe6 ist der ursprüngliche [Bh2], womit alle fehlenden schwarzen Steine bereits erklärt sind. Er kann nämlich nicht von c2 kommen: Dann benötigte er zwar nur zwei Schlagfälle, aber dann müssten auch Bb6 und Bc6 je einmal geschlagen haben – das ist aber bei 13 auf dem Brett stehenden schwarzen Steinen unmöglich.

Damit ist auch klar, dass sBb5 bis e5 die [Ba7] bis [Bd7] sind: wBb6 und wBc6 können nicht geschlagen haben, also kann sBe5 nicht [Bg7] (und sBg5 nicht [Bh7]) sein, da dann nicht beide genannten weißen Bauern befreit werden könnten.

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Retro der Woche 51/2016

Für den vierten Advent habe ich eine Aufgabe ausgesucht, die ihr vielleicht selbst lösen wollt?! So lang ist sie nicht: Für jede Kerze am Adventkalender vier Züge. Und vor allen Dingen: Sie lässt sich ziemlich logisch lösen!

Also ein Glas Glühwein, ein paar Spekulatius, und dann geht es ans Brett!

Michel Caillaud
Messigny 1995, 1. Preis
Beweispartie in 16 Zügen (16+13)

 

Keine Umwandlungen, Weiß hat noch alle Mann an Bord, und so können wir sogar sehr schnell die drei Schlagfälle bestimmen: [Lf8] starb zu Hause, auf d3 wurde [Bd7] geschlagen (der konnte ja nicht geschlagen haben) und [Dd8] auf f3.

Nun schauen wir wie üblich, ob uns das Zügezählen weiterhilft?

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Retro der Woche 51/2015

Hinweis 25.5.2020: Nikolai Beluchow fand hierzu eine Nebenlösung (siehe P1312968) — und hat die gleich zu einem neuen Stück veredelt (siehe P1376210).

In seinem Aufsatz zum Kisljak-Thema hatte Andrej Frolkin einen der beiden geteilten Sieger des 1. Chesproblem.net Kompositionsturniers vorgestellt, in dem Retros mir mindestens einer komplett unbesetzten Linie gefordert waren. Das andere, das für den Kisljak-Aufsatz unthematisch war, möchte ich euch heute vorstellen.

Andrej Frolkin & Joaquim Crusats
1. ChessProblem.net Kompositionsturnier 2015, 1-2. Preis
Löse auf! (13+12)

 

Thematisch ist hier selbstverständlich die f-Linie – und wir werden sehen, dass im Zusammenhang mit der f-Linie auch das wesentliche Rückspiel stattfindet.

Aber zunächst betrachten wir die Schlagbilanzen: Wir sehen drei offensichtliche Bauernschläge von Schwarz: axbxc und fxe6; damit sind ale fehlenden weißen Steine erklärt. Bei Weiß sieht man sofort die Schläge axb und cxd. Da alle schwarzen Schläge bereits verbraucht sind, müssen [Bg2] und Bh2] über Kreuz geschlagen haben, damit die Bauern im Osten ihre Diagrammstellung erreichen konnten. Damit sind auch alle vier fehlenden schwarzen Steine durch Bauernschläge erklärt.

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Retro der Woche 49/2015

An den letztwöchigen Beitrag anknüpfend möchte ich nun den zweiten Preis dieses Informalturniers vorstellen, ein ganz „klassisches“ Retro von Alexander Kisljak. Wie so oft in dieser Gattung sind nicht alle Züge eindeutig bestimmt; wenn allerdings die erforderlichen Manöver eindeutig sind, wird dies nicht als Mangel angesehen.

Alexander Kisljak
The Problemist 1990, 2. Preis (1998-1990)
Löse auf! (14+12)

 

Betrachten wir zunächst einmal die Schagfälle: Bei Weiß sieht man drei (a2xb3xc4 sowie f(h)xg), bei Schwarz keinen. Somit besteht also noch die Möglichkeit, dass [Bg7] umgewandelt wurde.

Die entscheidende Frage ist allerdings, wie der Retrokäfig im Westen geöffnet werden kann. Das klappt nur, wenn Schwarz Ka6-b6 zurücknehmen kann — dafür allerdings muss ihm irgendjemand auf a5 Schachschutz geben, denn die wD kann nicht wegziehen. Wie können wir diesen Schachschutz realisieren?

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