Retro der Woche 02/2019

Am ersten Sonntag des neuen Jahres möchte ich euch eine schon etwas ältere und auch thematisch recht ungewöhnliche Beweispartie des Finnen Unto Heinonen (* 25.12.1946) zeigen. Wir kennen ja auch hier Unto als einen Komponisten, der ein wenig abseits des Mainstreams komponiert.

Unto Heinonen
Die Schwalbe 1993, 1. Preis
Beweispartie in 24 Zügen (16+10)

 

Ungewöhnlich ist hier schon der dritte schwarze Turm, der sofort auffällt und den wir gleich benutzen werden, um uns die ersten Schritte der Lösung dieser Aufgabe zu erarbeiten. Wir können zunächst einmal anhand der schwarzen Bauernstellung schnell feststellen, dass der aus [Bd7] entstanden sein muss.

Und nun zählen wir zunächst einmal die schwarzen sichtbaren Züge. Dabei lassen wir zunächst offen, welchen Turm wir als Umwandlungsturm ansehen und stellen fest, dass die beiden Original-türme mindestens fünf Züge gemacht haben müssen: Tf7 zwei, die beiden anderen jeweils drei, und wir zählen den dritten Turm zunächst nicht mit.

Damit kommen wir auf 1+2+5+4+3+3=18 Züge, und damit bleibt für die Umwandlungsturm nur noch genau ein Zug übrig: Der muss also Tg1-g4 gewesen sein.

Damit wissen wir auch, dass [Bd7] auf seinem Weg nach g1 drei weiße Steine geschlagen hat; darüber haben sBf6 und sBg5 zusammen zweimal geschlagen, sodass noch ein Schlag übrigbleibt.

Bei Weiß sehen wir nur 2+1+0+1+0+9=13 Züge; es sind also noch elf weiße Züge frei. Allerdings müssen sich mindestens die vier fehlenden weißen Offiziere aktiv selbst geopfert haben.

Eine weitere Hilfe für die Lösungsfindung ist das Feststellen von bestimmten Abhängigkeiten in der Reihenfolge von Zügen. Die sind bei Schwarz deutlich stärker als bei Weiß feststellbar, helfen aber insgesamt bei der Lösungsfindung. Definieren wir also eine „Teilordnung“ auf den Lösungszügen durch „a < b“ mit der Bedeutung „Der Zug a muss vor dem Zug b erfolgen“, so können wir Ketten von Abhängigkeiten aufstellen, z.B. Ta5,b6 < Lb5 < Sc6 und f5 < Lf4 < e5 < Se4< f6 < Tf7. Mit solchen Ketten können wir uns das Lösen deutlich vereinfachen. Trotzdem haben wir hier noch viel zu tun – und dann werden wir überrascht das eigentliche Thema der Aufgabe feststellen.

1.Sc3 d5 2.Se4 dxe4 3.Sf3 exf3 4.a4 fxg2 5.Ta3 g1=T 6.Tf3 Tg4 7.Tf6 exf6 8.Lg2 Dxd2+ 9.Kf1 Ld6 10.Kg1 Ke7 11.Df1 De1 12.Lg5 fxg5 13.f3! Sf6 14.f4 Td8 15.f5 Lf4 16.b3! Td5 17.b4 Ta5 18.b5 Ld7 19.b6 Lb5 20.e3! Sc6 21.e4 Tf8 22.e5 Se4 23.c3! f6 24.c4 Tf7.

Gleich viermal spaltet also Weiß den Doppelschritt eines seiner Bauern auf, viermal auch sind das reine Tempozüge. Das sähe anders aus, wenn beispielsweise die Abwehr eines Schachgebots mit b3 erfolgen müsste, bevor Weiß b4 spielen könnte. Hier können wir wieder den „Lackmustest“ für Tempozüge anwenden: Lasst beim Durchspielen der Lösung einfach den 13., 16., 20. und 23. Zug aus – und der Rest spielt sich völlig identisch.

Das war zur damaligen Zeit ein toller Rekord, der auf viel Zuspruch der Löser und ebenfalls des Preisrichters stieß.

Und zum Schluss noch: Warum hat der Autor wohl den „überflüssigen“ Zug 24.– Tf7 angehängt, ist der nicht völlig unökonomisch? Ohne ihn wäre es eine Beweispartie in genau 23,5 Zügen, da sonst der Schluss natürlich auch 23.c4 f6 lauten könnte. Mit Tf7 ist der vierte Tempozug nicht durch die „genau“-Forderung, sondern ausschließlich durch die Diagrammstellung begründet; das ist natürlich viel feiner -– und von der Motivation her viel ökonomischer.

3 thoughts on “Retro der Woche 02/2019

  1. This well-established convention of any PG being an SPG (Shortest PG) appears to be challenged from time to time. I am not sure I have the exact translation of Silvio’s comment, but the way I see it, the economy of the stipulation (SPG vs exact PG) is more important than the economy of length in a PG.

  2. Eine für diese Zeit wirklich beeindruckende Beweispartie. Der letzte Absatz ist ja lange und immer noch Gegenstand von Diskussionen. So pauschal wie Thomas würde ich das nicht sehen. Ich meine, eine BP in 23,5 Zügen ist zeitökonomischer und damit m.E. besser. Der Tempzug wäre auch dann durch die Diagrammstellung motiviert. Gemäß Kodex muss man wohl „genau“ dazu schreiben. Allerdings verstehe ich diesen Passus nicht bzw. nur, wenn es um eine kürzere BP mit weißem Anzug in der Diagrammstellung ginge. Insofern wäre nach meiner Lesart Thomas letzter Halbsatz obsolet.
    Aber wie gesagt – die Gelehrten sind sich nicht einig…..

    • Yes, the discussion will probably never end.
      In this case I agree with Thomas.
      To me, PG in 23,5 means
      Find the shortest proof game (and if you need more help: the shortest game lasts 23.5 moves).
      This has been the convention for non-retro problems forever.
      Super problem, by the way.

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