Retro der Woche 50/2012

Am Sonnabend hatte ich nicht nur die beiden neuesten feenschach-Hefte im Briefkasten (siehe den Hinweis hier im Blog), sondern auch die neue Ausgabe des Probleemblad. Dem entnehme ich aus der Lösungsbesprechung des vorvergangenen Hefts eine Beweispartie des Belgiers Itamar Faybish als Retro der Woche.

Itamar Faybish
R-399 Probleemblad IV-VI/2012
Beweispartie in 15 Zügen (14+15) C+

Weiß hat nach 15 Zügen noch seine Partieausgangsstellung, nur die beiden Steine der a-Linie fehlen. Und bei näherem Betrachten ist vielleicht am überraschendsten die Position des schwarzen Turms auf b5: Wie kann der nur dort hingekommen sein?
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Retro der Woche 49/2012

Die nächsten beiden Hefte von feenschach wären in der letzten Woche versandt worden, wenn nicht dem Buchbinder ein Versehen unterlaufen wäre: Er hat nämlich die Umschläge um die falschen Hefte geklammert. Nun müssen sie wieder entfernt und neu angebracht werden, wodurch sich der Versand noch um ein paar Tage verzögern kann.

Heft 193 enthält einen ausführlichen Bericht vom diesjährigen Andernachtreffen, darunten natürlich auch die Preisberichte zu den dortigen Kompositionsturnieren.

Eines davon forderte Märchenschach-Beweispartien im “Kampf gegen die Bedingung”, also etwa besonders kurze Züge im Längstzüger, Wiedergeburtsvermeidung in Circe — halt das genaue Gegenteil des Üblichen, Erwarteten.

Es gewann eine Madrasi-Beweispartie von Michel Caillaud (Madrasi: Wird ein Stein (außer König) von einem gleichartigen Stein des Gegners beobachtet, wird er gelähmt und verliert während der Beobachtung jede Zugmöglichkeit und Wirkung außer seinerseits gegnerische gleichartige Steine zu lähmen. Eine Rochade (=Königszug) mit einem gelähmten Turm ist möglich.), in der es um Lähmungsmeidung geht.

Michel Caillaud
Andernach 2012, 1. Preis
Beweispartie in 23,5 Zügen, Madrasi (14+14)

Wie kann die Läufer-Konfiguration im Nordwesten entstanden sein? La6-b7 scheidet wegen der Lähmung des weißen Läufers aus, er kann auf b7 auch nicht geschlagen haben, da alle Schläge durch Bauern geschahen.
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Suchen in der PDB

In meinem letzten Retro der Woche hatte ich ganz bewusst zwei Probleme erwähnt, bei denen ich keine Lösung, nicht mal einen Hinweis darauf angegeben hatte. Diese beiden Aufgaben will ich nun benutzen, um daran ein paar Möglichkeiten der Suche in der Problem Database zu erläutern, die Gerd Wilts betreibt und in der er zusammen mit seinen Helfern buchstäblich hunderttausende von Problemen bereithält.

Hierin aber gesuchte Stücke zu finden, erscheint auf den ersten Blick nicht so trivial: Es gibt keine “Klick”-Oberfläche, die sich dem ersten Anschein nach leicht bedienen lässt: Stattdessen muss man seine Fragen über Tastatur an die Datenbank eingeben.

Dazu möchte ich ein paar Hilfestellungen und Anregungen geben, aber auch die PDB selbst bietet hierzu Unterstützung über die Beispiel-Seite. Darauf sind viele mögliche einzelne Abfragen beschrieben und mit Beispielen hinterlegt. Diese einzelnen Abfragen kann man dann durch “und”, “oder” oder einer Verneinung zu komplexeren Abfragen verknüpfen.

Sollen wir einmal gemeinsam schauen, was uns die PBD an Informationen zu dem zitierten Loyd-Stück (Sam Loyd, New York Clipper 1895, wKe2, sKe7, Beweispartie in 17 Zügen) bietet, vielleicht gar die Lösung?
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Retro der Woche 47/2012

Im April-Juni Heft 2012 von StrateGems veröffentlichte der Kanadier François Labelle den brillianten Aufsatz The quest for a King-only proof game, in dem er die Computer-unterstützte Suche nach eindeutigen orthodoxen Beweispartien mit nur noch den beiden Königen auf dem Brett beschreibt.

1895 hatte Sam Loyd (wer sonst??) eine nicht eindeutige Beweispartie in 17 Zügen angegeben (New York Clipper 1895, wKe2, sKe7); Gerd Wilts und Norbert Geissler fanden 1994 mit Computerunterstützung eine solche eindeutige Beweispartie mit Zusatzbedingung (Die Schwalbe 1994, Spezialpreis, wKc2, sKg8, BP in 17, Schlagfall im 2. Zug von Schwarz).

Allgemein wurde vermutet, dass mit wachsender Zügezahl die Wahrscheinlichkeit für korrekte Beweispartien dieser Art sinken würde, aber mit wachsender Computer-Leistung (nicht nur Geschwindigkeit ist dafür entscheidend, sondern wesentlich der verfügbare Haupt- und Plattenspeicherplatz!) konnte Labelle weiter gehende Untersuchungen anstellen. Dass er keine korrekte Beweispartie in 18 Zügen finden konnte, schien die oben genannte Vermutung zu bestätigen, doch Labelle ließ sich nicht entmutigen und suchte weiter, indem er die Zügezahl erhöhte und gleichzeitig die Könige “weiter aufs Brett” trieb.

Und so wurde er mit den Vorgaben an den Computer Länge = 19,5, wK-Reihe >=5, sK-Reihe <=3 fündig: Für diese Suche benötigte benötigte sein Rechner zehn Monate Rechenzeit und zwei Terabyte Plattenplatz!

François Labelle
P0330 StrateGems 2012
Beweispartie in 19,5 Zügen (1+1)

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Retro der Woche 46/2012

In der letzten Woche hatte ich über den Bücherversand der Schwalbe unter anderem Secrets of Spectacular Chess von J. Levitt und D. Freedgood bestellt: Für jeden, der seine Freude an tollen Problemen und Studien, aber auch an Partien hat und sich nicht vom englischen Text abschrecken lässt, eine sehr lohnende Lektüre!

Genau ein Retro, eine Beweispartie ist darin enthalten, und die möchte ich hier vorstellen und zum Selbst-Lösen einladen — allzu schwer ist die Aufgabe nicht. Also erst nach dem Lösen weiterlesen 🙂

Unto Heinonen
The Problemist 1991
Beweispartie in 12 Zügen (15+16)

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Retro der Woche 43/2012

Auf diesem Weg wieder ein Glückwunsch zum Geburtstag: Am gestrigen Samstag konnte den Bernd Gräfrath feiern. Der Philosophie-Professor aus Mülheim/Ruhr ist ein begeisterter Retro-Fan, der u.a. mit verschiedenen Artikeln in Die Schwalbe speziell für Märchen-Beweispartien geworben hat.

Er hat von mir zu Anfang diesen Jahres die Proof Games and Retros Rubrik der Selected Problems in The Problemist übernommen: Dort werden (nicht nur) klassische Beweispartien und Retros vorgestellt und erläutert — sehr lesens- und empfehlenswert.

Darüber hinaus wird Bernd im kommenden Jahr die Retro-Urdrucke in der Schwalbe richten: Für die Bereitschaft auch auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank.
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Retro der Woche 41/2012

Der gerade auf der Jahresversammlung in Traunstein wiedergewählte erste Vorsitzende der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach, ist auf diesem Gebiet mit allen Wassern gewaschen – das zeigt sich nicht nur an der beeindruckenden Liste der Problemgattungen, für die er den Titel “Internationaler Preisrichter der FIDE” trägt: #n, Studien, S#, H#, Märchenschach, Retros und Schachmathematik.

Gleichzeitig ist er auch noch Chefredakteur von feenschach, arbeitet an der Problemkiste mit, um nur einige wesentliche regelmäßige Schach-Aktivitäten neben seiner Funktion bei der Schwalbe zu nennen.

Dass er dabei nicht allzu häufig zum Komponieren kommt, liegt nahe: Heute meistens (und auch da sehr erfolgreich) auf Schachtagungen, häufig im Team mit bernd ellinghoven und Hans Peter Rehm.

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Lange Reise, Teil 2

Die lange Reise geht weiter…

Den zweiten Platz im “Champagne”-Turnier in Kobe belegte ein Stück des hierzulande recht unbekannten Japaners Hitoshi Yanami, und hier macht sich der schwarze König auf die Reise, um die beiden weißen Türme auf ihren Standfeldern zu schlagen.

Hitoshi Yanami
Champagne-Turnier Kobe 2012, 2. Preis
Beweispartie in 23 Zügen (15+14)

Auch hier übernehme ich wieder den Kommentar aus StrateGems:
“According to Winchloe, a complete diagonal by a King is a novelty. The trick to start from h8 is nice. Travel on the 1st rank is a valuable thematical addition. I wish the composer could improve it to make a straight line (f1-g1-h1) in order to produce a more striking visual effect (even if with less thematic moves).”

1.d4 Sf6 2.Lh6 gxh6 3.g4 Lg7 4.Lg2 OO 5.Ld5 Kh8 6.Lb3 Sg8 7.d5 Lc3+ 8.bxc3 Kg7 9.Dd3 Kf6 10.Db5 Ke5 11.c4 Kd4 12.Sd2 Kc3 13.Se4+ Kb2 14.Kd2 Kxa1 15.Kc3 Kb1 16.Kb4 Kc1 17.Ka5 Kd1 18.c3+ Ke1 19.Ld1 Kf1 20.Sh3+ Kg2 21.Sf4+ Kxh1 22.Sg3+ Kg1 23.Sh1 Kf1.

Bei diesem Königsmarsch fällt mir sofort eine meiner Lieblingsaufgaben überhaupt ein, die ich hier einfach zeigen muss, auch wenn sie mit Retro nichts zu tun hat:

Norman Macleod
Mat 1983, 1. Preis
Matt in 8 Zügen (11+13)

Natürlich will Weiß die Batterie feuern, doch sofort geht das noch nicht, dafür ist ein Auf- und Ablaufen des weißen Königs erforderlich:

1.Kd5? [2.Kxc4#] c1=D! 2.Sxc1 Dxb2, deshalb 1,Kf3! [2.Kg4#] Th4 2.Kg2 [3.Kf1#] dxe2 3.Kf3 [4.Kxe2#] c1=S 4.Ke4 [5.Kf5#] Th5 5.Kd5 [6.Kxc4#] Db4 6.Kc6 [7.Kc7#] De7 7.Kb5+ Db7 8.Lxb7#.

Ein großartiges Meisterwerk, das mit 12 Punkten ins FIDE-Album aufgenommen wurde!