Retro der Woche 46/2012

In der letzten Woche hatte ich über den Bücherversand der Schwalbe unter anderem Secrets of Spectacular Chess von J. Levitt und D. Freedgood bestellt: Für jeden, der seine Freude an tollen Problemen und Studien, aber auch an Partien hat und sich nicht vom englischen Text abschrecken lässt, eine sehr lohnende Lektüre!

Genau ein Retro, eine Beweispartie ist darin enthalten, und die möchte ich hier vorstellen und zum Selbst-Lösen einladen — allzu schwer ist die Aufgabe nicht. Also erst nach dem Lösen weiterlesen 🙂

Unto Heinonen
The Problemist 1991
Beweispartie in 12 Zügen (15+16)

Zählen wir zunächst die mindestens erforderlichen Züge von Weiß: 3xBauern, 2xSpringer, 1xLäufer, 2xDame und 4xTurm (denn vor einem möglichen Ta1-d1-d6-f6 musste Weiß die d-Linie mit dem Sd2 verstellen!). Das sind 12; damit konnte der fehlende Bauer auf d2 nie ziehen, wurde also zu Hause geschlagen.

Das musste schnell passieren, denn der wT kommt nach Sd2 (vorher muss noch Lh6 erfolgen!) nur via c1-c3-f3-f6 auf sein Zielfeld; erst dann ist f4 und Sf3 möglich. Diese acht Züge können erst nach Sxd2 erfolgen, also muss dieser Schlag bereits im dritten Zug erfolgt sein, damit der sSd2 in seinem vierten Zug dieses Feld räumen kann.

Damit ist der Beginn klar: 1.c4 Sf6 2.Da4 Se4 3.Dc6 Sxd2 4.e4 — und nun kann der Springer nicht auf dem selben Weg zurück, darf aber auch nicht (Danke an UH für den Hinweis auf das fehlende kleine Wörtchen…) schlagen oder Schach bieten, also nur 4.– Sb3!. Nun müssen wir überlegen, wie ein Springer wieder nach g8 kommen kann, bevor h6 und f6 verstellt sind? Das kann der Springer auf b3 nicht, also muss sich sein Kollege sputen. 5.Lh6 Sa6! 6.Sd2 Sb4 7.Tc1 Sd5 8.Tc3 Sf6 9.Tf3 Sg8! gerade rechtzeitig! Nun muss nur noch weiter gezogen werden: 10.Tf6 Sc5 11.f4 Sa6 12.Sgf3 Sb8.

Ein hübscher Platzwechsel der beiden schwarzen Springer.

5 thoughts on “Retro der Woche 46/2012

  1. Es freut mich, dass du, Thomas, meine Anregung aufgenommen hast, nämlich die Lösung (samt Kommentar) optisch von der Aufgabenstellung zu trennen. Nur zu leicht hätte hier z.B. ein zunächst ungewollter Hinweis auf Sb8 ins Auge springen können. Wenn man nicht auf „Weiterlesen“ klickt, kann dies jedoch jetzt nicht mehr passieren. Ich empfinde das als eine wesentliche Verbesserung.

  2. Für dieses Beweispartie (Retro 46/2012) bin ich sehr dankbar! Sie ist eine der wenigen, die ich bisher ohne jede Anleitung selber lösen konnte. Dabei kamen mir allerdings frühere Springer-Tausch-Erlebnisse zugute. Wer solche wirklich gar nicht im Hintergrund hat, könnte vielleicht lange vergeblich grübeln?! Zudem sah ich hier zum Ziel weisende Leitgedanken, ziemlich so, wie sie TB hier schildert. Mit dem Auffinden der Beweispartie war dann die Lösung da. Hier ist sogar deren Eindeutigkeit ersichtlich. Dass dies bei anderen Beweispartien (jedenfalls für mich) meist nicht der Fall ist, empfinde ich als unbefriedigend; man begnügt sich dann mit dem Hinweis „C+“ und dem Vertrauen auf euclide oder popeye. (Dies ist übrigens auch sonst im Problemschach in der Regel so).
    Wesentlich stärker vermisse ich jedoch das Fehlen eines wirklichen Beweises für vorgebrachte Behauptungen bei anderen Retros, wie z.B. bei demjenigen der letzten Woche (Taschenspringer-Aufgabe), das hier mit nur wenigen hingeworfenen Bemerkungen „erledigt“ wurde. So gut wie sicher hat sich HG weit mehr dabei überlegt und klargemacht, als sein Kurzprotokoll festhält. Mir als Leser bleibt dann aber viel eigene Gedankenarbeit übrig, und eben: Es KANN so sein, wie HG schildert, aber MUSS es das wirklich? Dass dieser „Rest-Zweifel“ nicht unberechtigt ist, zeigt die Tatsache, dass offenbar auch die beiden versierten Autoren der Originalfassung etwas übersehen haben, was dann gewiss im zugehörigen Lösungsteil der Schwalbe geschildert werden wird.

  3. Hallo Thomas,
    ja, das Buch „Secrets of Spectacular Chess“ ist wirklich empfehlenswert! Du beziehst Dich auf die 1. Auflage (von 1995). Inzwischen (2008) ist eine zweite, erweiterte Auflage erschienen, die ein paar Retros/Beweispartien mehr enthält. Allerdings ist das Papier der zweiten Auflage deutlich schlechter…

    • Hallo Bernd,

      stimmt, das ist die Auflage von 1996 (Reprint von 1996). Was mir übrigens aufgefallen ist: „Typeset by John Nunn“: Der sowohl Partie- als auch Löse-GM hat auch das Vorwort zu dem Buch geschrieben.

      • Über seine wechselhafte Geschichte im Buchverlagswesen schreibt John Nunn im Anhang seines Buches „Grandmaster Chess: Move by Move“ (2005), S. 278-285 („Chess Publishing and the Batsford Story“), mit interessanten Hintergrunddinformationen.

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