Retro der Woche 21/2026

Am heutigen Sonntag geht das 50. Problemschachtreffen in Andernach zu Ende, das traditionell am Himmelfahrt-Wochenende stattfindet: Erstmals im Jahr 1975, initiiert von Peter Kniest und Zdravko Maslar. Zweimal musste es wegen Corona ausfallen, daher in diesem Jahr „erst“ das 50. und nicht das 52. Treffen.

Traditionell gibt es in Andernach immer ein Kompositionsturnier, traditionell mit starkem Retro-Anteil. Über das Turnier in diesem Jahr kann ich noch nichts sagen, da die Richter Hans Gruber und ich noch ihres Amtes walteten, das diese Seite online gestellt wurde.

Allerdings kann ich eine Aufgabe aus dem Vortrag, den ich zum Thema „#R-Schach“ gehalten habe, vorstellen.

Michel Caillaud, Chris Tylor & Andrij Frolkin
Problemas 2020
Beweispartie in 13,5 Zügen, #R-Schach (9+16)

 

Chris und Andrij hatten 2014 in The Problemist Ideen vorgestellt, wie eine Schachpartie nach dem Matt weitergespielt werden könne. Nun, wenn man das Matt „irgendwie“ aufhebt, dann kann ja weiter gespielt werden, als sei nichts geschehen. In mehreren Schritten entwickelten sie dann „#C-Schach“ (das ist Gegenstand des Kompositionsturniers in Andernach) und „#R-Schach“, das ich in meinem Vortrag vorgestellt habe.

Unsere Definition des #C-Schachs (C=Color): „Nach einem Mattzug wechseln alle Steine, die den König bedrohen, die Farbe und das Spiel wird fortgesetzt, es sei denn, dieser Wechsel führt zu einem Selbstschach.“

Analog die Definition für #R-Schach (R=Remove): „Nach einem Mattzug werden alle Steine, die den König bedrohen, vom Brett entfernt und das Spiel wird fortgesetzt, es sei denn, dieser Wechsel führt zu einem Selbstschach.“

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Retro der Woche 20/2026

Ich finde es immer wieder interessant, ein wenig in die Vergangenheit zu schauen, um einerseits zu sehen, wie sich etwa die Retroanalyse weiterentwickelt hat und welche auch technisch hervorragende Aufgaben andererseits schon entstanden sind. Besonders spannend finde ich das bei Beweispartien, da sich diese Gattung ja eigentlich erst innerhalb der letzten vierzig Jahre zu der entwickelt hat, die sie heute ist.

Schauen wir also heute 15 Jahre zurück. Bemerkenswert erscheint mir dort, dass sich die Tendenz zu „Märchen-Retros“ damals schon deutlich zeigte, wobei feenschach dabei natürlich eine Vorreiterrolle einnahm: Die beiden Preisträger sind orthodox, die fünf weiteren ausgezeichneten Aufgaben nutzen allesamt Märchenbedingungen.

Roberto Osorio & Jorge J. Lois
feenschach 2011, 2. Preis
Beweispartie in 22 Zügen (13+13)

 

Das Zählen der sichtbaren schwarzen Züge ist schnell erledigt, das der weißen lohnt eher: 2+2+5+3+1+5=18. Aber auch damit sind noch vier weiße Züge frei. Und auch die Bauernstellung verrät nur einen Schlag.

Andererseits: Es fehlen auf beiden Seiten jeweils drei Bauern, und die müssen ja irgendwieverschwunden sein? Und bei „drei Bauern fehlen bei 21 freien Zügen“ kommt man sicher schnell auf den Gedanken, dass es um Umwandlungen gehen könnte?

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Retro der Woche 18/2026

Vor einigen Tagen erschien das April-Heft von idee&form, in dem Reto Aschwanden seine Serie über Interna seines Beweispartie-Prüfprogramms Stelvio, das ja hier auf der Site gehostet wird, mit der achten Folge fortsetzt.

Hier beschäftigt er sich mit der zentralen Komponente der Strategie-Analyse, deren Ziel es ist, den riesigen „Baum“ aller Zugfolgen zur Diagrammstellung möglichst stark zu beschneiden, um eine Chance zu haben, die Aufgabe in überschaubarer Zeit prüfen zu können.

Die Aufgabe, anhand derer Reto einige Prinzipien der Strategie-Analyse vorstellt, ist aber nicht nur unter diesem „technischen“ Aspekt interessant, sondern einfach auch eine gute, attraktive Beweispartie.

Die wollen wir uns gemeinsam anschauen — und dabei unsere eigene Strategie-Analyse durchführen.

Unto Heinonen
StrateGems 2006, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 17 Zügen (13+13)

 

Zählen wir die im Diagramm sichtbaren schwarzen Züge, so kommen wir auf 2+1+3+4+3+4=17 Züge — alle schwarzen Züge sind also erklärt. Daraus können wir aber gleich weitere Schlüsse ziehen: So ist klar, dass die fehlenden schwarzen Steine, drei Bauern, auf ihren Ursprungsfeldern auf der 7. Reihe geschlagen wurden.

Auch bei Weiß fehlen drei Bauern, und von denen konnte keiner von einem schwarzen Bauern geschlagen worden sein, da alle schwarzen Bauern entweder überhaupt nicht oder exakt einmal gezogen hatten. Da die vier Bauern auf der fünften Reihe stehen, haben sie jeweils einen Doppelschritt gemacht, also nicht geschlagen.

Wo sind sie dann und von wem geschlagen worden?

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Retro der Woche 16/2026

Nachdem wir uns in der letzten Woche mit einer Märchen-Beweispartie beschäftigt haben, die im FIDE World Cup 2025 den zweiten Platz belegt hatte, möchte ich euch heute die in diesem Turnier erstplatzierte orthodoxe Beweispartie vorführen.

Die ist wieder ein gutes Beispiel für Stücke, wo dem ersten Anschein nach nicht viel passiert ist, was sich dann aber als falsch herausstellt.

Kostas Prentos
FIDE World Cup 2025, 1. Platz
Beweispartie in
20,5 Zügen (14+15)

 

Bei Weiß sehen wir nur 0+1+1+0+2+2=6 Züge, bei Schwarz immerhin 2+3+2+0+1+8=16. Die beiden fehlenden weißen Bauern wurden auf der b- und der g-Linie geschlagen. Bei schwarz fehlt nur ein Bauer (a oder c), und der konnte sich nicht umwandeln, also kann weißes fxg nicht geschehen sein. Also müssen beide fehlenden weißen Bauern umgewandelt haben- das relativiert auch die hohe Anzahl freier weißer Züge.

Die Umwandlungen müssen also auf f8 und auf c8 erfolgt sein, womit auch das Fehlen des schwarzen Bauern erklärt ist, womit sBb3 von a7 kommt.

Und damit sind auch „im Prinzip“ alle schwarzen Züge klar, denn wegen der Umwandlungen auf c8 und f8 mussten die dortigen Läufer wegziehen und wieder zurückkehren.

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Retro der Woche 15/2026

Ein frohes Osterfest wünsche ich euch allen — verbunden mit der Frage, ob ihr Eier gesucht habt, ob ihr vielleicht im Vorfeld Eier gefärbt habt?

Weil es so schön passt, möchte ich euch heute zur Feier des Feiertags eine Beweispartie vorstellen, in der es um „Färben“, genauer gesagt um „Umfärben“ geht.

Andrij Frolkin und Chris Tylor haben die Bedingung „#colour“ eingeführt: Kommt es (beispielsweise in einer Beweispartie) zu einer Mattstellung, so wird der Stein bzw. die Steine, die Schach geboten haben, umgefärbt, und die Partie geht weiter, als sei nichts geschehen. Führt dieses Umfärben allerdings zu einem Selbstschach, so ist es illegal, darf also nicht stattfinden, und die Partie endet auch wirklich mit dem Matt.

Der junge Österreicher Joachim Hambros hat mit dieser Forderung den zweiten Platz beim letztjährigen FIDE World Cup belegt; diese Beweispartie möchte ich euch heute zeigen.

Joachim Hambros
FIDE World Cup 2025, 2. Platz
Beweispartie in 16,5 Zügen, #colour (16+16)

 

Die Lösung sollte man nicht „ganz einfach orthodox“ erspielen können? Weiß musste quasi nichts tun, und Schwarz muss ja „nur“ seinen Ta8 nach g8 beamen — das aber kostet bemerkenswert viel Zeit: Von diesem Turm abgesehen sind neun schwarze Züge sichtbar — und der Turm braucht neun weitere Züge, denn wenn alle schwarzen Steine auf der 8. Reihe Platz machen, müssen sie wieder heimkehren. Die Alternative, dass der Turm d8 und e8 „umgeht“, spart aber nichts ein, da er nun statt einem Zug derer fünf benötigt. Und wenn ihr auf die pfiffige Idee kommt, dass der doch über die h-Linie nach h8 gekommen sein könnte, stellt ihr fest, dass dies gar zehn Züge braucht (wieso reichen nicht neun??).

Also brauchen wir „eigentlich“ mindestens 18 Züge, haben aber nur 16 Zeit. Also müssen wir die Bedingung nutzen, Weiß mindestens zwei der schwarze Züge ausführen, ihm Arbeit abnehmen zu lassen.

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Retro der Woche 12/2026

Im Oktober letzten Jahres konnten wir die Sensation verkünden, dass Reto Aschwanden mit seinem Stelvio Prüfprogramm die Korrektheit der berühmten 57,5 zügigen Beweispartie von Dmitri W. Pronkin und Andriy Frolkin nachweisen konnte. Damit sollten deutlich kürzere Beweispartien doch immer und leicht prüfbar sein?

Dass dies ein Trugschluss wäre und warum das so ist, will ich heute mit einem Beispiel aus dem Urdrúckteil der Schwalbe vom August letzten Jahres diskutieren.

Andriy Frolkin & Serhiy I.Tkatschenko
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 16 Zügen, Michel Caillaud gewidmet (5+8)

 
Die Aufgabe ist ziemlich kurz, die Autoren geben jedoch an, dass das Stück (nur) bis zum 13. Zug mit Stelvio geprüft ist, und auch Silvio Baier weist darauf hin, dass sich diese Beweispartie vollständiger Prüfung widersetze. Woran liegt das?

Ein „Brute Force“ Lösen ist bei nicht extrem kurzen Beweispartien ausgeschlossen: Im Schnitt gibt es in einer legalen Schachstellung etwa 30 Züge — damit etwa 30^32 16-zügige (32 Halbzüge!) Partien, das sind etwa 1,85 * 10^47 Partien. Könnte ein Computer in einer Sekunde eine Million Partien spielen, bräuchte er immer noch 1,85 * 10^41 Sekunden für alle. Ein Jahr hat im Schnitt etwa 31,6 Millionen Sekunden, wir brauchten also 5 * 10^33 Jahre für alle 16-zügigen Schachpartien. Und dann ist es auch egal, wenn davon vielleicht 90% bereits vorher wegen Matt beendet wären …

Daher suchen Prüfprogramme stets am Anfang nach möglichst umfangreichen Möglichkeiten, den „Spielbaum“ zu beschneiden, die durchschnittliche Zügezahl also so weit wie möglich zu reduzieren. So machen wir es hier auch meist, indem wir Überlegungen über die Stellung anstellen und daraus Schlussfolgerungen für den Lösungsablauf ziehen, bevor wir über konkrete Lösungszüge nachdenken.

Neben „impliziten“ Schlüssen (Schwarz hat 15 Steine, daher muss Weiß exakt einmal schlagen) sind das vor allen Dingen Feststellungen über Bauernstrukturen (… , dieser Schlag musste also mittels bxc3 erfolgen) und Abhängigkeiten von Zugreihenfolgen (g6 konnte erst nach Lh7 gespielt werden).

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Retro der Woche 10/2026

Heute will ich einmal aus der feenschach-Redaktion spoilern: Neben dem regulären Heft steht ein zweites kurz vor der Fertigstellung, in dem die Berichterstattung von Hans Gruber über Retroturniere aufgearbeitet wird: Da hatte sich so viel Material angesammelt, dass das für mehr als ein ganzes Heft reicht.

Für uns Retrofreunde wird das Heft sicherlich ein absolutes Highlight mit ausgezeichneten (im wahrsten Sinne des Wortes!) Retros am Fließband.

Eine Menge der Stücke kennt ihr aus den Retros der Woche, das heutige natürlich nicht:

Michel Caillaud
Probleembald 2011-2012, 1. Preis
Beweispartie in 18 Zügen (12+13)

 

18 Züge sind nicht allzu viele, aber scheinen dann mehr zu werden, wenn wir die sichtbaren Züge gezählt haben: Bei Weiß sind es 0+0+0+0+1+2=3 — das ist wahrlich nicht viel! Bei Schwarz schaut es auch nicht viel besser aus: 2+0+2+1+4+2=11, selbst hier sind also noch sieben Züge frei.

Dann ist es sicherlich interessant, sich anzuschauen, was denn ein Steinen geschlagen wurde: Bei Weiß fehlen bis auf den Springer die Damenflügel-Offiziere sowie der e-Bauer, bei Schwarz e- und f-Bauer sowie der schwarzfeldrige Läufer. Und Doppelbauern? Nur die Schläge ax3 bzw. axb6 sind sichtbar.

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Stelvio 4.4

Auf der Stelvio-Seite gibt es eine neue Version des Beweispartie-Prüfprogramms von Reto Aschwanden: Die Version 4.4 liefert keine wesentlichen funktionalen Erweiterungen, aber Reto hat zwei zwischenzeitlich gefundene Fehler korrigiert und daher die verbesserte Fassung schnell veröffentlichen wollen.

Wie immer sei euch das baldige Update ans Herz gelegt.