Retro der Woche 03/2026

Ich habe hier ja schon häufiger erzählt, dass ich Aufgaben mit Platzwechseln generell sehr mag. So könnt ihr euch sicher vorstellen, wie ich mich gefreut hatte, als für das erste Retro-Turnier im Rahmen des 10. WCCT „Orthodoxe Beweispartien mit Platzwechsel mehrerer Figuren“ ausgewählt wurde — und da Deutschland eines der fünf Richter-Länder war, konnte ich mich intensiv mit allen 57 eingesandten Aufgaben beschäftigen.

Die erstplatzierte und eine der drei auf den Plätzen 3-5 hatte ich hier bereits als Retro der Woche 06/2028 bzw. 09/2023 vorgestellt; heute möchte ich euch die Aufgabe zeigen, die auf dem zweiten Platz gelandet war.

Nicolas Dupont
10. WCCT 2017, 2 Platz
Beweispartie in 25 Zügen (13+15)

 
Bei Schwarz fehlt im Diagramm nur der g-Bauer — der aber kann auf der c-Linie, wo wir einen weißen Doppelbauern entdecken, nicht geschlagen worden sein. Er muss sich also nach gxBh auf h1 umgewandelt haben. Bei Weiß fehlen also noch die Dame sowie ein Bauer: Je nachdem, ob wBc4 von b2 oder von d2 kommt, also der Bd2 oder Bb2. Der muss nun schlagfrei umgewandelt haben, um dann selbst geschlagen zu werden oder den geschlagenen Originalstein zu ersetzen.

Wenn wir uns ein wenig Gedanken um sicher geschehene Züge machen, fällt uns schnell auf, dass beide schwarzen Springer sich bewegt haben müssen, um die Türme durchzulassen. Sollten die etwa …? Wir denken schließlich an das Thema des Turniers! Das würde dann für die Springer sechs Züge bedeuten statt der „nur“ vier bei einer normalen Rückkehr.

Weiterlesen

Retro der Woche 02/2026

Jetzt im Januar kann The Problemist, die Zeitschrift der „British Chess Problem Society“ auf 100 Jahre Bestehen zurückblicken — auch von dieser Stelle herzliche Glückwünsche an die Britischen Freunde! Wesentlich getragen wurde diese Gründung inhaltlich von Thomas R. Dawson, den wir alle auch als Retro-Spezialisten kennen, als den Erfinder der eindeutigen Beweispartie. Er hätte sicher auch seine Freude gehabt an der letztjährigen Neuvorstellung des Australiers Geoff Foster im Problemist: Verteidigungs-Beweispartie.

Wie kann sich Schwarz gegen das Erreichen der Zielstellung verteidigen? Indem er beliebig zieht! Also muss logischerweise das Zugrecht für Schwarz eingeschränkt werden: Er zieht nur zum Schlag. Kann er also legal schlagen, so muss er das tun. Hat er mehrere Züge zur Auswahl, so entscheidet er, welchen Schlag er durchführt.

Schauen wir uns das an einem Beispiel an, dessen Lösung jetzt im Januar-Heft des Problemist (in elektronischer Form pünktlich am Neujahrstag erschienen) veröffentlicht wurde.

Geoff Foster
The Problemist 2024
Verteidigungs-Beweispartie in 17 Zügen, Schwarz zieht nur zum Schlag (2+14)

 
Nur noch zwei weiße Steine stehen auf dem Brett, Schwarz hat also 14mal gezogen! Zu sehen ist nur ein einziger Bauernschlag, allerdings kann ja der f5-Bauer von h7 gekommen sein, um dadurch auch den Turm zu befreien. Daher können, müssen wir davon ausgehen, dass die beiden schwarzen Steine im Südwesten sich ziemlich „durchgefressen“ haben müssen. Da können wir sofort erkennen, dass der letzte Schlag dort vom Turm stattgefunden haben muss: Hätte er schon auf b2 geschlagen, wenn es noch na a2 gegangen wäre, hätte er natürlich mit dem Turm dort geschlagen und sich damit erfolgreich verteidigt.

Weiterlesen

Stelvio 4.3

Das Jahr fängt ja gut an:

Reto Aschwanden hat heute die neue Version 4.3 seines Beweispartie-Prüfprogramms Stelvio veröffentlicht; es kann wie immer über die Stelvio-Seite heruntergeladen werden.

Wesentliche Neuerung in dieser Version ist eine neue Option für die Strategie-Analyse sowie kleinere Fehlerbehebungen. Genaues kann man wie immer der Dokumentation entnehmen.

Retro der Woche 01/2026

(Korrektur: fehlenden wBf2 ergänzt — Dank an Markus Lepper!)

Eine der erst einmal harmlos klingenden Märchenbedingungen ist „Punktspiegelung“. Im Jahr 2020 hatte ich die Freude und Ehre, das mpk-Märchenturnier mit dieser Bedingung richten zu dürfen. Bekannt wurde sie 2019 durch das WCCC Sake Turnier und ist prinzipiell recht einfach erklärt, siehe Schwalbe-Lexikon: „Stehen zwei Steine (beliebiger Farbe, Könige eingeschlossen) auf Feldern, die punktsymmetrisch bezüglich der Brettmittelpunkts zueinander sind (z.B. a1-h8, b3-g6), tauschen sie ihre Zug-, Schlag- und Wirkkräfte (behalten aber die Farbe, die Bauernzugrichtung und evtl. königliche Eigenschaften bei).“

Darüber hinaus sind nur ein paar Details zu klären, die der hohen Dynamik dieser Bedingung geschuldet sind: „Ein Bauer auf der ersten Reihe kann nicht selbstständig ziehen, sein korrespondierender Stein auf der achten Reihe daher auch nicht. Die Rochade ist nur mit nicht-gespiegelten Figuren (König, Turm) möglich. Nur nicht-gespiegelte Bauern können en passant schlagen.“

Jochen Schröder
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 10 Zügen, Punktspiegelung (15+15)

 
Diese Aufgabe erschien, durch einen Kommentar von Silvio Baier angeregt, im Lösungsteil des Oktoberheftes gleich mit Lösung.

Wenn man sich ein wenig in die Bedingung hineingedacht hat, merkt man rasch, dass sLa5 kein Umwandlungsläufer sein muss — ebenso wenig der wTh7, der orthodox seinen Südost-Käfig nicht hätte verlassen können. Da muss also heftig „punktgespiegelt“ werden, was auch das Zählen erforderlicher Züge nicht gerade erleichtert.

Überlegen wir uns doch zunächst einmal, wie die genannten Steine ihre Diagrammfelder haben erreichen können:

Weiterlesen

Retro der Woche 52/2025

Buchstäblich ein Kind des 21. Jahrhunderts (Jahrgang 2003) ist der Österreicher Joachim Hambros, dennoch bereits ein profilierter Retro-Spezialist. Das zeigt schon sein fünfter Platz beim WCCI 2022-2024 — und ich muss ehrlich gestehen, dass ich als Preisrichter nach der De-Anonymisierung ziemlich überrascht war, wer der Komponist des ersten Preisträgers beim FIDE World Cup 2023 war. Die Aufgabe habe ich hier als Retro der Woche 36/2023 vorgestellt.

Und auch als Retro-Löser hat sich Joachim schon deutlich hervor getan: So gewann er das diesjährige Retro-Löseturnier beim WCCC in Abla Iulia.

Quasi zum Jahresabschluss (das nächste RdW zählt bereits zum Jahrgang 2026) eine Beweispartie von ihm aus der Schwalbe:

Joachim Hambros
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 19,5 Zügen (15+12)

 
Das übliche Zählen der sichtbaren Züge ist bei Schwarz schnell und nicht besonders ergiebig beendet; bei Weiß schaut das allerdings deutlich anders aus: Da erkennen wir, die lange Rochade als „Verkürzung“ schon eingerechnet, 1+1+6+4+3+5=20 Züge — alle stehen also quasi fest. Hilft uns das weiter? Ja — wenn wir überlegen, was wir damit nicht erklären können: Das ist das Verschwinden des schwarzen b-Bauern: Der konnte offenbar nicht geschlagen werden.

Also muss der auf a2 den weißen a-Bauern geschlagen und sich dann umgewandelt haben. Wann? In was? Und was passierte dann?

Weiterlesen

Thomas Thannheiser

Noch im April konnte ich Thomas Thannheiser zum 60. Geburtstag gratulieren — und nun erhielt ich heute Abend die schockierende Nachricht, dass er in der letzten Nacht nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist.

Thomas war schachlich vor allen Dingen als Jugendtrainer sehr aktiv, was ihn auch daran hinderte, häufiger, als er es gern getan hätte, Problemschachtreffen zu besuchen. Ein ausführlicher Nachruf seines Heimatvereins beschreibt sein Engagement speziell für die Jugendlichen.

Ihr kennt ihn sicherlich als profunden Spezialist speziell für Märchen-Beweispartien; hier hat er sich hauptsächlich mit Schlagschach beschäftigt, wobei sein Markenzeichen Homebase-Stellungen sind.

Zu seinem Gedenken möchte ich euch heute aber eine Aufgabe von ihm (gemeinsam mit Andrew Bachanan) mit einer anderen Märchenart vorstellen: Das Schwalbe-Lexikon definiert ABC-Schach: „Bei Weiß und bei Schwarz muss immer der Stein ziehen, der auf dem in alphanumerischer Reihenfolge ersten Feld steht (Folge: a1, a2, …, a8, b1, b2 …, h7, h8). Das Parieren von Schachgeboten ist allerdings vorrangig. Die Schachgebotswirkung der Steine ist normal.“

Thomas Thannheiser & Andrew Buchanan
Julias Fairies 2020
Beweispartie in 8,5 Zügen, ABC-Schach(13+15)

 

Wie üblich gibt es die Lösung hier in einer Woche.

 

 

Lösung


Wohl die kürzeste Homebase-Darstellung mit dieser Bedingung; hübscher Rundlauf des weißen Springers.

Retro der Woche 50/2025

Michel Caillaud hat im Probleemblad Retro-Informalturnier 2019-2020 nicht nur den zweiten Preis mit einer Märchen-Beweispartie (Schlagschach) gewonnen — diese Aufgabe habe ich hier vor gut einem Monat vorgestellt, sondern auch den 4. Preis mit einer anderen Märchenbedingung.

Beim KnightMate tauschen Könige und Springer komplett ihre Rollen: Jede Partei hat nun zwei Könige, die zu Partiebeginn auf den üblichen Springerfeldern stehen und keine königlichen Eigenschaften besitzen; die Springer stehen hingegen anfangs auf e1 bzw. e8 und sind königlich; gegen sie kann also ein Schachgebot oder gar ein Matt erfolgen.

Michel Caillaud
Probleemblad 2020, 4. Preis 2019-2020
Beweispartie in 21 Zügen, KnightMate (12+16)

 
Die königliche Eigenschaft der Springer markiere ich hier durch dessen Drehung um 90 Grad, und bei den Lösungsangaben orientiere ich mich an den Kommentaren der Richter Gruber, Ring und Borst.

Bis auf die Randbauern hat Weiß im Diagramm eine Homebase-Stellung, und damit stellt sich gleich die Frage, wie denn der weiße schwarzfeldrige Läufer verschwinden konnte? Zählern wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge: 0+0+1+3+3+3=10. Die können allerdings nicht erreicht werden wegen des äußert geschickt konstruierten Clusters sDd8, sTc8, sLb8d7, sBd6, was schwarze Wartezüge erfordert. Und damit sind Lösungen mit Schlag des Läufers durch Dame, Turm oder König zu lang.

Weiterlesen

Retro der Woche 48/2025

Wenn ihr in den letzten drei Wochen diese Rubrik verfolgt habt, werdet ihr vielleicht erwarten, dass ich euch heute das erstplatzierte Retro des Problemist Turniers 2019-2020 vorstelle: Eine, wie wir drei Richter Hans Gruber, Ulrich Ring und ich uns schnell einig waren, sehr bemerkenswerte orthodoxe Beweispartie aus französischer Werkstatt — aber die hatte ich bereits als Retro der Woche 38/2025 vorgestellt. Darum heute ein ebenfalls hochoriginelles Stück, das wir auf den dritten Platz gesetzt haben.

Stephen Taylor
The Problemist 2020, 3. Preis 2019-2020
Beweispartie in 16 Zügen (15+14)

 
Bei solch einer recht kurzen Beweispartie erwartet man vielleicht nicht allzu viel spannenden Inhalt — doch lasst euch überraschen! Zunächst einmal zählen wir die sichtbaren Züge: Bei Weiß haben wir 2+2+3+3+3+3=16, alle weißen Züge sind also verbraucht. Bei Schwarz schaut das deutlich anders aus: 2+0+2+1+1+0=6: Zehn Züge sind also noch frei.

Was fehlt an Material im Diagramm? Bei Weiß nur der g-Bauer, der auch zu Hause geschlagen werden musste, da für ihn ja kein Zug mehr übrig ist, bei Schwarz fehlen der g- und der h-Bauer.

Wenn ihr euch nun überlegt, wie das Verschwinden eigentlich nur passiert sein kann, dann habt ihr vielleicht schon eine Thema-Idee?

Weiterlesen