Retro der Woche 01/2022

Im Retro der Woche 42/2021 hatte ich den ersten Preis in der Beweispartie-Abteilung des Retro-Turniers 2019 in der Schwalbe vorgestellt. Heute will ich den zweiten Preis folgen lassen, der mir auch sehr gut gefällt, da er eine sehr originelle Idee höchst elegant präsentiert.

Reto Aschwanden
Die Schwalbe 2019, 2. Preis Gruppe A
Beweispartie in 18,5 Zügen (14+14)

 

Kein einziger Bauernschlag ist im Diagramm auszumachen, bei Schwarz ist nur ein einziger Zug zu sehen — also beginnen wir mit dem Zählen der weißen Züge: Sicherlich können wir daraus erste Schlüsse ziehen.

Also: 3+1+3+4+1+5=17 — zwei Züge sind noch frei. Aber waren wir da nicht zu optimistisch? Was passierte beispielsweise auf der h-Linie?

Dort haben wir nur zwei Züge gezählt, das kann aber nicht sein, da ja der Turm irgendwie am [Bh2] vorbei gekommen sein muss. Er kann nicht um den Bauern herumgelaufen sein (Th1-h3-g3-g6-h6), denn das erforderte drei zusätzliche Züge, die nicht zur Verfügung stehen.

Also müssen wir konstatieren, dass [Bh2] via g3 sein Zielfeld erreicht hat, also einen Zug mehr verbraucht hat als bisher gezählt — und dabei die beiden fehlenden schwarzen Steine schlagen musste.

Das aber wiederum bedeutet, dass [Bb7] und [Bd7] umgewandelt haben müssen, und zwar auf c1 bzw. e1 und dabei auch die weißen Bauern auf c2 und e2 geschlagen haben müssen. In dem Fall wird es aber nichts mit der weißen langen Rochade: es muss ja bxc2 erfolgen, wenn [Bb2] und damit [Lc1] noch zu hause stehen, genauso muss dxe2 erfolgen, wenn [Bd2] und [Sb1] nich nicht gezogen haben. Also muß der König ohne Rochade nach a2 wandern, was den letzten freien weißen Zug kostet.

Die Frage nach den Umwandlungssteinen auf e1 und c1 (er)klärt nun Preisrichter Thomas Kolkmeyer: „Der sBd7 schlägt auf e2, der weiße König zieht nach d2. Jetzt darf sich der schwarze Bauer nicht in einen schwarzen Läufer umwandeln, es bleibt nur ein schwarzer Turm. Wenn dann der sBb7 sich auf c1 verwandelt, dann steht der weiße König noch auf c3, weshalb nur eine Umwandlung in einen schwarzen Läufer geht.“

Nun ist das alles schon geklärt, nun bleibt „nur noch“ die Frage, wie die beiden erforderlichen Schlagobjekte nach g3 und h4 kommen?

Und dabei stoßt ihr dann auf eine Überraschung …

Lösung

Um sich auf g3 und h4 opfern zu können, müssen die beiden Umwandlungsfiguren also paradoxerweise ihre Plätze tauschen!

Thomas Kolkmeyer hätte sich nur gewünscht, dass die schwarze Dame im Diagramm nicht auf d6, sondern — näher an der Home Base — etwa auf d7 stünde. Aber auf d6 verhindert sie einen alternativen Weg des Umwandlungsläufers via d6 nach g3.

Manfred Rittirsch fasste seinen Löser-Kommentar so zusammen: „Ein sehr elegantes Problem mit einer harmlos erscheinenden Diagrammstellung, die eine tiefgründige Lösung verbirgt!“

Also wieder ein „typischer Aschwanden“: Nicht allzu lang, höchst paradoxer Inhalt sehr interessant und elegant dargestellt. Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich von ihm einen Urdruck für Die Schwalbe erhalte!

3 thoughts on “Retro der Woche 01/2022

  1. Stimmt Silvio, ich habe mir damals den WCCT PB angesehen und der 1. Platz hat mich direkt “angeschrien”. Ein wundervolles Thema, aber technisch noch nicht ganz ausgereift.
    Natürlich war es dann aber nicht so leicht, wie die Stellung jetzt aussieht. Zwei mal hatte ich in der Konstruktionsphase zwischendurch aufgegeben. Es war frustrierend: Ich hatte am Ende 5 Typen von Nebenlösungen, von denen ich in fünf verschiedenen Varianten jeweils alle bis auf eine eliminieren konnte. T+S habe ich auch probiert, das wollte aber auch nicht werden.
    Am Ende ist es glücklicherweise nach vielleichtz 50h doch noch aufgegangen. Was man bei diesen Aufgaben nicht sieht: Die vielen Fehlversuche, auch von Ideen, die gar nie zur Vollendung gelangen.
    Gerade jetzt bastele ich schon seit vielen Stunden an einer Idee herum und es ist wahnsinnig knapp, aber momentan leider immer noch kaputt. Evtl geht es wirklich einfach nicht…
    ps: Ja die Aufgabe schicke ich ein 🙂

  2. Ich meine, Reto wollte den ersten Platz des 10. WCCT (siehe https://www.wfcc.ch/wp-content/uploads/10-WCCT-Final-Award.pdf, S. 141) dahingehend verbessern, dass in der Diagrammstellung nur Partiesatzmaterial vorhanden ist. Das ist nicht nur einfach gelungen. Mit der Fasthomebase bei Schwarz, viel weniger Zügen und dem Zickzackbauern ist das aus meiner Sicht eine fulminante Weiterentwicklung. Ob T+L einfacher oder schwerer als D+T ist, kann ich nicht sagen. Reto möge die Aufgabe bitte zum FIDE-Album einschicken. Ich werde da richten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.