Retro der Woche 07/2026

Die klassischen Auflöse-Retros von Luigi Ceriani sind für mich immer wieder ein Genuss! Viele sind recht komplex, aber andere auch so, dass ein noch nicht sehr erfahrener Retrofreund sie doch sehr gut nachvollziehen und vielleicht auch lösen kann: Ich kann versprechen, das macht Spaß!

Ein relativ sparsames Stück von ihm möchte ich euch heute zeigen.

Luigi Ceriani
Vittorio de Barbieri Gedenkturnier 1943, 1. Preis
Erster Zug der schwarzen Dame? (9+12)

 
Obgleich elf Steine fehlen, ist kein einziger Schlag eines Bauern sichtbar; zunächst sind nur einige wenige Details klar: der weiße Turm auf a2 konnte sein Zuhause nicht verlassen, wir werden uns Gedanken machen müssen, wie beie Seiten ein Retropatt vermeiden, und dass zuletzt die schwarze Dame gezogen hat, ist klar, da sie dem weißen König Schach bietet; sie kann also nur von d8 kommen und muss dabei geschlagen haben, denn ohne eine auf e8 entschlagene Figur wäre Weiß sofort retropatt, da er c2-c3 nicht zurücknehmen kann, da dies den schwarzen König aussperren würde. Was wurde denn auf e8 entschlagen?

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Retro der Woche 06/2026

Preisrichter Hans Gruber war von den Spitzenproblemen des Yoav Ben-Zvi Gedenkturniers – gefordert waren Beweispartien mit zweckreinen Bahnungen bzw. Räumungen — hellauf begeistert, er sah das Turnier als „epochal“ an, „ … mit herausragender Qualität der Preisprobleme und einem Jahrzehnt-Problem an der Spitze. Die Zweckreinheit der Manöver erhöht deren Tiefe beträchtlich; mit dem Turnier sollten die Erwartungen an hervorragende Beweispartien künftig deutlich steigen. Die intensive Beschäftigung mit jedem der Preisträger verspricht großen Gewinn.“

Mit den beiden erstplatzierten Aufgaben haben wir uns im Retro der Woche 02/2023 bzw. 03/2023 bereits beschäftigt; heute steht das Stück von Platz 3 auf dem Programm:

Kostas Prentos
Yoav Ben-Zvi Gedenkturnier 2022, 3. Preis
Beweispartie in 18,5 Zügen (15+16)

 
Zwei thematische Manöver kann man schon aus der Diagrammstellung erahnen: wTa1 hat vielleicht bahnend für die schwarze Dame Platz gemacht, ebenso wLc1 für seinen Kollegen von f8. Aber dafür hätte Hans Gruber sicherlich in solch einem hochklassigen Turnier nicht den dritten Preis ver geben, wenn das alles wäre …

Die Betrachtung der Schläge — besser gesagt: des einzigen Schlages — bringt uns schon ein wenig weiter: Es fehlt nur ein weißer Stein, nämlich der a-Bauer. Der aber kann „mangels Schlagopfer“ nicht auf der b-Linie geschlagen worden sein; er muss also umgewandelt haben, und ein weißer Offizier wurde dann auf der b-Linie geschlagen.

Das macht das Zählen der nicht nur sichtbaren, sondern auch ableitbaren Züge nicht einfacher:

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Retro der Woche 05/2026

Kürzlich bemerkte ich zufällig, dass seit 1978 jedes Jahr (ok, 2026 lassen wir noch außen vor) mit mindestens einer Aufgabe hier im Blog vertreten ist. Da habe ich natürlich nach einem Retro aus 1977 gesucht — und bin auch sehr gut fündig geworden: Mit einem Stück, das gleichzeitig eine meiner Lieblings-Märchenschachbedingungen nutzt, nämlich Gitterschach. Damit haben wir uns hier im Blog schon beschäftigt, und aus dem einschlägigen Artikel übernehme ich gleich die Definition:

„Das Brett ist in 16 2×2 Zonen aufgeteilt, und jeder Zug muss die Zone wechseln (mindestens eine Gitterlinie überqueren), Start- und Zielfeld eines jeden Zuges liegen also in unterschiedlichen Zonen.“

Alexandr A. Klibanski & Nikita M. Plaksin
feenschach 1977, 2. Preis
Gitterschach a) Wo wurden die fehlenden Steine geschlagen? Welches war der erste Zug des b) sK / c) wK? (13+10)

 
Beginnen wir zum Warmwerden mit Frage c). Im Normalschach könnte der weiße König über f1, d1 bzw. 0-0-0 oder durch 0-0 nach g1 gekommen sein. Da zwischen e1 und f1 keine Gitterlinie liegt, ist dieser Weg hier ausgeschlossen. Und auch der große Marsch „außen herum“ via b2 klappt nicht, denn von h2 hätte der weiße König nie nach g1 kommen können. Also beantwortet sich die Frage c), die nachträglich durch Preisrichter bernd ellinghoven aufgrund eines Kommentars von Löser Bernd Schwarzkopf in die Forderungen aufgenommen worden war, mit 1.0-0. Letzter Zug war Db1xXd1+.

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Retro der Woche 04/2026

In der letzten Woche hatte ich hier eine Beweispartie, die eines meiner Lieblingsthemen zeigt, vorgestellt, und heute will ich euch eine „klassische Auflöse-Aufgabe“ eines meiner Lieblings-Autoren vorstellen.

Einige Aufgaben von Sergej Wolobujew (18.11.1958–4.8.2020) hatte ich bereits 2011 in Andernach vorgestellt, nachdem ich ihn kurz zuvor „für mich entdeckt“ hatte; daraus entstand ein Aufsatz für feenschach (Heft 189, Juli 2011, S.109—111). Die heute ausgesuchte Aufgabe war in dem Vortrag bzw. Aufsatz nicht vertreten.

Sergej L. Wolobujew
Narodnoje Obrasowanije 1988, 1. Preis
#1 (13+15)

 
Wir wissen ja, dass die Forderung „#1“ eigentlich nichts anderes bedeutet, als dass man die Stellung auflösen solle, speziell um zu zeigen, wer in dieser Stellung am Zug ist. Denn ansonsten beantwortet sich die Frage ja sehr einfach: „Ist Weiß am Zug, so 1.Sc6#, ist hingegen Schwarz am Zug, so 1.— Sxd3#.“ Diese aus heutiger Sicht eher verbergende Forderung war der damaligen Ablehnung nicht partiekonformer Forderungen in der damaligen UdSR geschuldet: Das traf sowohl „Hilfsmatt in 2 Zügen“ wie auch „Löse die Stellung auf“ — da ist doch „#1“ viel orthodoxer …

Schauen wir zunächst einmal nach möglichen Schlagfällen: Schwarz spielte offensichtlich axb, und der schwarze g-Bauer muss Richtung Westen geschlagen haben: Entweder zwei Mal (g7xf6xe5 oder nur einmal (g7xf6), dann aber muss der f-Bauer nach e geschlagen haben. Damit sind alle drei schwarzen Schläge erklärt — nicht aber, wie der fehlende weiße h-Bauer verschwunden ist, der nicht direkt geschlagen werden konnte: Er selbst muss also umgewandelt haben: das geht nur auf g8, was gleichzeitig den einzigen weißen Schlagfall erklärt.

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Retro der Woche 03/2026

Ich habe hier ja schon häufiger erzählt, dass ich Aufgaben mit Platzwechseln generell sehr mag. So könnt ihr euch sicher vorstellen, wie ich mich gefreut hatte, als für das erste Retro-Turnier im Rahmen des 10. WCCT „Orthodoxe Beweispartien mit Platzwechsel mehrerer Figuren“ ausgewählt wurde — und da Deutschland eines der fünf Richter-Länder war, konnte ich mich intensiv mit allen 57 eingesandten Aufgaben beschäftigen.

Die erstplatzierte und eine der drei auf den Plätzen 3-5 hatte ich hier bereits als Retro der Woche 06/2028 bzw. 09/2023 vorgestellt; heute möchte ich euch die Aufgabe zeigen, die auf dem zweiten Platz gelandet war.

Nicolas Dupont
10. WCCT 2017, 2 Platz
Beweispartie in 25 Zügen (13+15)

 
Bei Schwarz fehlt im Diagramm nur der g-Bauer — der aber kann auf der c-Linie, wo wir einen weißen Doppelbauern entdecken, nicht geschlagen worden sein. Er muss sich also nach gxBh auf h1 umgewandelt haben. Bei Weiß fehlen also noch die Dame sowie ein Bauer: Je nachdem, ob wBc4 von b2 oder von d2 kommt, also der Bd2 oder Bb2. Der muss nun schlagfrei umgewandelt haben, um dann selbst geschlagen zu werden oder den geschlagenen Originalstein zu ersetzen.

Wenn wir uns ein wenig Gedanken um sicher geschehene Züge machen, fällt uns schnell auf, dass beide schwarzen Springer sich bewegt haben müssen, um die Türme durchzulassen. Sollten die etwa …? Wir denken schließlich an das Thema des Turniers! Das würde dann für die Springer sechs Züge bedeuten statt der „nur“ vier bei einer normalen Rückkehr.

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Retro der Woche 02/2026

Jetzt im Januar kann The Problemist, die Zeitschrift der „British Chess Problem Society“ auf 100 Jahre Bestehen zurückblicken — auch von dieser Stelle herzliche Glückwünsche an die Britischen Freunde! Wesentlich getragen wurde diese Gründung inhaltlich von Thomas R. Dawson, den wir alle auch als Retro-Spezialisten kennen, als den Erfinder der eindeutigen Beweispartie. Er hätte sicher auch seine Freude gehabt an der letztjährigen Neuvorstellung des Australiers Geoff Foster im Problemist: Verteidigungs-Beweispartie.

Wie kann sich Schwarz gegen das Erreichen der Zielstellung verteidigen? Indem er beliebig zieht! Also muss logischerweise das Zugrecht für Schwarz eingeschränkt werden: Er zieht nur zum Schlag. Kann er also legal schlagen, so muss er das tun. Hat er mehrere Züge zur Auswahl, so entscheidet er, welchen Schlag er durchführt.

Schauen wir uns das an einem Beispiel an, dessen Lösung jetzt im Januar-Heft des Problemist (in elektronischer Form pünktlich am Neujahrstag erschienen) veröffentlicht wurde.

Geoff Foster
The Problemist 2024
Verteidigungs-Beweispartie in 17 Zügen, Schwarz zieht nur zum Schlag (2+14)

 
Nur noch zwei weiße Steine stehen auf dem Brett, Schwarz hat also 14mal gezogen! Zu sehen ist nur ein einziger Bauernschlag, allerdings kann ja der f5-Bauer von h7 gekommen sein, um dadurch auch den Turm zu befreien. Daher können, müssen wir davon ausgehen, dass die beiden schwarzen Steine im Südwesten sich ziemlich „durchgefressen“ haben müssen. Da können wir sofort erkennen, dass der letzte Schlag dort vom Turm stattgefunden haben muss: Hätte er schon auf b2 geschlagen, wenn es noch na a2 gegangen wäre, hätte er natürlich mit dem Turm dort geschlagen und sich damit erfolgreich verteidigt.

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Retro der Woche 01/2026

(Korrektur: fehlenden wBf2 ergänzt — Dank an Markus Lepper!)

Eine der erst einmal harmlos klingenden Märchenbedingungen ist „Punktspiegelung“. Im Jahr 2020 hatte ich die Freude und Ehre, das mpk-Märchenturnier mit dieser Bedingung richten zu dürfen. Bekannt wurde sie 2019 durch das WCCC Sake Turnier und ist prinzipiell recht einfach erklärt, siehe Schwalbe-Lexikon: „Stehen zwei Steine (beliebiger Farbe, Könige eingeschlossen) auf Feldern, die punktsymmetrisch bezüglich der Brettmittelpunkts zueinander sind (z.B. a1-h8, b3-g6), tauschen sie ihre Zug-, Schlag- und Wirkkräfte (behalten aber die Farbe, die Bauernzugrichtung und evtl. königliche Eigenschaften bei).“

Darüber hinaus sind nur ein paar Details zu klären, die der hohen Dynamik dieser Bedingung geschuldet sind: „Ein Bauer auf der ersten Reihe kann nicht selbstständig ziehen, sein korrespondierender Stein auf der achten Reihe daher auch nicht. Die Rochade ist nur mit nicht-gespiegelten Figuren (König, Turm) möglich. Nur nicht-gespiegelte Bauern können en passant schlagen.“

Jochen Schröder
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 10 Zügen, Punktspiegelung (15+15)

 
Diese Aufgabe erschien, durch einen Kommentar von Silvio Baier angeregt, im Lösungsteil des Oktoberheftes gleich mit Lösung.

Wenn man sich ein wenig in die Bedingung hineingedacht hat, merkt man rasch, dass sLa5 kein Umwandlungsläufer sein muss — ebenso wenig der wTh7, der orthodox seinen Südost-Käfig nicht hätte verlassen können. Da muss also heftig „punktgespiegelt“ werden, was auch das Zählen erforderlicher Züge nicht gerade erleichtert.

Überlegen wir uns doch zunächst einmal, wie die genannten Steine ihre Diagrammfelder haben erreichen können:

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Retro der Woche 52/2025

Buchstäblich ein Kind des 21. Jahrhunderts (Jahrgang 2003) ist der Österreicher Joachim Hambros, dennoch bereits ein profilierter Retro-Spezialist. Das zeigt schon sein fünfter Platz beim WCCI 2022-2024 — und ich muss ehrlich gestehen, dass ich als Preisrichter nach der De-Anonymisierung ziemlich überrascht war, wer der Komponist des ersten Preisträgers beim FIDE World Cup 2023 war. Die Aufgabe habe ich hier als Retro der Woche 36/2023 vorgestellt.

Und auch als Retro-Löser hat sich Joachim schon deutlich hervor getan: So gewann er das diesjährige Retro-Löseturnier beim WCCC in Abla Iulia.

Quasi zum Jahresabschluss (das nächste RdW zählt bereits zum Jahrgang 2026) eine Beweispartie von ihm aus der Schwalbe:

Joachim Hambros
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 19,5 Zügen (15+12)

 
Das übliche Zählen der sichtbaren Züge ist bei Schwarz schnell und nicht besonders ergiebig beendet; bei Weiß schaut das allerdings deutlich anders aus: Da erkennen wir, die lange Rochade als „Verkürzung“ schon eingerechnet, 1+1+6+4+3+5=20 Züge — alle stehen also quasi fest. Hilft uns das weiter? Ja — wenn wir überlegen, was wir damit nicht erklären können: Das ist das Verschwinden des schwarzen b-Bauern: Der konnte offenbar nicht geschlagen werden.

Also muss der auf a2 den weißen a-Bauern geschlagen und sich dann umgewandelt haben. Wann? In was? Und was passierte dann?

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