Retro der Woche 04/2026

In der letzten Woche hatte ich hier eine Beweispartie, die eines meiner Lieblingsthemen zeigt, vorgestellt, und heute will ich euch eine „klassische Auflöse-Aufgabe“ eines meiner Lieblings-Autoren vorstellen.

Einige Aufgaben von Sergej Wolobujew (18.11.1958–4.8.2020) hatte ich bereits 2011 in Andernach vorgestellt, nachdem ich ihn kurz zuvor „für mich entdeckt“ hatte; daraus entstand ein Aufsatz für feenschach (Heft 189, Juli 2011, S.109—111). Die heute ausgesuchte Aufgabe war in dem Vortrag bzw. Aufsatz nicht vertreten.

Sergej L. Wolobujew
Narodnoje Obrasowanije 1988, 1. Preis
#1 (13+15)

 
Wir wissen ja, dass die Forderung „#1“ eigentlich nichts anderes bedeutet, als dass man die Stellung auflösen solle, speziell um zu zeigen, wer in dieser Stellung am Zug ist. Denn ansonsten beantwortet sich die Frage ja sehr einfach: „Ist Weiß am Zug, so 1.Sc6#, ist hingegen Schwarz am Zug, so 1.— Sxd3#.“ Diese aus heutiger Sicht eher verbergende Forderung war der damaligen Ablehnung nicht partiekonformer Forderungen in der damaligen UdSR geschuldet: Das traf sowohl „Hilfsmatt in 2 Zügen“ wie auch „Löse die Stellung auf“ — da ist doch „#1“ viel orthodoxer …

Schauen wir zunächst einmal nach möglichen Schlagfällen: Schwarz spielte offensichtlich axb, und der schwarze g-Bauer muss Richtung Westen geschlagen haben: Entweder zwei Mal (g7xf6xe5 oder nur einmal (g7xf6), dann aber muss der f-Bauer nach e geschlagen haben. Damit sind alle drei schwarzen Schläge erklärt — nicht aber, wie der fehlende weiße h-Bauer verschwunden ist, der nicht direkt geschlagen werden konnte: Er selbst muss also umgewandelt haben: das geht nur auf g8, was gleichzeitig den einzigen weißen Schlagfall erklärt.

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Retro der Woche 03/2026

Ich habe hier ja schon häufiger erzählt, dass ich Aufgaben mit Platzwechseln generell sehr mag. So könnt ihr euch sicher vorstellen, wie ich mich gefreut hatte, als für das erste Retro-Turnier im Rahmen des 10. WCCT „Orthodoxe Beweispartien mit Platzwechsel mehrerer Figuren“ ausgewählt wurde — und da Deutschland eines der fünf Richter-Länder war, konnte ich mich intensiv mit allen 57 eingesandten Aufgaben beschäftigen.

Die erstplatzierte und eine der drei auf den Plätzen 3-5 hatte ich hier bereits als Retro der Woche 06/2028 bzw. 09/2023 vorgestellt; heute möchte ich euch die Aufgabe zeigen, die auf dem zweiten Platz gelandet war.

Nicolas Dupont
10. WCCT 2017, 2 Platz
Beweispartie in 25 Zügen (13+15)

 
Bei Schwarz fehlt im Diagramm nur der g-Bauer — der aber kann auf der c-Linie, wo wir einen weißen Doppelbauern entdecken, nicht geschlagen worden sein. Er muss sich also nach gxBh auf h1 umgewandelt haben. Bei Weiß fehlen also noch die Dame sowie ein Bauer: Je nachdem, ob wBc4 von b2 oder von d2 kommt, also der Bd2 oder Bb2. Der muss nun schlagfrei umgewandelt haben, um dann selbst geschlagen zu werden oder den geschlagenen Originalstein zu ersetzen.

Wenn wir uns ein wenig Gedanken um sicher geschehene Züge machen, fällt uns schnell auf, dass beide schwarzen Springer sich bewegt haben müssen, um die Türme durchzulassen. Sollten die etwa …? Wir denken schließlich an das Thema des Turniers! Das würde dann für die Springer sechs Züge bedeuten statt der „nur“ vier bei einer normalen Rückkehr.

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Retro der Woche 02/2026

Jetzt im Januar kann The Problemist, die Zeitschrift der „British Chess Problem Society“ auf 100 Jahre Bestehen zurückblicken — auch von dieser Stelle herzliche Glückwünsche an die Britischen Freunde! Wesentlich getragen wurde diese Gründung inhaltlich von Thomas R. Dawson, den wir alle auch als Retro-Spezialisten kennen, als den Erfinder der eindeutigen Beweispartie. Er hätte sicher auch seine Freude gehabt an der letztjährigen Neuvorstellung des Australiers Geoff Foster im Problemist: Verteidigungs-Beweispartie.

Wie kann sich Schwarz gegen das Erreichen der Zielstellung verteidigen? Indem er beliebig zieht! Also muss logischerweise das Zugrecht für Schwarz eingeschränkt werden: Er zieht nur zum Schlag. Kann er also legal schlagen, so muss er das tun. Hat er mehrere Züge zur Auswahl, so entscheidet er, welchen Schlag er durchführt.

Schauen wir uns das an einem Beispiel an, dessen Lösung jetzt im Januar-Heft des Problemist (in elektronischer Form pünktlich am Neujahrstag erschienen) veröffentlicht wurde.

Geoff Foster
The Problemist 2024
Verteidigungs-Beweispartie in 17 Zügen, Schwarz zieht nur zum Schlag (2+14)

 
Nur noch zwei weiße Steine stehen auf dem Brett, Schwarz hat also 14mal gezogen! Zu sehen ist nur ein einziger Bauernschlag, allerdings kann ja der f5-Bauer von h7 gekommen sein, um dadurch auch den Turm zu befreien. Daher können, müssen wir davon ausgehen, dass die beiden schwarzen Steine im Südwesten sich ziemlich „durchgefressen“ haben müssen. Da können wir sofort erkennen, dass der letzte Schlag dort vom Turm stattgefunden haben muss: Hätte er schon auf b2 geschlagen, wenn es noch na a2 gegangen wäre, hätte er natürlich mit dem Turm dort geschlagen und sich damit erfolgreich verteidigt.

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Retro der Woche 01/2026

(Korrektur: fehlenden wBf2 ergänzt — Dank an Markus Lepper!)

Eine der erst einmal harmlos klingenden Märchenbedingungen ist „Punktspiegelung“. Im Jahr 2020 hatte ich die Freude und Ehre, das mpk-Märchenturnier mit dieser Bedingung richten zu dürfen. Bekannt wurde sie 2019 durch das WCCC Sake Turnier und ist prinzipiell recht einfach erklärt, siehe Schwalbe-Lexikon: „Stehen zwei Steine (beliebiger Farbe, Könige eingeschlossen) auf Feldern, die punktsymmetrisch bezüglich der Brettmittelpunkts zueinander sind (z.B. a1-h8, b3-g6), tauschen sie ihre Zug-, Schlag- und Wirkkräfte (behalten aber die Farbe, die Bauernzugrichtung und evtl. königliche Eigenschaften bei).“

Darüber hinaus sind nur ein paar Details zu klären, die der hohen Dynamik dieser Bedingung geschuldet sind: „Ein Bauer auf der ersten Reihe kann nicht selbstständig ziehen, sein korrespondierender Stein auf der achten Reihe daher auch nicht. Die Rochade ist nur mit nicht-gespiegelten Figuren (König, Turm) möglich. Nur nicht-gespiegelte Bauern können en passant schlagen.“

Jochen Schröder
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 10 Zügen, Punktspiegelung (15+15)

 
Diese Aufgabe erschien, durch einen Kommentar von Silvio Baier angeregt, im Lösungsteil des Oktoberheftes gleich mit Lösung.

Wenn man sich ein wenig in die Bedingung hineingedacht hat, merkt man rasch, dass sLa5 kein Umwandlungsläufer sein muss — ebenso wenig der wTh7, der orthodox seinen Südost-Käfig nicht hätte verlassen können. Da muss also heftig „punktgespiegelt“ werden, was auch das Zählen erforderlicher Züge nicht gerade erleichtert.

Überlegen wir uns doch zunächst einmal, wie die genannten Steine ihre Diagrammfelder haben erreichen können:

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Retro der Woche 52/2025

Buchstäblich ein Kind des 21. Jahrhunderts (Jahrgang 2003) ist der Österreicher Joachim Hambros, dennoch bereits ein profilierter Retro-Spezialist. Das zeigt schon sein fünfter Platz beim WCCI 2022-2024 — und ich muss ehrlich gestehen, dass ich als Preisrichter nach der De-Anonymisierung ziemlich überrascht war, wer der Komponist des ersten Preisträgers beim FIDE World Cup 2023 war. Die Aufgabe habe ich hier als Retro der Woche 36/2023 vorgestellt.

Und auch als Retro-Löser hat sich Joachim schon deutlich hervor getan: So gewann er das diesjährige Retro-Löseturnier beim WCCC in Abla Iulia.

Quasi zum Jahresabschluss (das nächste RdW zählt bereits zum Jahrgang 2026) eine Beweispartie von ihm aus der Schwalbe:

Joachim Hambros
Die Schwalbe 2025
Beweispartie in 19,5 Zügen (15+12)

 
Das übliche Zählen der sichtbaren Züge ist bei Schwarz schnell und nicht besonders ergiebig beendet; bei Weiß schaut das allerdings deutlich anders aus: Da erkennen wir, die lange Rochade als „Verkürzung“ schon eingerechnet, 1+1+6+4+3+5=20 Züge — alle stehen also quasi fest. Hilft uns das weiter? Ja — wenn wir überlegen, was wir damit nicht erklären können: Das ist das Verschwinden des schwarzen b-Bauern: Der konnte offenbar nicht geschlagen werden.

Also muss der auf a2 den weißen a-Bauern geschlagen und sich dann umgewandelt haben. Wann? In was? Und was passierte dann?

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Retro der Woche 51/2025

Im Juniheft 1939 der Schwalbe veröffentlichte Luigi Ceriani einen umfangreichen Aufsatz unter dem Titel „Höchstleistungen und Themen in exakten Rückzügern“ und führte dazu aus:

„Unter exakten Rückzügern versteht man Stellungen, aus denen sich die zuletzt ausgeführten Züge bis zum nten Zug sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch hinsichtlich ihrer Reihenfolge genau ableiten lassen. … nahm ich mit die die Erforschung von zwei Themen bei exakten Rückzügern vor: Das Maximum von n im Zylinderschach und die am weitesten zurückliegende Rochade.“ (Im Zylinderschach sind die a- und die h-Linie als angrenzend gedacht, was den Namen sogleich erklärt.)

Dazu schrieb Ceriani das 33. Thematurnier der Schwalbe aus, in dem es um entsprechende Überbietungen gehen sollte.

Im Aufsatz konnte er eine Zylinderschach-Stellung mit 28 eindeutigen letzten Zügen vorstellen, im Preisbericht (Februar 1940) veröffentlichte er dann seine eigene deutliche Überbietung auf 35 Züge; hierzu hatte er ein orthodoxes Schema von Hugo August und Anton Trilling aus diesem Turnier verwendet; dieses Stück habe ich für heute ausgewählt.

Luigi Ceriani (nach H. August und A. Trilling)
Die Schwalbe 1940
Zylinderschach. Welches waren die letzten 35 Züge? (14+14)

 
Man kann Zylinderschach-Aufgaben prinzipiell analysieren wie orthodoxe, muss natürlich dabei solche möglichen Züge wie La4-g2 beachten. Der Zylinder erschwert auch das konstruieren von Käfigen, da die vertikalen Brettränder fehlen.

Bei Schwarz fehlen beide Türme, ein Bauer hat sich in einen Springer umgewandelt. Bei Weiß fehlen ein Springer und der schwarzfeldrige Läufer. Alle fehlenden Steine wurden von Bauern geschlagen: bxa7 und cxd7 bzw. bei Schwarz fxg6 und gxh6 — damit steht c1 als Umwandlungsfeld des dritten schwarzen Springers fest.

Der schwarze König steht im Schach, damit steht als erster Rücknahmezug Se8-c7+ fest — und so stehen Weiß im Moment nur Bauern-Rücknahmen zur Verfügung.

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Retro der Woche 50/2025

Michel Caillaud hat im Probleemblad Retro-Informalturnier 2019-2020 nicht nur den zweiten Preis mit einer Märchen-Beweispartie (Schlagschach) gewonnen — diese Aufgabe habe ich hier vor gut einem Monat vorgestellt, sondern auch den 4. Preis mit einer anderen Märchenbedingung.

Beim KnightMate tauschen Könige und Springer komplett ihre Rollen: Jede Partei hat nun zwei Könige, die zu Partiebeginn auf den üblichen Springerfeldern stehen und keine königlichen Eigenschaften besitzen; die Springer stehen hingegen anfangs auf e1 bzw. e8 und sind königlich; gegen sie kann also ein Schachgebot oder gar ein Matt erfolgen.

Michel Caillaud
Probleemblad 2020, 4. Preis 2019-2020
Beweispartie in 21 Zügen, KnightMate (12+16)

 
Die königliche Eigenschaft der Springer markiere ich hier durch dessen Drehung um 90 Grad, und bei den Lösungsangaben orientiere ich mich an den Kommentaren der Richter Gruber, Ring und Borst.

Bis auf die Randbauern hat Weiß im Diagramm eine Homebase-Stellung, und damit stellt sich gleich die Frage, wie denn der weiße schwarzfeldrige Läufer verschwinden konnte? Zählern wir erst einmal die sichtbaren schwarzen Züge: 0+0+1+3+3+3=10. Die können allerdings nicht erreicht werden wegen des äußert geschickt konstruierten Clusters sDd8, sTc8, sLb8d7, sBd6, was schwarze Wartezüge erfordert. Und damit sind Lösungen mit Schlag des Läufers durch Dame, Turm oder König zu lang.

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Retro der Woche 49/2025

Normalerweise tut man so etwas ja nicht, aber ein wenig will ich heute spoilern: Wenn nicht noch völlig unvorhergesehene Dinge passieren, wird es vor Weihnachten noch die jeweils letzten Schwalbe und feenschach Hefte des Jahres 2025 geben. Und daher nehme ich mir schon mal die Freiheit, heute ein klassisches Retro vorzustellen, zu dem im Heft 264 die Lösung erscheinen wird:

Gerald Ettl
feenschach 2024
Letzte 15 Einzelzüge? (11+14)

 

Schauen wir nach Auffälligkeiten im Diagramm:

Sofort fällt der dritte weiße Turm auf, der also durch Umwandlung entstanden sein muss. Sehr auffällig ist auch der schwarze Bauer a2: Er kommt offensichtlich von f7 und hat auf seinem Weg alle fehlenden weißen Steine geschlagen.

Der Ost-Käfig kann nur durch die Rücknahme von g2-g4 geöffnet werden, dazu muss aber erst der noch zu entschlagende [Lf1] heimkommen.

Weiß schlug einmal auf die g-Linie, und der andere Schlag muss im Zusammenhang mit der Entwandlung des weißen Turm erfolgt sein. Warum?

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