Retro der Woche 36/2025

Noch einmal möchte ich auf den Preisbericht des Champagne-Turniers 2025 zurückkommen: Dort ging es ja um das Thema Platztausch, und es hat mich überrascht, wie viele originelle Aufgaben dazu eingereicht wurden.

Den zweiten Platz in der Beweispartie-Abteilung belegt ein bemerkenswertes Stück von Rustam Ubaidullajew — bemerkenswert nicht nur wegen des reinen Inhalts, sondern auch, weil es nicht vollständig Computer-prüfbar war, und das bei „nur“ 29 Zügen.

Rustam Ubaidullajew
Champagne-Turnier 2025, 2. Preis Abt. A
Beweispartie in 29 Zügen (14+14)

 
Wenn man ein wenig auf die Stellung schaut, fallen gleich mehrere Besonderheiten auf. Speziell die schwarzen Offiziere im weißen Lager: Wie sind die Türme, wie der Läufer hineingelangt? Erster Verdacht: Mit frühem b4 können die Türme via b3, der Läufer über b2 eingestiegen sein. Vielleicht ist auch einer der Türme als Umwandlungsstein (h7-h3xg2-g1=T) entstanden? Auf diesem Wege könnte auch der weiße Turm auf h8 dem Südkäfig entkommen sein.

In dem Zusammenhang ist dann auch sehr interessant, welche Steine fehlen: Das sind bei Weiß Dame und ein Springer, bei Schwarz ebenfalls die Dame sowie [Bh7].

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Retro der Woche 35/2025

Der 65. Geburtstag hat heute eigentlich nicht mehr die Bedeutung wie früher: Da stand er meist für das Ausscheiden aus dem Berufsleben — das ist heute im Regelfall eine Weile später. Aber der 65. Geburtstag ist für uns Schachleute dennoch etwas Besonderes: quasi der erste Geburtstag auf dem „zweiten Lebensbrett“; das erste war ja mit dem 64. komplett besetzt.

Zu diesem „ersten Geburtstag“ gehen heute ganz herzliche Glückwünsche nach Österreich, wo Hans Gruber den heutigen Tag aus beruflichen Gründen verbringt.

Über ihn kann ich euch sicher nicht viel Neues berichten: Ehrenvorsitzender der Schwalbe, feenschach-Macher, Autor, Prüfer, Richter, der etwa 25 Stunden am Tag acht Tage in der Woche fürs Problemschach da ist, aber auch noch jede Menge andere Aufgaben, Interessen und Hobbys hat.

Problemschachlich ist Hans extrem breit aufgestellt vom Zweizüger über Studien bis zu extremem Märchenschach, seine (un)heimliche Liebe gilt allerdings der Retroanalyse — und da war er schon als Teeny aktiv:

Hans Gruber
feenschach 1978
Ergänze wTTLBB zu einem Illegal Cluster b) Ba4->a3 (2+1)

 
Bei Illegal Clusters wird der Löser bekanntlich zum Konstrukteur: Die Diagrammstellung ist durch die in der Forderung angegebenen Steine zu ergänzen — und zwar derart, dass die neue Stellung illegal ist (daher der Name), aber legal wird, wenn man jeweils einen Stein vom Brett entfernt — abgesehen natürlich von den Königen.

Wie kann man Illegal Clusters lösen? Indem man nach Optionen Ausschau hält, die vielleicht ein illegales Schach beinhalten, eine illegale Rochade oder einen illegalen ep-Schlag oder auch einen eingeklemmten oder ausgesperrten Stein — die Illegalität muss dann durch „Belüften“ der Stellung (Entfernung eines Steins) behebbar sein.

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Retro der Woche 34/2025

In der letzten Woche hatte ich hier die erstplatzierte Beweispartie des diesjährigen Champagne-Turniers vorgestellt — heute soll es mit dem zweiten Platz der Abteilung B (sonstige Retros) weiter gehen, das traditionell zahlenmäßig deutlich schwächer besetzt war.

Hier konnte Andrij Frolkin mit einer klassischen Auflöse-Aufgabe überzeugen, der gar nicht so schwer zu lösen ist, wie es beim ersten Blick auf das Diagramm wirken könnte:

Andrij Frolkin
Champagne-Turnier 2025, 2. Preis Abt. B
Löse die Stellung auf (14+13)

 

Bei Schwarz fehlen ein Springer, ein Bauer (von g7 oder h7 kommend) sowie der schwarzfeldrige Läufer — und damit ist ein möglicher weißer Kreuzschlag auf der b- und c-Linie nicht möglich: das wären zusammen mit g2xh3 drei weißfeldrige Schlagfälle. Also hat dieser Kreuzschlag durch Schwarz stattgefunden — dabei fehlen bei Weiß nur zwei Bauern!

Die müssen also mittels exSd7 und fxLg (neben gxBh3) geschlagen haben, um sich dann auf d8 und g8 umzuwandeln.

Was hat auf d8 umgewandelt? Das ist entscheidend für die Auflösung des Nordwest-Knotens, die nur durch d7-d6 erfolgen kann, denn vorher muss Weiß e6xSd7 und d8=X zurücknehmen.

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Retro der Woche 33/2025

Am Mittwoch hatte ich auf den Preisbericht des Champagne-Turniers 2025 hingewiesen und versprochen, darauf zurück zu kommen: Voilà!

Preisrichter Éric Pichouron, der seine Rolle aus den letzten Turnieren mit Direktor Michel Caillaud getauscht hat, hat fast alle eingereichten Aufgaben in seinem Bericht erwähnt, das sind in der Abteilung A (Beweispartien) gleich 21 Probleme. Ungewöhnlich für das Champagne-Turnier ist, dass alle vier Preisträger orthodoxe Aufgaben sind: Das geht also immer noch!

Der erste Preis ging in die Niederlande: Wer im Mai in Andernach war, konnte Joost dort kennenlernen.

Joost Michielsen
Champagne-Turnier 2025, 1. Preis Abt. A
Beweispartie in 21 Zügen (15+13)

 
Bei Schwarz sieht man nur drei Züge des[Bf7], bei Weiß etwas mehr: 0+2+4+3+4+5=18 — aber auch damit sind noch drei Züge frei. Aber das relativiert sich alles:

Bei Weiß fehlt [Bh2], bei Schwarz fehlen die beiden Läufer sowie [Bc7]. Die Läufer starben beide zu Hause (die wegzuschlagen bleiben nur drei Züge — da ahnt ihr sicher schon, wie das passiert ist?), aber der Bauer konnte nicht auf der d-Linie geschlagen werden, denn dazu fehlt ihm ein Schlagobjekt.

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Retro der Woche 32/2025

Beim vorgestrigen Hinweis auf das FIDE Album 2019-2021 hatte ich schon angemerkt, dass ich hier auf die eine oder andere Aufgabe dort zurückkommen würde. Damit will ich gleich heute beginnen.

Mich reizte das Stück von Joaquim Crusats und Andrij Frolkin schon wegen der bemerkenswerten Diagrammstellung: Alles spielt sich im Süden ab, und gleich fünf schwarze Damen lassen einen sofort fragen, ob die nun thematisch oder konstruktive Krücken sind? Nun, die Autorennamen deuten schon darauf hin, dass es bei den Umwandlungssteinen um thematischen Gehalt geht.

Joaquim Crusats & Andrij Frolkin
StrateGems 2020, 2. Preis
Ergänze einen schwarzen Springer auf einem Eckfeld und löse auf (11+12)

 

Wollen wir die Schlagbilanz untersuchen, sollten wir gedanklich bereits den dritten schwarzen Springer berücksichtigen. Damit haben wir dann noch drei schwarze Bauern und gleichzeitig fünf schwarze Umwandlungssteine. Die drei fehlenden schwarzen Steine sind durch axb, bxc und fxg erklärt.

Zu Beginn der Rücknahme müssen wir natürlich das Schach gegen den weißen König aufheben, und das geht nur durch Entwandlung auf g1: direkt g2-g1=D+ oder mit Entschlag R: h2xXg1=D+. Im ersten Falle hat Weiß anschließend nur die Rücknahme e2-e3, und dann geht es schon nicht weiter, denn warum kann Schwarz nun nicht f3xYg2 zurücknehmen?

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Retro der Woche 31/2025

Mit dem bereits in der letzten Woche hier angesprochenen Juni-Heft der Schwalbe hat Jochen Schröder die ersten zwei Jahre seiner Retro-Sachbearbeiter-Tätigkeit erfolgreich hinter sich gebracht — und ich musste feststellen, dass ich hier noch keine Aufgabe von ihm vorgestellt hatte. Das muss sich natürlich ändern!

Und daher stelle ich euch heute eine Aufgabe vor, die er im letzten Jahr veröffentlicht hat, die er dann aber noch verändert, inhaltlich weiter geschärft hatte.

Jochen Schröder
Die Schwalbe 2024
Beweispartie in 11,5 Zügen, Königsdynastie (12+11)

 
In der Schwalbe wurde die hier verwendete Bedingung „Königsdynastie“ so definiert: „Ein König – außer wenn er königlich ist – kann geschlagen werden und jederzeit – auch zur Schachabwehr – durch Bauernumwandlung neu entstehen. Er ist genau dann königlich, wenn er der einzige König seiner Partei ist. Ein König darf nur dann rochieren, wenn er königlich ist und nicht gezogen hat, seit er zuletzt königlich wurde. Die anderen für die Rochade vorgeschriebenen Bedingungen bestehen weiter.“ Daraus folgt, dass es nur Schachgebote gibt, wenn der einzige König einer Partei bedroht ist — und wegen der Schlag-Regel für Könige wird beim klassischen „Matt“ weitergespielt und im nächsten Zug gegebenenfalls der König geschlagen, womit dann eine Partie beendet wäre, ist es der einzige König.

Zählen wir die weißen Züge, so stellen wir fest, dass theoretisch der wKg1 durch Umwandlung entstanden sein kann (5+7=12) — aber da schafft es Schwarz nicht, all seine Steine loszuwerden und gleichzeitig die fehlenden weißen zu schlagen.

Na ja, bei der Bedingung können wir natürlich auch Umwandlungen erwarten…

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Retro der Woche 30/2025

Nachtrag 26.7.25: Nach einem technischen Problem gestern hatte eine alte Fassung dieses Beitrags online gestanden. Das ist nun hoffentlich korrigiert …

Am 18. Juli habe ich hier den Preisbericht des diesjährigen Champagne-Turniers anlässlich des WCC in Alba Iulia angesprochen und dabei schon angekündigt, dass ich auf dieses Turnier noch zurückkommen werde — das kann ich heute noch nicht tun, da der Bericht noch nicht veröffentlicht ist.

Stattdessen habe ich heute eine Aufgabe aus dem letztjährigen Turnier herausgesucht, zu dem gerade noch Korrekturen veröffentlicht worden sind.

Traditionell wurde das Turnier wieder in zwei Gruppen ausgetragen: Beweispartien und sonstige Retros; in beiden Gruppen waren auch nicht-orthodoxe Stücke zugelassen. Und beide Abteilungen wurden von Märchen-Retros gewonnen …

Dennoch habe ich heute die bestplatzierte orthodoxe Beweispartie ausgesucht. Ofer Comay ist eher als Hilfsmatt-Verfasser bekannt; weitaus die meisten seiner Aufgaben in der PDB sind Hilfsmatts.

Ofer Comay
Champagne-Turnier 2024, 3. Preis Abt. A
Beweispartie in 19,5 Zügen (16+13)

 

Zumindest der Süden das Diagramms schaut ja eher wie ein klassisches Auflöse-Retro aus als eine Beweispartie — speziell der Südwesten mit den drei schwarzen Steinen und der ungewöhnlichen Anordnung der weißen Steine reizte mich sofort, die Aufgabe zu lösen.

Auch zeigen die Bauern überhaupt keine Spur von Schlägen: Nun, bei Weiß sind eh alle Mann an Bord, aber bei Schwarz fehlen ein Springer sowie [Bf7] und [Bg7]— ohne Bauernspuren sind sie verschwunden, können auch nicht von Bauern geschlagen worden sein.

Das Züge-Zählen hilft auch nicht sehr viel weiter: Bei Schwarz sehen wir 1+2+7+4+2+1=17 Züge — zwei sind also noch frei.

Und bei Weiß ist die Sache ja noch fataler: 0+0+2+2+0+4=8 das sind nur 40 Prozent der weißen Züge!

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Retro der Woche 29/2025

Im Partieschach kann ein Spieler Remis reklamieren, wenn er nachweist, dass er mit seinem nächsten Zug eine Stellung herbeiführen kann, die bereits zweimal auf dem Brett gestanden hat: Gleiche Postition und gleiche Zugrechte. diese Kann-Regel wurde schon im Piraner Kodex von 1958 zur Muss-Regel beim Problemschach, denn dort gibt es ja keinen Spieler, der das Remis einfordern kann.

Diese Regel ist auch sehr nützlich: Ohne sie gäbe etwa keine Pendel-Manöver im Verteidigungsrückzüger, Schachprobleme können also mit dieser Regel vielfältiger sein als ohne!

Ähnlich macht man es auch mit der 50-Züge-Regel: Kein Schlag, kein Bauernzug in den letzten 50 Zügen führt zwangsweise zum Remis — beim Problemschach hat man auch „keine Rochade“ hinzu genommen; das wechselt beim Partieschach gelegentlich, ist dort aber in den Endspielen, in denen diese Regel meist relevant ist, nicht von besonderer Bedeutung. Und ja, da dies nicht eindeutig festgelegt ist, ist dies eine (aber allgemein akzeptierte) Grauzone.

Interessante, meist recht recht komplexe klassische Retros lassen sich mit der 50-Züge-Regel konstruieren; Nikita Plaksin war ein Meister darin, solche Mechanismen zu erfinden. Aber so kompliziert muss es gar nicht immer sein, wie das heutige Beispiel von Thierry Le Gleuher zeigt.

Thierry Le Gleuher
The Problemist 2021, Spezialpreis 2021-2022
Woher kommen die Türme? (14+11)

 

Weiß hat drei Türme; der einzig fehlende Bauer [Bb2] muss sich also umgewandelt haben. Damit fehlen bei Weiß Dame und ein Springer, die beide im Nordosten geschlagen wurden. Für die Turmumwandlung war ein Schlag nötig (bxXa7), der schwarze Damenläufer wurde zu Hause geschlagen, und die drei anderen fehlenden schwarzen Stein starben im Südosten. Und damit sind alle Schläge erklärt.

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