Retro der Woche 11/2020

Bleiben wir noch etwas in den 1980er Jahren, als sich die Beweispartien langsam zu einem wichtigen, die kommenden Jahre dominierenden Bereich der Retroanalyse entwickelten.

Michel Caillaud, zu der Zeit, als er das heutige Stück komponierte, erst etwas über 30 Jahre alt, war einer derjenigen, die früh das Potenzial der eindeutigen Beweispartien erkannt hatten und schon damals großartige Aufgaben damit zu bauen verstanden.

Michel Caillaud
Phénix 1988, Spezialpreis
Beweispartie in 21,5 Zügen (15+14)

 

Für heute habe ich solch ein Exemplar herausgesucht, das sicherlich auch heute noch zum Lösen reizt.

Bei Schwarz scheint nicht viel passiert zu sein: Es sind insgesamt nur vier Züge zu sehen. Bei Weiß sind schon etwas mehr Züge im Diagramm zu sehen, nämlich 3+0+4+2+1+3=13. Aber auch damit sind natürlich noch viele Züge frei!

Da verrät uns die Untersuchung der Schlagfälle schon mehr…

Weiterlesen →

Beifang

Wenn ich beispielsweise für einen Artikel oder einen Preisbericht in der PDB recherchiere, gelingt manchmal ein wenig „Beifang“: da finde eine nette Kleinigkeit, die ich dann gern für unsere „Zwischendurch“ Serie nehme.

Das sollen ja Aufgaben sein, die Spaß machen zu lösen, die ihr aber auch mit in den Schachclub nehmen könnt, um sie dort einmal zu zeigen, vielleicht für etwas Staunen und Freude zu sorgen.

Eyjolfur O. Eyjolfsson
Probleemblad V-VI/2004
Beweispartie in 7,5 Zügen (15+14)

 

Viel Spaß auch bei dem heutigen Stück; wie üblich gibt es die Lösung hier in etwa einer Woche.

9.3.2020: Allzu schwer sollte die Aufgabe nicht gewesen sein:

Lösung

Vierzügige Rückkehr des [Lf1] und zweizügige des [Sg1].

Retro der Woche 10/2020

Sergej Leonidowitsch Wolobujew aus dem russischen Tscheljabinsk (*18. November 1958) veröffentlichte schon als junger Twen seine ersten Retros. Bereits mit dem frühesten mir von ihm bekannten Problem (siehe P0008288) gewann er einen ersten Preis in der renommierten Zeitschrift Schachmaty w SSSR. Leider komponiert er schon seit reichlich 20 Jahren nicht mehr.

Sergej Wolobujew
Sportiwnaja Gazeta 1985, 1.-2. Preis
#1 (11+14)

 

(Heute entwickele ich die Lösung direkt im Text; wer also selbst lösen möchte, sollte gleich nicht sofort auf „Weiterlesen“ klicken.)

Hier geht es natürlich nicht primär darum, die möglichen Matts Se2# durch Weiß bzw. La7# durch Schwarz zu finden, sondern herauszufinden, wer denn am Zug sei, um die Stellung auflösen zu können?

Zunächst aber schauen wir uns die Schlagbilanz an: Offensichtlich ist der sBc2 der [Bg7] mit vier Schlagfällen, den fünften ganz es durch b7xXc6. Damit sind alle fehlenden weißen Steine erklärt, d.h. die Bauern schlugen auch [Ba2] und [Bh2], aber nicht direkt; beide mussten sich also umwandeln. Da [Ba7] und [Bh7] keinen Schlag mehr zur Verfügung haben, müssen also sowohl [Ba2] als auch [Bh2] jeweils einen „Schlag nach innen“ durchführen; damit sind auch die fehlenden schwarzen Steine erklärt.

Weiterlesen →

Retro der Woche 09/2020

Schaut man einmal in die Retro-Abteilung des FIDE-Albums 1986-1988, des ersten mit dem bekannten blauen Einband, des ersten vom Team ellinghoven/Blondel produzierten Albums, so bemerkt man, dass von den 32 Retros nur vier (!) orthodoxe Beweispartien sind –- das war die Zeit, als die Beweispartien noch nicht die dominante Rolle spielten wie ab den 1990er Jahren.

Eine dieser vier Aufgaben stammt vom damals erst 22jährigen „Nachwuchstalent“ Kostas Prentos, der heute ein hochgeschätzter Komponist und Preisrichter sowie mein Kollege als Retro-Sachbearbeiter bei StrateGems ist.

Kostas Prentos
feenschach 1988, ehrende Erwähnung
Beweispartie in 18 Zügen (14+13)

 

Sicherlich fällt sofort der weiße König auf, der sich ins schwarze Lager vorgekämpft hat, um dort mattgesetzt zu werden.

Zählen wir die sichtbaren weißen Züge, so kommen wir nur auf 8+0+1+2+1+1=13 – es sind also noch fünf Züge frei. Das ist eine ganze Menge, aber wenn wir etwas genauer hinschauen, erkennen wir die sehr schnell:

Weiterlesen →

Weiberfastnacht

Heute, an Weiberfastnacht, beginnt die heiße Phase des Karnevals, im Rheinland der Straßenkarneval.

Vielleicht habt ihr trotzdem (oder gerade deshalb) ein wenig Lust und Zeit, euch eine hübsche kleine Beweispartie anzuschauen?

Noam Elkies
Probleemblad XI-XII/2000
Beweispartie in 5,5 Zügen (16+13)

Noam ist nicht nur Löse-Großmeister und (Schach- und Musik-)Komponist, sondern „im Hauptberuf“ Mathematiker; bereits mit 26 Jahren, so jung wie noch niemand zuvor, er-hielt er in Harward eine Vollprofessur.

Wie immer bringe ich in einer Woche hier die Lösung…

Hier nun die hübsche Lösung:

Lösung

mit toller Tempo-Rückkehr des [Sb8], der dann auch noch verschwindet; viel Inhalt für nur 5,5 Züge!

Retro der Woche 08/2020

Der Ukrainer Alexander Kisljak (27.12.1938—5.5.2010) ist besonders bekannt als Komponist hervorragender klassischer Retroaufgaben; einige davon habe ich hier schon vorgestellt, ihr findet sie leicht über die Suchfunktion hier im Blog. Er hat aber auch, sicherlich weniger bekannt, 1993 ein zweisprachiges Büchlein (Поверженный Монарх — The monarch overturned; zu Deutsch: Besiegter Monarch) mit 64 eigenen Beweispartien veröffentlicht, in denen der schwarze König auf jedem der 64 Felder mattgesetzt wird.

Die Forderungen seiner klassischen Aufgaben hat er häufig mit konkreten, direkten Fragen nach dem wesentlichen Inhalt formuliert, so auch bei dem Stück, das ich für heute herausgesucht habe.

Alexander Kisljak
Schachmatnaja Komposizia 1992, 1. Preis (A. Kusnezow gewidmet)
1. Zug der vier Randbauern? (13+10)

 

Richten wir also unser Augenmerk auf [Ba2], [Ba7], [Bh2] und [Bh7]. Zu ihrem Schicksal können wir jetzt natürlich noch gar nichts sagen, das wird sich erst im Laufe der Retroanalyse herauskristallisieren.

Auffällig ist der weiße „Volet-Bauer“ auf h7, der sich, von c2 kommend, komplett durchgefressen hat; zusammen mit dem weißen Doppelbauen auf der g-Linie sind damit alle weißen Schläge erklärt.

Weiterlesen →

Point Reflection

Im Rahmen der WCCT Treffen werden stets eine Kompositionsturniere ausgerichtet; für uns Retro-Freunde sind dort die Champagne-Turniere von Michel Caillaud besonders bekannt. Auch die japanischen Problemisten tragen schon seit vielen Jahren zu dieser Tradition bei — nicht zufällig unter dem Namen „Sake-Turnier“.

Bei dem von 2019 ging es um die neue Märchenbedingung „Point Reflection“, eine Erfindung von Hiryu Todoroki, mit der recht einfach ausschauenden Regel (zitiert aus dem Märchenlexikon der Schwalbe)

Stehen zwei Steine (beliebiger Farbe, Könige eingeschlossen) auf Feldern, die punktsymmetrisch bezüglich der Brettmittelpunkts zueinander sind (z.B. a1-h8, b3-g6), tauschen sie ihre Zug-, Schlag- und Wirkkräfte (behalten aber die Farbe, die Bauernzugrichtung und evtl. königliche Eigenschaften bei).

Dazu gibt es noch zusätzliche Festlegungen:

Ein Bauer auf der ersten Reihe kann nicht ziehen, sein korrespondierender Stein auf der achten Reihe daher auch nicht. Die Rochade ist nur mit nicht-gespiegelten Figuren (König, Turm) möglich. Nur nicht-gespiegelte Bauern können en passant schlagen.

Die Auswirkungen auf dem Brett sind allerdings recht heftig! Zum „Eingewöhnen“ empfehle ich euch den Preisbericht des genannten Turniers.

Und zum Selbstlösen zwischendurch lade ich euch mit einer kleinen Beweispartie ein:

Christian Poisson
562 Parties Justificatives Homebase
Beweispartie in 3,5 Zügen, Point Reflection (15+15)

 

Auf die Quelle hatte ich schon im Oktober letzten Jahres aufmerksam gemacht.

Wie üblich bringe ich in etwa einer Woche hier die Lösung; viel Spaß beim Knobeln!

… Und hier ist nun die Lösung:

Lösung

1.d4 e5 2.dxe5 Kxe5 (Damenkraft) 3.Dd4+ Ke8 (wieder Damenkraft) 4.Dd1

Rückkehr von wD und sK.

Retro der Woche 07/2020

Weshalb wirkt beispielsweise eine Beweispartie mit Allumwandlung auf uns „harmo-nisch“? Weil die vier Umwandlungen einfach „zusammenpassen“, da alle möglichen Offiziere genau einmal erwandelt werden. Und dabei wirkt eine einfarbige Allumwandlung oder eine, bei der zwei weiße und zwei schwarze Umwandlungen erfolgen, harmonischer als eine mit der Farbverteilung 1:3, denn hier wird das Spiel auf die Farben verteilt ein wenig uneinheitlich sein. Das ist es bei einer einfarbigen Allumwandlung offensichtlich noch mehr -– aber da entsteht die Einheitlichkeit aus der klaren Aufgaben- und Farbverteilung.

Ähnlich erscheint es auch bei der Verbindung unterschiedlicher Themen – und dafür habe ich heute ein, wie ich finde, sehr hübsches Beispiel herausgesucht.

Silvio Baier
Die Schwalbe 2013, 2. Preis
Beweispartie in 27 Zügen (14+14)

 

Der Versuch, sich der Lösung über das übliche Abzählen er sichtbaren Züge zu nähern, könnte zu grauen Haaren (solange noch nicht vorhanden) führen: Wir sehen bei Weiß 3+0+1+1+1+6=12, bei Schwarz 2+0+3+1+0+5=11 Züge – mehr als die Hälfte der Züge sind noch frei!

Allerdings hilft uns hier die Analyse der Schlagfälle und der Bauernstruktur schon entscheidend weiter.

Weiterlesen →