Retro der Woche 06/2014

Besonders gründliche und treue Leser dieses Blogs werden, wenn sie sich mit dem heutigen Retro der Woche beschäftigt haben, vielleicht sagen: „Dieses Thema hatten wir hier doch schon einmal?“

Darauf komme ich zum Schluss noch einmal zurück; nun aber sollten wir zunächst einen Blick auf die heutige Aufgabe werfen, die nun schon beinahe (sie wurde im April veröffentlicht) 15 Jahre alt ist, aber mich immer noch mit ihrer Eleganz und Prägnanz begeistert.

Michel Caillaud
Problemesis 1999, 1. Preis
Beweispartie in 17 Zügen (13+13)

 
Betrachtet man die sehr offene Diagrammstellung, so sieht man zunächst nur fünf weiße (1xL, 2xS, 2xB) und drei schwarze (3xB) Züge – das hilft zunächst noch nicht viel weiter.

Hilfreich ist allerdings dann die Betrachtung, was denn auf dem Brett fehlt, welche Steine also geschlagen worden sein müssen.

Weiterlesen

Die Schwalbe Februar 2014 erschienen

Gestern hatte ich darauf hingewiesen, dass das Februar-Heft der Schwalbe versandt worden sei — und heute hatte ich es schon im Briefkasten!

Sehr viel interessanter Lesestoff findet sich dort: Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe mich eben intensiv mit dem Zweizüger-Preisbericht 2012 von Wieland Bruch (Ersatzrichter für den verstorbenen Milan Velimirović) beschäftigt!

Daraus solltet ihr nicht schließen, dass es für Retrofreunde keine spannende Lektüre gäbe: im Gegenteil! Neben den (leider nur) sechs Urdrucken und der wie üblich ausführlichen Lösungsbesprechung zu den Urdrucken aus dem August-Heft 2013 gibt es einen sehr interessanten Aufsatz von Nikolai Beluchow zum Thema >Ortho-Rekonstruktionen, den ich euch sehr ans Herz lege.

Auf zwei weitere Punkte im neuen Schwalbe-Heft werde ich in den nächsten Tagen noch zurückkommen.

Erinnerung: 213. TT der Schwalbe

In meinem Artikel vom 3. September 2013 hatte ich schon auf das Konstruktionsturnier der Schwalbe, das als 213. Thematurnier durchgeführt wird (“Matt durch einen Stein/eine Steinart). Die genaue Ausschreibung findet ihr im Augustheft 2013 der Schwalbe, Seite 180-181.

Nun möchte ich euch daran erinnern, dass ihr nur noch vier Wochen Zeit habt, euch an diesem interessanten Turnier zu beteiligen: Schickt eure Beiträge bis zum 28. Februar 2014 an Silvio Baier (hilfsmatts(at)dieschwalbe.de).

Viel Spaß und Erfolg!

Terminsachen

Zwei kleine Randnotizen zum Thema in der Zeit:

Bereits am letzten Mittwoch (29. Januar!) sind die Februar-Hefte der Schwalbe verschickt worden! Mit etwas Glück können sie ja schon bei dem einen oder anderen noch im Januar angekommen sein — bei mir jedenfalls nicht, hier braucht die Post für Bücher und Zeitungen meist eine Woche.

In der letzten Woche habe ich auch den zweiten Teil des StrateGems Retro-Preisberichts fertig gestellt und an den dortigen Sachbearbeiter, Kostas Prentos, geschickt — die Preisberichte für das Jahr 2013.

Retro der Woche 05/2014

Im Retro der Woche 49/2013 hatte ich bereits den ersten Preis im Probleemblad 2004 Turnier vorgestellt, heute soll nun der 3. Preis folgen. Auf den zweiten werde ich hier auch noch eingehen.

Hier nun zeigt uns Gerd Wilts eine relativ kurze, aber doch nicht so ganz einfach zu lösende Beweispartie, wenn ich mich an meine eigenen Versuche erinnere.

Gerd Wilts
Probleemblad 2004, 3. Preis
Beweispartie in 18 Zügen (11+14)

Zunächst einmal bekommt man einen Schrecken: Nur zwei Züge des Weißen sind im Diagramm sichtbar – wo sind die anderen 16 geblieben? Aber das ist nicht ganz so tragisch, wenn man sich einerseits die schwarzen Züge anschaut und dann noch betrachtet, welche weißen Steine fehlen und wie sie verschwunden sein können.

Beginnen wir mit der Inventur der schwarzen Züge: Man sieht schnell, dass Schwarz für die minimale Anzahl seiner Züge lang rochiert haben muss. Wenn man das berücksichtigt, kommt man auf 2K+1D+3T+3L+4S+5B Züge – das sind 18; damit sind alle schwarzen Züge erklärt.

Aus Lösersicht besser noch: damit sind alle Züge auch eindeutig definiert, denn für die kürzesten Wege aller schwarzen Steine von der Ausgangs- bis zur Diagrammstellung gibt es nur jeweils eine Möglichkeit.

Ein wenig schwieriger schaut das mit den weißen Steinen aus.

Weiterlesen

Komponisten-Datenbank

Auf der WFCC-Seite ist das Projekt Chess composers’ names in various alphabets nun in neuer Darstellung verlinkt, nachdem es dort eine neue Heimat gefunden hat.

Ziel der Datenbank mit den Editoren Thomas Maeder und Rainer Staudte ist, beim “richtigen” Schreiben der Namen von Komponisten zu unterstützen. Na ja, nichts einfacher als das, sollte man denken: Man schreibt einfach den Namen aus der Quelle ab?!

Aber ganz so einfach ist das nicht, besonders nicht bei den Namen von Autoren, die in anderen Alphabeten geschrieben sind, beispielsweise kyrillisch. Dabei ist zu beachten, dass es unterschiedliche Weisen der Übertragung etwa in unser lateinisches Alphabet gibt (Transkription und Transliteration). Noch viel spannender wird es, wenn man einen ursprünglich in einem kyrillischen Alphabet geschriebenen Namen z.B. in einer englischen Quelle nachgedruckt findet und man kennt den Autor nicht: Im Englischen wird anders transkribiert als im Deutschen; eine einfache Übernahme der Schreibweise ist also nicht möglich.

Hierbei soll die neue Datenbank unterstützen. Schaut mal dort vorbei, auch zu den linguistischen Fragen gibt es interessante Informationen. Ich wünsche den Machern jedenfalls von Herzen, dass sie weitere Mitstreiter finden, die die unterschiedlichen Arten der Namensübertragung einpflegen, so dass die Datenbank noch besser nutzbar wird.

Retro der Woche 04/2014

Wenn ihr einmal den Verfasser einer Beweispartie raten sollt, könnte es eine gute Idee sein, auf Satoshi Hashimoto zu tippen, wenn der weiße König auf a8 stehen sollte.

Dies hatten wir bereits im Retro der Woche 23/2013 gesehen, und dorthin führt Satoshi auch bei der heutigen Beweispartie den weißen Monarchen. Dass das „Wir machen den Weg frei!“ heftige Auswirkungen auf das schwarze Spiel haben muss, kann man sich bereits gut vorstellen, schon bevor man die Aufgabe genauer betrachtet.

 

Satoshi Hashimoto
Probleemblad 2005, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 24 Zügen (16+16)

 

Betrachtet man allerdings die Aufgabe genauer, so sieht man wegen der schwarzen Bauernformation rasch, dass der weiße König nur über ein einziges Feld in das schwarze Lager gelangen konnte, nämlich über h6!

Damit ist klar, dass die schwarzen Steine zwischen g8 und b8 allesamt Platz gemacht haben und zurückgekehrt sein müssen; das sind schon einmal zwölf Züge. Doch halt, das reicht nicht immer: Der schwarze König muss mindestens vier Züge gemacht haben (anders kann der wK nicht an seinem schwarzfarbigen Kollegen vorbei kommen), und Lf8 sowie Dd8 erfordern jeweils ein zusätzliches Zugpaar, um ihr Standfeld (durch weiteren Wegzug oder Verstellung) zu „ent-decken“; beim sLc8 ist dies wegen des freien Feldes c7 nicht erforderlich. Dies gilt ebenso für den sSb8; aber hier können Springer und Dame zusammenspielen, indem sS die sD verstellt und somit kein weiteres Zugpaar erforderlich ist.

Das ist auch nötig, denn damit kommen wir bereits auf 18 erforderliche schwarze Züge; hinzu kommen Ta8-d8-d6 sowie die vier schwarzen Bauernzüge, und damit sind alle schwarzen Züge prinzipiell erkärt.

Bei Weiß sieht es ähnlich aus: der Weg des wK via h6 nach a8 erfordert zwölf Züge, hinzu kommen 2+0+3+3+4 weitere direkt im Diagramm sichtbare Züge – in Summe also ebenfalls 24.

Nach diesen Vorüberlegungen ist die Lösung sicherlich gar nicht mehr so schwierig, und bei der Zusammenstellung und Ordnung der Züge hat mich besonders die technische Rolle des wSe5 beeindruckt: Der schaut so harmlos aus, ist aber für die genaue Reihenfolge der schwarzen und weißen Zugfolgen von entscheidender Bedeutung – sehr gelungener Konstruktionskniff. Raffiniert auch, wie der Weg nach h6 eindeutig gemacht wird!

 
1.g4 d5 2.Lg2 d4 3.Lc6+ Sd7 4.Lb5 c6 5.f3 Da5 6.Kf2 Sb6 7.Kg3 Kd7 8.Kh4 g5+ 9.Kh5 Lg7 10.Sa3 Le5 11.Sc4 Sf6+ 12.Kh6 Ke6 13.Kg7 Sg8+ 14.Kf8 Lg7+ 15.Ke8 Lf8 16.Kd8 Ld7+ 17.Kc7 Td8 18.a3 Lc8 19.Kb8 Kd7 20.Se5+ Ke8 21.c4 Td6 22.Da4 Sd7+ 23.Ka8 Dd8 24.Da5 Sb8.
 

Das FIDE-Album (hier bekam das Stück übrigens verdiente 10,5 Punkte!) sind nicht nur der lange Königsmarsch und die Rückkehren, sondern auch die drei „indischen“ Verstellungen erwähnt – neben den bereits angesprochenen haben wir ja auch noch die temporäre Verstellung sTd8/sLc8/wKb8.

Interessant ist Satoshis Erläuterung zur Komposition dieses Stücks in seinem Buch „64 Proof Games“: You can see easily that the K enters the Black territory from h6 and goes all the way to a8. Accordingly, all the black pieces in between must go away for a while – that is the idea of this problem. I had this principle in my mind, but I did not know how to deal with it for some time. One day, I changed upon this entrance, and the rest came all at once. Sometimes composing can be so easy like that.

Doing it without captures was not what I intended from the beginning. I just did not need any captures to make it.

Eine meiner Lieblings-Beweispartien!