Retro der Woche 09/2026

Klassische Verteidigungsrückzüger finde ich deshalb so attraktiv, weil sie Retro- und Vorwärtsspiel auf einzigartige Weise miteinander verknüpfen. Das macht sie natürlich inhaltlich häufig komplex und anspruchsvoll — sowohl für den Komponisten als auch für den Löser.

Für heute habe ich eine Aufgabe ausgesucht, die durch ihre Zwillingsbildung schon Interesse weckt und in der sich unterschiedliche inhaltliche Komplexität zeigt. Insofern erscheint sie mir gerade für nicht so tief in der Materie steckende Retrofreunde besonders interessant und instruktiv.

Wolfgang Dittmann
O-O Spiegelzwillinge-TT 1981, 2. Preis
#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca b) gespiegelt (a1<->h1) (11+8)

 
Über diese Aufgabe schreibt VRZ-Spezialist Wolfgang Dittmann in seinem Buch Der Blick zurück: „Die Stellung a) desZwillings bietet nicht viel Inhalt.“ Weiß hat mit seinen Bauern offenbar alle acht fehlenden schwarzen Steine geschlagen — dabei kam aber wBc6 nicht von g2, denn dann hätten alle Schlagfälle auf weißen Feldern erfolgen müssen, und der fehlende schwarzfeldrige Läufer könnte nicht erklärt werden. Also kommt er von f2, der Bauer auf f5 von g2.

Weiß kann bei seiner Rücknahme also nicht entschlagen: R: 1.Th3-e3, das droht R: 2.Sd5-e7 und v: 1.Th8#, dagegen verteidigt sich Schwarz mittels 1.— Kg8-f8 oder Kg8xSf8, doch nun kann Weiß 2.Sg6-e7+ zurücknehmen, wonach wieder v: 1.Th8# folgt.

Das hätte der Autor sicher nicht veröffentlicht, das hätte sicher keine hohe Auszeichnung erhalten, wenn im Zwilling alles analog liefe. Ja, die Zugfolgen von oben funktionieren auch in der gespiegelten Stellung, aber, man ahnt es, Schwarz kann sich dann besser verteidigen. Und wie, das sagt eigentlich schon die Quelle der Veröffentlichung, nämlich die von Hanspeter Suwe herausgegebene Zeitschrift „O-O“.

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Retro der Woche 45/2024

Nicht nur die Beweispartien, wie wir das beispielsweise im letzten Retro der Woche gesehen hatten, waren in der US-amerikanischen Zeitschrift StrateGems bis zu deren Ende 2022 von exquisiter Qualität, sondern auch die klassischen Retros zeigten hohes Niveau und große thematische Bandbreite.

Das zeigte sich auch im letzten Informalturnier, von dem ich bereits den ersten Preis, ein unglaublicher Illegal-Cluster-Task und den zweiten Preis, ein klassisches Auflöse-Retro, vorgestellt hatte. Das auf Platz drei gelandete Problem ist ein höchst originelles Rebus-Problem, bei dem also aus den angegebenen Buchstaben erst einmal die Stellung rekonstruiert werden muss, bevor die Zusatzfrage beantwortet werden kann. Und, so viel kann ich schon verraten, die Zwillingsfassung hat es in sich!

Nina Omeltschuk, Andrej Frolkin & Jeff Coakley
StrateGems 2022 ‚Reflect‘– 3. Preis
Forderung siehe Text

 

Hier zunächst die Forderung: „Unterschiedliche Buchstaben bedeuten unterschiedliche Steinarten, Groß- und Kleinschreibung bedeuten verschiedene Farben. Bestimme die Stellung und den letzten Zug. – b) horizontal gespiegelt.“

Wie kann man solche Aufgaben lösen? Versuchen wir also, aus den Buchstaben Rückschlüsse auf die Steine zu ziehen. Vielleicht wird zwischendurch schon die Farbverteilung klar, vielleicht auch erst zum Schluss.

Hier ist die Klärung, was Könige und was Bauern sind, recht einfach. Die Bauern sind Cc – nicht etwa, weil gleich sieben Mal „C“ vorkommt, mit solchen “plausiblen” Überlegungen wäret ihr schon bei einigen Rebus-Aufgaben gescheitert! Nein, aber alle anderen Steine stehen mit mindestens einem Exemplar auf der ersten bzw. achten Reihe. Und auch die Könige können wir leicht als Rr identifizieren: Sie sind die einzigen Steine, die je Farbe exakt einmal vorhanden sind.

Nun wird es etwas schwieriger.

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Retro der Woche 09/2019

Gestern hatte ich bereits eine klassische Retroaufgabe des jungen Gerd Wilts vorgestellt, heute soll noch eine folgen, wieder mit, gerade bei Auflöseaufgaben ungewöhnlich, mehr als einer Lösung.

Diese Aufgabe zeigt eine sehr spezifische Zwillingsbildung, nämlich Spiegelung an der senkrechten Mittelachse des Bretts.

Gerd Wilts
Die Schwalbe 1991, 7. ehr. Erwähnung
#1 (wer?). gespiegelt a1<->h1 (14+13)

 

Nun kann man sich natürlich fragen, inwiefern solch eine Spiegelung das Spiel (vorwärts oder rückwärts) ändern kann? Sie wird gelegentlich bei Circe-Aufgaben genutzt, weil sich damit das Repulsfeld der Damen ändert; Klaus Wenda hat sich damit intensiv beschäftigt.

Aber gleichzeitig, und das ist hier relevant, ändert sich die Partieausgangsstellung der Könige in der Brett-Topologie – und das hat natürlich Auswirkungen auf die Rochade. Aber was hat diese Aufgabe mit der Rochade zu tun?

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