Retro der Woche 03/2026

Ich habe hier ja schon häufiger erzählt, dass ich Aufgaben mit Platzwechseln generell sehr mag. So könnt ihr euch sicher vorstellen, wie ich mich gefreut hatte, als für das erste Retro-Turnier im Rahmen des 10. WCCT „Orthodoxe Beweispartien mit Platzwechsel mehrerer Figuren“ ausgewählt wurde — und da Deutschland eines der fünf Richter-Länder war, konnte ich mich intensiv mit allen 57 eingesandten Aufgaben beschäftigen.

Die erstplatzierte und eine der drei auf den Plätzen 3-5 hatte ich hier bereits als Retro der Woche 06/2028 bzw. 09/2023 vorgestellt; heute möchte ich euch die Aufgabe zeigen, die auf dem zweiten Platz gelandet war.

Nicolas Dupont
10. WCCT 2017, 2 Platz
Beweispartie in 25 Zügen (13+15)

 
Bei Schwarz fehlt im Diagramm nur der g-Bauer — der aber kann auf der c-Linie, wo wir einen weißen Doppelbauern entdecken, nicht geschlagen worden sein. Er muss sich also nach gxBh auf h1 umgewandelt haben. Bei Weiß fehlen also noch die Dame sowie ein Bauer: Je nachdem, ob wBc4 von b2 oder von d2 kommt, also der Bd2 oder Bb2. Der muss nun schlagfrei umgewandelt haben, um dann selbst geschlagen zu werden oder den geschlagenen Originalstein zu ersetzen.

Wenn wir uns ein wenig Gedanken um sicher geschehene Züge machen, fällt uns schnell auf, dass beide schwarzen Springer sich bewegt haben müssen, um die Türme durchzulassen. Sollten die etwa …? Wir denken schließlich an das Thema des Turniers! Das würde dann für die Springer sechs Züge bedeuten statt der „nur“ vier bei einer normalen Rückkehr.

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Retro der Woche 47/2025

Nach dem zweitplatzierten Stück im Probleemblad Preisbericht für die Jahre 2019 und 2020, das ich hier vor zwei Wochen vorgestellt hatte, möchte ich nun den ersten Preisträger nachreichen. Um schon einmal etwas zu spoilern: „And the winner is … the Retro editor himself!“

Roberto Osorio
Probleemblad 2020, 1. Preis 2019-2020
Beweispartie in 20 Zügen (14+14)

 
Eine völlig harmlos ausschauende Stellung, die man doch leicht in deutlich weniger als 20 Zügen erspielen kann? Der nahe liegende erste Gedanke, die auffällige schwarze Dame sei auf b1 aus dem [Ba7] entstanden, erledigt sich schnell, wenn man die schwarzen Doppelbauern auf der c- und f-Linie entdeckt hat, die für das Fehlen jeweils eines weißen Turms und Springers verantwortlich zeichnen.

OK, also wurde [Ba7] zu Hause geschlagen — und wo der fehlende schwarze Turm? Wenn ihr das nun versucht, werdet ihr feststellen, dass das so leicht gar nicht ist — dass sich diese so plausiblen Gedanken nicht umsetzen lassen.

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Retro der Woche 23/2024

Vor ein par Tagen bin ich im Internet, konkret bei facebook in der Gruppe „Chess Endgames and Compositions“ über eine Beweispartie gestolpert, die sich, wie ich meine, hervorragend für unsere Serie eignet: Da kann ich gleichzeitig noch eine Frage „jenseits der eigentlichen Aufgabe“ mit euch diskutieren.

Michel Caillaud
Die Schwalbe 2016, 4. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 22,0 Zügen (14+14)

 

Beginnen wir mit der Analyse der Schlagfälle: Bei Schwaz fehlen [Lc8], der zuhause geschlagen werden musste, sowie [Bh7], der auf der h-Linie sterben musste. Bei Weiß fehlt {Be2], der selbst nicht schlagen konnte, sowie [Dd1], die auf b6 oder b5 vom schwarzen a-Bauern geschlagen wurde.

Das hilft nur bedingt weiter, drum betrachten wir die sichtbaren Züge: Bei Weiß haben wir 3+2+3+3+2+4=17 – erschreckend wenig, gerade weil wir wissen, dass sich kein Bauer umgewandelt haben kann: fünf Züge sind noch frei. Das Zählen bei Schwarz ist aber zunächst noch frustrierender: 4+1+0+1+0+3=9 !!

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Retro der Woche 46/2020

Ein wichtiges Ziel beim Komponieren von Beweispartien ist für viele, in der Diagrammstellung möglichst wenig von Inhalt und Thema zu verraten; dies ist etwa der Hauptgrund für die Beliebtheit von Umwandlungsthemen, bei denen der Umwandlungsstein oder sein „originales Gegenstück“ verschwindet. Ähnlich ist es mit Platzwechseln, Rundläufen und Rückkehren, ähnlich ist es mit „Betrüger-Steinen“, die den (falschen) Anschein erwecken, als stünden sie schon ursprünglich auf diesem Feld (als Bauer: kämen sie von dieser Reihe), kommen aber von einem anderen Feld, einer anderen Reihe.

Wenn ihr die heutige Beweispartie gelöst oder durchgespielt habt, möget ihr doch für euch entscheiden, ob die Autoren beim Komponieren auch dieses Ziel vor Augen hatten — ob sie es dann erreicht haben?

Etienne Dupuis & Michel Caillaud
Probleemblad 2000
Beweispartie in 20 Zügen (13+14)

 

Zählen wir zunächst die sichtbaren Züge, so entdecken wir bei Weiß gerade einmal drei (bxc3 sowie Lf1-h3-g4). Bei Schwarz sind es einige mehr: 1+2+0+1+2+8=14.

Merkwürdige Zählerei bei Schwarz für Läufer und Bauern? Nun, [Lc8] wurde offensichtlich zu Hause geschlagen (dafür brauchen wir natürlich weitere Züge von Weiß!), Le4 ist also ein offensichtlicher Phönix, muss also durch Umwandlung entstanden sein. Und minimal hat er anschließend einen Zug gemacht, um nach e4 zu kommen.

Es fehlt nur ein schwarzer Bauer, der [Lc8] durch Umwandlung ersetzt haben kann: [Bh7].

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Retro der Woche 14/2016

Die Beweispartien des Russen Rustam Ubaidullajew zeigen immer sehr originellen Inhalt fern jeglicher Schablone. Mir persönlich erscheinen sie auch (deswegen??) meist schwer zu lösen.

Heute habe ich ein schon etwas älteres Stück von ihm ausgegraben, an dem ihr meine Thesen selbst überprüfen könnt.

Rustam Ubaidullajew
Schachmatnaja Komposizija 2003
Beweispartie in 23 Zügen (16+16)

 

Überlegungen zur Schlagbilanz etwa anhand von Doppelbauern können wir uns hier natürlich sparen, da ja noch alle 32 Klötze auf dem Brett stehen.

Auffällig an der Diagrammstellung ist sicher besonders wTd7, der ja „irgendwie“ über die achte Reihe auf sein Zielfeld gelangt sein muss. Und wie üblich sind das „Züge zählen“ und mögliche Schlussfolgerungen daraus auch hier eine Grundlage zur Lösung.

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