WFCC-Turnierkalender

Seit heute ist auf der Seite der WFCC ein Turnierkalender online: Dort findet man Formal- und Informalturniere aller Typen, die wir aus den FIDE-Alben kennen (allerdings fehlt die Gruppe H, also die Retros noch — vielleicht fehlt da auch einfach nur ein Turnier?!), die man nach verschiedenen Kriterien filtern kann.

Wenn der Kalender einmal stärker gefüllt ist, ist er sicherlich eine höchst interessante und aktuelle Informationsquelle über Kompositionsturniere.

Wollt ihr dort ein Turnier eintragen lassen, wendet euch an Kenneth Solja (kenneth.solja(at)gmail.com). Ich habe die Seite unter “interessante Links” eingetragen.

Retro der Woche 49/2023

„Klassische“ Auflöse-Retros mit Märchenbedingungen sind relativ selten: Sind sie doch häufig sehr kompliziert zu bauen, korrekt zu bekommen und auch zu lösen. Ein solches Stück möchte ich euch heute zeigen, dessen Entstehen übrigens eng mit der ersten beschriebenen Schwierigkeit zusammenhängt.

Das Stück verwendet die Madrasi Bedingung, ihr erinnert euch sicherlich? Ein Stein, der von einem gleichartigen Stein der anderen Farbe (außer den Königen, wenn nicht rex includive sie auch in die Regel einbezieht) beobachtet wird, ist paralysiert (man sagt auch „gelähmt“), d.h. er kann weder ziehen noch schlagen (und damit auch nicht Schach bieten), sondern nur paralysieren.

Nikita Plaksin, Andrej Kornilow & Hans Gruber
feenschach 1989, 3. Preis
Letzte neun Einzelzüge? Madrasi (14+8)

 

Im Diagramm ist der letzte Zug recht einfach zu finden: Der schwarze König steht im Schach durch den weißen Läufer, der aber im letzten Zug dort selbst nicht hingezogen haben kann. Das Schach kann also nur entstanden sein, wenn Weiß in seinem letzten Zug die Paralyse des wLg7 aufhebt.

Das kann offensichtlich nur durch Schlag eines schwarzen Läufers auf f6 geschehen sein. Und der schlagende Bauer kann nicht von g5 gekommen sein, denn dort wäre er ja durch sBh6 paralysiert gewesen, also muss der letzte Zug R Be5xLf6+ gewesen sein.

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Niklas von Wyle

Ihr kennt den Komponisten Niklas von Wyle nicht? Na ja, moderne Zyklusthemen oder Proof Games of the Future hat er nicht gebaut: Das sind aber auch Themen, die nach seiner Zeit ihren Höhepunkt an Popularität hatten — und seine Zeit lag in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts!

Ralf Binnewirtz hat sich das Manuskript von Wyles vorgenommen, stellt es in einem Geschichts-Beitrag hier auf dieser Site vor — und publiziert gleichzeitig die Korrektur eines im Manuskript urgedruckten Selbstmatts.

Spannende Lektüre kann ich euch wieder versprechen!

Retro der Woche 48/2023

Einer meiner Lieblings-Beweispartiekomponisten ist der Japaner Satoshi Hashimoto (Jahrgang 1957): Er ist mit seinen Lösungen immer wieder für Überraschungen gut; sehr versteckt zeigt er stets interessante Inhalte und Strategie. Wenn ihr euch einen schönen Beweispartie-Abend machen wollt, spielt einfach seine Aufgaben hier im Blog durch — aber nehmt euch vorher ein wenig Zeit, um zumindest erste Analysen zur Stellung anzustellen, eine begründete Vermutung über die Thematik und Lösungsstrategie aufzustellen.

Satoshi Hashimoto
Die Schwalbe 2001, 3. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 18 Zügen (13+16)

 

Nur zwei schwarze Züge sind im Diagramm zu sehen, und auch bei Weiß sind es nicht annähernd genug, um die geforderte Zügezahl zu erreichen; hier sehen wir 2+2+0+3+1+1=9 — gerade einmal die Hälfte der gespielten Züge! Wie können wir uns trotzdem der Lösung nähern?

Da schauen wir uns zunächst an, welche weißen Steine denn fehlen Das sind die drei Bauern [Bc2], [Bf2] und [Bg2]. Weiß konnte selbst nicht schlagen, da Schwarz noch “alle Mann an Bord” hat, gleichzeitig gab es zwei Bauernschläge durch Schwarz. Daraus können wir schon eine Menge Schlussfolgerungen ziehen:
Es ist leicht zu sehen, dass [Bf2] auf f6 geschlagen wurde. Ebenso sehen wir schnell ein, dass [Bc2] auf der c-Linie sterben musste. Wie konnte aber [Bg2] verschwinden?

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Retro der Woche 47/2023

Wir verbinden die Kompositionen von bernd ellinghoven, der Anfang dieser Woche verstorben ist, meist mit Märchenschachaufgaben oder längeren Hilfsmatts, in denen er sich, häufig zusammen mit Fadil Abdurahmanović, um Darstellung neudeutscher Ideen bemüht hat — die von bernd so genannte “Hilfsmatt-Revolution”.

Aber er war auch ein großer Freund der Retroanalyse, bewunderte etwa das Werk von Wolfgang Dittmann, wie man in seinem Kommentaren zu dessen “Der Blick zurück” nachlesen kann. Selten kam er allerdings zum Komponieren von Retros — meist zusammen mit Co-Autoren. Eines dieser Ergebnisse, das wesentlich Märchenschachelemente enthält, möchte ich euch heute zeigen.

bernd ellinghoven & Hans Peter Rehm
Messigny 2002, O. Ronat gewidmet, Ehrende Erwähnung
h#2 b) sLe4 nach d4 — Elsässisches Anticirce (3+15)

 

Wir erinnern uns: Bei Anticirce verschwindet das Schlagobjekt, der Schläger wird circensich wiedergeboren. Allerdings muss sein Wiedergeburtsfeld frei sein, ansonsten ist der Schlag nicht zulässig.

Das Attribut “elsässisch” bringt nun den Retroaspekt ins Spiel: bei “elsässischen” Aufgaben muss jede Stellung nicht nur gemäß der Märchenbedingung(en) legal sein, sondern auch gemäß der orthodoxen Regeln. Und das führt häufig zu spanenden Lösungen, in denen ansonsten mögliche Züge an der orthodoxen Legalität scheitern. Und das werden wir natürlich auch hier erleben.

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bernd ellinghoven

Heute Nachmittag erhielt ich die erschütternde Nachricht, dass bernd ellinghoven in der letzten Nacht, knapp drei Monate nach seinem 70. Geburtstag, verstorben ist.

Wir alle wussten um seinen schlechten Gesundheitszustand, aber in den letzten Wochen hatte ich gehofft, dass bernd –auch wegen seiner wieder intensiveren Beschäftigung mit Problemschach, mit seinem feenschach — wieder neuen Lebensmut gewonnen hätte, und das hatte mich eigentlich ein wenig optimistisch für die Zukunft gemacht.

bernd hat vor 30 Jahren, nach dem Tod von Peter Kniest, seinem Lehrmeister, die Herausgabe von feenschach übernommen, die Zeitschrift zu einer einmaligen Quelle für alle Märchenschachfreunde weiterentwickelt — weit über Circe und Nachtreiter hinaus zu einer Kulturzeitschrift. Die Veröffentlichung der letzten Hefte hatte sich auch wegen bernds Erkrankung deutlich verzögert, nun aber sind sie kurz davor, fertig zu werden.

bernd hat Problemschach gelebt wie kaum ein anderer: Wie erwähnt 30 Jahre lang feenschach-Herausgeber, ähnlich lange deutscher Delegierter bei der Welt-Problemschach-Kommission, die ihn deshalb in diesem Jahr zum Ehrenmitglied der Kommission ernannt hat, ebenso lange damit Vorstandsmitglied der Schwalbe, Jahrzehnte langer Drucker und Versender für die Schwalbe und viele andere Schachzeitungen — dafür wurde er nicht nur von der WFCC geehrt, er war Herausgeber einer grandiosen Problemschach-Bücherserie (Edition FEE=NIX), er war wegen seiner riesigen Verdienste um das Problemschach schon lange Ehrenmitglied der Schwalbe und der BPCS, erhielt anlässlich seines 70. Geburtstags die silberne Ehrennadel des Deutschen Schachbundes.

bernd wird für alle, die ihn kannten, die seine Liebe für das Problemschach teilten, unvergessen, unersetzlich bleiben!

Retro der Woche 46/2023

Von Alexander Zolotarew habe ich hier schon drei seiner Auflöse-Retros vorgestellt: Nutzt einfach die Suchfunktion hier auf der Seite, um sie (noch einmal?) anzuschauen! Die Aufgabe, die ich für heute ausgesucht habe, ist nun schon 25 Jahre alt — sie erhielt im Informalturnier der Schwalbe 1998 die vierte ehrende Erwähnung.

Alexander Zolotarew
Die Schwalbe 1998, 4. ehrende Erwähnung
Matt in einem Zug. Wer? (14+14)

 

Schauen wir uns zunächst einmal an, was auf dem Brett fehlt? Bei Weiß sind das ein Springer und einer der Bauern auf dem Königsflügel, und bei Schwarz sind es [Ba7] und [Bb7]. Keiner von denen kann direkt auf f3 geschlagen worden sein, also musste sich zumindest einer dieser Bauern umgewandelt haben, um sich dann entweder selbst auf f3 schlagen zu lassen oder das dortige Schlagopfer zu ersetzen.

Da der weiße Bauer auf a7 nicht zweimal geschlagen haben kann, muss durch Schwarz bxa erfolgt sein, um dann umzuwandeln. Schwarz muss ja auch noch den fehlenden weißen Bauern vom Königsflügel entschlagen, sodass im Westen keine zwei Schlagfälle möglich sind. Damit muss [Ba7] auf der a-Linie entschlagen werden.

Nun wollen wir die beiden Käfige im Nordosten und im Südosten des Bretts näher betrachten.

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Vormerken: 66. WCCC in Jūrmala

Beim Online WFCC Treffen am 8. November wurde über den Austragungsort des kommenden 66. WCCC (und damit auch des 47. WCSC) entschieden: Mit 72% der Stimmen setzte sich Jūrmala (an der lettischen Ostseeküste am Rigaischen Meerbusen gelegen) gegen Rhodos und Rio de Janeiro durch: Julia Vysotska wird es vom 27.7. bis zum 3.8.2024 ausrichten; die offizielle Einladung kommt bald, auf die werde ich hier noch hinweisen.

Vielleicht erinnern sich einige noch? Bereits das 51. WCCC fand 2008 dort statt und ist dem deutschen Löserteam beim 32. WCSC sicher noch in bester Erinnerung: Boris Tummes gewann das Open, Deutschland belegte in der WCSC Mannschaftswertung Platz zwei, und Michael Pfannkuche belegte in der Einzelwertung Platz drei.