Retro der Woche 23/2014

Eine im ersten Moment ulkig erscheinende Frage findet sich unter dem heutigen Retro der Woche: „Natürlich steht der schwarze König im Matt, denn der weiße Turm bietet ihm Schach, und dem Schachgebot kann er nicht ausweichen – also Matt.“ Und damit ist die Aufgabe gelöst?

Nein, natürlich nicht – es gilt herauszufinden, ob die Stellung legal ist, ob das Diagramm also ein partiemögliches Matt zeigt.

 

Andrej Kornilow
Uralski Problemist 2004, 1. Preis
Matt? (13+11)

 

Und diese Frage beantwortet sich nicht ganz von selbst, denn der Retroknoten im Nordosten scheint nicht so leicht aufzulösen zu sein: Innerhalb des Knotens sind nur zwei Steine direkt (retro-)beweglich, nämlich der schwarze König und die weiße Dame. Aber das hilft noch nicht weiter, da nach einer Rücknahme eines Königszuges Weiß das Schach nicht aufheben könnte, und eine Zugrücknahme der weißen Dame führte zu einem illegalen Retro-Schach.

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Retro der Woche 12/2014

Könnt ihr euch noch an euren Erstling, euer erstes veröffentlichtes Problem erinnern? Ich kann das: Eine ziemlich wenig originelle weiße Allumwandlung im S#3 Längstzüger mit recht wilder Zwillingsbildung und langweiligen Matts, in der ROCHADE (heute Europa-Rochade) März 1982 veröffentlicht – keine Ahnung, was den Preisrichter veranlasst hat, dem Ding ein Lob zu verpassen? Wahrscheinlich wollte er ein junges Nachwuchstalent motivieren, sich weiter mit Problemschach zu beschäftigen – das zumindest hat er erreicht…

Kaum zu glauben, auch unser heutiges Retro der Woche ist ein Erstling – und das Stück gewann in einer mehr als renommierten Problemzeitschrift den ersten Preis.

 

Sergej L. Wolobujew
Schachmaty w SSSR 1982, 1. Preis
1#? (13+13)

 

Die Frage nach einem Matt in einem Zug lässt sich aus Sicht eines Partiespielers (oder auch eines Nicht-Retro-Problemisten) leicht beantworten: „Ist Weiß am Zug, so setzt er mit Txc3 matt; ist hingegen Schwarz am Zug, so gibt es kein Matt.“

Zur damaligen Zeit wurde mit Fragen nach einem möglichen Ziel im Vorwärtsspiel gelegentlich versucht, den Retroproblemen einen „partienahen Anstrich“ zu geben, um eine höhere Akzeptanz auch bei den Funktionären und Schriftleitern zu erreichen. Heute würde man sicherlich diese banale Frage zum Vorwärtsspiel durch die eigentlich interessierende Frage „Wer ist am Zug?“ ersetzen – oder, wie das Stück in WinChloe wiedergegeben wird, mit der Frage nach den letzten 24 Einzelzügen.

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Retro der Woche 24/2013

Unglaublich, wie die Zeit vergeht… Vor ziemlich genau neun Monaten, am 8. September 2012, ist es hier losgegangen mit dem ersten Blogeintrag, und heute folgt bereits der hundertste.

Sehr viel Spaß macht es mir, hier ein wenig aus der Retro-Welt zu berichten, und zwar gerade wegen eurer Reaktionen, die ich immer wieder erhalte: Natürlich besonders in Form von Anmerkungen zu einzelnen Beiträgen hier im Blog, aber auch per Mail, im persönlichen Gespräch. Das motiviert mich, hier möglichst aktuell und interessant weiter zu berichten; ganz herzlichen Dank für eure Mitwirkung!

Vor wenigen Tagen erhielt ich das Monumentalwerk ASymmetrie von Michael Schlosser und Martin Minski: Auf weit über sechshundert Seiten (!) stellen sie Aufgaben aus allen Problemschach-Bereichen mit symmetrischer Stellung, aber asymmetrischer Lösung vor. Methodisch sehr schön finde ich die Aufteilung in acht Kapitel wie in den FIDE-Alben, dann schließen sich in drei Kapiteln Spiegelzwillinge mit klassischen, märchenhaften oder Retro-Forderungen an; ein Schlusskapitel beschäftigt sich mit Sonderformen, jeweils chronologisch geordnet.

Besonders gefällt mir die Darstellung der Lösungen: Direkt unter der Aufgabe (eine pro Seite) wird sehr übersichtlich die Lösung und auch der „symmetrische Fehlversuch“ meist mit eigenen Diagrammen vorgestellt und kommentiert. Aus dem Vorwort: „Besondere Sorgfalt legten wir auf unsere Kommentare, die wir mit zahlreichen Zitaten aus Fachartikeln und Büchern, mit zeitgenössischen Lösermeinungen, mit Kommentaren der Preisrichter oder sogar mit Bemerkungen der Komponisten selbst anreicherten. Bewusst wählten wir keinen einheitlichen Sprachstil, sondern kommentierten einmal fachlich nüchtern und ein anderes Mal eher humorvoll. Der Leser sollte beim Umblättern nicht ahnen, was ihn auf der nächsten Seite erwartet, und auf sachlich unterhaltsame Art auf seine Kosten kommen.“

Natürlich will ich hier aus dem Buch ein Retrostück vorstellen, heute ein sehr leichtes, aber doch geschichtlich bemerkenswertes.
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Retro der Woche 11/2013

In seinem Aufsatz „Beckmesser versus Stolzing Reflexionen zur Legalität unter der Anticirce-Bedingung“ (feenschach 144, November-Dezember 2001, S. 275-277) beschäftigte sich Klaus Wenda mit Fragen der Legalität von Stellungen in Märchenschachaufgaben am Beispiel der Anticirce-Bedingung.

Bei Anticirce wird der Schläger (nicht das Schlagopfer wie beim „normalen“ Circe)  circensisch auf sein Feld in der Partieausgangsstellung zurückversetzt, der geschlagene Stein verschwindet. Ist dieses Feld besetzt, ist der Schlag nicht möglich. Ein schlagender wK erscheint also auf e1, eine schlagende sD auf d8. Beim Läufer ist das Ursprungsfeld aufgrund seiner Felderfarbe klar, bei Türmen und Springern nimmt man die Farbe des Zielfelds als Kriterium: Schlägt ein sT also nach b3, so wird er auf a8 „wiedergeboren“, bei einem Schlag nach b4 würde er auf h8 wiedererstehen. Für Bauern bestimmt die Reihe ihres Schlages das Wiedererstehungsfeld: Bei e4xd5 kommt der weiße Bauer also nach d2 zurück.

Nach dieser Definition ist unklar, ob ein Stein auf ihr Ursprungsfeld schlagen darf: Ist dies verboten („Das Ursprungsfeld ist ja besetzt“), so spricht man vom „Typ Cheylan“; ist dies erlaubt („Das Ursprungsfeld wird durch den Schlag ja frei“), so spricht man vom „Typ Calvet“.

Aus diesen Regeln ergibt sich z.B. dass eine Stellung wBe6, sBe4 illegal ist, d.h. unter Anwendung der Anticirce-Regel nicht erspielt werden kann (warum?).

Für „Vorwärtsspiel“-Aufgaben ist das eigentlich nicht wichtig, da „Legalität“ von Stellungen normalerweise bei Märchenaufgaben nicht betracht wird. Anders aber ist es natürlich bei Märchen-Retros! Und dort können solche Fragen gar thematisch werden.

Dies wollte Klaus Wenda in seinem erwähnten Aufsatz an Hand eines „kleinen Schemas“ in Form eines Verteidigungsrückzügers vom Typ Proca zeigen.

Klaus Wenda
KW/3v 144 feenschach 2001, Lob
S#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca, Anticirce Typ Cheylan (6+3)

sKa1 steht nicht im Schach, da d1 besetzt ist (also kein Dame-Schach) und auch a1 besetzt ist (Typ Cheylan, kein Turmaschach).
Der weiße König ist im Retrospiel auf e1 sehr mächtig, da er überall auf dem Brett einen beliebigen Schlagzug zurücknehmen kann (, nach dem er dann auf e1 gelandet ist).

Nun werden also drei Einzelzüge zurückgenommen (Weiß, Schwarz, Weiß), nach denen Weiß sein Selbstmatt erzwingen will. Und das geschieht so:
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Retro der Woche 8/2013

Die Autoren des heutigen „Retro der Woche“ sind den meisten sicher besonders als Studien-Verfassern bekannt; die Endspielspezialisten unter euch kennen bestimmt die bahnbrechenden Analysen von Troizkj zum Endspiel KSS-KB, aber beide haben auch Retros komponiert: Korolkow gelegentlich (in der PDB finden sich 45 Aufgaben von ihm), während Troizkj einer der ersten bedeutenden Retro-Komponisten überhaupt war: Er ist bereits mit 14 Aufgaben im 1915 von Dawson und Hundsdorfer herausgegebenen Buch „Retrograde Analysis“ vertreten und hat auch später noch einige Retros gebaut.

Das Stück, das ich heute ausgesucht habe, ist recht leicht zu lösen, aber sehr hübsch.

Andrej Troizkj & Wladimir Korolkow
problem 1957, 1. Preis
Ist die Stellung legal? (9+12)

Offensichtlich ist der weiße König im Feindesland eingeklemmt; ihn gilt es herauszuholen. Dem steht aber der schwarze Turm auf f7 entgegen: Der muss erst nach draußen gebracht werden, bevor der König über h7 wieder ins Freie kommen kann. Ein sofortiges 1.– Tf8-f7 nebst Th8-f8 und Th-h8 funktioniert nicht, da Weiß dann keinen Retrozug hat. Geht aber etwa 1.– Kf8xSe8 ? Um das zu beantworten, schauen wir uns die Stellung genauer an:
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