Retro der Woche 12/2014

Könnt ihr euch noch an euren Erstling, euer erstes veröffentlichtes Problem erinnern? Ich kann das: Eine ziemlich wenig originelle weiße Allumwandlung im S#3 Längstzüger mit recht wilder Zwillingsbildung und langweiligen Matts, in der ROCHADE (heute Europa-Rochade) März 1982 veröffentlicht – keine Ahnung, was den Preisrichter veranlasst hat, dem Ding ein Lob zu verpassen? Wahrscheinlich wollte er ein junges Nachwuchstalent motivieren, sich weiter mit Problemschach zu beschäftigen – das zumindest hat er erreicht…

Kaum zu glauben, auch unser heutiges Retro der Woche ist ein Erstling – und das Stück gewann in einer mehr als renommierten Problemzeitschrift den ersten Preis.

 

Sergej L. Wolobujew
Schachmaty w SSSR 1982, 1. Preis
1#? (13+13)

 

Die Frage nach einem Matt in einem Zug lässt sich aus Sicht eines Partiespielers (oder auch eines Nicht-Retro-Problemisten) leicht beantworten: „Ist Weiß am Zug, so setzt er mit Txc3 matt; ist hingegen Schwarz am Zug, so gibt es kein Matt.“

Zur damaligen Zeit wurde mit Fragen nach einem möglichen Ziel im Vorwärtsspiel gelegentlich versucht, den Retroproblemen einen „partienahen Anstrich“ zu geben, um eine höhere Akzeptanz auch bei den Funktionären und Schriftleitern zu erreichen. Heute würde man sicherlich diese banale Frage zum Vorwärtsspiel durch die eigentlich interessierende Frage „Wer ist am Zug?“ ersetzen – oder, wie das Stück in WinChloe wiedergegeben wird, mit der Frage nach den letzten 24 Einzelzügen.

Um die zu eruieren, betrachten wir zunächst die Schlagbilanz: Weiß hat drei Mal geschlagen: cxbxa, sowie fxe; Schwarz ebenfalls drei Mal: cxd, exd und gxh. Damit sind alle Schlagfälle erklärt, und keine Seite kann im Rückspiel mit einem Offizier entschlagen.

Bei näherer Betrachtung der Schlagfälle bemerkt man, dass der schwarze g-Bauer den [wBh2] geschlagen haben muss, und dass der [sBf7] nicht direkt geschlagen worden sein kann; er muss sich also (schlagfrei) auf f1 umgewandelt haben. Erst wenn im Rückspiel diese Umwandlung zurückgenommen werden konnte, kann fxe zurückgenommen werden, was den schwarzen König befreit und damit den Käfig im Südwesten des Bretts öffnet.

In der Lösung geht es nun darum, einen schwarzen Stein frei zu spielen, der sich dann auf f1 entwandelt. Wie sich zeigen wird, gelingt dies überraschender Weise nur, wenn Weiß mit der Rücknahme beginnt:

R: 1.Th1-h2 h4-h3 2.Tf1-h1 h5-h4 3.Tf5-f1 h6-h5 4.Tb5-f5 Nun kann der Springer befreit werden; deswegen durfte Schwarz auch a5-a4 noch nicht zurücknehmen. 4.–Sa5-b3 5.Tb3-b5+ g7xBh6 Erst jetzt darf dieser Entschlag erfolgen, wie man gleich sehen wird. 6.Sc5-b7 Sb7-a5+ Und schon sitzt der Springer wieder fest, doch kann nun sein Kollege befreit werden: 7.h5-h6 a5-a4 8.Sa4-c5 Se2-c3! 9.Sc3-a4+ Sg3-e2 10.h4-h5 Sf1-g3 11.h3-h4 Bf2-f1=S 12.h2-h3 Hätte Schwarz den h-Bauern früher entschlagen oder hätte Schwarz mit der Rücknahme begonnen, wären Weiß die Züge ausgegangen, er wäre retropatt. 12.– 3-f2 13.f2xe3 usw.

Um also auf die gestellte Frage zurück zu kommen: Nein, es gibt kein Matt in einem Zug, denn Schwarz ist am Zug.

Ein hochklassiger Erstling, wie ich finde – und die wenigen Aufgaben dieses Verfassers sind allesamt sehr hochklassig.

Der Computer-Spezialist Sergej Leonidowitsch Wolobujew aus Tscheljabinsk wurde am 18. November 1958 geboren und veröffentlichte schon als junger Twen seine ersten Retros. Leider komponiert er schon seit fast 20 Jahren nicht mehr.

Wer ein paar mehr Aufgaben von ihm nachspielen mag, und das kann ich nur empfehlen, sollte in der PDB oder auch in WinChloe (dort wird der Autor „auf Französisch“ Volobuev geschrieben) nachschauen – oder in feenschach Heft 187 (Juli 2011, S. 109ff) meinen kleinen Artikel über den Autor lesen, dem ich im Wesentlichen die Lösung der heutigen Aufgabe entnommen habe.

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