Über den Zaun geschaut

Ein Thema speziell in Beweispartien, das ich sehr gern mag, ist das Spiel mit der Rochade: Das Diagramm zeigt eine Rochadestellung, in Wirklichkeit wurde aber nicht rochiert. Oder das Diagramm zeigt die Partieausgangsstellung von König und Turm, aber die haben rochiert.

Das Thema lässt sich aber nicht nur in Beweispartien darstellen: Eine klassische Auflöse-Aufgabe habe ich hier schon einmal vorgestellt und dabei sogar auf eine Turnierpartie mit diesem „Thema“ hingewiesen. Das älteste Beispiel allerdings, das ich kenne, ist schon über 100 Jahre alt und ist ein Direktmatt; diese Aufgabe möchte ich euch heute zeigen:

Gerard F. Anderseon
Westminster Gazette 1917
#4 (5+4)

Weiß will den schwarzen König auf der h-Linie Matt setzen, und das funktioniert so:

1. 0-0! Kh4 2.Kf2 g3+ 3.Ke1 g4 4.Th1#.
Wenn das nicht hübsch ist, dann weiß ich es nicht!

Vielleicht wird dieser Blick über den Zaun eine kleine Rubrik, ähnlich wie Zwischendurch? Vielleicht habt ihr ja Hinweise auf passende Aufgaben? Ich würde mich darüber freuen!

Herbert Grasemann 100

Auch wenn er nicht gerade für seine Retros bekannt ist, will, muss ich heute an einen ganz großen Problemisten erinnern: Heute jährt sich zum 100sten Male der Geburtstag von Herbert Grasemann.

Grasemann war einer der bedeutendsten „neudeutschen“ Komponisten, aber noch viel mehr ein Problemschach-Publizist und -Autor, der mit seinen Aufgaben, mit seiner Arbeit als Spaltenleiter und Artikelschreiber, als Organisator und „Chef“ der Berliner Problemschachrunde, aber besonders als Buchautor unglaublich viel für die „Popularisierung“ des Problemschachs getan hat. Wer sonst hätte deutschsprachige Problemschachbücher („Schach ohne Partner“) schreiben können, die sich 43.000 mal (!!) verkauften?? Wer die Bücher noch nnicht hat: Versucht, antiquarisch dran zu kommen, ggf. über den Schwalbe-Bücherwart.

Sein begnadeter Schreibstil, der seine eigene Begeisterung, aber auch sein tiefes Durchdringen des Problemschachs zeigt, hat auch mich gefesselt — ohne ihn würde ich vielleicht immer noch „Partyschach“ spielen…

Herbert Grasemann
Deutsche Schachblätter 1950 2. Preis, Kurt Richter zum 50. Geburtstag
#6 (4+8)

 

Die Aufgabe, mit der ich an Herbert Grasemann erinnern möchte, kennt ihr sicherlich, sodass ihr sie nicht einmal lösen müsst — mir jedenfalls zaubert sie immer wieder ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich sie sehe.