Retro der Woche 21/2014

Im letzten Retro der Woche hatten wir über Betrügerbauern gesprochen, die aus retroanalystischen Gründen wohl von der Linie kommen könnten, auf der sie stehen, unter dem Zeitdruck einer kürzesten Beweispartie allerdings von einer anderen Linie kommen müssen.

Neben der Diskussion hier im Blog erhielt ich auch mehrere Mails zu diesem Thema. So verwies beispielsweise Werner Keym auf unsere heutige Aufgabe und fragte, ob man das Thema nicht Betrügerrochade nennen könne, solle?

 

Edgar Fielder
Fairy Chess Review 1941
Darf Schwarz rochieren? (13+10)

 

Betrachten wir zunächst einmal die erforderlichen Schlagfälle: Der schwarze Tripelbauer auf der c-Linie erklärt die fehlenden weißen Steine, und untere denen muss auch [wBf2] sein. Der aber kann nicht direkt geschlagen worden sein, sondern muss sich umgewandelt haben. Das muss auf b8 passiert sein: Dafür sind vier Schlage erforderlich; zusätzlich gab es noch e2xd3, und [sLf8] wurde wegen der Bauernkonstellation zu Hause geschlagen.

Wenn man nun noch ein wenig genauer hinschaut, sieht man, dass sBc5 von b7 kommt und [wLf1] hat schlagen müssen: Der muss nach Hause zurückkehren, um wBe2xd3 zurücknehmen zu können. Erst dann kann der Käfig im Südwesten aufgelöst werden, und sBc2 kann dann die beiden anderen fehlenden weißen Steine entschlagen und dann nach a7 zurückkehren.

Und vor der Rücknahme sBb7xLc6 (nur dort, da weißfeldrig) muss die Entwandlung auf b8 stattgefunden haben. Und dafür kommt als einziger weißer Stein die wDa4 in Frage. Da aber im Diagramm nur ein einziger Stein in Frage kommt, der den sK gegen ein Schach schützen kann, nämlich der sTh8, muss sich der sK zunächst selbst in Bewegung setzen. Und damit ist die Frage des Verfassers zunächst schon beantwortet: Nein, Schwarz kann nicht mehr rochieren, da er seinen König schon bewegt hat.

Die Auflösung verläuft dann (nicht Zug-eindeutig, aber prinzipiell schon) etwa so:

1.—Kd8-e8 … 3.—Kb7-c8 4.—Tb8-h8 9.—Kg8-f8 10.—Tc8-b8 11.Dxx-b8 Tf8-c8 12.b7-b8=D 0-0! 13. c6xDb7 Db8-b7 14.h5-h6 Dd8-b8 15.d5xLc6 Lb7-c6 16.h4-h5 Lc8-b7 17.d4-d5 c6-c5 18.e3:Sd4 b7xLc6 19.f2xTe3 usw.

Damit beantwortet sich die Frage noch anders: Nein Schwarz darf nicht mehr rochieren, da er bereits rochiert hat!!

Übrigens klappt es nicht ohne die Rochade-Rücknahme, etwa indem sich der sK zur Entwandlung der wD auf a5 versteckt: dann wird Weiß anschließend retropatt, da dies mindestens zwei zusätzliche Weiße Züge erforderte, die aber nicht zur Verfügung stehen: wBh6 darf nur bis h4 zurückziehen, da über h3 nach der Heimkehr des [wLf1] und Rücknahme von e2xd3 noch der [wTh1] zurückkommen muss. Probiert es selbst aus…

Nun aber zu Werner Terminologievorschlag: Der gefällt mir ehrlich gesagt aus zwei Gründen gerade für diese Aufgabe nicht so gut: Wie schon angedeutet würde ich vorschlagen, das Betrüger-Attribut als Beweispartie-Thema zu belassen: „Ginge aus retroanalytischen Gründen auch anders, aber unter dem Zeitdruck in der Beweispartie nur so.“ Hier ist der Widerspruch „retroanalytische Möglichkeit versus Beweispartie-Zeitdruck“ nicht vorhanden. Und außerdem gibt es für diesen Sachverhalt (Rekonstruktion der Rochade-Ausgangsstellung nach durchgeführter Rochade) bereits einen Begriff, der sowohl für Beweispartien als auch hier passt: Anti-Rochade, den ich 1996 in feenschach vorgeschlagen hatte. (Dazu dann als Pendant Pseudo-Rochade für eine optische Rochadestellung, die aber ohne Rochade entstanden ist.)

Und wenn ihr glaubt, das seien ausschließlich Motive, die in Schachproblemen vorkommen, so liegt ihr nicht ganz richtig: Schaut euch doch noch einmal die achte Partie des „Revanche-Kampfs“ 1992 in Belgrad zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer an: In dem Königsinder spielte Fischer 5.– 0-0, 18.– Th8 und schließlich 28.– Ke8 – eine echte Antirochade!!

One thought on “Retro der Woche 21/2014

  1. Wenn man in der PDB mit K=’Rochadeparadoxon‘ sucht, findet man u.a. die englischen Bezeichnungen „hidden“ und „fake“ castling. Das könnte man als „versteckte Rochade“ und als „Scheinrochade“ übersetzen. Aber der Begriff „Anti-Rochade“ gefällt mir besser als „versteckte Rochade“. Bei dem Gegenbegriff fällt die Wahl schwieriger: „Pseudo-Rochade“? „Schein-Rochade“? „Optische Rochade“?

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