Retro der Woche 14/2019

Sorry: hier hatte kurzzeitig ein falsches Diagramm gestanden…
Für den mit Abstand kürzesten Tag des Jahres habe ich eine ziemlich kurze Beweispartie herausgesucht – dass ‚kurz‘ nicht mit ‚inhaltsarm‘ gleich zu setzen ist, werdet ihr spätestens am Ende dieses Beitrags gesehen haben; da bin ich mir sicher.

Michel Caillaud
Probleemblad 2009-2010, 2. Preis
Beweispartie in 17 Zügen (12+15)

 

Mit dem Zählen der sichtbaren Züge kommen wir nicht viel weiter: Bei Weiß sehen wir genau zwei Bauernzüge, und bei Schwarz schaut es mit 0+0+0+3+3+1=7 auch nicht viel besser aus. Also müssen wir uns Gedanken über die Struktur der Diagrammstellung und die fehlenden Steine machen.

Bei Schwarz fehlt nur [Bd7], dem steht ein weißer Schlag auf a3 gegenüber. Demnach können die fehlenden [Bg2] und [Bh2] nicht geschlagen haben. Also muss auf f6 [Dd1] oder [Lc1] geschlagen worden sein.

Damit sehen wir auch, dass sich [Bd7] nicht bis a3 „durchfressen“ konnte, sondern er musste sich umwandeln, um sich entweder selbst auf a3 zu opfern oder den dortigen Opferstein zu ersetzen.

Das bedeutet, dass [Bd7] auf c1 umwandeln musste, also schlug er auf c2 [Dd1], nachdem c2-c3 erfolgt war. Also musste sich vorher schon [Lc1] auf f6 opfern, aber erst, nachdem b2xa3 erfolgt war. Damit ist schon klar: Kein Ceriani-Frolkin, sondern Phoenix-Thema.

Also musste ich auf a3 recht früh [Dd8] opfern (somit kennen wir schon neun schwarze Züge), und damit kennen wir die Umwandlung auf c1: c2-c1=D – das macht bereits 14 Züge. Damit der Umwandlungszug aber nicht ein Mattzug wurde, muss irgendein Stein auf d1 Schachschutz gegeben haben.

Ein schwarzer kann das nicht gewesen sein, denn dafür hat Schwarz nicht mehr genügend Züge frei. Das kann nur eine weiße Dame gewesen sein: entweder die auf g8 entstandene oder die Originaldame [Dd1]; die jeweils andere muss sich dann auf c2 geopfert haben. Findet ihr heraus, warum der „einfacherer“ Weg, dass [Dd1] stehen bleibt und sich die Umwandlungsdame auf c2 opfert, nicht funktioniert?

Damit aber muss die weiße Umwandlungsdame, die auf d1 Zwischenstation machen musste – Pronkin-Thema! — wieder irgendwie verschwunden sein: wo und durch wen? Das ist nun ganz besonders spannend und bildet den absoluten Höhepunkt der Aufgabe.

1.g4 d5 2.g5 Dd6 3.g6 Da3 4.bxa3 Sf6 5.Lb2 Sfd7 6.Lf6 gxf6 7.g7 d4 8.g8=D d3 9.Dg4 Lh6 10.c3 Le3 11.Dc2 dxc2 12.Da4 c1=D+ 13.Dd1 Dc2 14.h3 Dd3 15.Db3 Sf8 16.Dd5 Lxh3 17.Dd8+ Dxd8.
Die schwarze Pronkin-Dame schlägt also die weiße Pronkin-Dame (nebenbei noch Prentos-Thema) genau auf ihrem Themafeld. Das hat mich, gerade in seiner eleganten Sparsamkeit, stark begeistert! Und auch Preisrichter Uli Ring fasst seine Eindrücke von dieser Aufgabe knapp zusammen: „Brilliant!“

Michel hatte mit dieser Aufgabe natürlich ein wenig Pech, dass sie mit der unglaublichen Pronkin-Allumwandlung von Nicolas Dupont und Gerd Wilts (siehe Retro der Woche 28/2014) konkurrieren musste. Hans Gruber meinte einmal, unsere heutige Aufgabe sei vielleicht „der beste zweite Preis aller Zeiten“. Obgleich das natürlich sehr subjektiv ist: Das könnte gut sein …

3 thoughts on “Retro der Woche 14/2019

  1. Anders als Thomas, dessen scharfes Auge sofort entdeckt hat: „Damit der Umwandlungszug aber nicht ein Mattzug wurde, muss irgendein Stein auf d1 Schachschutz gegeben haben.“, war ich damals bei meinen ersten Lösungsversuchen von Switchbacks von wK und wLf1 ausgegangen (mit dem Ziel, den wK temporär auf g2 zu verstecken). Das läßt sich leicht mit 18+17 oder 17+18 Einzelzügen erreichen, aber nicht mit 17+17 … Allerdings waren diese Fehlversuche doch hilfreich, um den Clue dieser phantastischen Aufgabe zu entdecken.

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