Retro der Woche 28/2014

In der letzten Woche hatte ich ein eigentlich schon 25 Jahre altes Stück vorgestellt, das drei verschiedene Pronkin-Figuren einer Farbe zeigt. Da stellt sich natürlich die Frage: Kann man auch eine Pronkin-Allumwandlung zeigen?

Das war natürlich ein spannendes Thema für die Komponisten; es galt also, noch einen Pronkin-Springer in ein solches Schema zu integrieren –- und der Springer ist ob seines langen „Heimweges“ sicherlich die am schwierigsten darstellbare Pronkin-Figur.

Letztendlich klappte es dann -– im Teamwork zweier hervorragender Komponisten, denen auch wieder eine Homebase Darstellung gelang.

Nicolas Dupont & Gerd Wilts
R350 Probleemblad 01-03/2009, A. Frolkin & D. Pronkin gewidmet
Beweispartie in 31,5 Zügen (12+14)

 

Von der technischen Schwierigkeit ist dies im Vergleich zur Vorwochen-Aufgabe noch ein Quantensprung, der sich schon aus den neun zusätzlich erforderlichen weißen Zügen für den Springer-Pronkin ergibt.

In gewisser Weise sieht man dem Stück auch die Schwierigkeiten an: Die zwei „technischen“ Umwandlungen durch Schwarz sind noch im Diagramm sichtbar. Wer das kritisiert, möge sich doch ans Konstruktionsbrett setzen und versuchen, sie „herauszuoptimieren“…

Wenn ihr nicht unbedingt selbst lösen wollt, möchte ich euch empfehlen, die Lösung zunächst einmal durchzuspielen, um euch einen Eindruck vom generellen raffinierten Ablauf zu verschaffen und dann in einer zweiten Runde speziell auf die Mechanismen zu achten, die das Schlagen der vier weißen Originalsteine erzwingen. Dass gerade hierbei die schwarzen Umwandlungssteine hilfreich sind, ist offensichtlich: Sie haben wegen der Bauernstruktur im Umwandlungszug schlagen müssen, geht man von den „kürzesten Wegen“ aus.

Und das muss man, wenn man die schwarzen Züge zählt: Ohne Berücksichtigung von sSh3 und sLh5 (das sind die Umwandlungen, die die schwarzen erforderlichen Züge minimieren), kommt man auf 4+1+4+3+4+3=19 -– zusammen mit den zwei Mal sechs Zügen für die Umwandlungssteine sind damit alle 31 schwarzen Züge erklärt.

Trickreich ist nun auch das aneinander Vorbeiziehen der Bauern (h6xg7, e6xf7), das wiederum wesentlich für die Reihenfolge der Züge ist. Diese genaue Reihenfolge zu motivieren war sicherlich eine besondere Herausforderung bei der Komposition, und sie ist auch sehr schlau realisiert. Aber ich finde, es macht auch sehr viel Spaß, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

1.e4 a6 2.Lb5 axb5 3.h4 Ta6 4.h5 Tg6 5.h6 Sf6 6.hxg7 h5 7.a4 h4 8.a5 h3 9.a6 h2 10.a7 hxg1=S 11.Ta6 Sh3 12.Tc6 dxc6 13.e5 Kd7 14.e6+ Kd6 15.exf7 e5 16.f4 e4 17.f5 Ke5 18.g8=L Lc5 19.f8=S e3 20.Lc4 Le6 21.a8=T Sbd7 22.Ta1 Da8 23.Sh7 Td8 24.Lf1 Se8 25.f6 e2 26.f7 exd1=L 27.f8=D Lh5 28.Df3 Lb3 29.Dd1 Kf4 30.Sg5 Se5 31.Sf3 Tdd6 32.Sg1.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie Gerd mir das Stück bei einem meiner Besuche beim Münchener Problemkreis vorgestellt hat: Ich bin jedenfalls aus dem Staunen nicht mehr heraus gekommen…

4 thoughts on “Retro der Woche 28/2014

  1. Danke an Thomas für das Vorstellen der vielleicht besten orthodoxen Beweispartie der Geschichte. Wenn ich Nicolas richtig verstanden habe, bekommt die Aufgabe 12 Punkte im FIDE-Album. Eine Pronkin-AUW ist eine herausragende Leistung. Die Schwierigkeiten erkennt man aber nicht an den UW-Figuren. Das ist sogar die einfachste Methode, die Pronkinsteine zu motivieren. Man nutzt dabei aus, dass die Zahl der Züge der Gegenseite genau ausreicht, so dass nur der Schlag des Originalsteins auf dem Ursprungsfeld möglich ist (siehe z.B. den Vierfach-D-Pronkin von Dupont). Alle Vierfachpronkins auf einer Seite haben offensichtliche UW-Steine der anderen Farbe. Eine Realisierung ohne offensichtliche UW-Figuren wäre wohl ein weiterer Quantensprung. Mit UW-Figuren sind auch sofort mindestens je sechs Züge der Nichtpronkinseite vorprogrammiert. Ansonsten muss man irgendwelche anderen Züge finden, aber ab etwa 28 wird das sehr schwer. Die Homebasestellung ist immer sehr ästhetisch, aber ohne diese bräuchte man mehr Züge, was auch wieder nicht so einfach ist.

    • Da hatte ich bezüglich der technischen Umwandlungsfiguren wohl etwas zu knapp formuliert: Sie zeigen mir schon die Schwierigkeit der Konstruktion — wären sie technisch zu vermeiden gewesen, hätten diese beiden Konstruktions-Giganten sie garantiert vermieden… Ja, ich stimme dir zu, Silvio: Schon das Vermeiden einer der beiden schwarzen Umwandlungsfiguren wäre ein weiterer großer Schritt.

      • Silvio und Thomas, ich stimme Euch beiden in einem wichtigen Punkt zu: Das Vermeiden der umthematischen Umwandlungsfiguren wäre ein großer Schritt vorwärts; und ich bin vorsichtig mit einer Garantie, daß das technisch nicht möglich ist. Aber verlangt jetzt bitte nicht, daß ich das zum Beweis mal eben schnell konstruiere! 🙂

      • Nee, Bernd, das muss ja auch nicht auf die Schnelle sein…

        Vielleicht hast du ja am Wochenende noch nichts vor — und dann bitte an Die Schwalbe schicken!! 🙂

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